Spanien als Vorreiter in der Energiepolitik

Erneuerbare Energien haben Spanien innerhalb weniger Jahre zur Öko-Supermacht Europas gemacht. In der Wind- und Solarenergie geht es zügiger voran als in anderen EU-Ländern. Die Iberer produzieren mehr Strom als sie verbrauchen. Doch der Boom hat auch seine Schattenseiten.

von Alexander Gresbek (Text und Illustrationen)

Den Boom bemerken auch Urlauber. Während 2024 bereits 57 Prozent des Stroms aus Sonne und Wind stammen, profitieren Reisende von Europas niedrigsten Strompreisen, einem rasant wachsenden E-Ladenetz und Hotels, die ihre Klimaanlagen zunehmend mit Sonnenstrom betreiben.

Was einst als politisches Ziel galt, ist heute im Alltag spürbar: Spanien zeigt, wie die Energiewende funktioniert.

Vom Krisenland zum Stromexporteur: Spaniens grüne Revolution

Madrid – Als 2022 Russlands Krieg gegen die Ukraine die europäischen Energiemärkte erschütterte, bewies Spanien eine Resilienz, die viele überraschte. Während Deutschland um Gaslieferungen bangte, setzte die Iberische Halbinsel bereits auf einen anderen Kurs. Erneuerbare Energien in Spanien machten das möglich: Nur acht Prozent der Energie kam aus Russland, verglichen mit 24 Prozent im EU-Durchschnitt.

Die wahre Herausforderung kam allerdings aus einer anderen Richtung. Im November 2021 schloss Algerien die Maghreb-Europa-Gaspipeline durch Marokko – ein politischer Schachzug, der Spaniens Gasversorgung bedrohte.

Export von rund 10 Terawatt-Stunden

Die Antwort war so unkonventionell wie effektiv: Die sogenannte Iberische Ausnahme, ein mit der EU verhandelter Gaspreisdeckel, verschaffte spanischen Haushalten Ersparnisse von über fünf Milliarden Euro.

Gleichzeitig beschleunigte die Regierung den Ausbau der Erneuerbaren mit einer Vehemenz, die selbst optimistische Prognosen übertraf. Heute ist das Ergebnis beeindruckend: Spanien produziert mehr Strom als es verbraucht, und exportiert jährlich rund 10 Terawatt-Stunden nach Portugal, Frankreich und sogar Marokko. Die installierte Kapazität für Solarenergie hat sich seit 2020 vervierfacht, Windkraft liefert konstant ein Fünftel des gesamten Stroms.

Im August 2025 erreichte das Land einen historischen Meilenstein: den ersten Monat komplett ohne Kohleverstromung.

Warum Spaniens Sonne Deutschland alt aussehen lässt

Die geografischen Voraussetzungen könnten kaum besser sein. Während deutsche Solaranlagen jährlich etwa 900 bis 1.100 Kilowattstunden pro installiertem Kilowatt erzeugen, schafft eine vergleichbare Anlage in Südspanien spielend 1.700 bis 2.100 Kilowattstunden. Die Provinz Huelva in Andalusien verzeichnet über 3.500 Sonnenstunden pro Jahr – fast doppelt so viel wie Berlin.

Mehr Sonnen an der Sonnenküste

Diese natürliche Ressource wird mittlerweile systematisch genutzt. Mit 32 Gigawatt installierter Solarkapazität liegt Spanien europaweit auf Platz zwei, nur knapp hinter Deutschland. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Die Effizienz ist deutlich höher. Eine Photovoltaikanlage auf einem Hotel an der Costa del Sol produziert 50 bis 70 Prozent mehr Strom als eine identische Anlage in München.

Doch Solarenergie ist nur die halbe Geschichte. Windkraft spielt eine ebenso wichtige Rolle in Spaniens Energiemix. Die Regionen Kastilien-León, Aragón und Galicien – weitläufige, dünn besiedelte Gebiete mit starken Windverhältnissen – produzieren über die Hälfte der spanischen Windenergie.

Im Jahr 2024 wurden allein 7,3 Gigawatt neue Kapazitäten installiert, ein Rekord, der selbst ehrgeizige Regierungspläne überflügelte.

Was der grüne Strom für Ihren Geldbeutel bedeutet

Für Spanien-Urlauber übersetzt sich die Energiewende in handfeste finanzielle Vorteile. Die Strompreise liegen etwa 32 Prozent unter dem deutschen Niveau. Ein durchschnittlicher Haushalt zahlt rund 24 bis 26 Cent pro Kilowattstunde, während deutsche Verbraucher 38 bis 39 Cent berappen müssen. Wer eine Ferienwohnung mit separater Stromabrechnung mietet, profitiert direkt von dieser Preisdifferenz.

Besonders spürbar wird der Unterschied bei intensiver Klimaanlagennutzung im Hochsommer. Während die Mittagshitze in Andalusien oder València oft unerträglich wird, stammt der Strom für die Kühlung zunehmend aus der gleichen Sonne, die das Problem verursacht.

Kostenfrei kühlen

Hotels und Ferienwohnungen mit Solaranlagen auf dem Dach – ein immer häufigerer Anblick – können mittags praktisch kostenfrei kühlen, wenn die Photovoltaik-Produktion ihren Höhepunkt erreicht.

Zudem hat Spaniens Position als Nettoexporteur von Strom die Preise stabilisiert. Anders als in Deutschland, wo volatile Importabhängigkeiten die Kosten treiben, profitiert Spanien von Überkapazitäten. An besonders windigen oder sonnigen Tagen sinken die Großhandelspreise teilweise auf null oder werden sogar negativ – ein Phänomen, das sich in moderaten Verbrauchertarifen niederschlägt.

E-Auto-Reisen: Spaniens Ladenetz wächst rasant

Die Infrastruktur für Elektromobilität entwickelt sich parallel zur Stromerzeugung. Über 37.000 öffentliche Ladepunkte sind mittlerweile landesweit verfügbar, mit besonders dichter Abdeckung in Madrid, Katalonien, València und Andalusien. Der spanische Energieriese Iberdrola hat dabei die Führung übernommen und betreibt mehr als 10.000 öffentliche Ladestationen – die meisten davon mit Schnellladetechnologie.

Entlang der Hauptverkehrsachsen wie Madrid-Barcelona, Valencia-Alicante oder Sevilla-Málaga ist das Laden unproblematisch. Internationale Routen wie die Verbindung von der französischen Grenze bis zur Algarve in Portugal sind ebenfalls gut erschlossen.

Allerdings zeigen sich in ländlichen Gebieten und auf den Balearen noch Lücken. Wer mit dem E-Auto die Sierra Nevada erkunden oder abgelegene Dörfer in Kastilien besuchen möchte, sollte die Route sorgfältig planen.

Apps zum Auffinden der Ladestationen

Die gängigsten Apps für Ladestationen sind Iberdrola Public Recharging, ElectroMaps und Endesa X. Alle drei bieten Echtzeitinformationen über Verfügbarkeit, Ladegeschwindigkeit und Preise. Ein praktischer Tipp: Viele Hotels und Ferienwohnungen werben mittlerweile mit eigenen Ladepunkten – eine Recherche vor der Buchung lohnt sich.

Dennoch bleibt ein Wermutstropfen: Der Verkehrssektor hinkt bei der Energiewende deutlich hinterher. Während die Stromerzeugung grün wird, dominieren im Straßenverkehr weiterhin fossile Brennstoffe. Nur etwa fünf Prozent der Neuzulassungen sind elektrisch – deutlich weniger als in Norwegen, Deutschland oder den Niederlanden.

Die Schattenseiten des Öko-Booms

Der rasante Ausbau erneuerbarer Energien hat eine Kehrseite, die besonders in ländlichen Regionen sichtbar wird. Die sogenannte "España Vaciada" – das entleerte Spanien – wehrt sich zunehmend gegen großflächige Solar- und Windparks. Provinzen wie Teruel, Soria und Cuenca, mit nur acht Einwohnern pro Quadratkilometer, fühlen sich als "Opfergebiete" für den Energiehunger der Metropolen.

Die Protestbewegung ALIENTE, ein Zusammenschluss von über 175 lokalen Bürgerinitiativen, kritisiert einen "Energie-Kolonialismus". Während 84 Prozent der erneuerbaren Energie auf dem Land produziert werden, fließen die Gewinne an Großkonzerne in Madrid oder internationale Investoren. Kompensationsmechanismen für betroffene Gemeinden – wie sie bei Atomkraftwerken selbstverständlich sind – fehlen weitgehend.

Vogelfalle Windturbinen

Auch Naturschützer schlagen Alarm. Die Vogelschutzorganisation SEO/BirdLife dokumentierte 2023 über 2.200 tote Vögel und Fledermäuse unter Windturbinen. Besonders betroffen sind seltene Greifvögel wie der Bartgeier, dessen mühsam wiederangesiedelte Population durch Kollisionen mit Rotorblättern gefährdet wird. In Galicien wurden mehr als 27 Windprojekte gerichtlich gestoppt, weil Umweltprüfungen unzureichend waren.

Die Lösung liegt vermutlich in besserer Planung und technologischen Innovationen. Das spanische DTBird-System beispielsweise erkennt heranfliegende Vögel mittels Kameras und stoppt Turbinen automatisch. Pilotprojekte zeigen: Die Todesfälle sinken um 60 Prozent bei nur 0,5 Prozent Produktionsverlust. Solche Technologien könnten die Akzeptanz der Windkraft erheblich verbessern.

Iberdrola, Endesa & Co.: Wer das Geschäft beherrscht

Der spanische Energiemarkt wird von vier Giganten dominiert, die zusammen rund 80 Prozent kontrollieren. Iberdrola, mit 34 Prozent Marktanteil der größte Akteur, positioniert sich als grüner Vorreiter und betreibt weltweit Windparks und Solaranlagen. Das Unternehmen investiert massiv in E-Mobilität und hat Spaniens dichtes Ladenetz maßgeblich aufgebaut.

Endesa, zu 70 Prozent im Besitz des italienischen Konzerns Enel, versorgt etwa zehn Millionen Anschlusspunkte und dominiert den regulierten Markt. Naturgy führt im Gasgeschäft, während Repsol – traditionell ein Öl- und Gaskonzern – verstärkt auf Strom aus erneuerbaren Quellen setzt. Repsol bewirbt sich als einziger Großanbieter mit 100 Prozent erneuerbarem Strom für Privatkunden.

534 Stromvermarkter

Diese Konzentration beobachtet die Wettbewerbsbehörde CNMC kritisch. Allerdings existiert auch eine Gegenbewegung: Über 534 Stromvermarkter sind registriert, mehr als in jedem anderen EU-Land. Energiegenossenschaften wie Som Energia aus Katalonien bieten Alternativen für umweltbewusste Verbraucher. Die Genossenschaft, 2010 gegründet, zählt mittlerweile 82.000 Mitglieder und garantiert ausschließlich Strom aus Wind, Sonne und Wasser.

Was Spaniens Energiewende für die Zukunft verspricht

Die Regierung unter Ministerpräsident Pedro Sánchez hat ehrgeizige Pläne: Bis 2030 sollen 81 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen stammen. Der aktualisierte Nationale Energie- und Klimaplan (PNIEC) sieht Investitionen von über 308 Milliarden Euro vor – ein Rekordvolumen, das nicht nur die Stromerzeugung, sondern auch Speichertechnologien, Netzausbau und grünen Wasserstoff umfasst.

Besonders spannend ist die Wasserstoff-Strategie. Spanien will zum europäischen Exporteur von grünem Wasserstoff werden. Die geplante H2Med-Pipeline soll Wasserstoff nach Portugal, Frankreich und Deutschland transportieren. Mit zwölf Gigawatt geplanter Elektrolyse-Kapazität bis 2030 – eine Verdreifachung gegenüber früheren Zielen – positioniert sich Spanien als zukünftige Wasserstoff-Drehscheibe Europas.

Allerdings gibt es auch Hürden. Der Netzausbau hinkt dem Kapazitätszuwachs hinterher. Schätzungen zufolge sind Investitionen im Wert von 60 Milliarden Euro durch Netzengpässe blockiert. Außerdem fehlt es an Speicherkapazitäten: Aktuell existieren nur 60 Megawatt Batteriespeicher, obwohl bis 2030 22,5 Gigawatt geplant sind.

Noch sieben AKWs in Spanien

Umstritten bleibt auch der geplante Atomausstieg bis 2035. Die sieben spanischen Kernkraftwerke lieferten 2024 noch 20 Prozent des Stroms. Der Blackout vom April 2025, als die gesamte Iberische Halbinsel für zehn Stunden ohne Strom war, befeuerte die Debatte über Versorgungssicherheit. Kritiker argumentieren, ohne Atomkraft fehle eine grundlastfähige CO2-freie Energiequelle. Sánchez hält dennoch am Ausstieg fest.

In Zeiten rasant voranschreitenden Klimawandels und internationaler Rückschläge – wie dem Ausstieg der USA aus dem Pariser Abkommen – wirkt Spaniens konsequenter Kurs wie ein Leuchtturmprojekt. Während andere Industrienationen zögern oder Kehrtwenden vollziehen, demonstriert die Sánchez-Regierung, dass Klimaschutz und wirtschaftlicher Erfolg keine Gegensätze sein müssen. 

Die grüne Transformation hat Spanien nicht nur unabhängiger und krisenfester gemacht, sondern verschafft dem Land einen strategischen Vorteil: günstigere Energiepreise, neue Exportmärkte und eine Vorreiterrolle in Zukunftstechnologien wie grünem Wasserstoff. 

In einer Welt, in der Extremwetterereignisse zunehmen und fossile Ressourcen endlich sind, könnte Spaniens Weg wegweisend für ganz Europa werden. Der Atomausstieg mag kontrovers bleiben – doch der Mut zur grünen Transformation verdient in diesen turbulenten Zeiten besondere Anerkennung.

Praktische Infos für klimabewusste Spanien-Reisende

Grüne Hotels finden: Viele Hotels werben mittlerweile mit Solaranlagen und nachhaltigem Energiemanagement. Achten Sie auf Zertifizierungen wie das EU Ecolabel oder Green Key. Besonders Paradores, die staatliche Hotelkette in historischen Gebäuden, investiert massiv in Photovoltaik.

Stromverträge mit Grünstrom-Garantie: Falls Sie länger in Spanien bleiben oder eine Ferienwohnung besitzen, empfiehlt sich ein Stromvertrag mit CNMC A-Label. Dieses Siegel garantiert 100 Prozent erneuerbaren Strom. Anbieter wie Som Energia, Holaluz oder Gesternova sind spezialisiert auf Ökostrom.

E-Auto mieten: Die großen Mietwagenfirmen (Sixt, Europcar, Hertz) bieten zunehmend Elektrofahrzeuge an. Die Verfügbarkeit ist in Madrid, Barcelona und València am besten. Planen Sie bei Überlandfahrten Ladestopps ein – die App A Better Routeplanner berechnet optimale Routen mit Ladezeiten.

Klimaanlagen klug nutzen: In Ferienwohnungen mit eigenem Solarstrom lohnt es sich, energieintensive Geräte mittags zu nutzen, wenn die Photovoltaik-Produktion am höchsten ist. Kühlen Sie vormittags herunter und reduzieren Sie nachmittags die Nutzung.

Weiterführende Informationen: Die Website des spanischen Netzbetreibers Red Eléctrica bietet Echtzeit-Daten zur Stromerzeugung. Faszinierend zu sehen: An sonnigen, windigen Tagen stammen über 80 Prozent des Stroms aus Erneuerbaren – ein Vorgeschmack auf die Zukunft.

Der Autor

Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.

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