Jordi Savall und die Dinastia Borgia

Der Musiker, Gambist und Dirigent Jordi Savall interpretiert die Alte Musik. Sein eigenes Label Alia Vox ist ein Geheimtipp für Klassikfans.

 

von Bernd Kirchhof

Die moderne Revolution in der heutigen Musikszene findet für den weltbekannten Gambisten und Musikwissenschaftler Jordi Savall in der Alten Musik statt. Die künstlerische Leistung des graumelierten bärtigen Katalanen mit der Aura eines kubanischen Revolutionärs ist die ständige Erweiterung unserer Repertoirekenntnisse in der Alten Musik, des Barocks und der Klassik. Und streitbar ist der Mann auch. So hat er erst kürzlich den Nationalen Musikpreis abgelehnt, da die Regierung in Madrid sich angeblich nie für Alte Musik starkgemacht hat.

Musik der Iberischen Halbinsel

Seit 1974 schaffen er und seine Ehefrau, der Sopranistin Montserrat Figueras, immer wieder bahnbrechende Aufnahmen längst vergessener Werke. Die mit historischer Aufführungspraxis eingespielten Interpretationen sind sehr hörenswert. Der Gastdozent an der Juillard School in New York interpretiert mit Hesperion XX (seit 2001 Hesperion XXI) sowie mit der Capella Reial de Catalunya Musik aus dem Mittelalter und der Renaissance. Mit Le Concert des Nations dirigiert er Werke aus dem Barock und der Klassik. 

Welt-Ersteinspielungen

Sein Repertoire ist breit gefächert. Mit diversen Ensembles erarbeitete er neben Bach, Händel, Haydn und Mozart fast vergessene Musik, darunter  Opernarien aus Vivaldis Farnace, die Gamben-Musik eines Marin Marais, die Klangwelten am Hofe Isabellas von Kastilien oder Karls V., der sephardischen Diaspora und die betörenden orientalischen Klänge aus der Zeit der Mauren in Spanien, sowie Henry Purcells „Fantasias für Violen“.

Freiheit mit Alia Vox

Seit 1976 spielt er Aufnahmen für EMI/Virgin, deutsche harmonia mundi (Sony) und Astree/Auvidis ein. 1998 gründet er sein eigenes Musiklabel, Alia Vox, in dem er hauptsächlich mit seinen Ensembles das Kernsegment der Alten Musik (Mittelalter und Renaissance) auf hochwertigen Hybrid-SACDs einspielte. Alia Vox veröffentlicht im spanischen Bellaterra rund zehn Aufnahmen pro Jahr. Jordi Savall ist als einer der wenigen Musiker finanziell und künstlerisch von den großen Majors unabhängig. Die im Sony-Presswerk (Salzburg) hergestellten Tonträger gibt es nicht wie bei Annwn oder Qntal bei „Gothic/Dark Wave“, sondern in der Sparte „Alte Musik“. Seine Aufnahmen sind authentisch und entführen in Gefühlswelten längst vergangener Zeiten.

Dinastia Borgia (V.Ö. 4.12.2010)

Die wichtigste Veröffentlichung von Alia Vox ist die drei SACDs und eine DVD umfassende Dokumentation der Klangwelten des aus Spanien stammenden Adelsgeschlechtes der Borgias.

 

Über vier Stunden Musik


Hier mutiert das sonst kurz gestaltete Booklet zu einem umfangreichen, mehrsprachigen DIN-A-5-Buch, angereichert mit Aufsatzsammlung und historischen Abbildungen. Wer sich nur mit der kirchlichen und weltlichen Macht einer der einflussreichsten Dynastien der italienischen Renaissance beschäftigen möchte, ist mit dem Buch schon bestens bedient. Geradezu „gratis“ hinzugefügt sind die eigentlichen Tonträger mit über vier Stunden Musik. Dazu gibt es noch eine DVD, mit der Jordi Savall die Thematik der Borgias und die Dimension dieses Projektes darstellt. Bei dieser Aufnahme stellt sich die Frage, ob der Tonträger-Markt überhaupt in einer Krise ist. Auf jeden Fall ist nicht bei hochwertigen SACD-Einspielungen, da deren Hörerschaft keine MP3-Codierungen akzeptiert, die billig und künstlich klingen.

 

Orient und Okzident


Die drei kleinen Scheiben beinhalten mit dem ersten Track die maurisch-arabischen Klänge des maurischen Valencia aus dem Jahr 1063, die etwas an einen Pop-Song des irakischen Superstars Kathem Al Saher erinnern. Das folgende musikalische Material vermittelt gewohnte mittelalterliche Klangwelten, die teils instrumental, teils mit Gesang eingespielt sind. Der letzte Track aus dem Jahr 1671 ist von barocker Natur. Abendländische und orientalische Gattungen und Stile dieses großen Zeitraums bringt er dem Hörer nahe.

 

Mediterrane Klangwelten


Anders als Nikolaus Harnoncourt, der Gershwins „Porgy and Bess“ neu interpretiert hat und von dem japanischen Musikriesen Sony gesponsert wird, vermittelt uns Jordi Savall die typischen Klänge des Mittelalters und der Renaissance mit großer Farbigkeit und emotionaler Tiefe.
„Dinastia Borgia“ ist ein sehr hörenswerter Tonträger, der uns längst vergessene Musik wieder lebendig werden und den ambitionierten Hörer in mediterrane Klangwelten eintauchen lässt.

Dinastia Borgia

 

Kirche und Macht während der Renaissance
La Capella Reial de Catalunya / Hesperion XXI
Jordi Savall
Alia Vox (AVSA 9875 A/C)
3 SACDs/ 1 DVD

 

 Homepage von Jordi Savall

Der Autor:

 

Bernd Kirchhof hat Neuere deutsche Literaturgeschichte, Allgemeine Literaturwissenschaft und Mediävistik in Wuppertal studiert. Seine Schwerpunkte: orientalisch-abendländische Kulturkontakte in der Literatur vom Mittelalter bis in die Barockzeit.

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