Spaniens Hirnforscher Santiago Ramón y Cajal

Er war ein Maler des Gehirns: Santiago Ramón y Cajal. Spaniens wohl berühmtester Wissenschaftler kombinierte Kunst mit Forschung. In die Medizingeschichte ging er ein als Entdecker der individuellen Zellen unseres Gehirns. Und war für die damalige Zeit vor allem eins: erstaunlich vielseitig. So stand er unter anderem auf Deutsch, Schach und Bodybuilding.

Von Kristel Martínez Lagunas

“Wissenschaftliche Entdeckungen sind das Ergebnis einer kollektiven Arbeit, bei der es schwierig ist, nur einen kompetenten Menschen zu erkennen.“ Diese Worte waren 1906 Teil der bescheidenen Rede des Nobelpreisträgers der Physiologie und Medizin: Santiago Ramón y Cajal (*1852 – 1934). Damals hat Cajal nicht nur die Bedeutung der Arbeit des Italieners Camillo Golgi erkannt, sondern auch Struktur und Mechanismen der Gehirnzellen. Die sind bis heute die Grundlagen moderner Neurowissenschaft. Seine internationalen Kollegen wie Albert von Kölliker, Heinrich W. Waldeyer, Gustav Retzius, Wilhelm His, Auguste Forel, Arthur Van Gehuchten haben dem spanischen Wissenschaftler wegen seiner Beiträge zu seiner Neuronendoktrin viel zu verdanken. Der spanische Neuroanatom bekam den Nobelpreis gemeinsam mit seinem fachlichen Gegner Camillo Golgi. Wegen ihrer Arbeit bezüglich der Gewebelehre der Nervenzellen.

Die Seele eines Künstler

Am 1. Mai 1852 kam er in dem spanischen Pyrenäenort Petilla de Aragón zur Welt. Santiago Ramón y Cajal war der erste Sohn von vier Kindern von Antonia Cajal und dem Arzt Justo Ramón.In seiner Autobiographie Recuerdos de mi vida (Meine Lebenserinnerungen) beschrieb er sich selbst als komischen Rebell, der als Kind nichts auswendig lernen wollte. Als Jugendlicher fing er neben der Malerei auch mit dem Fotografieren an. Er wollte Künstler werden, sein Vater sah ihn als baldigen Arzt. Und die Kombination machte ihn schließlich unverwechselbar.Schon als Kind malte Cajal gerne fantasievolle Motive aus der Natur. Für die Bilder extrahierte er schon damals seine eigenen Pigmentfarben aus Pflanzen. Ramón y Cajal war viel zu unangepasst für die autoritäre Schule und erklärte seinem Lateinlehrer schon mal: „Das sag ich nicht auf Latein, weil ich es nicht verstehe“.

Die Anatomie des Lebens

Sein Vater Justo Ramón war Chirurg. Die Bilder des Sohns empfand er zunächst eher als lästig. Und dennoch nutzte er die Gaben des Kleinen. Er ließ ihn Totenschädel malen. Mit Erfolg. 1870 zog Ramón y Cajal mit seiner ganzen Familie nach Zaragoza, wo der Sohn das Studium begann. Nebenher half er dem Vater in der medizinischen Fakultät, Leichen zu präparieren. Und malte dabei die Anatomie der Muskeln und Nerven. Er sah nicht den Tod in den Hallen, sondern die bewundernswerte Kunst des Lebens, erzählte er in seiner Autobiografie.

Der Blutfluss des Frosches

Kurz vor seinem Abschluss in Medizin hatte Cajal zufällig die faszinierende mikroskopische Welt entdeckt. Ein Forschungsprofessor - Freund seines Vaters – zeigte Cajal den Blutfluss eines Frosches durch ein Mikroskop. Für den jungen Mediziner war dies ein Anreiz  für seine nächsten Karriereschritte in der Bio-Forschung.1873 schloss Ramón y Cajal sein Medizinstudium ab und arbeitete zwei Jahre lang als Militärarzt in Kuba. Nicht nur die Korruption der Militärs machte ihm zu schaffen. Er erkrankte an Malaria und infizierte sich den Darm. Danach war Cajal Professor der Anatomie und Histologie in Valencia, Barcelona und Madrid. Ab 1880 begann er seine Arbeiten in histologischen Methoden, Anatomie und Pathologie. Und publizierte Artikel über die Strukturen des Nervensystems auf Spanisch und Französisch. Während dieser Zeit lernte Ramón y Cajal auch Deutsch.

Schmetterlinge der Seele

„Neuronen sind Zellen von zarten und eleganten Formen, die geheimnisvollen Schmetterlinge der Seele, deren Flügelschlagen. Wer weiß, ob eines Tages das Geheimnis des mentalen Lebens geklärt wird“, schrieb er in seiner Autobiografie.In Valencia entdeckte Cajal seine Begeisterung für die Struktur des Gehirns. 1889 überraschte der Spanier den deutschen Neurowissenschaftler Albert von Kölliker mit seinen histologischen Beobachtungen (Gewebelehre). Nach diesem Anatomischen Kongress in Deutschland übersetzte Köliker Cajals Studien ins Deutsche, um die Neuronendoktrin zu verbreiten.

Nervengewebe von Vögel-Embryonen

Vor Cajal glaubten viele Wissenschaftler, darunter Camillo Golgi, dass das Nervensystem ein komplexes Netz aus vernetzten Zellen ist. Dagegen stellte Nobelpreisträger Ramón y Cajal 1888 fest: Das Nervengewebe besteht vielmehr aus individuellen Zellen. Cajal färbte Nervengewebe von Vögel-Embryonen: Unter dem Mikroskop verfolgte er die Spuren der Neuronen und malte sie per Hand. Cajal hat die Silbersalz-Methode von Camillo Golgi dadurch entscheidend verbessert. Mit Ausdauer, Neugierde und Geduld  hat der Maler des Gehirns herausgefunden, dass die Nervenzellen frei enden und nicht im direkten Kontakt miteinander vernetzt sind. Er hat beobachtet, dass ein kleiner Abstand zwischen ihnen vorlag und die Kommunikation chemisch verlief. Heute kennen wir das unter dem Begriff Synapse. Außerdem bewies Cajal: Diese Zellen (H.W. Waldeyer nannte sie später Neuronen) haben unterschiedliche Zellkörper-Formen (Axone und Dendriten). Und noch wichtiger: Er erklärte den Übertragungsweg der Nervensignale. Dieser verläuft immer nach rechts, von den Dendriten zum Kern und von dort zu den Auswirkungen des Axons. Diese Entdeckung brachte ihm den Nobelpreis für Physiologie und Medizin ein (siehe oben).

Wissenschaftler steht auf Bodybuilding

Santiago Ramón y Cajal verkörperte Vielfalt und Wille. Neben der Wissenschaft interessierte ihn auch Schach, Romane, Fotografie ... und Bodybuilding. In seinem Buch Recuerdos de mi vida sagte er: „Jeder Mensch kann, wenn er will, ein Bildhauer seines eigenen Gehirns sein.“ Der Maler des Gehirns war der Bildhauer seines Lebens. Er kämpfte gegen den Willen des Vaters und gegen die sozialen Stereotypen seiner Zeit. Santiago Ramón y Cajal starb am 17. Oktober 1934. An einem Herzinfarkt. Seine Überreste ruhen auf dem Almudena-Friedhof in Madrid, zusammen mit denen seiner Frau.Cajals Erbe lebt bis heute. 1920 ordnete König Alfonso XIII den Bau des Cajal Instituts (IC) in Madrid an. Es ist das älteste neurobiologische Forschungszentrum Spaniens. Zusätzlich hilft das Forschungsprogramm Ayudas Ramón y Cajal jungen Wissenschaftlern bei der Arbeit.

Die Autorin

Kris Martínez Lagunas ist Journalistin und Youtuberin. In Bonn promovierte sie im Fach Molekularbiologie und schreibt heute über Talente aus Wissenschaft und Sport. Hier geht es zum Artikel Star im spanischen Frauenfußball