Kirche und Costa Blanca

Der Aufstieg und Niedergang der Katholischen Kirche in Spanien prägt auch die Costa Blanca. Auch dort lässt die Zahl der Gläubige deutlich nach, geht kaum noch jemand zur Messe. Was bleibt sind das kulturelle Erbe und die Prozessionen als Sozialevent.

von Alexander Gresbeg (Text und Grafiken)

Costa Blanca – Wer heute durch die prächtigen Kathedralen der Costa Blanca schlendert, ahnt kaum, welch dramatische Geschichte sich hinter den religiösen Monumenten Spaniens verbirgt.

Von den Flammen der Inquisition über Francos Kreuzzug bis zur leeren Kirchenbank, weil die jungen Generation sich abwendet: Kein europäisches Land erlebte einen radikaleren Wandel im Verhältnis zur Religion als Spanien.

Sabbat? Scheiterhaufen!

Sevilla, 6. Februar 1481. Diego de Susán, einst wohlhabender Händler, steht auf einer hölzernen Plattform am Campo de Tablada. Sein Vergehen? Aus seinem Kamin stieg samstags kein Rauch auf – Beweis genug, dass er trotz Taufe heimlich den jüdischen Sabbat feierte.

Es ist das erste Auto-da-fé der Spanischen Inquisition. Bis Jahresende sterben in Sevilla 298 Menschen auf dem Scheiterhaufen.

Diese Szene markiert den Beginn einer Institution, die Spanien über drei Jahrhunderte prägen sollte. Doch die Geschichte beginnt früher: 711 fielen muslimische Mauren aus Nordafrika ein und schufen Al-Andalus, ein Reich der relativen Toleranz.

Während Juden in England und Frankreich längst vertrieben wurden, lebten sie hier neben Christen und Muslimen in bemerkenswerter Koexistenz.

Conversos, Christen und die Inquisition

Als Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragón 1469 heirateten, lag vor ihnen ein religiös fragmentiertes Land. Nach der Eroberung Granadas 1492 – im selben Jahr, als Kolumbus nach Amerika segelte – wollten sie ein einheitlich christliches Spanien.

Das Problem: Conversos, jene Juden und Muslime, die sich hatten taufen lassen, oft unter Zwang, und verdächtigt wurden, heimlich ihren alten Glauben zu praktizieren.

Am 1. November 1478 genehmigte Papst Sixtus IV. die Ernennung von Inquisitoren. Anders als die päpstliche Inquisition stand diese unter direkter Kontrolle der spanischen Krone – ein staatliches Instrument zur Machtsicherung. 

Die Inquisition funktionierte durch Denunziation und Angst: Angeklagte erhielten keinen Rechtsbeistand, kannten oft nicht einmal die Anklagepunkte, und Geständnisse wurden durch Folter erpresst.

Tomás de Torquemada, 1483 zum ersten Generalinquisitor ernannt, überzeugte die Katholischen Könige 1492 zum Alhambra-Dekret: Etwa 160.000 Juden mussten Spanien verlassen. Die Morisken, zwangsbekehrte Muslime, folgten 1609 – weitere 150.000 Menschen. Mit ihnen verschwanden wirtschaftliches Know-how und kulturelle Vielfalt.

Erst 1834, nach über 350 Jahren, wurde die Spanische Inquisition endgültig abgeschafft.

Franco und das Kreuz

Wer glaubte, die problematische Rolle der Kirche sei Geschichte, täuschte sich. Im 20. Jahrhundert verwoben sich die Kirchenoberen auf dramatische Weise mit staatlicher Macht. Als General Francisco Franco 1936 seinen Putsch startete, unterstützte die überwiegende Mehrheit des Klerus seine Truppen. Im Juni 1939 segnete die Kirche Franco offiziell und bezeichnete den Bürgerkrieg als nationalen Kreuzzug.

Die folgenden vier Jahrzehnte bis 1975 prägten eine symbiotische Beziehung zwischen Regime und Kirche. Der Nationalkatholizismus wurde Staatsideologie, Religionsunterricht obligatorisch, der Staat zahlte Priestergehälter.

In Schulbüchern erschien Franco als frommer Verteidiger des Katholizismus. Die Kirche kontrollierte Kultur, Medien und Alltagsleben. Die Vornamen aller Spanier mussten in der Bibel vorkommen.

Diese Zwangsreligiosität sollte langfristige Folgen haben – allerdings andere als beabsichtigt.

Warum Spaniens Kirche keine Vergebung findet

Ein halbes Jahrhundert nach Francos Tod hat sich die katholische Kirche nie für ihre Rolle während der Diktatur entschuldigt. Diese mangelnde Aufarbeitung macht sie bis heute angreifbar. Während deutsche Bischöfe ihre Mitschuld am Nationalsozialismus einräumten, schweigt die spanische Kirche weitgehend.

Mit Francos Tod 1975 begann eine kulturelle Gegenbewegung. La Movida Madrileña drückte den Wunsch nach Modernisierung und Freiheit aus – eine Absage an die erdrückende Präsenz der Kirche. Das Bildungsgesetz von 1990 entfernte den obligatorischen Religionsunterricht aus staatlichen Schulen, gegen vehementen Widerstand der Kirchenführer.

Costa Blanca heute: leere Kirchen, volle Prozessionen

Wer heute durch die Region der Costa Blanca reist, begegnet einem religiösen Paradox. Die aktuellen Zahlen sind eindeutig: Nur noch 56,1 Prozent der Spanier bezeichnen sich als Katholiken – 2011 waren es 70 Prozent. Etwa 37 Prozent geben an, nicht-gläubig zu sein. 

Unter den 18- bis 24-Jährigen nennen sich 44 bis 50 Prozent nicht-gläubig. Im Jahr 2023 wurden nur noch 18 Prozent aller Ehen nach katholischem Ritus geschlossen – 1976 praktisch alle. Am katholischen Religionsunterricht nahmen 2022/2023 noch 56 Prozent der Grundschulkinder teil, verglichen mit 85 Prozent 1998/1999.

Dennoch: Die Semana Santa in Sevilla ist ein pulsierendes Ereignis, Pilger besuchen die schwarze Madonna von Montserrat. Die kulturelle Bedeutung der Religion bleibt unübersehbar – doch die Kirchen sind leer, und 47 Prozent der sich als Katholiken bezeichnenden Spanier gehen fast nie zur Messe.

Interessanterweise bedeutet die Abkehr von institutioneller Religion keine Abkehr von Spiritualität. 31 Prozent der jungen Menschen glauben an eine „Lebenskraft", 29 Prozent interessieren sich für Astrologie. 

Religion wird neu definiert – weniger als Institution, mehr als individuelle Sinnsuche.

Säkulares Land mit religiösem Gedächtnis

Die Geschichte der Religion in Spanien zeigt: Erzwungener Glaube schlägt keine Wurzeln. Die Inquisition konnte Menschen zur Konversion zwingen, aber nicht zum Glauben. Franco konnte die Kirchen füllen, aber nicht die Herzen.

Heute steht Spanien vor einem Paradox: Die prächtigen Kathedralen, die Feste, die Traditionen erinnern daran, dass Religion dieses Land über Jahrhunderte formte. Doch die junge Generation sucht neue Wege. Man tauft Kinder aus Tradition, geht aber nicht zur Messe. Man schätzt die Architektur, nicht die Lehren. Man feiert Weihnachten und Ostern – aber eher als säkulare Feste.

An der Costa Blanca und anderswo in Spanien ist die Kirche heute eher kulturelles Erbe als spirituelle Heimat. In einer Zeit der Freiheit entscheiden sich immer mehr Spanier für einen Weg ohne institutionelle Religion – und schreiben damit das nächste Kapitel einer dramatischen Geschichte.

Der Autor

Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.

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