Wie ein winziges Pyrenäen-Dorf die Museen der Welt in den Schatten stellt

Der Helm des Quijote

In den katalanischen Pyrenäen sind viele Dörfer vom Aussterben bedroht. Auch Salàs de Pallars in der Provinz Lleida. Doch dann kam den Bewohnern eine Idee. Sie machten den Hauptplatz zur Zeitreise. Die Seele dieses Projekts ist  Anwohnerin Victoria, die im nahen Tal der Ochsen zur Welt kam.

von Tobias Büscher

Es ist ein strahlend heißer Oktobertag in den spanischen Hochpyrenäen. Im Nationalpark Aigüestortes kreisen die Gänsegeier, unterhalb sind ein paar Mountainbiker auf dem Weg zum Wasserfall. Der Fußballclub von La Pobla de Segur bereitet sich auf sein Auswärtsspiel vor. Und sechs Kilometer weiter unten im Bergnest Salàs sucht Victoria nach den schweren eisernen Schlüsseln zur Apotheke, zum Friseur, zum Lebensmittelladen.

Denn gleich kommt die Presse. Und die wird was erleben, weiß die Katalanin aus Val de Boi. Wenn sie die Rolladen der Läden am Marktplatz Plaça del Mercat erst einmal hochfährt, öffnet sich der Vorhang zum 19. Jahrhundert.

Erst das Museum, dann die Aktion ...

Treffpunkt mit Victoria ist zunächst das echte Museum von Salàs, die ehemalige Dorfkneipe, in der die Theke so urig ist wie die Empore.

So etwas gibt es oft, genauso wie Volkskundemuseen mit historischem Sammelsurium und ganze Museumsdörfer wie etwa in Barcelona. Doch was Victoria uns gleich zeigt, ist tatsächlich einzigartig.

Als Kind hatte sie dabei zugesehen, wie ihr Papa zum Telefonieren hinkam, sich ein paar Zigaretten kaufte und anschließend beim Barbier die sieben Peseten teure Zeitung gratis las. Genauso wie das der Großvater schon machte.

Und Victoria freute sich vor allem über eins: über Schokolade aus dem fernen Bolivien.

Kakao, Wischmob und der PR-Affe

­Die Überraschung: Im Friseurladen bekommt niemand die Haare geschnitten, in der Apotheke steht kein Aspirin zum Verkauf und Zigarren sind auch nicht im Angebot. Denn: All die Läden haben nicht nur wie sonst üblich ihre historischen Schilder beibehalten, sie sehen vielmehr noch genauso aus wie vor 100 Jahren. 

Victoria führt vor, wie die Telefonistin arbeitet, sie zeigt Anisschnaps, der aussehen sollte wie Parfum, weil das eher ein Frauengetränk war. Sichtbar werden Pillen gegen Migräne, ein Rasierer, der mit einer Uhr angetrieben wird, ein Barbier-Teller, den Don Quijote als Helm nutzte, ein Wischmob und ein Juggendstilplakat für beste Schokolade, auf dem eine hübsche Frau in langem Kleid einen Affen spazieren führt.

Hier gibt es nichts zu kaufen. Hier gibt es viel mehr: liebevoll zusammengestellte Produkte von damals. Und das alles ohne Überwachungskameras. Es verirren sich eh nur echte Freaks in diese Gegend. Und Filmemacher auf der Suche nach historischen Gegenständen.

Wir unterhalten uns noch eine Weile, Victoria und ich. Und als sie erfährt, dass ich Kölner bin, einer Stadt in der Nähe von Bayer Leverkusen, da holt sie zur Pointe aus: "Guck mal, Tobias, in dem Jahr, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, eroberte das Aspirin Spanien."

Das war drei Jahre vor dem Spanischen Bürgerkrieg

Fazit: So lebhaft ist kein Museum. Und sicher auch kein Hörsaal an der Uni. Bravo, Victoria.

Anreise nach Salàs de Pallars

Wer in die nördlichen katalanischen Pyrenäen anreist, sollte den Flieger nach Barcelona nehmen.

Ein guter Ausgangspunkt für Touren durch den Norden der Provinz Lleida ist La Pobla de Segur. Denn dort gibt es Unterkünfte, Restaurants und eine Bahnverbindung.

Geführte Fahrradtouren inkl. Verleih bietet Gerard von Catalonia Bike Tours, Tel. 0034 608 57 68 21.