Salome in Valencia: Hinter den Kulissen der Oper 2026

Im Frühjahr kehrt Richard Strauss’ Salome nach Valencia zurück. Fünf Aufführungen im Palau de les Arts, eine Produktion der Mailänder Scala, eine Litauerin in der Titelrolle. Ob die Oper funktioniert, entscheidet sich lange vor dem ersten Vorhang: im Detail der Sprache.

von Alexander Gresbek (Text und Illustrationen)

Salome von Strauss kehrt zurück: Fünf Abende im Frühjahr 2026, eine Stunde und fünfundvierzig Minuten Musik pro Abend, und am Ende der Tod des Propheten — in Michielettos moderner Lesart nicht als historisches Tableau, sondern als Bild, das offen und eindringlich bleibt. Salome kehrt an den Palau de les Arts Reina Sofía in Valencia zurück. Die Aufführungen beginnen am 25. April und enden am 9. Mai 2026. 

Die Produktion stammt vom Teatro alla Scala in Mailand, der italienische Regisseur Damiano Michieletto hat sie konzipiert, den Orchestergraben leitet James Gaffigan, und in der Titelrolle steht die litauische Sopranistin Vida Miknevičiūtė, die diese Partie nach Angaben des Hauses bereits über fünfzigmal gesungen hat, unter anderem in Wien, München, Berlin und an der Scala in genau dieser Inszenierung.

Richard Strauss schrieb die Musik 1905, kurz nachdem er Oscar Wildes gleichnamiges Schauspiel in Berlin gesehen hatte. Wilde hatte das Stück auf Französisch verfasst; die deutsche Übersetzung der Schriftstellerin Hedwig Lachmann wurde Strauss’ Libretto. Er kürzte den Text auf ein Drittel, behielt aber die nihilistische Härte, die Wilde in den biblischen Stoff gelegt hatte. Das Stück läuft ohne Pause durch. 

Die Musik führt die Hauptfigur von kindlicher Neugier über sexuelle Obsession bis zu jenem Schlussgesang, in dem Salome den Kopf Johannes des Täufers besingt, den ihr Stiefvater Herodes auf ihr Verlangen hin servieren ließ. Die Uraufführung in Dresden war ein Triumph, der Rest Europas reagierte anders: Die Wiener Hofoper verweigerte die Aufführung jahrelang, die Berliner Inszenierung ließ Kaiser Wilhelm II. nur mit der Auflage einer religiös entschärfenden Schlussszene zu, und die Metropolitan Opera in New York nahm die Produktion 1907 nach einer einzigen Vorstellung wieder aus dem Programm.

Das Haus: Calatravas Landmarke an der Turia

Der Palau de les Arts Reina Sofía gehört zur Ciudad de las Artes y las Ciencias, der Stadt der Künste und Wissenschaften, die Santiago Calatrava über dem ausgetrockneten Flussbett des Turia entworfen hat. Das Opernhaus wurde 2005 eröffnet, ist rund 70 Meter hoch und zählt zu den höchsten Opernhäusern der Welt. Die Sala Principal, in der Salome gespielt wird, fasst 1.412 Zuschauer.

Die Fassade zeigt gebrochene Keramik in der valencianischen Trencadís-Tradition. Ende 2013 lösten sich Teile der Verkleidung, woraufhin das Haus zeitweise geschlossen wurde; die Oberfläche wurde 2014 und 2015 komplett abgenommen und originalgetreu wieder angebracht. Das geschwungene Dach, zwei massive Stützen an den Enden und die glänzenden Keramikflächen geben dem Haus eine Silhouette, die sich von der klassischen Opernhaus-Form deutlich unterscheidet. 

Calatrava selbst nennt den Bau eine „kleine Stadt der Musik“. Wer vor Beginn durch die Foyers und über die Dachterrassen geht, sieht Valencia aus einem Winkel, den fast keine andere Stelle in der Stadt bietet.

Rochsane Taghikhani: Von Köln nach Barcelona

An dieser Salome wirkt Rochsane Taghikhani mit. Sie arbeitet seit Jahrzehnten als Sprachcoach für Opernsänger. Wer ihren Namen nicht kennt, hat ihre Arbeit trotzdem schon gehört: in den Aussprachen der Sänger an Häusern wie dem Liceu Barcelona, dem Teatro Real Madrid, dem Palau de les Arts in Valencia sowie an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin, La Monnaie in Brüssel oder dem Teatro Comunale Bologna.

Geboren wurde sie in Köln, aufgewachsen ist sie zweisprachig in Teheran und Österreich, mit Deutsch und Farsi. Seit Mai 2002 lebt sie in Barcelona. Nach dem Musischen Gymnasium (Hauptfach Klavier) studierte sie an der Universität Wien Dolmetschen und Übersetzen für Italienisch und Spanisch. Ihre Diplomarbeit behandelte Ruggiero Leoncavallos I Pagliacci. Später absolvierte sie einen Master in Musiktherapie an der Universitat de Barcelona und eine Ausbildung in Gestalttherapie.

Zum Opernhandwerk kam sie über ihr Interesse an der italienischen Oper und die Möglichkeit, auf den Stehplätzen der Wiener Staatsoper Abend für Abend internationale Sänger live zu erleben. Eigener Gesangsunterricht ab 1999, theoretische Vertiefung bei Benno Schollum an der Wiener Musikuniversität und der Austausch mit Nico Castel, dem legendären Sprachcoach der Metropolitan Opera New York, kamen hinzu. Ihre Firma opera & language gründete sie 2001 und arbeitet seitdem international.

Was ein Sprachcoach tatsächlich macht

„Die Harmonie von Sprache und Musik in Verbindung mit einem umfassenden Textverständnis“, so beschreibt Taghikhani das Ziel ihrer Arbeit. Der Satz klingt beiläufig. In der Praxis entscheidet er darüber, ob das Publikum versteht und fühlt, was auf der Bühne passiert, oder ob nur Klangflächen im Raum stehen. Denn was nicht ankommt bei den Sängern, kommt auch nicht an beim Publikum.

Ein Coach arbeitet mit den Sängern am Libretto Zeile für Zeile. Ausgangspunkt sind dabei immer beide: die Partitur und der Text. Wo liegt die Betonung, und warum? Wo liegt die Emotion — im Wort, im Konsonanten oder im Vokal der betonten Silbe? Welcher Konsonant muss in dieser Lautstärke noch hörbar bleiben? Welche Vokalfärbung erlaubt die Musik an dieser Stelle und welche nicht? Bei Salome ist die Aufgabe besonders anspruchsvoll: Lachmanns Textvorlage aus dem Jahr 1903 ist hochpoetisch und teils dekadent formuliert, und die Sopranpartie bewegt sich fast durchgängig im hochdramatischen Bereich.

Taghikhanis Arbeitssprachen sind Deutsch, Italienisch, Spanisch, Englisch, Französisch und Katalanisch. Das zahlt sich gerade bei einer Produktion wie dieser aus: Die Valencianer Besetzung bringt siebzehn Stimmen aus neun Ländern zusammen. Vier Partien sind deutschsprachig besetzt, der Rest nicht. An einem Abend, der komplett auf Deutsch gesungen wird, ist das eine sprachliche Aufgabe, die nicht nebenbei gelöst wird. Aufgabe des Sprachcoachs ist es, diese Stimmen so zu arbeiten, dass am Ende ein sprachlich geschlossener Gesamtklang entsteht — und jede einzelne Partie sitzt, als wäre Deutsch ihre erste Sprache.

Taghikhani selbst beschreibt ihre Haltung so: „Das Instrument Stimme ist extrem sensibel und die Arbeit mit den Sängern setzt ein gemeinsames Suchen und Erarbeiten voraus. Für mich ist es unerlässlich, dass die Sänger sich wohl fühlen. Es geht um Kunst und nicht um Perfektion, und so muss jede Entscheidung individuell gefunden und getroffen werden.“

Recherche und Handwerk im Hintergrund

Hinter dem, was in knapp zwei Stunden auf der Bühne passiert, stecken für das gesamte Team Monate Vorarbeit. Die Proben mit den Sängern und dem musikalischen Team am Palau de les Arts haben für Salome Ende März 2026 begonnen. Die eigentliche Arbeit findet vor Ort statt: in der Absprache mit dem musikalischen Team, dem Regieteam und den Sängern. Monatelange Recherche zu Text, Musik und Hintergründen der Oper läuft auf diese Wochen zu und findet ihren Abschluss in der Generalprobe.

Zum Kundenkreis von opera & language gehören über die Jahre das Gran Teatre del Liceu in Barcelona, das Teatro Real in Madrid, der Palau de les Arts in Valencia, ABAO Bilbao Opera, das Teatro de la Maestranza in Sevilla, La Monnaie in Brüssel, das Grand Théâtre de la Ville de Luxembourg, die Staatsoper Unter den Linden in Berlin, das Teatro Comunale di Bologna, das Festival d’Aix-en-Provence und die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik.

Taghikhani arbeitet zudem regelmäßig an CD-Aufnahmen und Konzerten mit dem katalanischen Dirigenten Jordi Savall, einer der zentralen Figuren der europäischen Alte-Musik-Szene. Für Valencia ist Salome 2026 eine reguläre Station in einem langen Berufsleben. Für die Zuschauer im Saal ist sie ein Grund, die eine Stunde und fünfundvierzig Minuten aufmerksam zu bleiben. Saubere Aussprache belohnt genaues Zuhören mit einem Textverständnis, das viele Salome-Aufführungen so nicht bieten.

Recherche und Handwerk im Hintergrund

Hinter dem, was in knapp zwei Stunden auf der Bühne passiert, stecken für das gesamte Team Monate Vorarbeit. Die Proben mit den Sängern und dem musikalischen Team am Palau de les Arts haben für Salome Ende März 2026 begonnen.

Davor liegen Wochen der Vorbereitung: Arbeit an der Lachmann-Übersetzung, Abgleich mit den Kürzungen, die Strauss am Text vorgenommen hat, Sichtung vergangener Produktionen — darunter die Scala-Fassung, die Miknevičiūtė dort bereits gesungen hat — und Abstimmung mit dem Regieteam Michielettos.

Zum Kundenkreis von opera & language gehören über die Jahre das Gran Teatre del Liceu in Barcelona, das Teatro Real in Madrid, der Palau de les Arts in Valencia, ABAO Bilbao Opera, das Teatro de la Maestranza in Sevilla, La Monnaie in Brüssel, das Grand Théâtre de la Ville de Luxembourg, die Staatsoper Unter den Linden in Berlin, das Teatro Comunale di Bologna, das Festival d’Aix-en-Provence und die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik.

Taghikhani arbeitet zudem regelmäßig an CD-Aufnahmen und Konzerten mit dem katalanischen Dirigenten Jordi Savall, einer der zentralen Figuren der europäischen Alte-Musik-Szene. Für Valencia ist Salome 2026 eine reguläre Station in einem langen Berufsleben. 

Für die Zuschauer im Saal ist sie ein Grund, die eine Stunde und fünfundvierzig Minuten aufmerksam zu bleiben. Saubere Aussprache und präzise Übertitel belohnen genaues Zuhören mit einem Textverständnis, das viele Salome-Aufführungen so nicht bieten.

Psychologisches Musiktheater

Eine Frage bleibt: Warum lockt diese Oper seit über hundert Jahren Häuser und Publikum an, obwohl der Stoff schwer verdaulich ist? Strauss setzt Wildes Dekadenz-Drama mit Mitteln der Spätromantik um, greift Nietzsche-nahe Philosophie auf und lässt das Orchester in einer Dichte arbeiten, die bis heute als Referenz für psychologisches Musiktheater gilt. 

Der Tanz der sieben Schleier, mit dem Salome ihrem Stiefvater Herodes den tödlichen Wunsch abringt, gehört zu den meistbesprochenen Szenen der Opernliteratur und ist bei Michieletto laut La-Scala-Kritiken besonders eindringlich gelöst. Die Partie der Salome zählt zu den anspruchsvollsten im Sopranfach: hoch, lang, dramatisch, mit kaum Ruheraum. Miknevičiūtė gehört zu den wenigen Sängerinnen, die diesen Part konstant durchhalten.

Neben Miknevičiūtė fordert das Werk eine zweite außergewöhnliche Stimme: den Jochanaan. Nicholas Brownlee singt die Partie zweimal aus dem Off hinter der Bühne, einmal auf offener Bühne. Der Prophet bewegt sich musikalisch zwischen Drohung und Gebet, zwischen hochdramatischem Zorn und lyrischer Ruhe — etwa dort, wo er von Jesus spricht und die Musik in eine fast zärtliche Wärme kippt. Brownlee trägt diese Spannbreite mit einer Textverständlichkeit, die der Rolle ihr ganzes Gewicht gibt.

Die Produktion von Damiano Michieletto gilt als eine der bildstärksten seiner Karriere. Das Haus kennt den Regisseur seit Jahren: Seine Inszenierungen von Il viaggio a Reims, Don Giovanni, La damnation de Faust und L’elisir d’amore waren bereits im Palau de les Arts zu sehen. Am Ende bleibt Salome allein zurück, mit ihrem Wunsch und seinen Folgen — und das Publikum sitzt im abgedunkelten Saal und versteht, warum diese Oper seit 1905 nicht aus den Spielplänen verschwindet.

Besetzung und Leitung

Musikalische Leitung: James Gaffigan. Regie: Damiano Michieletto. Bühne: Paolo Fantin. Kostüme: Carla Teti. Licht: Alessandro Carletti. Choreografie: Thomas Wilhelm.
Salome: Vida Miknevičiūtė. Herodes: John Daszak. Herodias: Michaela Schuster. Jochanaan: Nicholas Brownlee. Narraboth: Christopher Sokolowski. Mit dem Orquestra de la Comunitat Valenciana und Sängern des Centre de Perfeccionament.

Der Autor

Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.

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