Katalonien versus Kastilien: Historische Figuren nach Motiven von Goya
Katalonien versus Kastilien: Historische Figuren nach Motiven von Goya, tb

8.11.2017

Geschichte Kataloniens: eine Analyse

Seit über 300 Jahren hadert die spanische Region Katalonien mit dem Land Spanien. Zu Beginn tat das sogar ein Mann namens Casanova. Und dem huldigen die Bewohner Barcelonas noch heute. Unser Autor analysiert die Gründe für den Machtkampf zwischen katalanischen Separatisten und der Zentralregierung in Madrid.

von Jörg Wartschinski

Wenn in Barcelonas Fußballstadion Camp Nou die Uhr die 17. Spielminute anzeigt und auf die 14. Sekunde springt, erheben sich im Publikum viele Katalanen und stimmen ihre "Nationalhymne" an. Derzeit tun sie das mit besonderer Inbrunst, ist doch die Atmosphäre zurzeit besonders aufgeladen. Die Regionalregierung Kataloniens hat einseitig die Unabhängigkeit von Spanien erklärt. Die Zentralregierung in Madrid hingegen lehnte diesen Schritt kategorisch ab und betrachtet sowohl die kürzlich durchgeführte Volksabstimmung als auch die Unabhängigkeitserklärung als illegal. Auch das Verfassungsgericht hat sie annuliert. Madrid entsandte zuvor sogar Polizeikräfte, um die Abstimmung zu verhindern. Die Szenen von Polizisten, die mit Gummiknüppeln auf Demonstranten einprügelten, gingen um die Welt und erinnerten viele an unselige Franco-Zeiten.


Die Uhrzeit „17:14“ ist ein Symbol: Im Jahre 1714 wurde Barcelona nach sechswöchiger Belagerung von spanischen und französischen Truppen eingenommen. Die Katalanen betrachten das als den Beginn einer von Spanien ausgeübten Fremdherrschaft. Der 11. September, der Tag an die Verteidiger Barcelonas damals die entscheidende Niederlage erlitten, ist seitdem nationaler Feiertag in Katalonien. Ein Gedenktag, der den Patriotismus immer wieder aufs Neue befeuern soll. Die Entschiedensten unter den Katalanen sehen Spanien als Besatzungsmacht, von dessen Joch sie sich befreien wollen.


Seit 300 Jahren besteht nun schon dieses problematische Verhältnis zwischen Spanien und Katalonien. Mal ließ Spanien die Zügel lockerer und gewährte den Katalanen Teilautonomie und Selbstverwaltung, mal zeigte es unnachgiebig Härte wie zur Zeit des Franco-Regimes, als selbst die katalanische Sprache verboten war. Bei vielen Katalanen wirkt die Erinnerung daran noch nach und löst – angesichts der harschen Reaktion Spaniens – Verbitterung aus.

Krieg der Dynastien

Alles begann mit einem Krieg. Zwischen 1701 und 1714 kämpften Habsburger und Bourbonen darum, wer in Spanien herrschen sollte. Weil die Habsburger, die als Kaiser des „Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation“, mit Österreich und Spanien über ein Reich herrschten, in dem „die Sonne nicht unterging“, fanden die Kämpfe nicht nur in Spanien, sondern auch in den Niederlanden, in Norditalien und sogar in Deutschland statt. Somit kann dieser Krieg – der als Spanischer Erbfolgekrieg in die Geschichte einging – als erster „Weltkrieg“ der Neuzeit gelten. An seinem Ende hatten viele Länder ihre Besitzer gewechselt, und die Folgen wirken bis heute nach.


Wie es dazu kam: Im Jahre 1700 war der spanische König Karl II. aus dem Hause Habsburg kinderlos gestorben. Zu seinem Nachfolger ernannte er Philipp, den 16-jährigen Enkel des französischen Königs Ludwig XVI. Die Mutter des Jungen war Maria Teresa, die Halbschwester Karls. Frankreich und Spanien wären damit unter einer Krone vereinigt worden. Diesen Machtzuwachs konnte Habsburg nicht akzeptieren. Auch England missbilligte eine solche Störung des Gleichgewichts der Kräfte, und so kam es zum Krieg.


Nach langen Kriegsjahren schlossen Spanien, Frankreich, Großbritannien, Portugal und ein paar kleinere Staaten im Frühjahr 1713 den Frieden von Utrecht, der den inzwischen erwachsenen Philipp als spanischen König bestätigte. Das Herzogtum Katalonien allerdings, das auf habsburgischer Seite stand, wollte den Bourbonen nicht als Herrscher akzeptieren. Die katalanische Oberschicht fürchtete um ihre Privilegien. Der Krieg war also noch nicht zu Ende.

Ein Rechtsanwalt namens Casanova

Geschichte wird in Daten und Zahlen gepresst, aber es sind immer die Menschen, die die Zahlen lebendig machen. Einer dieser Menschen war Rafael Casanova i Comes, einer der Anführer der Katalanen im Kampf gegen die Partei der Bourbonen. Er wurde um 1660 geboren und hat mit seinem italienischen Namensvetter Giacomo, der für seine galanten Eroberungen bekannt war, nichts zu tun. Rafael machte Karriere als Jurist. Er wurde Rechtsanwalt und heiratete 1696 Maria Bosch, eine Tochter aus reichem Hause. Nachdem er so karrieretechnisch alles richtig gemacht hatte, wurde er 1706 zum Bürgermeister von Barcelona gewählt.


Wenn man am Museo de Sant Boi vorbei über die Plaza Constitució schlendert und in die Gesichter der Menschen schaut, erkennt man zuweilen die Verbitterung vieler Katalanen über die unnachgiebige Haltung Spaniens. Rafael Casanova muss ganz ähnlich empfunden haben, als die Truppen der Bourbonen auf Barcelona vorrückten. Als Bürgermeister stand er nun in der ersten Reihe der Verteidiger. Im November 1713 war er zum „Conseller en Cap“, zum Oberbefehlshaber der katalanischen Truppen und am 26. Februar 1714 gar zum Präsidenten des Kriegsrats ernannt worden. Dieses Gremium regierte Barcelona während der gesamten Dauer der Belagerung der Stadt.

Abfall der Verbündeten

Die Parallelen zwischen damals und heute gehen noch weiter. Im Oktober 2017 erklärte die Zentralregierung in Madrid die katalanische Regionalregierung für abgesetzt und übernahm selbst die Verwaltung. Vertreter Kataloniens riefen die EU als Vermittler an. Aber die EU erklärte sich für nicht zuständig. Die Sache sei eine rein innerspanische Angelegenheit, und im Übrigen dürfe die Einheit Spaniens nicht infrage gestellt werden. Der Zusammenhalt der Europäischen Union sei gefährdet, wenn mehr und mehr Regionen nach Unabhängigkeit verlangten.


Rafael Casanova sah sich in einer vergleichbaren Situation. Neben Österreich lehnte auch Großbritannien einen Bourbonen auf dem spanischen Thron ab und hatte daher den Katalanen Unterstützung – auch militärischer Art – zugesagt. Da brachte ein unerwarteter Todesfall das Bündnissystem ins Wanken: Im April 1711 starb der österreichische Kaiser Joseph I., ohne einen männlichen Erben zu hinterlassen. Kaiser wurde nun sein Bruder Karl – eben jener Karl, den die Habsburgerpartei als spanischen König durchsetzen wollte. Jetzt drohte ein übermächtiges Österreich. Auch das war nicht im Interesse der Briten. Henry St. John Bolingbroke, der Außenminister des Vereinigten Königreichs, sagte 1713: „Es ist nicht im Interesse Englands, die Freiheit der Katalanen zu schützen.“ Folgerichtig zog sich Großbritannien aus dem Krieg zurück – und das gerade zu dem Zeitpunkt, als Katalonien zu einem Angriffsziel der Franzosen wurde.


Als Anfang Juli 1714 die Belagerung Barcelonas begann, war der eigentliche Krieg schon zu Ende: Am 7. März war der Friede von Rastatt zwischen Frankreich und dem neuen Kaiser Karl VI. geschlossen worden. Der Bourbone Philipp V. blieb König von Spanien, und Katalonien, das ihm nach wie vor die Anerkennung verweigerte, stand nun ohne Verbündeten da. Die Katalanen – ein bekanntermaßen stolzes Volk – fühlten sich von den Briten verraten und im Stich gelassen. Auch im Jahre 2017 empfinden viele Katalanen ähnlich, hatten sie doch im Konflikt mit der spanischen Zentralregierung vergeblich um die Vermittlung der EU gebeten.

Noch ein 11. September

Trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit konnte sich Barcelona 60 Tage lang gegen den Ansturm der Franzosen behaupten. Mehrere Angriffe der gegnerischen Truppen konnten die Verteidiger unter Rafael Casanovas Führung zurückschlagen. Dann kam es jedoch, wie es kommen musste: Bei einem erneuten Angriff am 11. September 1714 blieben die Truppen Philipps V. siegreich. Casanova selbst führte an diesem Tag unter der Fahne der heiligen Eulalia einen Gegenangriff, bis er durch einen Schuss in den Oberschenkel verwundet wurde. Kurz danach brach der Angriff zusammen, und die Franzosen überrannten die letzten Befestigungen. Drei Tage später erklärte Barcelona die Kapitulation. In der Folge wurde Katalonien dem spanischen Herrschaftsbereich einverleibt. Seitdem gilt der 11. September als Tag des Gedenkens an die verlorene Unabhängigkeit.


Casanova erholte sich zwar von seiner Verwundung, verlor aber alle seine Ämter. Damit nicht genug, zogen die neuen Herren auch seinen gesamten Besitz ein. Er verließ Barcelona und lebte einige Jahre bei seinem Sohn auf dem Land. 1719 wurde er amnestiert und kehrte in die Stadt zurück. Bis 1737 war er als Rechtsanwalt tätig. Den Kontakt zu seinen Mitstreitern von einst gab er indes nie auf. Vermutlich war er auch Mitverfasser eines Manifests an den englischen König Georg II., das an das ehemalige Bündnis zwischen Katalonien und England erinnerte und 1736 veröffentlicht wurde, „im 22. Jahr unserer Versklavung“, wie es darin hieß. Rafael Casanova starb am 2. Mai 1743 im Alter von 83 Jahren.

Wechselvolles Gedenken

Die Einwohner Barcelonas vergaßen ihren Verteidiger nicht, wenn es auch bis 1863 dauerte, als ihm zu Ehren eine Straße benannt wurde. Zu groß war der politische Gegenwind aus Madrid gewesen. 1888 hatte er sich immerhin soweit gelegt, dass eine Gedenksäule für Casanova errichtet werden konnte. Auch weiterhin bestimmte die politische Wetterlage das Gedenken an die Freiheitskämpfer von 1714. Die spanischen Nationalisten unterdrückten jede Art von Autonomie. Unter Miguel Primo de Rivera (1923 bis 1930) und mehr noch während des Franco-Regimes (1939 bis 1975) war sogar der Gebrauch der katalanischen Sprache verboten. Das Denkmal für Rafael Casanova wurde entfernt und jede Erinnerung an ihn untersagt. 1977, nach der Wiederherstellung der Demokratie, wurde das Standbild nahe der Stelle, an der Casanova einst verwundet wurde, wieder aufgestellt. Man findet es an der Plaza Mossèn Jaume Oliveras im Stadtviertel Sant Boi de Llobregat. Jedes Jahr am 11. September findet dort eine Gedenkveranstaltung statt, und Vertreter des Staates sowie Prominente aus Kultur und Sport legen feierlich Kränze nieder.


Auch nach 300 Jahren haben die Katalanen nicht vergessen, dass ihr einstiger Kampf um die Unabhängigkeit durch die Wankelmütigkeit der Bundesgenossen verlorenging. Natürlich: Niemand will einen Zerfall der Europäischen Union, der durch separatistische Bestrebungen befördert werden könnte. Die Frage bleibt aber, ob nicht auch ein allzu strenger Herrschaftsanspruch der nationalen Regierungen Fliehkräfte befördern könnte, die Europa auseinander treiben.


Wenn im Stadion Camp Nou die 18. Spielminute anbricht, sitzen alle Zuschauer wieder friedlich auf ihren Bänken und verfolgen leidenschaftlich die Aktionen der Kicker auf dem Platz. Wie wird das Spiel wohl ausgehen – und nicht nur das auf dem Rasen?

 

 

Der Autor Jörg Wartschinski


Geboren 1957 in Porz. Nach dem Abitur einige Semester Studium der Germanistik und Anglistik. Danach Sprachenstudium mit dem Abschluss Diplom-Übersetzer. Einige Jahre Tätigkeit als freier Mitarbeiter in einem Übersetzungsbüro. Seit dem Studium Beginn mit der Produktion von Texten, in denen merkwürdige Menschen Merkwürdiges tun und die in kaum eine Schublade passen, mit dem Ergebnis, dass sie größtenteils immer noch dort liegen. Trotzdem einige Publikationen in Anthologien und Zeitschriften. Ziel: Geschichten: teils witzig, teils spannend erzählen, Dinge möglichst treffend beschreiben und dabei vermeiden, zu unpassenden Vergleichen zu greifen. Ein Roman ist in Arbeit. Eine Kurzgeschichtensammlung ist unter dem Titel „Vergrößerungsglas im Auge“ auf www.neobooks.com zu finden.

Buchtipp zum Thema: Der Untergang Barcelonas

Der Roman Victus, der Untergang Barcelonas, ist ein absoluter Bestseller in Spanien. Das Buch handelt vom Krieg zwischen den Katalanen und den kastilischen Truppen und ist der erste Historienroman des Autors Albert Sánchez Piñol. Dessen Bücher Im Rausch der Stille und Pandora im Kongo sind ebenfalls sehr empfehlenswert und im Verlag Fischer erschienen. Lektorin der deutschen Ausgabe ist Isabel Kupski, eine gute Freundin unserer Redaktion:

 

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