Fake News in Spanien: Wem können Deutsche noch glauben?
Desinformation und Medienkonsum: Das Weiße Haus erfindet eine Militärkooperation mit Madrid, das ZDF sendet KI-generierte Festnahmen als Realität, und Elon Musks Algorithmus entscheidet, welche Nachrichten Millionen Menschen sehen. Auch für die rund 130.000 Deutschen in Spanien wird die Frage, welchen Quellen man noch glauben kann, zur täglichen Herausforderung.
von Alexander Gresbek (Text und Grafik)
Washington erfindet Fakten über Spanien: Am 4. März 2026 tritt Karoline Leavitt, Pressesprecherin des Weißen Hauses, vor die Kameras und erklärt: Spanien habe zugestimmt, mit dem US-Militär zu kooperieren. Im Kontext des Iran-Kriegs eine Aussage mit Sprengkraft. Leavitt spricht von Abstimmung zwischen Militärs, von einem Einlenken Madrids nach Trumps Drohung, allen Handel mit Spanien einzustellen.
Das Problem: Nichts davon stimmt. Spaniens Außenminister José Manuel Albares reagiert noch am selben Abend im Radiosender Cadena SER. Die Position Spaniens habe sich nicht um ein Komma verändert, erklärt er. Es habe kein Gespräch, keine Vereinbarung, keinen Kontakt gegeben.
Verteidigungsministerin Margarita Robles setzt nach: Sie habe sich zum Zeitpunkt von Leavitts Aussage gerade mit dem US-Botschafter getroffen – von einer Einigung wisse niemand. Premierminister Sánchez fasst die Haltung Spaniens in vier Wörter: No a la guerra.
Hier zeigt sich Desinformation auf Regierungsebene in Echtzeit. Das Weiße Haus veröffentlicht bis heute keine Korrektur. Wer nur Social-Media-Schlagzeilen scannt, bleibt bei der Falschversion hängen. Und genau das ist der Mechanismus: Eine Behauptung wandert über X, Telegram und WhatsApp schneller um die Welt als jedes Dementi. Dass Trump am Vortag mit dem Ende aller Handelsbeziehungen drohte und Spaniens Premier verunglimpfte, drang kaum in die englischsprachigen Social-Media-Blasen.
Deutschland: ZDF sendet KI-Video als Nachricht
Nur wenige Wochen zuvor erschüttert ein anderer Vorfall das Vertrauen in etablierte Medien. Am 15. Februar 2026 zeigt das ZDF-heute-journal einen Beitrag über ICE-Einsätze in den USA. Moderatorin Dunja Hayali leitet ein mit dem Hinweis, nicht alle Videos in sozialen Medien seien echt. Dann laufen im Beitrag selbst zwei Clips, die genau das belegen – allerdings unbeabsichtigt.
Einer der Clips stammt aus dem KI-Bildgenerator Sora von OpenAI. Er zeigt eine Frau, die von Uniformierten abgeführt wird, während Kinder verzweifelt an ihr hängen. Das Wasserzeichen von Sora ist sichtbar. Der zweite Clip zeigt einen Jungen, der von einem Deputy begleitet wird – mit der Einblendung, ICE-Agenten nähmen Kinder an Schulen fest. Tatsächlich handelt es sich um Aufnahmen aus Florida 2022, entstanden nach einer Amokdrohung. Mit Einwanderungsbehörden hat das Video nichts zu tun.
Die zuständige Korrespondentin Nicola Albrecht wird mit sofortiger Wirkung von ihrer Stelle abberufen. ZDF-Chefredakteurin Bettina Schausten spricht von einem großen Schaden für die Glaubwürdigkeit. Der Deutsche Bundestag widmet dem Vorfall eine Aktuelle Stunde.
Doch der Schaden reicht weit über Mainz hinaus: Wenn selbst der öffentlich-rechtliche Rundfunk KI-generierte Bilder nicht erkennt, warum sollte es jemand am Küchentisch in Alicante können?
Elon Musks X: Rechtsruck per Algorithmus weltweit
Wer sich fragt, woher die Falschmeldungen kommen, landet schnell bei Elon Musk. Eine im Februar 2026 in Nature veröffentlichte Studie mit knapp 5.000 US-Nutzern liefert den Beweis: Der algorithmische Feed von X verschiebt politische Meinungen messbar nach rechts. Der Effekt hält an, auch nachdem Nutzer zum chronologischen Feed zurückkehren. In Großbritannien verdoppelte sich der Anteil rechtsgerichteter Nutzer seit Musks Übernahme; in den USA verdreifachte er sich.
Musks KI-Chatbot Grok verschärft das Problem. Direkt in X integriert, wird er von Millionen als Faktencheck-Werkzeug genutzt. Die Bilanz ist verheerend: falsche Behauptungen über Wahlfristen in den USA, Holocaust-Leugnung, antisemitische Inhalte unter dem Alias MechaHitler. Im Dezember 2025 generierte Grok sexualisierte Bilder Minderjähriger – Ermittlungen in Frankreich, Großbritannien und Malaysia folgten.
Mit Grokpedia startete Musk im Oktober 2025 eine KI-generierte Enzyklopädie als Alternative zum angeblich linken Wikipedia. Innerhalb von drei Monaten wuchs sie auf 5,6 Millionen Artikel. Über 75 Prozent aller Änderungsvorschläge stammen von der KI selbst, nicht von Menschen. Das TIME Magazine stellte fest, dass Musks eigener Eintrag ihn euphorisch beschreibt und Kontroversen auslässt. Noch beunruhigender: Andere KI-Systeme begannen, Grokpedia als Quelle zu zitieren – ein Kreislauf, in dem Maschinen Maschinen bestätigen.
Fake News in Spanien: TikTok statt Tageszeitung
Spaniens Medienlandschaft spiegelt den globalen Trend, nur verschärft. Das Nachrichtenvertrauen liegt bei 31 Prozent – der niedrigste Wert seit einem Jahrzehnt und Rang 37 von 48 untersuchten Ländern im Reuters Digital News Report 2025. Die DANA-Flutkatastrophe in Valencia im Oktober 2024 wurde zum Lehrstück.
228 Menschen starben, und innerhalb von Stunden explodierten die sozialen Medien: 133 dokumentierte Falschmeldungen, über 120 Millionen TikTok-Views auf Desinformations-Videos. Leichen seien in einem Parkhaus eingeschlossen, die Regierung habe Staudämme sabotiert, eine Netflix-Serie habe alles vorhergesagt. 75 Prozent der Falschinhalte verbreiteten sich über Social Media.
Weltweit nutzen laut Reuters nur noch 10 Prozent der Menschen Printmedien für Nachrichten – 2013 waren es 50. TikTok ist unter 18- bis 29-Jährigen mit 43 Prozent die meistgenutzte Nachrichtenquelle. 40 Prozent weltweit vermeiden regelmäßig Nachrichten – Rekordwert. In Deutschland liegt dieser Wert sogar bei 71 Prozent. Die Generation, die ihre Informationen in 30-Sekunden-Clips konsumiert, hat weder die Zeit noch die Neigung, Quellen zu prüfen.
Deutsche Medien in Spanien: kleine Redaktionen, große Lücken
Rund 128.000 Deutsche sind offiziell in Spanien gemeldet – die reale Zahl dürfte deutlich höher liegen. Viele von ihnen sprechen kein oder nur wenig Spanisch; auf Mallorca kommt Katalanisch als zusätzliche Hürde hinzu. Wer als Resident in Spanien lebt und wissen will, was politisch passiert, greift zu deutschsprachigen Medien.
Spanische Leitmedien wie El País oder den Radiosender Cadena SER – also genau die Quellen, die Leavitts Behauptung innerhalb von Stunden widerlegten – verfolgen die wenigsten. Umso schwerer wiegt, wie wenig deutschsprachiger Journalismus vor Ort noch übrig ist. Das Mallorca Magazin beschäftigt etwa 10 Redakteure, die Mallorca Zeitung 13. Die Costa Blanca Nachrichten, eine unabhängige Wochenzeitung mit sinkender Auflage unter Chefredakteur Stephan Kippes, erreichen über das Online-Portal costanachrichten.com von Ippen Digital eine breitere Leserschaft als im Print.
Die Costa del Sol Nachrichten stellten im Juni 2024 nach 28 Jahren die Produktion ein. Wer zahlt noch für Print, wenn der Online-Inhalt kostenlos ist? Kippes fasste es nüchtern zusammen: Immer weniger Redakteure, immer weniger Leser, explodierende Kosten. Gleichzeitig wandern Werbekunden ins Netz ab – lokale Immobilienmakler und Restaurants schalten lieber bei Google und Instagram als in der Freitagsausgabe.
Die verbliebenen Redaktionen verlieren ihre Leser aber nicht nur an Social Media, sondern zunehmend an KI. Aufenthaltsrecht, Steuerfragen, Ausflugsziele – genau die Alltagsthemen, für die Deutsche in Spanien bisher zur Wochenzeitung griffen, werden heute gegoogelt oder von ChatGPT zusammengestellt. Bei Servicethemen mag das funktionieren.
Doch wo hört die nützliche Recherche auf, und wo beginnt die Desinformation? Für geopolitische Einordnung fehlen den kleinen Redaktionsteams schlicht die Ressourcen. Genau dort füllen WhatsApp-Gruppen und TikTok-Feeds die Lücke, in denen sich Gerüchte und Halbwahrheiten ungehindert verbreiten. KI-gestützte Recherche ist dabei nicht per se das Problem.
Die Gefahr lauert woanders: in Algorithmen, die nicht auf Wahrheit optimiert sind, sondern auf Verweildauer. In KI-generiertem Billig-Content – sogenanntem AI Slop –, der seriöse Artikel in den Suchergebnissen verdrängt. Und in Plattformen wie X, deren Geschäftsmodell darauf beruht, Nutzer möglichst lange zu binden, nicht möglichst gut zu informieren.
Spanien und die EU: Wie man Fake News erkennt
Spanien reagiert. Die Faktencheck-Plattform maldita.es gehört zu den aktivsten in Europa und arbeitet mit Meta zusammen. Newtral, gegründet von Journalistin Ana Pastor, prüft politische Aussagen in Echtzeit. Im Januar 2025 genehmigte der Nationale Sicherheitsrat eine Strategie gegen Desinformationskampagnen. Ein neuer Gesetzentwurf sieht Strafen von bis zu sechs Prozent des globalen Jahresumsatzes für Plattformen vor, die nicht gegen Falschinhalte vorgehen.
Doch Gesetze allein reichen nicht. Wer in Spanien lebt, kann sich mit einfachen Mitteln schützen. Erstens: die Quelle prüfen. Eine Nachricht ohne Autorenname, ohne Impressum, ohne Datum sollte misstrauisch machen. Maldita.es und Newtral.es bieten auf Spanisch schnelle Faktenchecks zu aktuellen Meldungen – auch wer die Sprache nur leidlich beherrscht, erkennt dort, ob ein Gerücht bereits widerlegt wurde. Zweitens: Bilder gegenchecken.
Die Google-Bilderrückwärtssuche oder Tools wie TinEye zeigen in Sekunden, ob ein Foto tatsächlich aktuell ist oder aus einem völlig anderen Kontext stammt – genau die Prüfung, die beim ZDF-Beitrag unterblieb. Drittens: den Algorithmus durchbrechen.
Wer sich bewusst aus verschiedenen Quellen informiert – etwa über die Apps von EFE oder El País neben den deutschsprachigen Portalen –, entkommt der Filterblase, die Plattformen wie X und TikTok konstruieren.
In einer Welt, in der das Weiße Haus unbelegte Behauptungen über Spanien aufstellt, KI-Bilder in Nachrichtensendungen landen und ein einzelner Milliardär den Algorithmus zweier zentraler Informationsquellen kontrolliert, ist gesunde Skepsis keine Option mehr. Sie ist Selbstschutz.
Der Autor
Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur, Politik, Umwelt und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.
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