Nekrotourismus: Friedhöfe in Spanien

Nekrotourismus heißt so viel wie Friedhöfe besuchen oder auch Gräber von Verstorbenen besichtigen. Klingt absonderlich? Allerdings. Doch Millionen machen das. Sie pilgern zum Grab des Heiligen Apostels Jakob. Dabei gibt es in Spanien noch weit sehenswertere Grabstätten. Teils sind sie künstlerisch so wertvoll, dass sie die UNESCO als Kulturgut schützt. Und die Verstorbenen sind dort auch ganz sicher begraben.

von Tobias Büscher

Edith Piaff, Jimm Morrison, Oscar Wilde: Wegen solcher Promis ist der Friedhof Père Lachaise in Paris angeblich der meistbesuchte Friedhof der Welt. Das Apostelgrab wiederum gilt als das meistbesuchte Grab Spaniens. Ein Grund mehr, einmal auf die Cementerios im Schatten solcher Besuchermagnete zu werfen.

Es gibt in Spanien Friedhöfe für Republikaner (Madrid) und Engländer (A Coruña), für verstorbene Dorfnachbarn, für Haustiere. Friedhöfe des Jugendstils, aus Granit oder aus Beton, verziert mit Muscheln und vergoldeten Palmen. Es gibt Friedhöfe, wo man die Begräbnisse online mitverfolgen kann (València). Es gibt keinen einzigen Friedhof der Kuscheltiere, dafür aber Friedhöfe wie der in Fisterra und Cotobade, wo nie ein Toter bestattet wurde.

Neugierig geworden? Hier ein Überblick:

Cementerio de Comillas: Jugendstil für Tote

Der Friedhof von Comillas in der nordspanischen Region Kantabrien gilt als einer der zehn schönsten Friedhöfe Spaniens. Ein Reporter aus Madrid schwärmte unlängst: "Expresión artística frente al Cantábrico", also Kunstwerk mit Blick auf das Kantabrische Meer.

Entworfen hat die Totenanlage der katalanische Architekt Lluis Domènech i Montaner in der Zeit des Jugendstils (1893). Ein Mann übrigens, der zu Lebzeiten fast so berühmt war wie Antoni Gaudí. Markant ist nicht nur die ruhige Lage direkt gegenüber dem Atlantik, sondern vor allem die Statue des Angel Exterminador (vernichtender Engel), der seither über die Grabanlage wacht.

Es soll Besucher geben, die nach dem Anblick dieses Engels so frösteln, dass sie in einer der Tavernen in Comillas als erstes ein Heißgetränk bestellen.

Der Friedhof im asturischen Ort Cudilleros

Mit weißen Mauern liegt der Friedhof auf einem Hügel oberhalb der Ortschaft Cudillero in Asturien. Er entstand im 19. Jahrhundert und wer ihn besucht, sieht viele Familiengräber, vor allem aber auch die Weiten des Atlantiks. Viele halten den Cementerio de Cudillero für den schönsten der Region.

Friedhof von Goiriz: Wie ein Wald aus Kreuzen

Goiriz liegt in der Gemeinde Villalba. In der Provinz Lugo der Region Galicien. Hier gibt es keine Disco, keine Einkaufsmeile, dafür Steinmetze, Holzhändler und Metzger. Ansonsten herrscht fast Totenstille. Der Friedhof von Goiriz wäre allerdings weltberühmt, würde er etwas weiter südlich am klassischen Jakobsweg liegen, statt am eher unbekannten Camino del Norte.

Die Anlage mit ihren vielen spitzen Türmen ist ein Paradebeispiel für Neogotik. Im 16. Jh. erbaut und im 18 Jh. erneuert, wirkt sie wie ein Wald aus Kreuzen.

Dolorines steigt zum Himmel auf

Finisterre heißt so viel wie Das Ende der Welt. Das Ziel der Pilger hat auch einen Friedhof. Doch während die Spanierin Dolorines Noriega Meastro am 3. März 1937 einige Kilometer weiter östlich nachweislich in den Himmel zog (subir al cielo), hat im Fisterra-Friedhof nie eine Leiche gelegen.

1999 entstand der Zivil-Friedhof von Finisterre. Architekt César Portero aus Pontevedra ließ dort im Auftrag der Gemeinde 14 Granitwürfel mit je zwölf Nischen errichten. Avantgarde pur, umgeben von Pinien am Cabo-Berg. Doch hat dort nie eine Beerdigung stattgefunden.

Stattdessen breiten in den Nischen schon mal Jakobspilger ihre Schlafsäcke aus. Der Architekt soll sogar schon wütende E-Mails erhalten haben, warum die Nischen nicht beheizt sind.

Was ist an Spaniens Friedhöfen anders als bei uns?

Friedhöfe (cementerios, campos santos) sind meist von hohen Mauern umgeben und haben einen besonders prunkvollen Haupteingang. Anders als bei uns gibt es viele Nischengräber (nichos), also wie auf dem Foto sichtbar übereinander gestapelte Grabkammern.

Die Grabnischen stehen oft in langen Reihen und sind mit Steinplatten verschlossen, auf denen neben dem Namen und den Lebensdaten häufig auch ein Foto des Verstorbenen sichtbar ist.

Erdgräber gibt es für meist nur für längst verstorbene Adelige oder zu früh verstorbene Kinder. Reiche Familien leisten sich eine kleine Kapellen oder ein Mausoleen schon mal zum Preis von drei Teslas.

Geprotzt wird eben nicht nur zu Lebzeiten.

Dein König? Meiner!

Der letzte König Asturiens hieß Bermudo III und liegt (siehe Foto) in der Königlichen Grabstätte der Rioja-Stadt Nájera. Liegt er da wirklich?  Sicher ist: Er starb 1037 mit nur 20 Jahren, durchbohrt von einem Speer eines nahen Verwandten. Nachkommen hatte er nicht. Doch seit Jahren gibt es Diskussionen, ob die Leiche von Bermudo in Nájera liegt, oder doch in der berühmten Königlichen Gruft in der kastilischen Stadt León. Entfernung zwischen den beiden Orten: 250 km. 

Herrlich ist, wie sich die Direktorinnen der Mausoleen streiten. Raquel aus León: "Bermudo liegt hier bei uns im Mausoläum, die Chroniken beweisen das". Gloria aus Nájera kontert: "Bermudos Leiche liegt hier bei uns in Nájera. Die Chroniken beweisen das."

Haben sich je zwei Frauen so wegen einem Mann gefetzt?

Trauer, die sichtbar bleibt

Jeder kennt das. Eine Beerdigung ist schwierig. Ein ganzes Kapitel geht zu Ende.

In der Geschichte Spaniens waren so manche Begräbnisse besonders dramatisch. Und allzu oft sind die Toten dennoch  längst vergessen. Ganz anders ist das, wenn Historiker, Filmemacher und Festveranstalter die Trauer zum Thema machen. Links im Bild ist Johanna die Wahnsinnige zu sehen, rechts im Bild Isabel nach dem Tod ihres Geliebten.

Johanna war die eigentlich rechtmäßige Erbin auf den Thron von Spanien. Sie gab es wirklich. Isabel wiederum ist Protagonistin eine der tragischsten Liebesgeschichten Spaniens. Sie gibt es heute jedes Jahr in der Stadt Teruel als Schauspielerin. Morbider Charme, auch so ein irrer Begriff.

Friedhöfe als Kulturgut

Allein in Spanien gibt es über 20 Friedhöfe, die unter dem Schutz des Kulturerbes stehen, von den Pyrenäen bis Andalusien und noch weiter zu den Kanarischen Inseln. Während sich in den Pyrenäen eher kleine Dorffriedhöfe etabliert haben, sind in Andalusien wie in Úbeda gewaltige Grabkirchen entstanden.

San Martiño und die Zunftzeichen von Santa María

Noia ist besonders berühmt für seine Trauerstätten. Die Stadt am Atlantik in Galicien hat eine große Kirche namens San Martiño, wo 1973 der Spielfilm La Campana del Infierno (Die Höllenglocke) gedreht worden ist. Bei den Dreharbeiten verlor der Regisseur auf dem Dach der Kirche das Gleichgewicht, stürzte und starb.

Beachtlich ist auch der Friedhof der Kirche Santa María a Nova. Sie ist berühmt für ihre Grabplatten der Handwerker. Auf ihnen finden sich Werkzeuge wie Hammer, Spaten und Scheren. Diese Platten sind im Innern der Kirche ausgestellt.

Und so bleibt als Resumee: Es gibt die unterschiedlichsten Friedhöfe in Spanien, die kuriosesten Gräbergeschichten. Da gibt es sicher noch viel zu entdecken.