Tintenfische: mehr als eine spanische Delikatesse

Sie sind in Spanien als Delikatesse bekannt und beliebt: Sowohl die acht- als auch die zehnarmigen Tintenfische liefern die Grundlage für leckere Gerichte. Sie sind aber nicht nur lecker, sondern im lebendigen Zustand neugierig, intelligent und haben jeweils eigene Charaktere. Porträt einer unterschätzten Tierart.

Von Sarah Brender

Als Eintopf, in Suppen gekocht oder knusprig frittiert mit Salz und Pfeffer – Calamares und die kleineren Chipirones sind in der spanischen Küche ein leckerer Genuss. Die Fischindustrie ist ein wichtiger Wirtschaftszweig in Spanien und Tintenfische werden neben anderen Meerestieren wie Sardinen, Sardellen, Thunfischen, Muscheln und Makrelen häufig gefangen. In Galicien etwa fangen die Fischer an der spanischen Atlantikküste viele Kraken, „polbo a feira“ ist ein traditionelles galicisches Gericht und die Atlantikinsel Ons ist in ganz Spanien als das „Mekka der Pulpos“ bekannt.

Tintenfisch ist ein irreführender Name

Zwei Augen, sackförmiger Körper und ein Kopf, an dem die acht oder zehn Fangarme hängen. Tintenfische, deren wissenschaftlicher Name Coleoidea lautet, sind Kopffüßer, das heißt ihre Arme setzten direkt am Kopf an. Der Namensbestandteil „Fisch“ ist allerdings irreführend, denn Fische gehören zu den Wirbeltieren, Tintenfische dagegen sind Weichtiere ohne Wirbel. In einigen allgemein- und populärwissenschaftlichen Texten nennt man sie deshalb Tintenschnecken, um den Fisch-Begriff zu vermeiden und stattdessen die Weichtier-Komponente zu betonen. Und auch sonst ist etwas Verwirrung möglich, wenn es darum geht, was genau ein Tintenfisch ist. Denn umgangssprachlich wird unter dem Begriff Tintenfisch oft die zehnarmige Sepia (deshalb auch: „Echter Tintenfisch“ oder „Gewöhnlicher Tintenfisch“ genannt), verstanden. Als Oberbegriff wird Tintenfisch aber für die gesamte Gruppe der acht- oder zehnarmigen Tintenfische benutzt.

Zehnarmige Tintenfische: Sepien und Kalmare

Die Einteilung der Arten in die beiden Untergruppen ist einfach. Zur Gruppe der zehnarmigen Tintenfische (Decabrachia) gehören Sepien. Sie haben eine innere Schale, die man als Schulp bezeichnet. Diese Sepiaschalen sind Vogelbesitzern auch als Kalkstein für Käfigvögel bekannt. Dagegen haben die ebenfalls zehnarmigen Kalmare anstatt des großen Schulps nur noch einen schmalen Gehäuserest (Gladius). Im Gegensatz zu den rundlicher geformten Sepiakörpern sind Kalmare keilförmig.  Auch in ihren Vorlieben unterscheiden sich die Zehnarmer: Sepien leben vor allem in Bodennähe, Kalmare dagegen sind an das Leben im freien Wasser der Meere angepasst. Und während die Sepia nur bis zu 65 Zentimeter groß wird, gibt es Riesenkalmare, die deutlich größer sind. Diese leben in den Tiefen der Ozeane, sind die größten wirbellosen Lebewesen der Welt und gehören zu den am wenigsten erforschten Tierarten. An der Nordküste Spaniens bei Oviedo haben spanische Wissenschaftler 2003 zwei Riesenkalmare erstmals lebend gefangen. Der größere der beiden war ganze elf Meter lang und wog 140 Kilogramm.

Achtarmige Tintenfische: Kraken

Zu den achtarmigen Tintenfischen gehören die Kraken (Oktopada). Bekanntester Vertreter der Kraken ist der Gemeine Krake mit dem wissenschaftlichen Namen Octopus vulgaris. Die achtarmigen stammen wahrscheinlich ursprünglich auch von den zehnarmigen Tintenfischen ab. Bei beiden Untergruppen sind die elastischen Arme mit Saugnäpfen ausgestattet. Im Gegensatz zu Kalmaren und Sepien haben Kraken gar keine Schale und sind daher viel beweglicher. Mit ihrem elastischen Körper können sie sich so in kleinste Öffnungen hineinzwängen und sie machen es sich gerne in kleinen Behältnissen gemütlich. Anders als viele andere Kopffüßler, leben die Oktopusse am Meeresboden. Kraken sind Einzelgänger und leben in der Regel wahrscheinlich nur um die 4 Jahre, ganz genau ist ihre Lebenserwartung bisher nicht bekannt. Das Leben der Krakenmännchen endet meist direkt nach der Begattung, dagegen bewacht das weibliche Tier die Eier, fächelt ihnen sauerstoffreiches Wasser zu und verteidigt sie gegen Feinde, bis die Jungen geschlüpft sind. Danach stirbt das Krakenweibchen häufig an Erschöpfung oder ist nicht mehr stark genug, sich gegen Fressfeinde zu verteidigen.

Tarnung durch wandlungsfähige Haut

Tintenfische zählen mit zu den ältesten Lebewesen der Erde und bevölkern bereits seit mehr als 500 Millionen Jahren die Meere. Sie sind geschickte Jäger und können sich an ihren Lebensraum anpassen, indem sie mit ihrer Haut Muster und Farben der Umgebung imitieren, um nicht entdeckt zu werden. Wenn sie doch direkt bedroht sind, können sie dank einer speziellen Drüse aus ihrem Tintenbeutel Tinte versprühen, um Angreifer zu verwirren. Die Tinte von Sepien und Kalmaren wird in der spanischen Küche für Arroz Negro (schwarze Paella) genutzt, denn sie bringt dem Gericht einen leichten Meeresgeschmack und eine beeindruckende Farbe. Der kleine, nur wenige Zentimeter große Blauring-Oktopus hat eine besondere Methode, um potentielle Angreifer abzuschrecken: Er enthüllt blitzschnell viele leuchtend blauen Ringe und signalisiert damit seine Giftigkeit.

Ein besonders kluges Weichtier: Der Krake

Den prominenten Kriminalbiologen Mark Benecke (Spitzname: „Herr der Maden“), kennt man als Spezialisten für Forensik, der auch durch seine Tattoos auffällt. Weniger bekannt ist dagegen, dass er vor Jahren zu Forschungszwecken mit Tintenfischen arbeitete und seither ein echter Fan der Weichtiere ist. Er schildert Kranken als intelligente Tiere, die darüber hinaus verspielt sind. Seine Liebe zu den Meerestieren hat Benecke auch sichtbar gemacht: Ein Oktopus ziert seinen Oberarm. Im Interview mit der Tierrechtsorganisation PETA hat Benecke erklärt, warum: „Tintenfische finde ich extrem cool - wenn man bedenkt, was die den ganzen Tag Cooles am Meeresboden anstellen...da muss richtig was los sein.“ Dass Oktopus-Weibchen einen starken Mutterinstinkt zu haben scheinen, hat ein Vorfall gezeigt, den Forscher vor der Küste Kaliforniens beobachteten. Viereinhalb Jahre hat ein Krakenweibchen dort seine Eier bis zum Schlüpfen bewacht. Eine ähnlich lange Brutzeit kenne man bisher von keinem anderen Tier, berichteten die Forscher um Bruce Robison vom „Monterey-Bay-Forschungsinstitut“ (MBARI) in der Fachzeitschrift „PLOS ONE".

Kreative Kraken, die Faxen machen

Kriminalbiologe Mark Benecke weiß, dass die Tiere eine Person eindeutig erkennen und sogar mögen können. Auch sonst hätten sie messbare, persönliche Macken und Charaktere, seien etwa verspielt oder träge und könnten eindeutig wie Kinder Langeweile äußern und Faxen machen.  Zum Beispiel könnten sie Tinte auf den Schreibtisch spritzen, wenn sie finden, dass man nicht mehr lesen, sondern mit ihnen spielen sollte. So begeistert, wie er von Tintenfischen spricht, wundert es nicht mehr: Benecke und seine Mitarbeiter weinten beim Abschied von den in der monatelangen Arbeit liebgewonnenen Tieren, als sie wieder ins Meer entlassen wurden. Kann da Pulpo mit bestem Meersalz und Paprikapulver überhaupt noch schmecken? Benecke nicht mehr, er ist inzwischen Vegetarier. Den meisten Menschen aber schon. Sie essen beispielsweise Tintenfisch mit Bierteig