El País: 50 Jahre für ein Spanien in Freiheit
Die Tageszeitung El País entstand vor 50 Jahren, wenige Monate nach dem Tod des Diktators Franco. Der Leiter war einer der angesehendsten Journalisten Spaniens. Hommage an eine Redaktion, die sich von Beginn an für die Freiheit der Gesellschaft eingesetzt hat und heute Millionen Follower weltweit mit Informationen versorgt.
von Tobias Büscher
Am 4. Mai 1976 erschien Spaniens erfolgreichste Tageszeitung zum ersten Mal. Und von Beginn an hatte sie kaum Abonnenten. Allenfalls Bibliotheken und Cafés schlossen ein Jahresabo ab. Der Grund: Die Zeitung war viel zu dick, sie passte in keinen Briefkasten.
Und so boomten die Zeitungskioske, die vor allem am Sonntag einen riesen Packen Papier wie am Fließband an die Kunden verkauften. Ende der 1980er Jahre habe ich selbst in Madrid während des Studiums gelebt und jeden Sonntag im Café Comercial die El País ausgebreitet. Lesestoff war das für Stunden, besonders gut die Beilage El País Semanal so dick wie der Stern, doch statt großer Fotos großartige Reportagen.
Faszinierend, dieses Blatt. Ich hatte immer gedacht, eine Nachricht müsse man sauber von einem Kommentar trennen, die Redakteure von El País dachten gar nicht daran.
Erfolg hatten und haben sie trotzdem. Zum 50jährigen Jubiläum organisiert El País das ganze Jahr 2026 über Veranstaltungen in den Kulturzentren Madrids sowie der eigenen Journalistenschule.
Das Land schon, aber eher progressiv als verstaubt
Direktor der Anfangsjahre war Juan Luis Cebrián (1944-2020), der die Tageszeitung von 1976 bis 1988 leitete. Vor allem der 23. Februar 1981 (siehe Aufmacherbild) bleibt in Erinnerung, als sein Blatt sich in Stellung brachte gegen die Putschisten, die das Parlament gestürmt hatten, um das alte Regime wieder zu etablieren.
El País heißt wörtlich Das Land. Die Zeitung war ein Wegbegleiter hin zur demokratischen Verfassung von 1978, zum Eintritt in die EU vor 40 Jahren, zum Recht auf Meinungsfreiheit, Privatsphäre und Respekt.
Normalerweise heißen Zeitungen Die Süddeutsche, Der Kurier, Die Region. Das Land heißt nur El País in Europa. Der Grund: Spanien war mehr als 100 Jahre tief gespalten, nicht erst seit der Franco-Diktatur: Anarchisten gegen Agrarbosse, Kleriker gegen Kohlearbeiter, Tradition gegen Moderne.
Deswegen gab es schon im 19. Jahrhundert Aufstände, im 20. Jahrhundert einen dreijährigen Bürgerkrieg gefolgt von einer jahrzehntelangen Diktatur, wegen der viele Schriftsteller und Maler nach Buenos Aires auswanderten.
Nach Francos Tod kamen sie zurück, und so einige von Ihnen bekamen Kolumnen in El País. Etablierte Zeitungen gab es längst: Diaro 16, La Vanguardia und ABC, später dann El Mundo (Die Welt).
Und auch sie begleiteten einen beachtlichen Wandel in Spanien: Innerhalb von nur drei Jahren wurden alle Parteien inklusive der Kommunisten legalisiert und die Transición auf den Weg gebracht, die Übergangszeit von der Diktator zur parlamentarischen Monarche. Spaniens Verfassung gilt deshalb als vorbildlich, besonders in Zeiten, in denen sich mächtige Oligarchen immer mehr daneben benehmen.
Viel Text, wenig Bilder, Aussichten für die Zukunft
Bereits in der ersten Ausgabe zeigte sich El País deutlich anders als die Konkurrenz. Weniger große Fotos, viel mehr Analysen. So ging es in der Ausgabe 4.5.1976 auch um die mögliche Aufnahme in die EU und die Frage, wie weit ein Handelsabkommen möglich sei. Ins Stocken geraten waren die Verhandlungen, weil Franco kurz vor seinem Tod noch im September 1975 sechs politische Häftlinge hinrichten ließ.
Und wie sieht die Zukunft jetzt aus? Redaktionen in Madrid, aber auch in lateinamerikanischen Ländern bedienen den Informationsdurst von 27 Millionen Followern (nach eigenen Angaben). Das ist im Vergleich zu einer Millionen verkauften Zeitungen am Sonntag vor 20 Jahren beachtlich.
Besonders im Fokus steht derzeit das Handelsabkommen mit Mercosur.
El País lese ich immer noch, allerdings nicht Stunden, sondern Minuten, abgelenkt von Telefonaten und Whatsapp-Nachrichten. Die Printausgabe könnte ich zwar auch abonnieren, aber die passt immer noch nicht in den Briefkasten.
Also, liebe Redakteure aus Madrid: Glückwunsch zu einem halben Jahrhundert wahrlich wichtiger Arbeit.







