Pablo Iglesias: Sieger im Wahlchaos

Nach zwei Urnengängen regiert Rajoy inzwischen mit einer Minderheitsregierung und hat kaum Spielraum in der Politik. Dennoch gibt es klare Gewinner: Pablo Iglesias und seine Partei Podemos rütteln am Fundament des bisherigen Zweiparteien-Systems. Kein Wunder, denn dem charismatischen Generalsekretär war eine politische Karriere vorherbestimmt.

Ein Portrait von Niko Oerter

Die spanischen Parlamentswahlen im Dezember 2015 bleiben wohl noch lange im Gedächtnis der Iberer. Erstmalig in der Geschichte der jungen Demokratie kam die nötige Zweidrittel-Mehrheit nicht zustande, König Felipe VI. rief Neuwahlen aus. Der zweite Urnengang am 26. Juni 2016 brachte erneut keinen eindeutigen Sieger. Einen Paradigmenwechsel leitet die Wahl dennoch ein: Die großen PP und PSOE bekommen ernstzunehmende Konkurrenz von kleineren Parteien. Die mischen jetzt ordentlich mit und machen es Mariano Rajoy schwer, der seit Herbst 2016 mit einer Minderheitsregierung längst nicht mehr die Macht wie in früheren Amtsperioden.

Vor allem für die linkspopulistische Podemos („Wir können“) sind die Stimmzuwächse symptomatisch für eine Politik, die sich vom Volk entfremdet. „Vergessen wir nicht, warum und wofür wir hier sind. Nie wieder ein Land ohne seine Dörfer und seine Menschen“, fordert Pablo Iglesias im Parlament und im Kurznachrichtendienst Twitter. Der Generalsekretär von Podemos mit dem markanten Pferdeschwanz und den lässig hochgekrempelten Ärmeln unterscheidet sich aber nicht nur optisch von der politischen Konkurrenz.

Die Politik in die Wiege gelegt

Pablo Iglesias Turrión wurde am 17. Oktober 1978 in Madrid als einziger Sohn einer politisch aktiven Familie geboren. Sein Vater Javier Iglesias Peláez ist Arbeitsinspekteur und Geschichtsprofessor im Ruhestand. Seine Mutter María Luisa Turrión Santamaría ist Rechtsanwältin für Arbeitsrecht. Beide waren im Untergrund gegen die Franco-Diktatur aktiv. Sogar der Name ihres Sohnes deutet von einem politischen Statement: Er wurde nach dem Gründer der PSOE benannt, Pablo Iglesias Posse (1850-1925).

 

Die politische Linie zieht sich durch sein Leben. Zur Lektüre von Niccòlo Macchiavellis Der Fürst habe ihn sein Vater inspiriert. Ähnlich wie im Hauptwerk des italienischen Philosophen scheint sich Iglesias ebenso mit der Frage nach dem Erwerb und dem Erhalt politischer Macht zu beschäftigen. Neben Jura studierte er Politikwissenschaften und promovierte über zivilen Ungehorsam. Größere Bekanntheit errang der Dozent der Complutense-Universität in Madrid schließlich durch diverse Fernsehauftritte in Polit-Talkshows. Er gilt als rhetorischer Künstler und begnadeter Redner. So sind die ersten Wahlergebnisse von Podemos sicher auch seiner Person geschuldet: Nachdem die Partei aus dem kritischen Movimiento 15-M hervorging, gewann sie bei der Europawahl 2014 rund acht Prozent der Stimmen. In den gegenwärtigen Parlamentswahlen sind es sogar rund 20 Prozent.

 

Iglesias sorgte mit radikalen Ansagen wiederholt für Aufregung. Er kritisierte Europa und beklagte die weitreichende Armut. Er prangerte die korrupten Parteien und die Macht der Banken an. Damit traf er die Dornen in den Füßen der Spanier. In letzter Zeit gibt er sich jedoch gemäßigter. Eine Konsequenz des plötzlichen Wahlerfolges?

Keine filmreife Liebesgeschichte

Abseits der Rednerpulte ist der junge Politiker ein großer Film-Fan. Nach Angaben der WELT schaute er sich am Abend vor den Wahlen noch „Star Wars“ im Kino an und schenkte König Felipe kürzlich eine Staffel „Game of Thrones“. Einem Interview mit seinem Doktorvater Carlos Prieto del Campo auf corriere.it nach gehören Film und Politik für Iglesias zusammen. Das Eine sei die Fortsetzung des Anderen. So analysiert er in seinem Buch Maquiavelo frente a la gran pantalla – cine y política („Macchiavelli auf der großen Leinwand – Kino und Politik“) soziale und politische Phänomene in Filmen wie Lolita und Apocalypse Now. Zudem veröffentlicht er mehrmals wöchentlich Videos in den sozialen Medien. „Damit hält er sich nicht nur im Gespräch, sondern studiert die Zeiten, die Witze und die richtigen Konzepte, die er dann bei großen Fernsehsendern und auf Kundgebungen nutzt“, so Prieto del Campo.

 

Eine Partnerin hat er nicht. Seine letzte bekannte Freundin war Tania Sánchez, eine Parteikollegin bei Podemos. Im März 2015 gab das Paar seine Trennung via facebook bekannt. Neben dem politischen Engagement sei keine Zeit mehr für Romantik geblieben. So zeigt sich die Politik als strenge Geliebte, die dem jungen Madrider gegenüber jedoch großzügig ist: Sein selbstgestecktes Ziel, das spanische Zweiparteien-System aufzurütteln, konnte er bereits erreichen. Alles andere ist Zukunftsmusik.