Der Niedergang der Weltmächte
Vom Glanz zur Erschöpfung: Gibt es Parallelen zwischen dem Niedergang Spaniens und der Krise der USA? Die Ähnlichkeiten sind verblüffend. Und der Ökonom Richard Wolff sieht die Weltmacht Amerika bereits auf der Kippe.
von Alexander Gresbek (Text und Illustrationen)
Es gibt Länder, die sich für unsterblich halten. Spanien gehörte einst dazu. Im 16. Jahrhundert war das spanische Imperium die mächtigste Ordnung der Welt. Gold und Silber strömten aus Lateinamerika nach Europa, die spanische Krone kontrollierte Handelswege über mehrere Kontinente, ihre Flotten dominierten die Meere. Der berühmte Satz „In meinem Reich geht die Sonne nie unter“ von Carlos V (1500-1558) beschrieb keine Übertreibung, sondern geopolitische Realität.
Doch Weltreiche zerfallen selten plötzlich. Sie erodieren langsam – wirtschaftlich, moralisch und politisch. Heute stellt sich dieselbe Frage erneut, diesmal mit Blick auf die Vereinigten Staaten. Ist Amerika, ähnlich wie einst Spanien oder später Großbritannien, in eine Phase des imperialen Niedergangs eingetreten?
Der amerikanische Ökonom Richard Wolff sieht genau das. In einem Interview über den Krieg gegen Iran sprach der emeritierte Professor der University of Massachusetts von einem historischen Wendepunkt: „Wir erleben den Niedergang eines Imperiums.“
Für Wolff ist die globale Dominanz der USA keine dauerhafte Ordnung, sondern eine historische Ausnahmeerscheinung nach dem Zweiten Weltkrieg.
Der Vergleich mit Spanien ist dabei überraschend naheliegend
Das spanische Imperium bestand aus einem Reichtum ohne Fundament. Denn Spaniens Aufstieg beruhte auf militärischer Expansion und kolonialem Reichtum. Doch der enorme Zufluss von Edelmetallen führte langfristig nicht zu nachhaltiger wirtschaftlicher Stärke. Statt produktive Industrien aufzubauen, finanzierte die Krone Kriege, Luxus und ein gigantisches Militärsystem.
Die Wirtschaft wurde abhängig von äußerer Ausbeutung.
Historiker beschreiben den spanischen Niedergang oft als Mischung aus Überdehnung, Schulden und strategischer Selbstüberschätzung. Spanien führte kostspielige Kriege in Europa, unterschätzte rivalisierende Mächte und glaubte zu lange an die eigene Unersetzbarkeit.
Genau hier erkennt Wolff Parallelen zur Gegenwart der USA.
Militärische Stärke als Zeichen von Schwäche?
Auf den ersten Blick wirken die Vereinigten Staaten unangreifbar. Das Land besitzt hunderte Militärbasen weltweit, den größten Verteidigungshaushalt der Geschichte und dominiert weiterhin zentrale Finanzmärkte. Viele Staaten sehen in Amerika noch immer einen geopolitischen Leviathan.
Doch laut Richard Wolff ist gerade diese aggressive Machtdemonstration Ausdruck eines tieferen Problems. Er argumentiert, dass Imperien in ihrer Spätphase häufig versuchen, den eigenen Bedeutungsverlust durch militärische Härte zu kompensieren.
Die USA hätten Kriege in Vietnam, Afghanistan, Irak und zuletzt gegen Iran geführt, ohne klare strategische Erfolge zu erzielen.
Wolff beschreibt dies als Verhalten einer Macht, die ihre historische Realität nicht akzeptieren wolle. Besonders scharf kritisiert er die Vorstellung, die USA könnten weiterhin die Vorteile globaler Dominanz genießen, ohne die wirtschaftlichen und politischen Kosten tragen zu müssen.
Auch Spanien hielt lange an der Illusion fest, seine Vormachtstellung sei naturgegeben.
Der wirtschaftliche Kern des Problems
Imperien zerbrechen selten zuerst militärisch. Meist beginnt der Verfall ökonomisch. Während China über Jahrzehnte Wachstumsraten von fünf bis neun Prozent erzielt habe, wachse die US-Wirtschaft laut Wolff seit Jahren nur noch moderat. Gleichzeitig steige die soziale Ungleichheit dramatisch.
Er verweist darauf, dass der Boom an den Aktienmärkten vor allem dem reichsten Zehntel der Bevölkerung zugutekomme, während große Teile der amerikanischen Mittelschicht unter Inflation, steigenden Lebenshaltungskosten und stagnierenden Einkommen leiden.
Auch hier erinnert vieles an das spätere Spanien: enorme Macht nach außen, aber strukturelle Schwächen im Inneren. Ein besonders symbolischer Punkt ist dabei die Verschuldung. Spanien finanzierte seine Kriege mit Krediten europäischer Banken und erklärte mehrfach den Staatsbankrott.
Die USA wiederum finanzierten jahrzehntelang militärische Interventionen über Schulden – teilweise sogar mit Kapital aus China, dem geopolitischen Rivalen des 21. Jahrhunderts.
Verlust des Peilsenders
Noch entscheidender als ökonomische Zahlen ist jedoch die Frage nach der inneren Legitimation. Imperien leben von einer gemeinsamen Erzählung: vom Glauben an Fortschritt, Stabilität und historische Mission. Wenn diese Erzählung zerfällt, beginnt die eigentliche Krise.
Wolff beschreibt die USA als tief gespaltene Gesellschaft. Politische Lager stünden sich zunehmend feindselig gegenüber, soziale Spannungen nähmen zu und selbst demokratische Grundregeln würden infrage gestellt. Für ihn ist dies ein klassisches Zeichen imperialer Erschöpfung.
Auch Spanien verlor einst seine innere Dynamik. Die Elite klammerte sich an vergangene Größe, während wirtschaftliche und gesellschaftliche Reformen ausblieben. Der Mythos der Unbesiegbarkeit hielt länger als die reale Machtbasis.
Was bedeutet das für Europa – und für Spanien?
Gerade in Spanien dürfte diese Debatte besondere Resonanz finden. Das Land kennt die Erfahrung imperialer Größe ebenso wie den langen Schatten des Niedergangs. Vielleicht erklärt das auch, warum Südeuropa oft skeptischer auf geopolitische Machtprojektionen blickt als die USA selbst.
Denn die Geschichte Spaniens zeigt: Kein Imperium bleibt ewig dominant. Militärische Stärke kann wirtschaftliche Schwäche nur zeitweise verdecken. Und wenn innenpolitische Polarisierung, soziale Ungleichheit und außenpolitische Überdehnung zusammenkommen, beginnt selbst die mächtigste Ordnung zu wanken.
Die Vereinigten Staaten stehen heute sicher nicht vor einem plötzlichen Zusammenbruch. Aber die Frage ist, ob die Welt bereits den Übergang in eine neue multipolare Ordnung erlebt – ähnlich wie Europa einst den langsamen Abschied von der spanischen Hegemonie erleben musste.
Richard Wolff sieht diesen Prozess bereits in vollem Gange. Ob man seiner Analyse zustimmt oder nicht: Der historische Vergleich mit Spanien macht deutlich, dass Weltreiche nicht an einem einzigen Krieg zerbrechen. Sie zerfallen, weil sie zu lange glauben, unersetzlich zu sein.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Lektion der spanischen Geschichte.
Der Autor
Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur, Politik, Umwelt und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.
Weiterführende Links
Spaniens Konfrontation mit Israel
Spanien als Vorreiter gegen Trumps Krieg










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