Die Insel, das Land

Buchrezension. Vor langer Zeit, im Mai 2011, ist im Insel-Verlag das Buch "Die Insel, das Land" von Cees Nooteboom als Taschenbuch erschienen. Vollkommen unbearbeitet, auf altdeutsch, mit schlechten Bildern und Texten, die mit der Gegenwart Spaniens rein gar nichts mehr zu tun haben.

Was für ein schöner Einband: Orangen sind da zu sehen und ein Fenster mit schwarzem Eisengitter. Auf dem Buchrücken prangt ein Zitat aus der ZEIT: "Wer Nooteboom liest, wird erleuchtet". Wir erfahren, dass Nooteboom jeden Juli auf den Balearen sein Sommerdomizil bezieht. Und von dort Geschichten mitbringt, über Land und Leute. Aha. Prima. Also genau das richtige für den Urlaub? Von wegen!

Mein Haus, mein Ego, mein 1987

Gleich die erste Geschichte mit dem schicken Titel "Stockfisch mit Brille" beginnt mit einem "ich": "Ich bin wieder angekommen in meinem Sommerdomizil. Die herrenlose Katze hat sich zum Fressen eingefunden ..." das Wort "ich" taucht dann immer wieder auf, bis es plötzlich spannend wird. Der Text nimmt Fahrt auf. "González", erfahren wir, "trägt statt einer Krawatte eine Art Strickjacke". Und dann zitiert Nooteboom die Zeitung Diario 16, die dem Strickjackenträger "rhetorischen Schrott" unterstellt. Schließlich sehen wir ein Foto von Martina Navratilova, und Herr Nooteboom zitiert zur Abwechslung die Tageszeitung El País. Demnach ist die Tennisspielerin ein "nordischer Transvestit, aseptisch und intellektuell angehaucht".

Erhellend: die Seite 119

Martina Navratilova also. Ein Foto von ihr ist auch abgedruckt, eine Karrikatur obendrein. Nun ist Frau Navratilova weder Spanierin noch aktueller Tennisstar, dafür aber durchaus eine Frau. Die Tageszeitung Diario 16 gibt es längst nicht mehr. Und Felipe González ist ein politisches Urgestein aus dem letzten Jahrhundert. Was ist da los? Wir erfahren es erst auf Seite 119 im hinteren Teil: Die meisten Texte hat Nooteboom 1987 verfasst, die neuesten sind zehn Jahre alt! Die Erleuchtung kommt also zum Schluss. Und das Buch ist spätestens dann zugeklappt.

Fazit

Ein Buch für die Generation 60 plus, die sich noch mal an alte Zeiten erinnern möchte und schon in den 80ern eine Finca auf den Balearen hatte. Doch das hätte fairerweise auf dem Einband stehen müssen.

Daten zum Buch

 Insel Verlag

Auflage 1 der Taschenbuchausgabe: Mai 2011ISBN-10: 3458357246

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 Text: tb, Foto: Simone Sassen,