Besucher vor dem Königspalast in Madrid
Besucher vor dem Königspalast in Madrid, tb

Warum ist Madrid die Hauptstadt Spaniens?

Spaniens Hauptstadt ist im Vergleich zu Paris, Rom und Athen extrem jung. Warum aber ist nicht das historisch so wichtige Toledo damals die Hauptstadt des ganzen Landes geworden? Oder, Barcelona, Sevilla, Santiago de Compostela?

Schließlich waren diese Metropolen bereits im 9. Jahrhundert sehr wichtig, während Madrid aus ein paar Lehmhäusern am Manzanares-Fluss bestand, wo ein paar Bauern in der Mittagshitze Kastiliens unter den wenigen Bäumen dösten. 667 Meter hoch über dem Meeresspiegel. Das Meer dafür weit weg, die Natur unwirtlich karg, kein wirklich angenehmer Ort für Siedler.

Machtpolitik und Geografie als Motiv

Madrid ist erst im Jahr 1560 Hauptstadt geworden, obwohl der spanische Staat einer der ältesten ist. Denn er hatte sich schon 1492 durch die Ehe Isabellas von Kastilien mit Fernando von Aragón etabliert. Das wiederum unterscheidet übrigens Spanien von Frankreich und Deutschland, wo die Staatenbildung viel später erfolgte. Und die Wahl fiel auf einen Ort, der alles andere als attraktiv schien.

Sevilla, Córdoba und Granada als Hauptstadt ungeeignet

Die großartigen andalusischen Metropolen kamen damals als Hauptstadt des Landes nicht in Betracht, weil Maurenfürsten Südspanien sogar noch bis zum Jahr 1492 beherrschten, als die letzte Bastion Granada von den königlichen Truppen überrannt wurde. Zu arabisch waren die bauten, zu wenig kastilisch für die Krone des Landes. 1492 war dann übrigens auch das Ende der Reconquista erreicht, der Rückeroberung Südspaniens durch die Truppen im Norden. Nebenbei: Noch ein drittes Ereignis machte das Jahr 1492 zu einem so wichtigen in Spanien: Kolumbus entdeckte auf der Suche nach Indien versehentlich Amerika.

Und Barcelona? Gott bewahre

Barcelona kam trotz Macht und Reichtum ebenfalls nicht als Spaniens Hauptmetropole in Frage. Der Grund ist auch jetzt noch spürbar bei den politischen Streitereien zwischen Madrid und Barcelona: Kastilische Truppen haben die katalanische Stadt erst am 11. September 1714 einnehmen können. Damit viel ganz Katalonien endgültig unter die Herrschaft Spaniens, deren Hauptstadt längst Madrid hieß.

Auch Nordspaniens Metropolen ohne Chance

Auch so historisch wichtige Städte wie San Sebastián im Baskenland, Santander in Kantabrien und Santiago de Compostela in Galicien kamen als Hauptstadt nie in Frage. Zwar haben die christlichen Könige dort oben im Mittelalter gelebt, darunter auch im Aragón und in Asturien. Doch vom Rand aus lässt sich ein Land nun mal nicht zentral regieren.

Puerta del Sol, Platz in Spaniens Hauptstadt Madrid
Puerta del Sol, zentralster Platz Spaniens, tb

Aber warum nicht Toledo?

Toledo 70 km südlich von Madrid wäre allerdings für viele damals die erste Wahl gewesen. Denn die Stadt der Ritter und Kultur ist kastilisch durch und durch. Tatsächlich war die Stadt auch zunächst Spaniens Königssitz und hatte einen mächtigen Bischof und seit Jahrhunderten schon eine beachtliche Kultur, beeinflusst von Mauren, Juden und Christen. Das hatte einst Lion Feuchtwanger zu einem seiner schönsten Romane inspiriert: Die Jüdin von Toledo. Doch der König, siehe unten, wagte einen geschickten Schachzug, wie sich später herausstellen sollte. 

Madrid wird Hauptstadt, dem Nuntius graust es

1560 verlegte der Habsburger König den Regierungssitz von Toledo nach Madrid. Offizielle Begründung: Madrid liegt genau im Zentrum von Spanien. Tatsächlich sind es von dort aus in alle Himmelrichtungen zum Meer hin rund 500 Kilometer. Und von Madrid aus werden alle Kilometer im Land gemessen, KM 0 prägt einen Stein auf der zentralen Puerta del Sol. In Wahrheit aber wollte sich Fernando der Macht der Granden in Toledo entziehen. Das Kaff am Manzanares, dachte er, würde sich schon noch entwickeln.

Giganten in Madrid
Giganten in Madrid. Seit den Turbulenzen in Katalonien kommen immer mehr Witschaftsbosse hierher

Madrid, im Jahr 845 als maurische Siedling Mayrit (Ort der vielen Wasser) gegründet, hatte zu dem Zeitpunkt gerade einmal 20.000 Bewohner. Und die galten wahrlich nicht als die kultivierteste Avantgarde. Die Geistlichen Spaniens waren entsetzt über den Schritt. Und der Botschafter von Rom schimpfte über „die ärmlichen Verhältnisse, die hässlichen Häuser, den Lärm und den Müll“. Doch das änderte sich schnell. Mit der Hauptstadtgründung kamen die Beamten, die Lehrer, die Händler, die Gaukler, die Stadtplaner, die Nutten und die Diebe. Kurz nach der Einweihung von Spaniens Hauptstadt war mit Huertas bereits ein echtes Literatenviertel entstanden, verrucht, aber höchst lebendig. Dort veröffentlichte ein gewisser Miguel de Cervantes 1604, also 44 Jahre nach der Gründung der Hauptstadt Madrid, seinen Don Quijote, das bis heute berühmteste Buch Spaniens.

Der König erwählt Madrid, der König verlässt Madrid

Madrid ist heute mit 3,2 Millionen Bewohnern eine der schönsten Städte des Landes. Romanische oder gar römische Bauten gibt es hier nicht, dafür ist Madrid viel zu jung. Dafür aber wunderbare architektonische Juwelen aus der Zeit der Habsburger und Bourbonen, darunter das Prado-Museum und der Königspalast. Und moderne Prachtbauten wie die vier Gigantentürme an der Castellana und das Fußballstadion von Real Madrid. Heute ist Madrid nicht nur Hauptstadt, sondern gleichzeitig Vorsitzende der Comunidad de Madrid als eine von 17 Regionen Spaniens. Hier tagt der Senat, das Parlament und die Justiz des Landes. Hier hat der Erzbischof sein Domizil und es gibt sechs öffentliche Unis, darunter die Autónoma und die noch ältere Universidad Complutense.

Kurios übrigens. König Fernando hatte einst Madrid als Regierungssitz erkoren. Seine Nachfolger sind inzwischen aber wieder weggezogen. Und zwar in den Kilometer entfernten Zarzuela-Palast im Pardo-Gelände. Der riesige Palacio de los Reyes im Zentrum Madrids den Blaublütern diente schon seit 1962 nur noch zu repräsentativen Zwecken. Und Abstand zum Volk haben Spaniens Könige ja schon immer gebraucht. Sagen die Madrider Untertanen.

Auch wenn die Madrilenen in einer im europäischen Vergleich sehr jungen Hauptstadt wohnen, so haben sie einen anderen Superlativ seit der Wahl von König Fernando umso mehr. Mit 667 Metern höhe ist Madrid die höchste Landesvorsitzende ganz Europas.
tb

Bewerte diese Seite

 
 
 
 
 
 
 
Bewerten
 
 
 
 
 
 
2 Bewertungen
100 %
1
5
5