Neuronium & der Altmeister akustischer Halluzination

Michel Huygen im Porträt - Neuronium

Nein, es geht hier nicht um Drogen! Für entspannte und traumhaft sphärische Gemütszustände sorgt der Elektronikmusiker Michel Huygen von Neuronium auch ohne -  und ist in Spanien ein Vorreiter seines Genres.

 

von Marcus Hildebrandt

 

Liebhaber der elektronischen Instrumentalmusik kennen den Belgier Michel Huygen (58) vor allem als Kopf der 1976 gegründeten spanischen Formation NEURONIUM. Er studierte zuvor an der Uni in Barcelona, ist verheiratet und lebt derzeit in Kisangani (DR Kongo). Er ist ein Pionier der Elektronikmusik in Spanien, denn hier produzierte er das erste Album mit rein elektronischen Klängen und veröffentlichte es 1977 auf dem britischen Label EMI-Harvest - Quasar 2C361. Bis heute gilt die Scheibe als Klassiker des Genres.

Meandrierende Sequenzen

Auf seiner Webseite nennt er seinen Sound „Psychotronic Music“ und ähnelt selbst eher einem seriösen Akademiker als einem bekifften Alt-Hippie: Kurzes Haar, grauer Kinnbart, das auffälligste Detail ist gerade mal sein Ohrstecker. Als bekennender Science-Fiction Fan steht er auf Filme wie Blade Runner und Alien – wie passend. Ältere Szenekenner fühlen sich in Huygens Soundlandschaften der 70er sofort wohl. Die Musik strotzt vor fettem aber auch ruhigem flächigen Sound, wabernden Effekten und meandrierenden Sequenzen. Die analogen Modularsysteme von Roland, Korg oder Moog versetzen einen in fremde psychodelische Klangwelten. Huygen steht dadurch auf einer Stufe mit Größen wie Tangerine Dream und Klaus Schulze. Ein Blogger schreibt über seine Musik anerkennend: „I cannot understand why people buy drugs. We have and we are Music”.


Wechselnde Labels und Solo-Alben

 

Mit Carlos Guirao und Albert Giménez veröffentlicht Huygen bis zu Beginn der 80er-Jahre weitere Alben. Seine Bandkollegen verlassen ihn nach und nach, Labels kommen und gehen, bis er seine Musik schließlich unter eigener Flagge veröffentlicht. Zusätzlich zum Projekt Neuronium veröffentlicht er jetzt auch Solo-Alben, unterstützt vom Gitarristen Santi Picό, dessen akustischer Gitarrensound Huygens Musik eine weitere warme Note hinzufügt.

 

Durchbruch in London

1981 folgt die Gruppe einer Einladung der Genre-Legende Vangelis nach London. Der griechische Künstler bittet die Musiker zu einer Session in sein legendäres Nemo Studio. Gemeinsam performen sie Musik aus der Feder Huygens. Das Ergebnis strahlt prompt das spanische Fernsehen aus. Kurz darauf erscheint das Neuronium-Album „The Visitor“ und ist bereits nach einem Monat komplett vergriffen.

 

In der Gunst von Königin Sofía

 

1986 ernennt Spaniens Königin Sofía Michel Huygen zum Leiter des Instituts für elektronische Musik am Palau de les Arts Reina Sofía (Kunstpalast Königin Sofía) in València, und ehrt ihn so auf ihre Art für seine Verdienste in der Kunst.

 

Konzerte vor 11.000 Zuhörern

 

Neuronium ist bis heute Huygens Projekt. In 35 Jahren hat er 39 Alben hervorgebracht. Die Szene mag ihn nach wie vor – man hört ihn gerne. Sicherlich ist er nicht mit Top-Acts aus Rock & Pop vergleichbar und das ist auch gut so. Die elektronische Instrumentalmusik war und ist eine Nische für Fans. Dennoch können sich seine Erfolge sehen lassen. Headliner auf Elektronik-Events, Konzerte mit bis zu 11.000 Zuhörern, Auftritte in den Planetarien von London und Madrid aber auch Filmsoundtracks lassen erahnen, wie viel Energie in diesem Mann steckt. Hoffen wir, dass das noch lange so bleibt. In diesem Sinne: Auf viele weitere akustische Halluzinationen!


Der Autor

 

Marcus Hildebrandt hat Geographie an der Ruhr-Universität in Bochum studiert. Er arbeitete viele Jahre im Bereich Webentwicklung, Mulitmedia und IT-Training, ist begeisterter Elektronikmusiker und veröffentlichte von 1996 bis 2002 vier Alben unter seinem Pseudonym „Driftin‘ Thoughts“.



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