Buchrezension: Nach Santiago wollte ich nie
Cornelia Koch hat ein Buch über den Jakobsweg bei DuMont veröffentlicht mit dem Titel "Nach Santiago wollte ich nie". Es klingt zunächst wie der gefühlt abertausendste Erfahrungsbericht über den Camino. Doch das Buch liest sich gut, auch weil die Autorin jede Menge Humor hat.
von Tobias Büscher
Spinnt die? 3348 Kilometer nach Santiago de Compostela laufen? Im Sommer? Wer so etwas macht, ist im Grunde wie ein Pilger im Hochmittelalter, als noch kein Zug zu den Pyrenäen fuhr, kein Flugzeug nach Pamplona flog. Um das Pilgerzertifikat zu bekommen, laufen die meisten den Camino Francés, den Hauptweg ab. Und der ist nur 800 Kilometer lang.
Allerdings: Wäre Cornelia Koch im 12. Jahrhundert zur Welt gekommen, hätte sie den ganzen Weg auch wieder zurücklaufen müssen. Eine Strecke von insgesamt 6696 Kilometer. Da steckt dreimal die 6 drinnen. Doch keine Sorge, den Teufel gibt es nur in Madrid.
Im Mittelalter war es auch der Grund, warum die Pilger nicht nur bis Santiago, sondern weiter nach Finisterre (wörtlich Ende der Welt) an den Atlantik gegangen sind. Dort haben sie Jakobsmuscheln geholt, als Beweis ihrer Strapazen. Allerdings haben damals viele Pilger die Gewalttour nicht überlebt. Weil sie krank wurden oder Wölfen und Wegelagerern begegneten.
Die Autorin hat trotzdem einen Gewaltmarsch hinter sich. Und je länger man ihr Buch liest, desto klarer wird auch, warum.
Beim Kellner im Köln
Einer der kuriosen Abschnitte im Erfahrungsbericht der Autorin ist ihre Zwischenstation in der Domstadt Köln. Aus Sorge um Sonnenbrand besucht sie einen Arzt, der sie allerdings lieber nach ihrem Tripp nach Santiago fragt. Und ihr dann wehleidig erklärt, er käme vor lauter Patienten gar nicht dazu, über sein Leben nachzudenken.
Im Dom begegnet ihr ein neugieriger Mexikaner, der ihr Buen Camino als spanisches Grußwort beibringt. So ist das inzwischen. Wer als Pilger durch Potsdam, Perl und eben durch Köln läuft, ist ein Exot, auf dem Jakobsweg selbst nicht so. Da sind laut Statistik der Oficina de Peregrinos inzwischen pro Jahr eine halbe Million unterweg.
Und dann trifft sie in Köln auch noch auf einen Kellner. Großartig, denn die Autorin und der Kellner haben etwas gemeinsam. Kellner heißt auf Kölsch Köbes. Die Jungs waren früher Jakobspilger, genau wie die Autorin, die zwischendurch in den Tavernen von Köln Geld verdienten als Kellner. Und weil der Kölner beim Bierbestellen noch nie Hochdeutsch konnte, rief er durstig Köbes statt Jakobus.
Der Camino ist keine SMS
Im weiteren Verlauf schafft es die Autorin bravourös, ihre eigenen Marotten genau so auf die Schippe zu nehmen wie die der Mitläufer. Sie erzählt von Freiwilligen in den Pilgerherbergen, von australischen Knieschmerzen, von gregorianischen Gesängen, die sie aus dem Schlaf reißen.
Sie öffnet von Zeit zu Zeit Briefe, darunter einen von ihrer Tochter, den sie ihr mit ins Gepäck gelegt hat, weil Briefe nicht viel wiegen. Sie zitiert daraus und das nicht ohne Grund: Die Zeilen sind genau das Gegenteil einer SMS: Nicht kurz, sondern beruhigend lang.
Es gibt viele Bücher über den Jakobsweg. Ein österreiches Paar hat es fertig gebracht, seinen Traktor dafür straßentauglich zu machen. Ein hessischer Banker ist nach einem Motorradunfall im Rollstuhl losgefahren. Es gibt Titel wie “Leichtes Herz und schwere Beine”, “Weiblich, 70 und allein auf dem Jakobsweg”. Und in den Lokalzeitungen stehen ständig Berichte nach dem Motto “Rudi ist rüstig”. Selbst Hape Kerkelings “Ich bin dann mal weg” erscheint 20 Jahre nach dem Erscheinen noch einmal neu.
Doch dieses Buch ist besonders. Auch und gerade deshalb, weil die Autorin nie nach Santiago wollte. Weil sie einfach von zu Hause aus loslief. Weil sie Fragen an sich hatte, die sie erst auf dem Weg als Fragen verstand. Und weil sie ankam. In Santiago? Wohl eher bei sich selbst.
Fazit: Empfehlenswert
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