EU: Spaniens Alleingang in der Iran-Krise

Während Deutschland, Frankreich und Großbritannien Washington den Rücken stärken, verurteilt Pedro Sánchez die US-israelischen Angriffe auf den Iran als völkerrechtswidrig. Spaniens Ministerpräsident stellt sich damit gegen seine engsten europäischen Partner – und vertieft einen Konflikt mit den USA, der von NATO-Ausgaben über Zölle bis zum Gaza-Krieg reicht. Für die Wirtschaft hat die Eskalation bereits spürbare Folgen.

Von Alexander Gresbek (Text und Grafiken)

Am Morgen des 28. Februar 2026 wachte Europa in einer neuen geopolitischen Realität auf. Über Nacht hatten US-amerikanische und israelische Streitkräfte eine Großoffensive gegen den Iran gestartet, die unter den Codenamen „Operation Epic Fury“ und „Roaring Lion“ rund 20 iranischen Städten Ziele angriff – darunter Teheran, Isfahan, Qom und Kermanshah. Ajatollah Ali Chamenei wurde dabei getötet, ebenso zahlreiche hochrangige Militärs und Regierungsmitglieder.

Iran schlug sofort zurück: Raketen und Drohnen trafen israelische Städte, US-Stützpunkte am Persischen Golf und zivile Infrastruktur in Dubai und Abu Dhabi. Mindestens drei US-Soldaten und elf Israelis starben; auf iranischer Seite gab Teheran über 200 Todesopfer an. Für Pedro Sánchez war die Antwort klar – und sie fiel anders aus als bei seinen europäischen Partnern.

Sánchez spricht von einem Übergriff auf das Völkerrecht

Noch am Morgen des Angriffs veröffentlichte Spaniens Ministerpräsident eine Erklärung, die an Klarheit wenig zu wünschen übrig ließ: Spanien lehne die unilaterale Militäraktion der USA und Israels ab, die eine Eskalation darstelle und zu einer unsichereren internationalen Ordnung beitrage. Gleichzeitig verurteilte er das iranische Regime und die Revolutionsgarden. Beide Seiten, nicht nur eine – das war der entscheidende Unterschied zu den Reaktionen aus Berlin, Paris und London.

Am Abend, vor der Verleihung der Goya-Filmpreise in Barcelona, legte Sánchez nach. Er sprach von einem „atropello de la legalidad internacionál“ – einem Übergriff auf die internationale Rechtsordnung. Der Angriff sei weder mit dem UN-Sicherheitsrat konsultiert noch ihm mitgeteilt worden. Gewalt dürfe nicht mit mehr Gewalt beantwortet werden, da dies nur mehr Schmerz und Repression für die iranische Bevölkerung bedeute.

Krieg ohne Genehmigung

Seinen politisch gewichtigsten Auftritt absolvierte Sánchez am folgenden Tag beim Galadinner des Mobile World Congress in Barcelona, an dem auch König Felipe VI. teilnahm. Dort formulierte er den Satz, der seine Iran-Position auf den Punkt bringt: Man könne gegen ein abscheuliches Regime wie das iranische sein und gleichzeitig gegen eine ungerechtfertigte Intervention. Er warnte, die Welt stürze gefährlich in Richtung einer instabileren und ungerechteren Ordnung, und stellte die fehlende Legitimation in den Mittelpunkt: Ein Krieg, der ohne die Genehmigung des US-Kongresses oder des UN-Sicherheitsrats begonnen wurde, verletze das Völkerrecht. Bemerkenswert dabei: Sánchez nannte Trump kein einziges Mal beim Namen.

Außenminister José Manuel Albares ergänzte die Regierungslinie. Die unilaterale Aktion passe nicht in den Rahmen der UN-Charta. Und er bestätigte kategorisch, dass die US-Militärbasen Rota und Morón nicht für die Operation genutzt worden seien. Am Tag des Angriffs führte Albares Telefonate mit den Außenministern von Saudi-Arabien, Katar, der Türkei, Jordanien, Ägypten, den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und Kuwait. 

Auch berief er eine Krisenkonferenz mit allen 15 spanischen Botschaftern im Nahen Osten ein. Die Reisewarnung für den Iran wurde auf die höchste Stufe angehoben; den rund 160 dort registrierten Spaniern empfahl das Außenministerium die sofortige Ausreise.

Berlin, Paris, London: Eine ganz andere Reaktion

Der Kontrast zu den drei großen europäischen Partnern könnte kaum schärfer ausfallen. Deutschland, Frankreich und Großbritannien veröffentlichten am 28. Februar eine gemeinsame Erklärung, die kein einziges Wort der Kritik an den US-israelischen Angriffen enthielt. Stattdessen betonten die sogenannten E3-Staaten, man habe an der Operation „nicht teilgenommen“, verurteilten aber ausschließlich Irans Vergeltungsschläge. Einen Tag später gingen sie noch weiter und drohten mit eigenen militärischen Maßnahmen, um Irans Fähigkeit, Raketen und Drohnen abzufeuern, an der Quelle zu zerstören.

Bundeskanzler Friedrich Merz positionierte sich am deutlichsten pro-amerikanisch. Dies sei nicht der Moment, Partner und Verbündete zu belehren, erklärte er und nannte die iranische Regierung ein „Terrorregime“. Emmanuel Macron agierte nuancierter: Er warnte vor schwerwiegenden Konsequenzen für den internationalen Frieden und schloss eine französische Beteiligung an Offensivoperationen aus, unterzeichnete aber dennoch beide E3-Erklärungen. Keir Starmer ging am weitesten und genehmigte die Nutzung britischer Stützpunkte für Angriffe auf iranische Raketenstellungen.

Spanien stand in Europa damit weitgehend allein. Nur Norwegen schloss sich der Einschätzung an, die Angriffe seien völkerrechtswidrig. Doch auf EU-Ebene deutete sich an, dass Sánchez’ Argumente hinter verschlossenen Türen mehr Resonanz fanden, als die öffentlichen Erklärungen vermuten ließen: Der Kompromisstext der 27 EU-Außenminister verurteilte weder die US-israelischen Angriffe noch befürwortete er einen Regimewechsel – eine Formulierung, die näher an Madrids Position lag als an der der E3-Staaten.

Gespalten wie selten: Das Echo in Spaniens Innenpolitik

Die Iran-Krise reißt tiefe Gräben durch das spanische Parteienspektrum. PP-Chef Alberto Núñez Feijóo wählte eine zweigleisige Strategie: Er verurteilte das iranische Regime scharf – die Welt sei besser, wenn ein Tyrann falle – und griff gleichzeitig Sánchez frontal an. Etwas laufe falsch, wenn Hamas, die Huthis und das iranische Regime die Regierung beklatschten. Eine Bewertung der Rechtmäßigkeit der Angriffe selbst vermied er sorgfältig.

Vox unter Santiago Abascal war die einzige Partei, die die Militäroperation offen begrüßte: Wenn die Ayatollahs fielen, werde die Welt freier sein. Auf der linken Seite übertraf Koalitionspartner Sumar den Regierungschef an Schärfe. Vizepräsidentin Yolanda Díaz nannte Trump und Netanjahu eine Bedrohung für die Sicherheit des gesamten Planeten. Podemos ging noch weiter und forderte den sofortigen NATO-Austritt Spaniens sowie die Schließung der US-Basen.

Ein besonders heikler Punkt war die Basenfrage. Medienberichte legten nahe, dass von Rota stationierte US-Zerstörer an der Operation teilgenommen hatten und Tankflugzeuge möglicherweise von spanischen Basen aus operierten. Albares bestritt dies kategorisch. 

Andere Quellen berichteten, die USA hätten ihre Tankflugzeuge vor der Operation aus Rota und Morón abgezogen – möglicherweise, um Madrid politisch nicht in Verlegenheit zu bringen. Die Gleichzeitigkeit von scharfer Rhetorik gegen die Militäraktion und der Präsenz amerikanischer Militärinfrastruktur auf spanischem Boden blieb der sichtbarste Widerspruch in Sánchez’ Positionierung.

Ölpreisschock und IBEX-Absturz: Spürbare Folgen für Spanien

Die wirtschaftlichen Auswirkungen treffen Spanien unmittelbar. Brent-Rohöl schoss am Wochenende um bis zu 13 Prozent auf über 82 Dollar pro Barrel, europäische Gasfutures kletterten um mehr als 25 Prozent. Eine Sperrung der Straße von Hormus, durch die täglich rund 15 Millionen Barrel Rohöl und etwa ein Fünftel des globalen Flüssiggasexports fließen, würde nach Einschätzung vieler Analysten eine globale Rezession auslösen.

Spanien ist hier exponiert, aber differenziert zu betrachten: Während der Stromsektor (über 56% Renewables, plus Kernkraft) weitgehend autark ist, besteht hohe Abhängigkeit bei Öl und Flüssiggas (LNG). Der IBEX 35 stürzte am Montag um über drei Prozent auf rund 17.800 Punkte ab und war damit der schwächste große europäische Index. IAG, der Mutterkonzern von Iberia, verlor bis zu neun Prozent, Inditex und Santander folgten mit deutlichen Einbußen. Gewinner waren ausschließlich der Energiekonzern Repsol und der Rüstungskonzern Indra.

Auch der Flugverkehr war unmittelbar betroffen. Die europäische Flugsicherheitsagentur EASA empfahl allen europäischen Airlines, den Luftraum von elf Ländern im Nahen Osten komplett zu meiden. Über 2000 Flüge zu und von den wichtigsten Golfflughäfen wurden gestrichen. Da sowohl der russisch-ukrainische als auch der nahöstliche Luftraum gesperrt sind, verengen sich die Korridore zwischen Europa und Asien dramatisch.

Madrid gegen Washington: Konfrontation mit Vorgeschichte

Die Iran-Krise markiert den jüngsten Höhepunkt einer Konfrontation, die seit Monaten an Schärfe zunimmt. Beim NATO-Gipfel in Den Haag im Juni 2025 hatte Sánchez als einziger Staats- und Regierungschef das neue Fünf-Prozent-Ziel für Verteidigungsausgaben offen abgelehnt.

Trumps Reaktion fiel harsch aus: Was Spanien getan habe, sei schrecklich, er werde sie doppelt zahlen lassen. Im Oktober drohte er sogar mit einem Ausschluss Spaniens aus dem Bündnis. Im Zollstreit stellte sich Sánchez ebenfalls gegen Washington. Als Trump 25-Prozent-Zölle auf EU-Produkte verhängte, nannte er diese ungerecht und unilateral. 

Im Gaza-Konflikt erkannte Spanien als eines der ersten EU-Länder den palästinensischen Staat an und blockierte israelische Waffenlieferungen über spanische Häfen. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar 2025 warnte Sánchez vor einer „Techno-Kaste“, die soziale Medien missbrauche – ein kaum verhüllter Seitenhieb auf Elon Musk und Trumps Umfeld.

Für Sánchez scheint die Konfrontation innenpolitisch zu funktionieren. In Umfragen vom Herbst 2025 lag die PSOE mit knapp 35 Prozent als stärkste Kraft vorn. Analysten mahnen jedoch: Spanien gibt Bedenken eine Stimme, die andere EU-Verbündete hinter vorgehaltener Hand teilen. Das zeigt Führungsstärke. Aber es ist auch eine Wette, die für Sánchez, für Spanien und für Europa nach hinten losgehen könnte.

Ohne Mandat, ohne Strategie, ohne Plan für danach

Das iranische Regime gehört seit Jahrzehnten zu den repressivsten politischen Systemen der Welt. Politische Opposition wird systematisch unterdrückt, und grundlegende Freiheitsrechte sind stark eingeschränkt. Wer den Sturz dieser Führung befürwortet, muss sich dafür nicht rechtfertigen. Entscheidend bleibt jedoch die Frage nach den Mitteln und Folgen eines solchen Umsturzes.
Der Irak-Krieg von 2003 gilt vielen heute als strategischer Fehler – nicht aus Sympathie für Saddam Hussein, sondern wegen der Diskrepanz zwischen den erklärten Zielen und den langfristigen Wirkungen. Diese historische Erfahrung muss Maßstab bleiben für jede neue Debatte über gewaltsame Regimewechsel.

Die jüngsten Entwicklungen sind dramatisch – und sie zeigen die Risiken, die mit militärischen Eingriffen einhergehen. Der Einsatz fand ohne ein Mandat des UN-Sicherheitsrats statt und wurde auch nicht durch eine breite parlamentarische Zustimmung der USA legitimiert. Viele internationale Organisationen haben den Schritt kritisiert oder zu Deeskalation aufgerufen.

Schnelle Schüsse sind kein Zeichen von Weitsicht
 
Die Debatte darf nicht bei der Frage stehen bleiben, ob ein autoritäres Regime problematisch ist – das ist es zweifellos. Sie muss sich vielmehr den Fragen zuwenden, die über kurzfristige militärische Wirkung hinausgehen: Wie kann Stabilität gesichert werden, ohne neue Gewaltspiralen zu entfachen? Wie lässt sich eine politische Alternative im Iran unterstützen, ohne weitere Eskalationen zu riskieren? Ohne einen klaren völkerrechtlichen Rahmen und ohne tragfähige regionale Allianzen droht eine festgefahrene Konfliktsituation, in der weder zivile Ordnung noch politische Perspektiven entstehen.

Ein Blick auf historische Präzedenzfälle zeigt, dass Appelle zum Aufstand ohne zugesicherte Unterstützung für das Danach oft in Desillusionierung oder Blutvergießen enden. Das mag auf den ersten Blick zynisch erscheinen – es ist vor allem nüchterne politische Analyse.

Auf internationaler Ebene bestehen enge Verflechtungen zwischen rechtlichen Normen, diplomatischen Prozessen und militärischen Möglichkeiten. In einer Welt, in der Energie-, Sicherheits- und Handelsströme eng verflochten sind, kann eine militärische Eskalation weitreichende indirekte Folgen haben – etwa durch Störungen im Seehandel, wirtschaftlichen Druck auf Öl- und Gasmärkte oder neue regionale Krisenherde.

Gegen das Grundprinzip der Gewaltenteilung

Die Frage, ob ein Staatschef – selbst wenn er demokratisch gewählt ist – ohne breite internationale und parlamentarische Rückbindung militärische Fakten schafft, die weit über eine Amtszeit hinauswirken, bleibt scharf. In vielen demokratischen Verfassungen ist bewusst festgelegt, dass Kriegseinsätze und der Einsatz von Gewalt nicht allein in der Hand einer Exekutive liegen sollen. Dies ist kein bürokratisches Detail, sondern ein Grundprinzip der Gewaltenteilung.

Die Regeln des Völkerrechts – das Gewaltverbot, das Prinzip staatlicher Souveränität und kollektiver Sicherheit – sind nicht Ausdruck weltfremder Idealpolitik, sondern entstanden aus der Erfahrung katastrophaler globaler Konflikte. Ohne solche Regeln droht internationale Politik erneut in Machtpolitik zurückzufallen, in der Stärke Vorrang vor Recht hat.

Auch wenn das iranische Regime repressiv ist, ist die Schwäche eines Regimes kein ausreichender Beleg dafür, dass ein militärischer Eingriff die Lösung ist. Eine Weltordnung, die auf Regeln beruht, muss selbst dann an diesen Regeln festhalten, wenn es politisch unbequem erscheint.
 
Die gegenwärtige Lage im Nahen Osten ist daher kein Argument für unilaterale Kriegspolitik, sondern ein Aufruf zur Suche nach Wegen, die Eskalation zu beenden, bevor sie neue, schwer kontrollierbare Zerstörungen nach sich zieht.

Der Autor

Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur, Politik, Umwelt und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.

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