Brennpunkt: Klimawandel in Spanien

Europa erwärmt sich doppelt so schnell wie der Rest der Welt. Das zeigt der neue Copernicus-Klimabericht, veröffentlicht am 29. April 2026. Spanien trifft es besonders hart: Rekordbrände, extreme Dürre, tödliche Sturzfluten und Hitzewellen mit über 45 Grad Celsius zeichnen das Bild eines Landes, das sich gleichzeitig gegen den Klimawandel stemmt und unter ihm leidet.

von Alexander Gresbek (Text und Illustrationen)

Ein Kontinent im Schnelldurchlauf: Europa ist der Kontinent, der sich weltweit am schnellsten erwärmt. Die Temperaturen steigen seit 30 Jahren um rund 0,56 Grad Celsius pro Jahrzehnt – mehr als doppelt so viel wie der globale Durchschnitt von 0,27 Grad. Nur die Arktis erwärmt sich noch schneller.

Im Vergleich zum vorindustriellen Niveau liegt Europa inzwischen rund 2,5 Grad über dem Ausgangswert. 2025 verzeichneten mindestens 95 Prozent des Kontinents überdurchschnittliche Temperaturen. Das geht aus dem European State of the Climate Report 2025 (ESOTC) hervor, den der Copernicus Climate Change Service (C3S) und die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) am 29. April 2026 gemeinsam veröffentlicht haben.

Die Zahlen sind keine Abstraktion. Im subarktischen Fennoskandien, also in Teilen Norwegens, Schwedens und Finnlands, hielt eine Hitzewelle 21 Tage lang an und trieb die Temperaturen jenseits des Polarkreises über 30 Grad Celsius. In der Türkei wurde erstmals die 50-Grad-Marke geknackt. Waldbrände vernichteten europaweit über eine Million Hektar, die größte je gemessene Fläche.

Der Mechanismus hinter diesen Zahlen ist physikalisch simpel: Sonnenstrahlung erreicht die Erdoberfläche, wird dort teilweise in Wärme umgewandelt und als Infrarotstrahlung zurück ins All reflektiert. Treibhausgase wie CO₂ und Methan in der Atmosphäre fangen einen Teil dieser Strahlung ab und halten die Wärme in der Atmosphäre fest. Je höher die Konzentration dieser Gase, desto mehr Energie bleibt im System. 

Der CO₂-Gehalt der Atmosphäre liegt aktuell bei über 420 ppm (parts per million), dem höchsten Wert seit mindestens 800.000 Jahren. Europa trifft es besonders, weil Rückkopplungseffekte die Erwärmung verstärken: Schmelzendes Eis und Schnee legen dunklere Oberflächen frei, die mehr Wärme aufnehmen statt sie zu reflektieren.

Spanien: Labor für den Klimawandel

Kein EU-Land erlebt die Folgen der Erderwärmung so direkt und vielfältig wie Spanien. Die Iberische Halbinsel liegt in einer der empfindlichsten Klimazonen des Planeten. Laut dem spanischen Umweltministerium (Ministerio para la Transición Ecológica Ministerio para la Transición Ecológica y el Reto Demográfico) erwärmt sich das Land 1,6-mal schneller als der globale Durchschnitt.

Die Folgen zeigten sich 2024 und 2025 in brutaler Deutlichkeit. Am 29. Oktober 2024 töteten Sturzfluten in der Region Valencia mindestens 223 Menschen. Eine DANA (Depresión Aislada en Niveles Altos) hatte innerhalb weniger Stunden eine Jahresniederschlagsmenge über der Region abgeladen. 

Eine Attributionsstudie, veröffentlicht in Nature Communications, zeigte: Die Erderwärmung verstärkte die Regenintensität um 21 Prozent und vergrößerte das betroffene Gebiet um 56 Prozent. Fast eine Million Menschen waren betroffen, 15.000 verloren ihr Zuhause, die wirtschaftlichen Schäden überstiegen 50 Milliarden Euro.

Der Sommer 2025 war der heißeste seit Beginn der Aufzeichnungen, mit einem Durchschnitt von 24,2 Grad Celsius. In Jerez de la Frontera kletterte das Thermometer am 17. August auf 45,8 Grad. Die Hitzewelle dauerte 16 Tage und war laut AEMET die intensivste, die je in Spanien gemessen wurde. Mehr als 1.100 Hitzetote registrierte das Instituto de Salud Carlos III allein für diese Periode.

Dann kamen die Brände. Seit Jahresbeginn 2025 verbrannten in Spanien über 380.000 Hektar, fast das Fünffache des Jahresdurchschnitts. Galicien, Kastilien-León, Extremadura, Asturien: Die Feuer fraßen sich durch den Nordwesten und das Zentrum. Eine WWA-Studie ergab, dass der Klimawandel die Wetterbedingungen, die solche Brände begünstigen, 40-mal häufiger und 30 Prozent intensiver gemacht hat als vor der Industrialisierung.

Der neue ESOTC-Bericht liefert ein weiteres Detail: Süd- und Ostspanien verzeichneten 2025 bis zu 50 zusätzliche Tage mit Hitzestress, also mit einer gefühlten Temperatur über 32 Grad Celsius.

Zu wenig Wasser, zu viel Wasser

Spanien steht zwischen zwei Extremen. Auf der einen Seite die Dürre: In Katalonien fielen die Wasserreserven im Februar 2024 auf unter 16 Prozent. Barcelona und über 200 Gemeinden standen unter Dürre-Notstand. Sechs Millionen Menschen waren von strikten Einschränkungen betroffen.

Die Landwirtschaft, die rund 80 Prozent des spanischen Süßwassers verbraucht, litt massiv. Bauern ließen die Frühjahrsaussaat ausfallen, Olivenernten fielen zwei Jahre in Folge komplett aus.

Auf der anderen Seite die Flut. Katalonien erlebte im März 2025 den nassesten Monat des Jahrhunderts, nachdem es jahrelang viel zu trocken gewesen war. Die DANA-Katastrophe von Valencia zeigte die tödliche Dynamik: Ausgedörrte Böden können Wasser kaum aufnehmen, überflutete Trockenflussbetten (ramblas) verwandeln sich in Minuten in reißende Ströme.

75 Prozent des spanischen Territoriums gelten als gefährdet für Desertifikation. Barcelona und Mallorca könnten laut einer Studie des Copernicus-Dienstes bis 2050 wüstenähnliches Klima erreichen. In Andalusien, dem Tourismusmagneten, fiel der Niederschlag im November 2025 um 40 Prozent unter den Normalwert.

Was Spanien dagegen tut

Spanien gehört innerhalb der EU zu den aktiveren Akteuren beim Klimaschutz. Bereits 2019 sprang die Regierung Sánchez kurzfristig als Gastgeber der COP25 in Madrid ein, nachdem Chile die Ausrichtung wegen sozialer Unruhen abgesagt hatte. Im Climate Change Performance Index (CCPI) 2026 belegt das Land Platz 14 und stieg damit fünf Plätze nach oben. Erneuerbare Energien deckten 2025 bereits 56 Prozent der Stromerzeugung. Die Wachstumsraten bei Solar- und Windkraft erreichten erneut Rekordwerte.

Der aktualisierte Nationale Energie- und Klimaplan (PNIEC 2023–2030) sieht vor, bis 2030 den Anteil erneuerbarer Energien am Strommix auf 81 Prozent zu heben, die Treibhausgasemissionen um 32 Prozent gegenüber 1990 zu senken und die Energieunabhängigkeit auf 50 Prozent zu steigern. Das Klimagesetz von 2021 (Ley de Cambio Climático y Transición Energética) schreibt ein zu 100 Prozent erneuerbares Stromsystem bis 2050 vor.

Bei der Anpassung an den Klimawandel investiert Spanien in Entsalzungsanlagen (Barcelona betreibt seine zwei Anlagen seit der Dürre auf über 80 Prozent Kapazität), ein landesweites Netz von Klimaschutzräumen in öffentlichen Gebäuden und verbesserte Frühwarnsysteme nach dem DANA-Desaster. 

Die Regierung Sánchez stellte 10,6 Milliarden Euro Soforthilfe nach der Valencia-Flut bereit und brachte im Dezember 2024 ein bezahltes Klimaurlaubs-Gesetz auf den Weg, das Beschäftigten bis zu vier Tage Freistellung bei Wetternotfällen erlaubt.

Doch es gibt Widersprüche. Der große Stromausfall im April 2025, bei dem Millionen Menschen zeitweise ohne Elektrizität waren, wurde von Teilen der Industrie und politischen Rechten genutzt, um eine Rückkehr zu Gas- und Atomkraftwerken zu fordern. 

In ländlichen Gebieten des „España vacía“ wächst der Widerstand gegen Windparks und Solarfelder, die das Landschaftsbild prägen. Und die Budgets für Waldbrandbekämpfung sind laut Greenpeace zwischen 2009 und 2025 von 1,74 auf 1,30 Milliarden Euro gesunken, die reine Prävention von 364 auf 176 Millionen.

Wer bremst, wer treibt voran?

Die globale Klimapolitik ist ein Machtkampf. Auf der einen Seite stehen Länder, die den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen beschleunigen wollen. Bei der COP30 in Belém (November 2025) unterstützten mehr als 80 Staaten den brasilianischen Vorschlag einer Roadmap zum Ausstieg aus fossilen Energieträgern.

Kolumbien und die Niederlande veranstalten im April 2026 die erste internationale Konferenz zum Fossil-Fuel-Phaseout, an der sich inzwischen 85 Länder beteiligen. 18 Staaten unterstützen einen verbindlichen Fossil Fuel Treaty.

Auf der anderen Seite: Blockade. Beim COP30-Gipfel verhinderten Saudi-Arabien, Russland, China und Indien die Aufnahme einer Phaseout-Roadmap in die Abschlusserklärung. Das Wort „fossile Brennstoffe“ taucht im finalen Text nicht auf. 1.600 Lobbyisten der fossilen Industrie waren in Belém registriert, einer von 25 Teilnehmern.

Die Daten zeigen ein klares Muster: Vier Länder des Globalen Nordens – die USA, Kanada, Australien und Norwegen – haben ihre Öl- und Gasproduktion seit dem Pariser Abkommen 2015 um fast 40 Prozent gesteigert. In der restlichen Welt sank die Produktion im selben Zeitraum um zwei Prozent.

Die Rolle Trumps: Sabotage mit System

Die Vereinigten Staaten unter Präsident Donald Trump spielen eine Sonderrolle. Das Land ist nach China der zweitgrößte Emittent von Treibhausgasen und war lange Motor internationaler Klimadiplomatie. Unter Trump ist es zum größten Hindernis geworden.

Am ersten Tag seiner zweiten Amtszeit, dem 20. Januar 2025, unterzeichnete Trump den Rückzug der USA aus dem Pariser Klimaabkommen. Am 27. Januar 2026 wurde der Austritt offiziell wirksam. Am 7. Januar 2026 ging Trump noch weiter: Per Memorandum ordnete er auch den Rückzug aus dem UNFCCC-Rahmenvertrag und dem IPCC an, den Grundpfeilern der internationalen Klimaarchitektur seit 1992. Die USA sind das erste und einzige Land, das diesen Schritt angekündigt hat.

Innerhalb der USA ist der Abbau von Klimaschutz systematisch. Im Februar 2026 erklärte die EPA die Aufhebung des sogenannten Endangerment Finding zur „größten Deregulierung in der Geschichte der USA“. Diese Feststellung von 2009 war die Rechtsgrundlage für alle bundesweiten Regulierungen von Treibhausgasen. Die EPA argumentiert, dass US-Emissionen nicht genug zum globalen Klimawandel beitragen, um Regulierungen zu rechtfertigen – eine Argumentation, die wissenschaftlich unhaltbar ist, angesichts eines Anteils von rund 14 Prozent an den globalen CO₂-Emissionen.

Die Demontage geht weiter: Klimastandards für Fahrzeuge, Kohlekraftwerke und die Öl- und Gasindustrie werden aufgehoben oder abgeschwächt. Das Energieministerium strich Wörter wie „climate change“, „emissions“ und „decarbonization“ von der internen Sprachliste. Das Gesundheitsministerium feuerte sein Forschungsteam für Extremhitze. Das Innenministerium verwendet 982 Millionen Dollar Steuergelder, um den französischen Konzern TotalEnergies für die Kündigung von Offshore-Windprojekten zu entschädigen – mit der Auflage, das Geld in fossile Projekte zu investieren.

International strich Trump die US-Finanzzusagen für den Green Climate Fund, die Just Energy Transition Partnerships mit Südafrika, Indonesien und Vietnam sowie die Beiträge zum Adaptation Fund. Allein die gekündigten JETP-Zusagen umfassten über vier Milliarden Dollar. Die USA schickten 2025 keine Delegation zur COP30.

Die Folgen reichen über die USA hinaus. Andere Industrieländer haben ihre eigenen Klimafinanzierungszusagen ebenfalls gekürzt. Die gesamte Entwicklungshilfe (ODA), aus der der Großteil der Klimafinanzierung stammt, sank 2024 um 9 Prozent und wird 2025 voraussichtlich um weitere 9 bis 17 Prozent fallen. Das Vakuum, das die USA hinterlassen, füllt sich nicht von selbst.

Was das für Spanien bedeutet

Für ein Land wie Spanien, das an vorderster Front des Klimawandels steht, ist Trumps Politik eine doppelte Bedrohung. Die physischen Auswirkungen der Erderwärmung treffen Spanien unmittelbar: Jede weitere Verzögerung beim Emissionsabbau verschärft Dürren, Hitzewellen und Brandgefahr auf der Iberischen Halbinsel. Experten schätzen die wirtschaftlichen Schäden durch Extremwetter in Spanien für 2025 auf 12,2 Milliarden Euro, bis 2029 könnten sie auf 34,8 Milliarden Euro steigen.

Gleichzeitig verliert das Pariser Abkommen ohne die USA an Durchsetzungskraft und Finanzierung. Die EU und Spanien stehen unter Druck, die entstandenen Lücken selbst zu schließen, was angesichts steigender Verteidigungsausgaben und multipler Krisen eine politische Herausforderung ist.

Samantha Burgess, Strategische Leiterin für Klima beim Copernicus-Dienst, fasste es bei der Vorstellung des ESOTC-Berichts am 29. April 2026 in einen Satz: Der Klimawandel ist keine zukünftige Bedrohung, sondern die Gegenwart, in der Europa bereits lebt.

Quellen

Copernicus Climate Change Service/ECMWF: European State of the Climate 2025 (29.4.2026)
World Meteorological Organization
World Weather Attribution: Attributionsstudie zu Bränden Iberische Halbinsel (September 2025)
Nature Communications: Attributionsstudie Valencia-Flut (Februar 2026)
Climate Change Performance Index 2026 (Germanwatch)
Oil Change International: Planet Wreckers Report (Oktober 2025)
Real Instituto Elcano
Euronews
Carbon Brief
NPR
Amnesty International
Europäisches Parlament
Ministerio para la Transición Ecológica (PNIEC)
AEMET
Instituto de Salud Carlos III
US EPA
World Resources Institute: COP30 Analysis

Der Autor

Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur, Politik, Umwelt und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.

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