Plätzchen an der Sonne

Kekse nach einem 500 Jahre alten Rezept: Lugar da Veiga hat sie bei allen großen spanischen Lebensmittelhändlern im Angebot, sogar bei amazon. Kurios daran: Die extrem erfolgreiche Fabrik liegt in einem Nest im Inland Galiciens, das kaum einer kennt.

von Tobias Büscher

El País berichtet darüber, auch die Financial Times. Lugar da Veiga ist derzeit eine der florierendsten Firmen Europas. Lokalzeitungen betonen, dass die Galicier dort das Überleben auf dem Land sicherstellen. Und die Marketingchefs verkünden jedem Reporter: Das Gebäck nahmen bereits vor 500 Jahren Fischer mit. Als Nahrung für den Knochenjob Walfang.

Kekse, Kartoffeln und Kolumbus

So ganz geflunkert ist das gar nicht. Tatsächlich gab es sogenannte Boot-Bisquits schon auf den Schiffen des Kolumbus. Sie waren ähnlich wie das Pökelfleisch sehr lange haltbar und resistent gegen Feuchtigkeit. Ideal für lange Überfahrten also.

Der Hartkeks für die Seeleute bestand damals wie heute aus Weizenmehl, Butter, Milch, Malzmehl, Gerste und Hefe.

Und natürlich weisen die PR-Leute der Fabrik noch auf zwei andere Dinge hin:

1. Den Keksen werden 0 Prozent Zucker hinzugefügt.

2. Das Schiff La Pina des Entdeckers Amerikas landete nach der Rückkehr in Baiona. Das liegt Luftlinie knapp 150 km südwestlich von Chantada an der galicischen Küste.

Die Hartplätzchen hatte Kolumbus da schon aufgegessen. Aber den Europäern zum Ausgleich Kartoffeln gebracht, ohne die es heute keine Tortillas gäbe.

Umsatz: 6,5 Millionen Euro

Die Fabrik im spanischen Niemandsland gründeten fünf Galegos im Jahr 2005, ein Jahr vor dem großen Immobiliencrash im Land, unter dem die iberische Wirtschaft heute noch leidet. 

Inzwischen sind es einige Arbeiter mehr, denn der Umsatz liegt inzwischen bei 6,5 Mio Euro, Tendenz steil steigend. Vor allem seit der genialen Idee mit der steinalten Rezeptur. Das hätten sich die PR-Strategen von Sixt nicht besser ausdenken können.

Chef Xosé Lois Lamazares betont: „Soziale und ländliche Ökonomie haben eine Zukunft.“ Und der Profit sei nicht alles. So kann jeder Arbeiter der Fabrik Partner werden und sich finanziell beteiligen. 

Eigentlich ein ganz verschlafener Ort

Der unglaubliche Erfolg steht im deutlichen Kontrast zur Ortschaft selbst, die etwa so groß ist wie Ziegenrück in Thüringen. Chantada ist in keinem Reiseführer aufgeführt, selbst im Galicienbuch bei DuMont nicht.

Schlagzeilen gibt es allenfalls, wenn sich ein Storch den Flügel bricht, die örtliche Apfelweinfabrik in der Hand von Hijos de Rivera dringend Manzanas aus Asturien braucht und die Fußballmannschaft aus der dritten Regionalliga ein Gegentor kassiert. 

Doch inzwischen haben die gerade mal 8000 Bewohner extrem gute Laune. Und bekommen sogar neugierige Gäste.

Meine Tochter Marie (8) will da auch bald mal hin. Plätzchen, weiß sie, heißen auf Spanisch Galletas.

 

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Der Autor

Tobias Büscher ist Spanienfan seit vielen Jahren. Spanisch spricht er auch. Nur kann er das R nicht rollen.

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