
Trump droht Spanien: Ein Kommentar zum Natogipfel in Ankara
„Im Westen nichts Neues": Trump, Sánchez, Rutte
Beim NATO-Gipfel in Ankara wiederholt sich das inzwischen bekannte Ritual: US-Präsident Donald Trump keilt öffentlich gegen Spanien, Pedro Sánchez bleibt betont ruhig, und Generalsekretär Mark Rutte hebt die Kunst der Anbiederung auf ein neues Niveau. Dazwischen ein Iran-Krieg, den kaum jemand offen ansprechen mag, und eine Abschlusserklärung, die auf eine DIN-A4-Seite passt.
ein Kommentar von Alexander Gresbek
Man kann die Uhr danach stellen. Sobald in Ankara die Fernsehteams ihre Kameras aufbauen und Trump neben Rutte tritt, folgt das Ritual: Ein europäisches Land wird zum Sündenbock erklärt. Diesmal trifft es wieder Spanien. „Spanien ist ein verlorener Fall, ein schrecklicher Partner in der Nato", schimpfte der US-Präsident. „Sie beteiligen sich nicht, sie zahlen nicht. Ich will nichts mit Spanien zu tun haben."
Weil eine Schmähung ohne Drohung nicht komplett wäre, kündigte Trump an, seinen Finanzminister Scott Bessent angewiesen zu haben, jeglichen Handel mit Spanien einzustellen.
Dass Handelsfragen in Brüssel entschieden werden und Spanien Teil des EU-Binnenmarkts ist, hat in Washington offenbar nur unvollständig Wurzeln geschlagen. Auch die Feinheit, dass die USA mehr nach Spanien exportieren als umgekehrt, blieb unerwähnt. Trump agierte in vertrauter Rolle: austeilen, öffentlich demütigen, weiterziehen.
Warum Spanien ins Visier gerät
Sánchez ist kein Zufallsopfer. Als einziges Nato-Land lehnt Spanien die Erhöhung der Verteidigungsausgaben auf fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts ab. Das Land verweigert die Militärlogik, die Trump seit Monaten predigt.
Es kommt schlimmer: Nach Beginn der US-Angriffe gegen Iran Ende Februar sperrte Spanien den Luftraum für US-Militärflugzeuge, und Sánchez untersagte den USA, während der Angriffe auf den Iran Stützpunkte in Andalusien zu nutzen. In der Trumpschen Weltdeutung ist das Verrat.
In europäischer Lesart ist es ein bemerkenswert klarer Standpunkt. Der spanische Regierungschef nimmt eine Position ein, zu der andere Länder erst nach jahrelangem Zögern finden würden, wenn überhaupt.
Sánchez begründet sein Nein innenpolitisch: Fünf Prozent des BIP für Verteidigung sind ohne massive Einschnitte an anderer Stelle nicht finanzierbar. Deutschland reißt inzwischen die eigenen Schuldenregeln, um mitzuhalten. Andere Regierungen murren im Stillen und geben trotzdem nach.
Sánchez bleibt kühl
Aus Madrid kam eine entwaffnend unaufgeregte Reaktion. „Mit Ruhe und Geduld" nehme er Trumps Worte hin, sagte Pedro Sánchez vor Journalisten. Vor dem Gruppenfoto habe er ganz locker und freundlich mit Trump über Fußball und die Weltmeisterschaft geplaudert. Keinerlei Spannungen, nur höfliche Worte.
Das mag naiv wirken oder taktisch klug sein, je nach Standpunkt. Wer sich mit Trump anlegt, verliert die Schlagzeile. Wer schweigt und weiterregiert, entzieht dem Präsidenten seine Bühne. Sánchez wählt die zweite Variante und hat dabei einen strukturellen Vorteil: Die EU steht zwischen ihm und Washington.
Ein wirklicher Handelsstopp wäre juristisch kaum durchsetzbar, und im Ernstfall könnte Brüssel sein Instrument gegen wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen aktivieren. Trump kann Spanien öffentlich beschimpfen, so oft er möchte. Konsequenzen entstehen daraus vorerst kaum.
Rutte und die hohe Kunst der Anbiederung
Wer den Auftritt des Generalsekretärs verfolgt hat, kann ihn nur mit gemischten Gefühlen betrachten. Der Kolumnist Florian Harms brachte es auf den Punkt: „Generalsekretär Mark Rutte hat die unterwürfige Anbiederung zu einer eigenen Kunstform erhoben." Beim Gipfel in Den Haag 2025 hatte Rutte den US-Präsidenten öffentlich mit einem Vater verglichen, der bei streitenden Kindern eben „manchmal deutliche Worte finden muss". Das Wort „Daddy" ging um die Welt. In Ankara knüpft Rutte nahtlos an dieses Register an.
Vor dem Gipfel reiste er nach Washington, im Gepäck eine goldbedruckte Präsentation über die Erfolge des US-Präsidenten für die Allianz. Der Ton ist Programm. Rutte weiß, dass die Nato als politisches Projekt nur so lange trägt, wie die USA im Boot bleiben. Also lächelt er, moderiert, lobt und übernimmt die Rolle des dienstbaren Zeremonienmeisters.
Hinter den Kulissen zeigte sich in Ankara ein anderer Trump: nach Angaben aus Teilnehmerkreisen „in keiner Weise vorwurfsvoll", ohne Grönland-Attacke, ohne Spanien-Schelte. Vor den Kameras bleibt es beim Theater.
Der Iran-Krieg als Randnotiz
Das Thema, das den Gipfel eigentlich hätte dominieren müssen, verschwand in einem einzigen Satz. In der Abschlusserklärung heißt es lediglich: „Die Verbündeten bekräftigen erneut, dass der Iran niemals eine Kernwaffe besitzen darf, und rufen Iran dazu auf, die Freiheit der Schifffahrt in der Straße von Hormus uneingeschränkt zu achten." Dabei bombardierte das US-Militär in der Nacht zu Mittwoch, unmittelbar nach Beginn des Gipfels, als Reaktion auf Attacken gegen Tanker in der Straße von Hormus Dutzende Ziele in Iran.
Ein Krieg, den viele europäische Verbündete kritisch sehen und den kein Kommuniqué wirklich einfangen kann. Trump nutzte das Thema, um weiter auszuteilen. Italien, Deutschland und Spanien schmähte er als „hoffnungslose Fälle", weil sie nicht bereit gewesen seien, den USA zu helfen. Die europäische Zurückhaltung ist rational, sie ist mehrheitsfähig, und sie ist im Trumpschen Weltbild ein Grund für Bestrafung.
Was aus Ankara übrig bleibt
Am Ende steht eine Abschlusserklärung auf einer A4-Seite, ein Bekenntnis zur Ukraine, das stärker ausfällt als in Den Haag, sowie Rüstungsverträge im Volumen von mehr als 50 Milliarden US-Dollar. Bundeskanzler Friedrich Merz spricht vom „Geist von Ankara".
Sánchez fährt nach Madrid zurück, ohne den Ton zu verlieren. Trump lobt am Ende die „unglaubliche Liebe" im Saal und erklärt den Gipfel für „sehr erfolgreich".
Im Westen also nichts Neues. Ein US-Präsident, der öffentlich brüllt und intern schmeichelt. Ein Generalsekretär, der die Peinlichkeit als diplomatisches Instrument einsetzt. Ein spanischer Regierungschef, der die Provokation aussitzt. Ein Krieg im Iran, der nicht verschwindet, nur weil in der Erklärung ein einzelner Satz zu ihm steht.
Wer in Spanien lebt oder als Tourist plant, wird von alldem im Alltag wenig spüren. Handelsembargos zwischen den USA und einem EU-Mitgliedstaat sind rechtlich kaum umsetzbar, politische Wutausbrüche verhallen.
Bleibt die Beobachtung, dass Sánchez in diesem Bündnis derjenige ist, der als Einziger konsequent Nein sagt. Ob das langfristig klug ist oder riskant, wird sich zeigen. Für den Moment steht Spanien allein. Aber allein im Unrecht steht es nicht.
Der Autor
Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur, Politik, Umwelt und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.
Weiterführende Links
Spaniens Konfrontation mit Israel
Spanien als Vorreiter gegen Trumps Krieg


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