Trumps Nemesis: Wie Sánchez Europa den Spiegel vorhält
Ein 79-jähriger US-Präsident, den 61 Prozent der eigenen Bevölkerung für zunehmend erratisch halten, führt die westliche Welt in einen neuen Nahostkrieg. Während Friedrich Merz im Oval Office lächelnd schweigt, stellt sich Spaniens Pedro Sánchez als einziger europäischer Regierungschef offen gegen Washington – und wird dafür von der Financial Times als Trumps „Nemesis“ gewürdigt. Eine Analyse über Mut, Feigheit und den Verfall der Nachkriegsordnung.
von Alexander Gresbek (Text und Karrikaturen)
Am Mittwoch, dem fünften Tag des Iran-Krieges, trat Pedro Sánchez vor die Kameras im Madrider Regierungssitz Moncloa und fasste Spaniens Haltung in vier Worten zusammen: „No a la guerra.“ Nein zu dem Krieg. Es war derselbe Slogan, der die spanische Linke 2003 gegen den Irakkrieg mobilisiert hatte – und Sánchez zog die Parallele bewusst.
Vor 23 Jahren habe eine andere US-Regierung Europa in einen Nahostkrieg hineingezogen, der mehr Unsicherheit gebracht habe als alles seit dem Fall der Berliner Mauer. Der gleiche Fehler dürfe sich nicht wiederholen.
Am selben Tag feuerte der Iran eine ballistische Rakete in Richtung türkischen Luftraum ab. NATO-Abwehrsysteme im östlichen Mittelmeer fingen sie ab, Trümmerteile fielen in der Provinz Hatay – rund 45 Kilometer von der US-Luftwaffenbasis Incirlik entfernt, in der amerikanische Atomwaffen lagern. Der Krieg, den Trump angeblich unter Kontrolle hat, klopft bereits an die Tür der EU.
Der Weg zum Krieg: Venezuela, Grönland, Iran
Wer den Iran-Krieg verstehen will, muss zurückblicken. Am 3. Januar 2026 ordnete Trump Luftschläge auf Venezuela an – ohne Genehmigung des Kongresses, ohne UN-Mandat. Spezialkräfte entführten Präsident Nicolás Maduro aus seinem Wohnsitz in Caracas und brachten ihn auf ein US-Kriegsschiff. Trump erklärte, die USA würden Venezuela „führen“, bis ein geordneter Übergang möglich sei. Die Botschaft an die Welt: Washington nimmt sich, was es will. Die unabhängige Londoner Denkfabrik Chatham House sprach vom Ende der Werte, die den Westen ein Jahrhundert lang geeint hätten.
Parallel dazu drängte Trump auf die Annexion Grönlands. Er drohte Dänemark mit Zöllen, schickte Vizepräsident Vance uneingeladen auf die Insel, bezeichnete das NATO-Mitglied als Versager in der Arktispolitik. In einem Brief an den norwegischen Premierminister schrieb er, er fühle sich nicht mehr verpflichtet, „ausschließlich an Frieden zu denken“ – weil man ihm den Friedensnobelpreis verweigert habe. Dänemarks Abgeordneter Anders Vistisen fand im Europaparlament die passende Antwort: „Mr. Trump, f*ck off.“
Dann kam der Iran. Am 28. Februar starteten die USA und Israel die Operation Epic Fury, bombardierten rund 20 iranische Städte, töteten Ajatollah Chamenei. Iran schlug zurück: Raketen trafen Israel, US-Stützpunkte am Golf, zivile Infrastruktur in Dubai und Abu Dhabi. Am fünften Kriegstag dann die Rakete auf die Türkei. Ein Muster wird erkennbar: Von Venezuela über Grönland bis Teheran testet ein US-Präsident die Grenzen dessen, was die Welt toleriert – und rückt sie bei jedem Anlauf ein Stück weiter.
Ein erratischer Präsident und die Frage nach der Kontrolle
Die Eskalationsspirale trifft auf einen Präsidenten, dessen Urteilsvermögen zunehmend öffentlich hinterfragt wird. Laut einer Reuters/Ipsos-Umfrage vom Februar 2026 halten 61 Prozent der US-Bürger Trump für „erratisch geworden mit dem Alter“. Darunter 30 Prozent seiner eigenen republikanischen Basis. Nur noch 45 Prozent bezeichnen den 79-Jährigen als „geistig scharf“, 2023 waren es noch 54 Prozent. Eine Umfrage von Washington Post, ABC und Ipsos sieht 56 Prozent, die an seiner geistigen Schärfe zweifeln, und 51 Prozent, die seine körperliche Gesundheit infrage stellen.
Trumps Auftritte nähren diese Zweifel. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos verwechselte er Grönland und Island. Bei offiziellen Terminen im Weißen Haus scheint er wiederholt einzunicken. Verbale Aussetzer, abrupte Themenwechsel und Namensverwechslungen häufen sich. Medizinische Kommentatoren sprechen von Verhaltensmustern, die auf neurodegenerative Prozesse hindeuten. Es ist dieser Mann, der gerade ohne Genehmigung des US-Kongresses und ohne UN-Sicherheitsratsbeschluss Krieg gegen eine Nation mit 88 Millionen Einwohnern führt.
Sánchez: Stimme einer schweigenden Mehrheit
Spaniens Ministerpräsident ist der Einzige, der dem US-Präsidenten öffentlich widerspricht. Die Financial Times nannte Sánchez am Donnerstag Trumps „Nemesis in Europa“. Der Mann also, der sage, „was kein anderer europäischer Staats- oder Regierungschef zu sagen wagt“. Die taz in Berlin titelte: „Spanien hat Mut, wir haben Merz.“
In seiner Erklärung am Mittwoch legte Sánchez Wert auf ein entscheidendes Detail: Man könne das iranische Regime verabscheuen – und es gleichzeitig ablehnen, unter Bruch des Völkerrechts Krieg zu führen. Dann wurde er grundlegend: „Nicht einmal die Ziele dieses Angriffs sind klar. Wir wissen, dass aus diesem Krieg keine gerechte internationale Ordnung hervorgehen wird, keine höheren Löhne, keine gesündere Umwelt.“ Die Einzigen, die von Kriegen profitierten, seien immer dieselben.
Ramstein statt Andalusien
Die Handlungen folgten den Worten. Spanien verweigerte den USA die Nutzung der Basen Rota und Morón für Angriffsoperationen. Flugtracking-Websites zeigten, wie 15 US-Militärflugzeuge die andalusischen Stützpunkte verließen und nach Ramstein in Deutschland verlegt wurden. Sánchez hatte den Amerikanern nicht nur widersprochen. Er hatte sie von spanischem Boden gewiesen.
Das Risiko ist real. Amanda Sloat, frühere Europa-Beraterin von Joe Biden und Professorin an der IE University in Madrid, erklärte der Financial Times, Sánchez sei der europäische Politiker, der am deutlichsten kritisiert habe, was ihm an Trump nicht gefalle. Eine Zeit lang hätten die ideologischen Unterschiede beiden genützt: Sich Trump entgegenzustellen sei bei der linken Wählerbasis populär gewesen. Acht von zehn Spaniern halten Trump für eine Gefahr für die Welt.
Doch nun steht mehr auf dem Spiel als innenpolitischer Applaus. Professor José Luis Manfredi von der Universidad de Castilla-La Mancha warnte, der Iran sei für Spanien „eine Fehleinschätzung“. Die USA würden andere Stützpunkte finden. Spanien gewinne nichts und riskiere, als Feind markiert zu werden.
Merz im Oval Office: Der lächelnde Statist
Der Kontrast zu Berlin könnte nicht größer sein. Am Dienstag saß Kanzler Friedrich Merz neben Trump im Weißen Haus, als dieser Spanien als „schrecklich“ bezeichnete und ankündigte, den Handel mit Madrid zu beenden. Merz schwieg. Als Trump die Vernichtungsleistung seiner Armee im Iran aufzählte, lachte der Kanzler sogar kurz auf.
In 33 Minuten gemeinsamem Presseauftritt sprach Merz drei Minuten. Keine Frage nach den Kriegszielen. Keine Verteidigung des NATO- und EU-Partners Spanien. Drei Sätze zur Ukraine – jenem Krieg, dessentwegen Merz eigentlich nach Washington gereist war. Seine Formel vom „prinzipienfesten Realismus“ entpuppte sich als Beschwichtigungsstrategie, deren Prinzipien an der Garderobe des Weißen Hauses abgegeben worden waren.
Völkerrecht? War da was? Zweifel am Erfolg eines Militärschlags als Mittel zum Regimewechsel? Leerstellen. Der beste Moment für Merz aus Sicht von Merz: Trump mag ihn immer noch. Er lobt Deutschland, schmeichelt dem Kanzler, nennt ihn das „Gegenteil von Angela Merkel“. Und Merz nimmt das als Kompliment.
Spaniens Außenminister Albares reagierte scharf. Merz habe es versäumt, Solidarität mit Madrid zu zeigen, als Trump es vor laufenden Kameras angriff. Hinter verschlossenen Türen, so Merz später, habe er widersprochen. Aber in der Diplomatie zählt, was vor den Kameras passiert. Und vor den Kameras war der Kanzler der größten europäischen Volkswirtschaft ein stummer Gast eines mäandernden US-Präsidenten.
Teile und herrsche: Trumps EU-Strategie
Trumps Verhalten gegenüber Spanien ist kein Ausbruch. Es ist Methode. Wer die vergangenen Monate Revue passieren lässt, erkennt das Muster: Starmer wurde „kein Churchill“ genannt. Selenskyj wurde bei seinem Besuch im Weißen Haus vom gesamten Kabinett öffentlich angegriffen. Dänemark wurde mit der Annexion seines Territoriums bedroht. Nun ist Spanien dran – und Trump nutzt den Besuch des deutschen Kanzlers als Bühne dafür.
Die Strategie zielt auf die Sollbruchstelle der EU: Außen- und Sicherheitspolitik sind nationale Kompetenz. Auf dem Handelsgebiet steht die EU geeint – Trumps Drohung, den Handel mit Spanien zu beenden, läuft ins Leere, weil Handelspolitik auf EU-Ebene verhandelt wird. Spanien ist zudem weniger abhängig von US-Exporten als andere Mitgliedstaaten. EU-Ratspräsident António Costa drückte „volle Solidarität“ mit Madrid aus, Macron rief Sánchez an, selbst der EU-Industriekommissar erinnerte daran, wie geschlossen die EU bei der Grönland-Krise reagiert hatte.
Aber in der Sicherheitspolitik ist Europa zerrissen. Deutschland, Frankreich und Großbritannien hatten die Angriffe auf den Iran in keinem Wort kritisiert und stattdessen ausschließlich Irans Vergeltung verurteilt. Einen Tag später drohten die E3-Staaten sogar mit eigenen Militärmaßnahmen gegen Teheran. Spanien stand mit seiner Völkerrechtskritik zusammen mit Norwegen, Irland, Schweden, Dänemark und Slowenien weitgehend allein. Genau diese Spaltung nutzt Trump. Es ist das altbewährte Prinzip des „Teile und herrsche“ – und Merz spielt lächelnd mit.
Das Völkerrecht als Kollateralschaden
In weniger als zwölf Monaten hat Trump die regelbasierte Ordnung auf eine Art demontiert, die selbst Pessimisten überraschte. Die Venezuela-Operation erfolgte ohne Kongress-Zustimmung und brach mit dem Grundsatz, dass kein Staat den Führer eines anderen Landes entführen darf. Der demokratische Senator Mark Warner stellte die naheliegende Frage: Bedeutet das, dass jedes große Land den Herrscher eines kleineren Nachbarn anklagen und entführen kann? Die Grönland-Drohungen verletzten die territoriale Integrität eines NATO-Verbündeten. Und die Iran-Angriffe erfolgten erneut ohne Zustimmung des US-Kongresses und ohne Mandat des UN-Sicherheitsrats, dessen Resolution am amerikanischen Veto scheiterte.
Sánchez argumentiert, der Fall sei identisch mit der Ukraine und Gaza: Wer die russische Invasion verurteile, müsse auch die US-israelischen Angriffe am Völkerrecht messen. Gewalt gegen andere Staaten habe keine rechtliche Grundlage – unabhängig davon, wie verabscheuungswürdig das betroffene Regime sei. Der spanische Premier hat keinen Zweifel daran gelassen, dass das iranische Regime einen Führungswechsel braucht. Aber einen, der von der iranischen Bevölkerung ausgeht, nicht von Marschflugkörpern.
Diese Unterscheidung macht seine Position so unbequem für Washington – und so schwer angreifbar. Denn sie besagt nicht, dass Diktatoren unantastbar sind. Sie besagt, dass die Art, wie man sie entmachtet, nicht egal ist. Es sind genau die Grundlagen, auf denen die Nachkriegsordnung beruht, die Trump mit jeder neuen Militäraktion weiter aushebelt.
Der Krieg an Europas Schwelle
Die Rakete auf die Türkei hat den Konflikt in eine neue Dimension getragen. Erstmals seit Kriegsbeginn feuerte der Iran auf ein NATO-Mitglied. Trümmerteile eines Abfanggeschosses fielen in der Provinz Hatay, unweit der US-Basis Incirlik. Pentagon-Chef Hegseth wiegelte ab: kein Anlass für Artikel 5. Aber Analysten warnen, dass ein gezielter Angriff auf Incirlik – wo amerikanische Atomwaffen lagern – den Konflikt von einem regionalen Krieg in eine internationale Krise verwandeln würde.
Auf Zypern trafen iranische Shahed-Drohnen bereits die britische Royal Air Force-Basis Akrotiri. Der Luftraum von 11 Ländern im Nahen Osten ist gesperrt. Die Straße von Hormus – Nadelöhr für 15 Millionen Barrel Öl täglich – steht unter akuter Bedrohung. Spanien, das rund zwei Drittel seines Energiebedarfs importiert, ist besonders verwundbar. Aber auch Deutschland, das die Angriffe nicht kritisiert hat, wird die wirtschaftlichen Folgen tragen.
Sánchez hat das erkannt. In seiner Moncloa-Erklärung kündigte er Evakuierungsmechanismen für spanische Staatsbürger an und versprach, die wirtschaftlichen Auswirkungen abzufedern – wie schon während der Pandemie. „Wir sind gegen dieses Desaster“, sagte er. Und dann der Satz, der die Bruchlinie zwischen Madrid und Washington markiert: „Wir werden nicht aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen zu Komplizen von etwas werden, das schlecht für die Welt ist.“
Sánchez’ Wette und Europas Versagen
Die Financial Times hat die Sache richtig diagnostiziert: Sánchez sagt, was andere europäische Staats- und Regierungschefs denken, aber nicht auszusprechen wagen. Er hat sich damit in eine Position gebracht, die gleichzeitig mutig und einsam ist. Ein Ministerpräsident eines Landes mit 1,3 Prozent Verteidigungsausgaben fordert die stärkste Militärmacht der Welt heraus. Das ist entweder Führungsstärke oder Größenwahn. Möglicherweise beides zugleich.
Aber der eigentliche Skandal liegt nicht in Madrid. Er liegt in Berlin, Paris und London. In Hauptstädten, die einem 79-jährigen Präsidenten, dessen geistige Fitness von einer Mehrheit der eigenen Bevölkerung angezweifelt wird, einen völkerrechtswidrigen Krieg durchgehen lassen – während sie gleichzeitig Moskau wegen genau derselben Vergehen sanktionieren. In einem Kanzler, der im Weißen Haus lächelnd zusieht, wie ein NATO-Partner öffentlich gedemütigt wird, und dies als „prinzipienfesten Realismus“ verkauft.
Pedro Sánchez nannte es am Mittwoch naiv zu glauben, dass Demokratie und Respekt zwischen Nationen aus Ruinen erwachsen könnten – oder dass blinder Gehorsam eine Form von Führung sei. Ob er am Ende recht behält, wird die Geschichte zeigen. Aber dass er es überhaupt ausspricht, während der Rest Europas taktvoll schweigt, sagt weniger über Spanien aus als über den Zustand des Kontinents.
Der Autor

Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur, Politik, Umwelt und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.
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“Die Karrikaturen von Herrn Gresbek sind total niedlich”
Syliva M. aus Frankreich



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