Lichter, Kamera, Madrid: Die Hauptstadt als Filmkulisse

Der Standort Film und TV wächst in Madrid schneller als in jeder anderen europäischen Metropole. In den 1960er Jahren drehten Regisseure aus Hollywood Monumentalfilme in der Region, heute produziert Netflix hier seinen größten europäischen Hub. Wer die Stadt mit offenen Augen durchstreift, steht an Drehorten von La Casa de Papel, Almodóvar-Klassikern und Sergio Leones Italo-Western.

von Alexander Gresbek (Text und Illustration)

Wie Madrid zum europäischen Hollywood wurde? Die Filmgeschichte der Region Madrid reicht weiter zurück, als die meisten Besucher ahnen. Ende der 1950er Jahre entdeckte der Produzent Samuel Bronston die Vorteile der spanischen Hauptstadt: günstiges Personal, ein kooperatives Regime und Landschaften, die sich in Kulissen für Sandalenfilme, Historiendramen und Western verwandeln ließen. 

Bronston kaufte die Chamartín-Studios im Norden der Stadt und produzierte innerhalb weniger Jahre El Cid (1961) mit Charlton Heston, König der Könige (1961), 55 Tage in Peking (1963) und Der Untergang des Römischen Reiches (1964). Die Drehorte lagen verteilt über die gesamte Region: die Plaza von Chinchón, die Granitfelsen von La Pedriza bei Manzanares el Real, die Berge von Navacerrada und Parks in der Hauptstadt selbst.

Für Stanley Kubricks Spartacus (1960) stellte das Franco-Regime 8.000 Soldaten als Komparsen bereit. Gedreht wurden die Schlachtszenen nahe Colmenar Viejo, 30 Kilometer nördlich des von Madrid. Hauptdarsteller Kirk Douglas war allerdings nie in Spanien; geschickter Schnitt verband die kalifornischen Dialogszenen mit den kastilischen Massenszenen.

In den 1960er und 1970er Jahren folgte das Kapitel der Italo-Western. Die Dollar-Trilogie von Sergio Leone entstand an Drehorten in der Provinz Almería und in der Madrider Sierra. Bei Hoyo de Manzanares wurde 1962 das Western-Dorf Golden City errichtet, in dem über 100 Filme gedreht wurden. 

Clint Eastwood ritt als namenloser Revolverheld durch diese Kulissen, bevor er zum Weltstar aufstieg.

Netflix, Almodóvar und La Casa de Papel

Heute ist Madrid eine der produktivsten Filmstädte Europas. In Tres Cantos, 20 Kilometer nördlich des Zentrums, betreibt Netflix seit 2019 seinen ersten europäischen Produktions-Hub: Madrid Content City. Zehn Studios auf 22.000 Quadratmetern, ausgestattet mit Virtual-Production-Bühnen, 30 Postproduktionsräumen und Cloud-basiertem Editing.

Hier entstanden La Casa de Papel, Élite, die Oscar-nominierte Society of the Snow und internationale Produktionen wie Kaos mit Hugh Grant. Die Studios sind für die Öffentlichkeit nicht zugänglich, aber sie sind der Grund, warum Madrid inzwischen mehr internationale Serien produziert als jede andere europäische Stadt außerhalb Londons.

Den kulturellen Gegenpol bildet Pedro Almodóvar, der Madrid seit über vier Jahrzehnten als Spiegel seiner Geschichten nutzt. Seine Filme sind ein Stadtplan der Hauptstadt: Die Calle de Montalbán 7 nahe dem Retiro-Park ist die Adresse von Pepas Penthouse in Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs (1988).

Die Plaza de la Villa taucht in Fessle mich! (1990) auf. In Volver (2006) pendelt Penélope Cruz zwischen dem Viertel Vallecas und dem Friedhof La Almudena. Die Filmoteca Española in der Calle de Santa Isabel 13 spielt in Sprich mit ihr und Leid und Herrlichkeit (derzeit auch auf arte mediathek) eine Rolle. Almodóvars Madrid ist ein eigenes Genre.

Der größte Publikumsmagnet ist La Casa de Papel: Die meistgesehene nicht-englischsprachige Netflix-Serie der Geschichte wurde überwiegend in Madrid gedreht. Die Fassade der angeblichen Königlichen Münzprägeanstalt ist in Wahrheit das CSIC-Gebäude, der Sitz des Nationalen Forschungsrats in der Calle Serrano 117. 

Die Bank von Spanien in Staffel 3 und 4 ist die Fassade des Ministerio de Fomento am Paseo de la Castellana 67. Der berühmte Geldscheinregen wurde auf der Plaza del Callao gedreht, dem Times Square von Madrid.

Drehorte in der Stadt: Ein Rundgang

Ein filmtouristischer Spaziergang durch Madrid lässt sich an einem Tag bewältigen und verbindet zentrale Sehenswürdigkeiten mit Drehorten.

Startpunkt ist die Plaza del Callao an der Gran Vía. Hier inszenierte La Casa de Papel den Geldscheinregen, der Millionen Zuschauer elektrisierte. Von der Plaza sind es fünf Gehminuten zur Calle de Montalbán 7, dem Gebäude, dessen Dachterrasse Almodóvar als Pepas Apartment filmte. 

Die Gran Vía selbst mit dem markanten Telefónica-Gebäude bildet die Skyline in Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Weiter geht es zur Plaza Mayor, Schauplatz der Schlussszene von Almodóvars Die Blume meines Geheimnisses (1995). Von dort ist es ein kurzer Weg zur Plaza de la Villa, wo Antonio Banderas in Fessle mich! durch das nächtliche Madrid streift. Beide Plätze sind ohnehin Pflichtprogramm für jeden Madrid-Besucher.

Richtung Osten erreicht man das CSIC-Gebäude in der Calle Serrano 117. Die neoklassizistische Fassade mit ihren Säulen ist sofort als die Münzprägeanstalt aus La Casa de Papel erkennbar. Das Gebäude selbst ist nicht öffentlich zugänglich, aber von außen eindrucksvoll. Wer tiefer in die Geldgeschichte einsteigen will: Das Museum der echten Casa de la Moneda in der Calle Jorge Juan 106 zeigt eine der bedeutendsten numismatischen Sammlungen Europas, bei freiem Eintritt.

Am Paseo de la Castellana 67 steht die Fassade des Ministerio de Fomento, in der Serie die Bank von Spanien. Das tatsächliche Gebäude der Banco de España an der Plaza de Cibeles ist architektonisch eindrucksvoller und bewahrt in seinen Tresoren 9,1 Millionen Feinunzen Gold.

Die Filmoteca Española in der Calle de Santa Isabel 13 im Viertel Lavapiés zeigt täglich Filme aus ihrem Archiv, oft in Originalfassung mit Untertiteln, zu Eintrittspreisen um drei Euro. Hier drehte Almodóvar Szenen für Sprich mit ihr und Leid und Herrlichkeit. 

Für Filmfans ist die Filmoteca ein Pflichtbesuch, der sich auch ohne Almodóvar-Bezug lohnt.

Ausflüge in die Sierra: Western-Kulissen

Wer einen halben Tag Zeit hat und sich für die Western-Geschichte interessiert, fährt in die Sierra nordwestlich von Madrid. In Hoyo de Manzanares, 40 Autominuten vom Zentrum, stand das Western-Dorf Golden City, in dem Sergio Leone 1964 Für eine Handvoll Dollar drehte.

Die Originalkulissen sind seit den 1970er Jahren verschwunden, da das Gelände heute im Naturpark Cuenca Alta del Manzanares liegt. Aber über die kostenlose App ViveHoyo lassen sich die Gebäude per Augmented Reality in Originalgröße über die heutige Landschaft projizieren. Fünf Infotafeln entlang des ehemaligen Straßenzugs dienen als Marker. Zu Fuß dauert der Weg ab der Plaza Mayor von Hoyo de Manzanares etwa 30 Minuten.

In Colmenar Viejo, ebenfalls rund 30 Kilometer nördlich, wurden die Schlachtszenen von Spartacus und zahlreiche weitere Produktionen gedreht. Der Ort pflegt sein filmisches Erbe über die Initiative Colmenar Viejo, Tierra de Cine. Ein Besuch lässt sich gut mit einer Wanderung in der Sierra de Guadarrama verbinden.

In Chinchón, 50 Kilometer südöstlich von Madrid, nutzte Wes Anderson 2022 die ockerfarbenen Fassaden und den runden Hauptplatz für Asteroid City (2023). Derselbe Platz diente schon für Bronstons König der Könige als Kulisse. 

Chinchón ist einen Besuch wert, auch ohne Filmhintergrund: Der kreisrunde Platz, die Knoblauchtapas und der lokale Anís sind Anziehungspunkte für sich.

Geführte Touren und Escape Rooms

Das Madrid Film Office, eine Einrichtung der Regionalregierung, hat mehrere kuratierte Filmrouten zusammengestellt. Die Route El Madrid de Almodóvar führt zu den zentralen Drehorten seiner Filme, von der Gran Vía über Chueca bis Lavapiés. 

Die Route Arde Madrid folgt den Schauplätzen der gleichnamigen Serie über die späten Franco-Jahre. Beide Routen sind auf der Website madrid.org/filmmadrid dokumentiert und lassen sich auf eigene Faust ablaufen.

Mehrere Anbieter organisieren geführte Touren. Über Plattformen wie Fever sind Walking Tours zu La Casa de Papel, Almodóvar und Arde Madrid buchbar. City Secreto bietet eine spezialisierte La-Casa-de-Papel-Tour durch das Zentrum an. Die Touren dauern in der Regel zwei bis drei Stunden.

Für Fans der Netflix-Serie gibt es einen La Casa de Papel Escape Room direkt neben dem echten Münzprägeamt. Die Teilnehmer erhalten rote Overalls und Dalí-Masken und lösen in 60 Minuten Rätsel, die an die Handlung der Serie angelehnt sind.

Spanien als Hollywoods Lieblingskulisse

Madrid ist Teil einer größeren Geschichte. Spanien fungiert seit den 1960er Jahren als eine der wichtigsten Filmkulissen Europas. In der Wüste von Tabernas bei Almería entstanden über 200 Italo-Western, dort steht heute der Themenpark Oasys MiniHollywood mit Original-Saloons.

David Lean verwandelte Sevilla und die Sierra Nevada in die Schauplätze von Lawrence von Arabien und Doktor Schiwago. Spielberg drehte Indiana Jones in Almería und Granada. Ridley Scott kehrte für Gladiator, Königreich der Himmel und Exodus nach Spanien zurück.

In Sevilla filmte HBO Game of Thrones im Alcázar, in Girona verwandelte sich die Altstadt in die Freie Stadt Braavos. Halle Berry stieg für James Bond am Strand von Cádiz aus dem Wasser. Fast & Furious 6 sprengte Brücken auf Teneriffa. Und für die Oscar-nominierte Society of the Snow baute J.A. Bayona Flugzeugwracks in der Sierra Nevada.

Spanien bietet internationalen Produktionen einen Steuernachlass von 30 Prozent, dazu 300 Sonnentage im Jahr und eine Geografie, die auf engem Raum Wüste, Hochgebirge, mittelalterliche Altstädte, maurische Paläste und atlantische Strände vereint. 

Madrid ist das organisatorische Zentrum dieser Filmindustrie. Von hier aus sind die meisten Drehorte des Landes in wenigen Stunden erreichbar.

Der Autor

Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.

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