Mañana wieder Made in Germany?

Ein Ausgewanderter blickt von der Costa Blanca nach Hause

Früher öffnete „Made in Germany“ jede Taxitür im Ausland. Heute kommt zuerst das Oktoberfest. Wer aus Deutschland nach Spanien zieht, sieht die deutschen Klischees plötzlich von der anderen Seite – und merkt, wer hier eigentlich baut und wer nur noch verwaltet. Eine Kolumne über Bahnfunk, Porsche und ein Trikot, das niemand wollte.

von Alexander Gresbek (Text und Illustrationen)

Früher fing jede Taxifahrt beim Ankunftsflughafen im Ausland immer gleich an. Woher kommen Sie? Aus Deutschland. Und dann das Loblied: deutsche Autos, deutsche Präzision, Made in Germany, der Fahrer küsste fast das Lenkrad. Heute kommt zuerst das Oktoberfest. Dann Lederhose, Dirndl, Bierzelt, Maßkrug, in ungefähr dieser Reihenfolge. 

Der Mercedes-Stern ist gegen einen Bierkrug eingetauscht worden. Immer noch besser als die Frage eines Fahrers in Florida, ob der Weltkrieg eigentlich schon vorbei sei. Ich habe ja gesagt. Sicherheitshalber für beide.

Seit ich mehr in Spanien wohne als in Deutschland, sehe ich die Klischees von der Gegenseite. Spanien, das ist für den Deutschen zuerst die Sonne, ausgesprochen mit jenem Neid, den man bei Menschen hört, die ihren Urlaub nach Sonnenstunden buchen und ihr Leben nach Feiertagen. 

Gleich danach kommt die Herablassung, ein Erbstück aus der Zeit, als Spanien zu den PIGS gerechnet wurde. Pleitestaaten, Stützfälle, Nettoempfänger. Wir Deutsche zahlen, die Spanier liegen am Strand. Diese Brille ist älter als manche Tupperdose. Die Zahlen darunter haben sich längst gedreht, nur hat es noch keiner dem Stammtisch gesagt.

Im April 2025 fiel in Spanien für einen Tag der Strom aus. Wirklich der ganze Strom, im ganzen Land, Züge standen, Ampeln schwarz, Geldautomaten stumm. Ein gefundenes Fressen. Die deutsche Berichterstattung verfiel in den alten Reflex: So etwas könnte bei uns nicht passieren. Deutsche Netze, deutsche Redundanz, Präzision und Pünktlichkeit vs. Playa und Paella. 

Auch Stephan Kippes, Redakteur der Costa Blanca Nachrichten (CBN), für die ich als freier Mitarbeiter schrieb, witterte sofort die große Geschichte. Statt der üblichen Top-Storys wie den Schachklub am Strand von Benidorm und der Öffnungszeiten der Wertstoffhöfe, sah er schon den Zusammenbruch der Lieferketten heraufziehen. 

Eine Geschichte, die Stoff und steigende Auflagen für die kommenden Wochen versprach, wie schon in der Coronazeit: Stillstand, geschlossene Läden, leere Regale, das ganze Drama. Ich habe widersprochen. Damals aus Gefühl. Heute aus Aktenlage.

Denn dann kam der 23. Juni 2026. Abends fiel in Deutschland der digitale Bahnfunk GSM-R aus, der Zugverkehr wurde bundesweit eingestellt, Reisende saßen an den Bahnhöfen fest, bis man die Ursache gegen Mitternacht fand. Kein feindlicher Akt, kein Sturm, einfach ein Funkloch im Land der Ingenieurskunst. 

Spanien stand einen Tag still wegen eines Netzzusammenbruchs. Deutschland steht regelmäßig still wegen sich selbst. Bei der DB zucken wir nur noch mit den Schultern, Stuttgart 21 ist Folklore, andere Großbaustellen wie der BER wurden ja immerhin irgendwann eröffnet, man muss ja auch mal loben.

“Wir sollten längst nervös nach Süden blicken”

Schlimmer ist, dass neben der Bahn auch die Bänder stehen, die uns einst den Ruf verschafft haben. Porsches operativer Gewinn sackte 2025 um 98 Prozent ab, auf 90 Millionen Euro, ein Rundungsfehler für eine Marke, die sich für ein Naturgesetz hielt. Mercedes brach in China um 27 Prozent ein, VW um 15. 

Den größten Automarkt der Welt haben wir uns selbst herangezogen, VW baut dort seit den Achtzigern. Heute baut China ohne uns, schneller, billiger, mit besserer Software, während wir noch über die Mañana-Mentalität lachen. Dabei sollten wir längst nervös sein, auch mit Blick nach Süden. Die Spanier stellen Solarparks in die Landschaft, die man aus dem All erkennt, und liefern grünen Strom, während bei uns die Genehmigung noch im Umlauf ist.

An dieser Stelle taucht zuverlässig ein Wort auf, das ich inzwischen wie eine Warnleuchte lese: Technologieoffenheit. Es klingt nach Aufgeschlossenheit, nach Abwägung, nach erwachsener Vernunft. Gemeint ist das Gegenteil. Gemeint ist: Bitte lasst alles, wie es ist. Verbrenner statt Batterie, Gasheizung neben Wärmepumpe, E-Fuels als Rettungsboot für ein Geschäftsmodell, das schon Wasser zieht. Technologieoffenheit ist der Stillstand im Sonntagsanzug. Wer sie fordert, will nicht offen sein für Technologie. Er will offen bleiben für gestern.

Dazu die Zölle auf chinesische Elektroautos. Kurzfristig freut sich eine Lobby, die ohnehin am Tropf hängt. Langfristig schießen wir uns ins eigene Klimaziel. Ein billiges E-Auto aus Shenzhen auf einer deutschen Straße ist eine bessere Nachricht für das Weltklima als ein teurer Diesel aus deutscher Produktion. Trump hat vorgeführt, wohin Protektionismus marschiert, wenn man ihn ernst nimmt. Höhere Preise, gekränkte Verbündete und eine heimische Industrie, der Trump mit seinen Zöllen die Luft abdrückt und das Schutz nennt. Wir schreiben fleißig mit.

Trump, Trickot, Teamgeist?

Während all das passiert, kündigt Berlin an, noch vor der Sommerpause diverses zu erledigen: die Steuerreform, die Rentenreform, die Gesundheitsreform, die Pflegereform, Wohngeldreform, den Bürokratieabbau, den Haushalt, die Wirtschaftswende, Brückensanierung, sozialen Wohnungsbau und nebenbei den Wiederaufbau der Bundeswehr. 

Merz und Co. schaffen das schon. Falls nicht, bleibt der Fußball. Die Nationalmannschaft gewann zum WM-Auftakt in Houston mit 7:1 gegen Curaçao, ein Land mit etwa der Einwohnerzahl von Wuppertal. Beim G7-Gipfel in Évian schenkte der Bundeskanzler dem amerikanischen Präsidenten ein Nationaltrikot, hinten der Name Trump, die Nummer 47, weil er der 47. Präsident ist. 

Trump verstand nicht recht, was das sollte, und wollte das Hemd nicht anziehen. Wir spielen im selben Team, soll Merz gesagt haben. Der andere sah das anders. Es gibt selten ein so präzises Bild für deutsche Außenpolitik: ein Geschenk überreichen, das niemand wollte, und sich für den Stürmer halten, während man die Bande ist.

Und nein, das soll nicht von oben herab klingen. Ich bin selbst ausgewandert, nicht aus Verachtung, sondern weil mir im fränkischen Februar regelmäßig die Lebensfreude einfror. Ich hänge am deutschen Pass, an der Aussicht auf Rente, an der Krankenversicherung. Wenn ich spotte, spotte ich über mein eigenes Wartezimmer. 

Aber ich sehe natürlich auch, was hier vor meiner Tür passiert. Spanien hat Probleme, viele, der Blackout im April war eines davon, Bürokratie ist auch hier ein Begriff. Doch es bewegt sich. Es baut und eröffnet Bahnstrecken, auf denen die Züge pünktlich fahren, was für einen Heimkehrer aus Deutschland fast obszön wirkt. Mañana ist ein Klischee. Den Stillstand zu Hause kann man dagegen mit der Stoppuhr messen.

“Große Dinge haben keinen Reisepass”

Die wirklich großen Dinge haben ohnehin keinen Reisepass. Der Klimawandel hält sich nicht an Zollformulare. Die KI-Revolution findet gerade in Kalifornien statt und in Teilen Chinas, während wir in Deutschland noch das Datenschutzkonzept für das Antragsformular prüfen. 

Der demografische Wandel trifft uns alle, Spanien sogar härter, und keine Pflegereform der Welt repariert ihn, solange wir Zuwanderung gleichzeitig zum Schreckgespenst erklären. Das wären erstmal drei Aufgaben, an denen sich zeigt, ob ein Land noch baut oder nur noch verwaltet.

Wenn aus Deutschland also etwas in die Welt hinaus soll, dann die schlichte Bereitschaft, denen auf Augenhöhe zu begegnen, die wir lange für Stützfälle hielten und die uns inzwischen in einigen Disziplinen das Rücklicht zeigen. Kein Trikot für einen Mann, der es nie überstreift und bei Geschenken nicht die Geste schätzt, nur den Wert abschätzt. 

Made in Germany war ein Versprechen, kein Erbadel. Es kann wieder eines werden. Oder es endet als Aufdruck auf dem Maßkrug, gleich neben dem Dirndl, und der Taxifahrer fragt höflich, wie das mit dem Weltkrieg jetzt eigentlich ausgegangen ist.

Der Autor

Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur, Politik, Umwelt und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.

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