Energie und Geopolitik: Spanien setzt auf die Sonne

Während die EU gerade Mini-Kernkraftwerke diskutiert und der Ölpreis durch die Ereignisse um die Straße von Hormus auf über 120 Dollar je Barrel schoss, liefert Spanien den Beweis: Ein Land, das konsequent auf erneuerbare Energien setzt, kann sich von geopolitischen Preiswellen abkoppeln – und seinen Bürgern gleichzeitig günstigeren Strom liefern. Das spart Milliarden. Ein Systemvergleich mit konkreten Zahlen.

Von Alexander Gresbek (Text und Illustrationen)

Der Moment, der alles erklärt: Es war der 16. April 2025, ein regulärer Arbeitstag. Spanien deckte seinen gesamten nationalen Strombedarf zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen: Windkraft lieferte 45,8 Prozent, Solar 27 Prozent, Wasserkraft 23,1 Prozent. Fünf Tage später, am 21. April, stellten Solaranlagen mit 20.120 Megawatt einen neuen Erzeugungsrekord auf. Solche Momentaufnahmen klingen wie PR-Material. Sie sind aber Symptome einer stillen Revolution, die Spanien seit 2019 vollzogen hat.

Diese Revolution hat seit dem 1. März 2026 weltpolitische Brisanz gewonnen. Die koordinierten US-israelischen Militäroperationen gegen den Iran haben den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus, durch die täglich rund 20 Millionen Barrel Öl fließen, weitgehend zum Erliegen gebracht. Brent-Rohöl schoss in der Spitze auf 120 Dollar je Barrel, auf den höchsten Stand seit vier Jahren. In nur einer Woche kletterte der Ölpreis um 34 Prozent.

Selbst nach der russischen Invasion in die Ukraine lag der höchste Wochenanstieg bei 25 Prozent. Während Millionen US-Amerikaner mit einem Benzinpreisanstieg von 23 Prozent binnen zwei Wochen an der Zapfsäule standen, ließ Donald Trump auf Truth Social eine bemerkenswerte Botschaft los: „The United States is the largest Oil Producer in the World, by far, so when oil prices go up, we make a lot of money." 

Noch einen Tag vor Kriegsbeginn hatte er in Corpus Christi stolz mit Spritpreisen unter 2,30 Dollar je Gallone geprahlt. Wen er mit „we" meinte, ließ er offen. Die Ölkonzerne profitieren, die arbeitende Bevölkerung zahlt drauf. 

Für deutsche Autofahrer, Heizöl-Abnehmer und energieintensive Unternehmen gilt dasselbe: Der Schock war real und schmerzhaft. Für Spaniens Haushaltskunden blieb er beim Strom – dem entscheidenden Indikator – weitgehend folgenlos. Weil Sonne und Wind kein Öl verbrauchen. Und weil ein Land, das seine Energieversorgung als strategische Infrastruktur begreift, nicht auf das Wohlwollen von Märkten und Machthabern angewiesen ist.

Die nackten Zahlen: Was Spanien anders macht

Spaniens Strommix 2024 bestand zu 56,8 Prozent aus erneuerbaren Energien – ein nationaler Rekord und der höchste Wert in Westeuropa für ein großes Industrieland. Deutschland erreichte im selben Jahr rund 62 Prozent, allerdings bei einem doppelt so großen Strommarkt. Absolut betrachtet hat Spanien seit 2019 mehr als 40 Gigawatt neue Wind- und Solarkapazität installiert – genauso viel wie Deutschland, bei halbem Marktvolumen. Relativ zum eigenen Bedarf hat Spanien damit schneller und entschlossener umgebaut.

Der Spareffekt ist konkret bezifferbar: Zwischen 2020 und 2024 vermied Spanien durch den Ausbau von Wind und Solar rund 26 Milliarden Kubikmeter Gasimporte – im Wert von 13,5 Milliarden Euro. Das ist fast fünfmal mehr als Spanien im selben Zeitraum in sein Übertragungsnetz investierte. Noch direkter formuliert es der Ember-Bericht vom März 2026: Das Wachstum von Wind- und Solarenergie hat den Einfluss teurer fossiler Kraftwerke auf den spanischen Strompreis seit 2019 um 75 Prozent verringert. Spanische Haushaltskunden zahlten 2024 rund 24 Cent je Kilowattstunde – deutsche Haushalte im Schnitt zwischen 31 und 38 Cent, abhängig vom Tarif.

Den Kohleausstieg hat Spanien still vollzogen: Im August 2025 speiste das Land erstmals keinen einzigen Watt aus Kohlekraftwerken mehr ins Netz – nicht wegen eines Verbots, sondern weil Solar- und Windstrom schlicht günstiger sind. Der Markt erledigte, wofür anderswo Gesetze nötig sind. 

Doch Markt allein reicht nicht: Erneuerbare Energie braucht ein Netz, das volatile Einspeisung managen kann. Spaniens staatlicher Netzbetreiber Red Eléctrica hat diese Lektion früh verinnerlicht und die jährlichen Netzinvestitionen von rund 400 Millionen auf 1,1 Milliarden Euro im Jahr 2025 gesteigert – für 2026 sind 1,4 Milliarden geplant. Der Staat behandelt Netzausbau als strategische Infrastrukturaufgabe, nicht als Marktproblem.

Atomkraft in Spanien: Pragmatismus mit politischem Gegenwind

Dabei ist Spaniens Energie-Erfolg keineswegs nur eine Anti-Atom-Geschichte. Die Realität ist komplizierter – und gerade deshalb interessant.
Aktuell betreibt Spanien noch sieben Kernkraftwerke an fünf Standorten mit einer Nettoleistung von 7.117 Megawatt. Im Jahr 2024 lieferten sie rund 20 Prozent des gesamten Stroms – damit war Kernkraft nach den Erneuerbaren der zweitwichtigste Energieträger des Landes. Alle Anlagen wurden in den 1970er und 1980er Jahren gebaut; der älteste Reaktor, Almaraz-1, ging 1981 in Betrieb.

Der Abschaltplan wurde bereits 2019 unter breitem politischen Konsens vereinbart und Ende 2023 durch konkrete Daten präzisiert: Zwischen 2027 und 2035 werden alle sieben Reaktoren sukzessive vom Netz genommen. Den Auftakt macht Almaraz-1 im November 2027, als letztes folgt Trillo-1 im Mai 2035. Für Entsorgung und Rückbau veranschlagt die Regierung 20,2 Milliarden Euro.

Doch der Plan ist politisch angefochten. Im Februar 2025 votierte das Unterhaus mit knapper Mehrheit für eine Laufzeitverlängerung. Im Oktober 2025 beantragten die Energiekonzerne Iberdrola, Endesa und Naturgy die Verlängerung der beiden Almaraz-Blöcke um rund drei Jahre bis 2030.

Die politischen Fronten verlaufen klar: Die konservative Volkspartei und die Rechtsparteien fordern eine Überprüfung des Ausstiegs, Premierminister Sánchez hält am Plan fest. Eines steht außer Frage: Neue Kernkraftwerke plant Spanien nicht. Und kleine modulare Kernreaktoren (SMRs), die in Brüssel und Berlin gerade heiß diskutiert werden, spielen in der spanischen Energiepolitik bislang keine Rolle.

Die Mini-AKW-Debatte: Europas nuklearer Richtungswechsel

Am 10. März 2026 präsentierte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen beim zweiten Kernenergie-Gipfel in Paris eine neue europäische Strategie für diese sogenannten Small Modular Reactors (SMR). Ihre Botschaft war eindeutig: Europa will die Kernkraft zurück.

SMRs sind modulare Reaktoren mit typisch 20 bis 300 Megawatt Leistung – weit weniger als die 1.000 Megawatt herkömmlicher Großkraftwerke. Ihre Bauteile sollen werksseitig vorgefertigt und zur Baustelle transportiert werden, was Bauzeiten und Kosten reduzieren soll. Die EU-Kommission plant eine Gesamtkapazität von 17 bis 53 Gigawatt bis 2050 und mobilisiert für den Start 200 Millionen Euro an Investitionsgarantien. 

Elf EU-Länder hatten bereits 2024 eine Erklärung unterzeichnet, die Kernenergie als Wegbereiter für Energiesicherheit begrüßt: Belgien, Bulgarien, Kroatien, Tschechien, Finnland, Frankreich, Ungarn, Italien, die Niederlande, Polen und Schweden. Polen baut sein erstes SMR in Włocławek, Tschechien hat einen Vertrag mit Rolls-Royce SMR unterzeichnet.

Deutschland bleibt außen vor – und ist damit in einer merkwürdigen Lage: Dieselbe Von der Leyen, die als Verteidigungsministerin im Merkel-Kabinett den deutschen Atomausstieg klaglos mittrug, erklärt nun in Paris, es sei ein strategischer Fehler Europas gewesen, sich von einer verlässlichen kohlenstoffarmen Energiequelle abzuwenden.

Friedrich Merz plädiert für SMRs als langfristige Option, gibt aber zu, dass eine Rückkehr zur klassischen Kernkraft mit den abgerissenen deutschen Anlagen illusorisch ist.

Was Kritiker zu SMRs sagen

Das Öko-Institut kommt zu dem Schluss, dass wirtschaftliche Skalierung erst ab rund 3.000 produzierten Einheiten realistisch wäre – eine Zahl, die auf absehbare Zeit unerreichbar bleibt. Früheste kommerzielle Verfügbarkeit: Anfang der 2030er-Jahre. Spaniens Renewables-Ausbau ist heute schon Realität.

Warum tut sich Deutschland so schwer?

Deutsche Haushaltskunden zahlten im ersten Halbjahr 2025 laut Eurostat im Schnitt rund 38 Cent je Kilowattstunde – einer der höchsten Werte in Europa. In Spanien liegt der Vergleichswert bei rund 24 Cent. Rund 60 Prozent des deutschen Haushaltstrompreises entfallen dabei gar nicht auf die eigentliche Stromerzeugung, sondern auf Netzentgelte, Steuern, Abgaben und Umlagen.

Seit dem Jahr 2000 haben sich die deutschen Haushaltsstrompreise mehr als verdoppelt. Seit Januar 2026 subventioniert die Bundesregierung den Industriestrompreis erstmals direkt – energieintensive Unternehmen erhalten bis zu 50 Prozent ihres Jahresverbrauchs zu fünf Cent je Kilowattstunde. 

Ein stilles Eingeständnis, dass der freie Markt allein kein wettbewerbsfähiges Preisniveau herstellt.

Das Netz als Flaschenhals

Deutschlands Erneuerbare-Ausbau ist schneller als sein Netzausbau. Windarme Phasen – Dunkelflauten – treffen das System hart, weil Speicherkapazitäten fehlen und die notwendigen Hochspannungstrassen von Nord nach Süd noch im Bau sind. 

Dazu kommt ein strukturelles Problem: Der Umbau der Wärmeversorgung, der Industrie und des Verkehrs – also der eigentliche Kern einer vollständigen Energiewende – stagniert. Zu hohe Strompreise für Wärmepumpen, fehlende Ladeinfrastruktur, zögerliche Industrieumrüstung: All das bremst den Gesamtumbau, den Spanien im Stromsektor bereits weit vorangetrieben hat.

Bürokratie und Föderalismus als Bremse

Spanien genehmigt Wind- und Solarparks in vergleichsweise kurzen Zeitfenstern. Deutschland kämpft mit einem der komplexesten Planungsrechtssysteme Europas: mehrstufige Genehmigungsverfahren, Klagen von Anwohnern und Umweltverbänden, politische Widerstände auf Landesebene. 

Eine Kilowattstunde Windstrom produziert sich in Bayern schlicht nicht, weil es die landespolitischen Rahmenbedingungen nicht zulassen – unabhängig von Bundesgesetzen. Diese föderale Fragmentierung hat Deutschland im letzten Jahrzehnt wertvolle Zeit gekostet.

Was der Ölpreisschock beweist

Der aktuelle Ölpreisschock durch den Iran-Krieg liefert den praktischen Stresstest für beide Energiesysteme. Brent-Rohöl erreichte in der Spitze 120 Dollar je Barrel – das höchste Niveau seit vier Jahren, mit einem Wochenanstieg von 34 Prozent. Die Internationale Energiebehörde sah sich zu einer Rekordfreigabe aus den strategischen Reserven gezwungen: mehr als 400 Millionen Barrel, mehr als beim Ukraine-Krieg 2022. Deutschland gab Teile seiner nationalen Ölreserven frei.

Für Spaniens Strommarkt blieben die unmittelbaren Auswirkungen begrenzt. Das ist kein Zufall, sondern Systemarchitektur: Ein Strommix, der zu über 56 Prozent aus Sonne, Wind und Wasser besteht, ist strukturell entkoppelt von Ölpreisen. Jeder zusätzliche Prozentpunkt erneuerbarer Energie ist eine stille Versicherungspolice gegen geopolitische Preiswellen. Ein einmal gebautes Windrad muss nicht täglich neu gekauft werden – anders als Rohöl aus dem Persischen Golf.

Für Deutschland, dessen Industrie- und Heizkosten stärker fossil geprägt bleiben, ist jeder neue Schock aus der Region ein Argument mehr für den konsequenten Umbau. Die SMR-Strategie der EU-Kommission gibt darauf eine Antwort, die frühestens in zehn Jahren wirksam werden kann. Spaniens Erneuerbare-Strategie gibt heute schon eine Antwort.

Was beide Seiten voneinander lernen können

Spaniens Stärke liegt in der Konsequenz: schneller und pragmatischer Ausbau, ein Staat, der Netzinfrastruktur als strategische Aufgabe begreift, und ein Strommix, der heute schon weniger anfällig für geopolitische Schocks ist. Das ist keine Ideologie, sondern Industriepolitik.

Spaniens strukturelle Schwäche liegt in der Netzanbindung: Die Iberische Halbinsel ist über nur drei Hochspannungsleitungen mit dem europäischen Verbundnetz verbunden – ein Insel-Paradox, das die Exportkapazität für überschüssigen Erneuerbaren-Strom begrenzt und die Netzstabilität bei extremen Lastspitzen erschwert. Bessere Interkonnektoren nach Frankreich bleiben eine strategische Notwendigkeit. 

Auch die Frage der Grundlastversorgung nach dem vollständigen Atomausstieg 2035 ist noch nicht vollständig gelöst – Gaskraftwerke spielen noch immer eine Pufferrolle.

Deutschland hat trotz aller Probleme reale Stärken: das weltweit größte Offshore-Windpotenzial in der Nordsee, Speichertechnologien, die tiefste Fertigungstiefe im Maschinen- und Anlagenbau für Erneuerbare-Technologien – und wenn die Bürokratie nicht blockiert, eine einzigartige Ingenieurskompetenz. 

Wer SMRs als deutsche Zukunftsoption ernsthaft diskutiert, sollte dabei nicht vergessen: Spanien beweist, dass mit konsequentem Solar- und Windausbau ein Industrieland bereits heute dekarbonisieren kann – ohne auf Mini-Reaktoren zu warten, die frühestens Anfang der 2030er-Jahre kommerziell verfügbar sein werden.

Fazit: Spanien hat den Stromsektor gewonnen

Die Faktenlage ist eindeutig: Spanien erzeugt seinen Strom sauberer, günstiger und mit deutlich weniger Abhängigkeit von geopolitischen Preiswellen als Deutschland.

Günstigerer Strom für Haushalte, 13,5 Milliarden Euro gesparte Gasimporte, Kohleausstieg vollzogen – das sind keine Versprechen, sondern Ergebnisse. Der Iran-Schock hat diesen Vorsprung in Echtzeit sichtbar gemacht.

Das bedeutet nicht, dass Spaniens Weg einfach auf Deutschland übertragbar ist. Deutschland ist ein größeres, industriell tiefer verflochtenes Land mit einem anderen Strommix, einer anderen Geographie und einem anderen politischen System. Der föderale Bremsklotz beim Netzausbau, die komplexere industrielle Transformation und die höheren Anforderungen an Versorgungssicherheit sind echte Herausforderungen – keine Ausreden.

Die eigentliche Frage lautet nicht: Kernkraft oder Solar? Sie lautet: Wie lange leistet sich Deutschland noch die strukturellen Blockaden, die den Ausbau verzögern – während Öl aus dem Persischen Golf zum geopolitischen Spielball wird.

Spanien hat 2025 bewiesen, dass ein ganzes Land einen Arbeitstag mit 100 Prozent erneuerbarem Strom bestreiten kann. Deutschland hat 2026 bewiesen, dass es den Industriestrompreis staatlich subventionieren muss, damit die Wirtschaft nicht weiter schrumpft.

Beide Wahrheiten sagen mehr über die Zukunft des europäischen Energiesystems als jede SMR-Strategie aus Brüssel.

Der Autor

Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur, Politik, Umwelt und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.

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