Spaniens Wirtschaft 2026: Wachstum ohne Wohlstand

Spanien wächst schneller als fast jedes andere Land der Eurozone, und trotzdem warnen die eigenen Ökonomen vor einer Stagflation. Wie passt das zusammen? Ein Blick auf die spanische Wirtschaft 2026 zeigt einen Boom mit zwei blinden Flecken: einer schwachen Produktivität und einem Pro-Kopf-Einkommen, das dem Wachstum nicht folgt.

von Alexander Gresbek (Text und Illustrationen)

Die Zahlen sehen glänzend aus. Für 2026 rechnet die Banco de España mit einem Wachstum von 2,3 Prozent, BBVA Research sogar mit 2,4 Prozent. Die Eurozone kommt im selben Zeitraum auf magere 0,8 Prozent. Die „Financial Times" nannte Spanien unlängst einen „außergewöhnlichen Lichtblick", und die Regierung wiederholt die Erfolgsmeldung bei jeder Gelegenheit. An der Oberfläche stimmt sie sogar. Spanien ist die viertgrößte Volkswirtschaft der EU und wächst seit Jahren robust.

Darunter liegen zwei Geschichten, die weniger gut klingen. Die eine ist strukturell und begleitet das Land seit Jahrzehnten. Die andere ist neu und macht den Fachleuten gerade akut Sorgen.

Das Wachstum erreicht die Haushalte kaum

Nach Eurostat liegt das kaufkraftbereinigte Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt Spaniens bei 92 Prozent des EU-Schnitts. Damit steht das Land auf Rang 16 von 27, deutlich hinter Deutschland und Frankreich. Seit 2018 hat sich dieser Wert um genau einen Punkt verbessert, trotz milliardenschwerer EU-Fonds und Rekordbeschäftigung. 

Das Wachstum landet also im Bruttoinlandsprodukt, aber kaum im Portemonnaie der Menschen.

Der Grund heißt Produktivität, genauer: ihr Fehlen. „Spanien ist wie ein Flugzeug, das nur mit einem Motor fliegt, der Beschäftigung", sagt Rafael Doménech von BBVA Research. Der zweite Motor fehlt. Laut BBVA Research stieg die Produktivität pro Arbeitsstunde zwischen 2019 und Mitte 2025 um lediglich drei Prozent.

Sie liegt damit 10 bis 15 Prozent unter dem EU-Durchschnitt. Ökonomen sprechen von einer „Low-Cost"-Wirtschaft: Sie lebt von niedrigen Löhnen und Kosten, nicht von Innovation und Wertschöpfung.

Zu viele kleine Betriebe

Ein Teil der Erklärung steckt in der Unternehmensstruktur. Nach Daten des Arbeitgeberverbands Cepyme bestehen 94 Prozent der spanischen Betriebe aus Kleinstunternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten. Kleine Firmen investieren weniger in Technik, Forschung und Weiterbildung. Sie exportieren seltener und wachsen langsamer. 

Der 2024 gegründete Produktivitätsrat, der die Regierung berät, kommt in seinem ersten Jahresbericht zum selben Schluss und warnt: Solange die Produktivität schwach wächst, holt Spanien die großen Volkswirtschaften Europas nicht ein. José García Montalvo, Wirtschaftsprofessor an der Universitat Pompeu Fabra in Barcelona, nennt das ein „tiefwurzelndes" und strukturelles Problem, kein konjunkturelles.

Beschäftigung als einziger Motor

Woher kommt dann das Wachstum? Vor allem aus mehr Arbeitskräften. Das Institut für wirtschaftliche Studien (IEE) führt drei Viertel des Wachstums zwischen 2018 und 2025 auf die Beschäftigung zurück. Ein großer Teil der neuen Stellen ging an ausländische Arbeitskräfte: 

Verschiedene Analysen schätzen ihren Anteil an den seit der Pandemie geschaffenen Jobs auf 35 bis 40 Prozent, bei aktuell rund 3,5 Millionen ausländischen Beschäftigten. Für die alternde spanische Gesellschaft ist Einwanderung wirtschaftlich unverzichtbar. 

Weil die meisten Zuwanderer aber in arbeitsintensiven Dienstleistungen unterkommen, wächst mit ihnen die Beschäftigung, nicht die Produktivität. Genau darin liegt das Dilemma: Zusätzliche Arbeit entsteht dort, wo pro Stunde am wenigsten erwirtschaftet wird. Das Bruttoinlandsprodukt steigt, das Einkommen pro Kopf hinkt hinterher.

Ökonomen fürchten die Stagflation

Über dieser alten Schwäche liegt seit Kurzem eine neue Sorge. Im Wirtschaftsbarometer des Generalrats der Ökonomen (CGE) hielten Ende Juni 63,9 Prozent der 594 befragten Fachleute eine Stagflation für „hoch" oder „sehr" wahrscheinlich, also schwaches Wachstum bei einer Inflation über zwei Prozent. 

Fast zwei Drittel (64,3 Prozent) erwarten für 2026 eine Verschlechterung der Lage. Sechs von zehn finden, die Wirtschaft habe sich schon in den vergangenen sechs Monaten verschlechtert.

Die Preise geben ihnen recht. Die Inflation lag im April, Mai und Juni jeweils bei 3,2 Prozent, vier Monate in Folge über der Drei-Prozent-Marke. Die Banco de España hob ihre Prognose für den Jahresdurchschnitt 2026 zuletzt auf 3,6 Prozent an. 

Treiber ist die Energie: Der Krieg im Nahen Osten verteuerte Öl und Gas, und zum 1. Juni liefen die staatlichen Steuersenkungen auf Strom und Kraftstoffe aus. Teurer Alltag frisst die Kaufkraft der Familien und senkt ihre Widerstandskraft gegen die nächste Krise. 

Genau deshalb empfehlen die Ökonomen, nicht allein an der Zinsschraube zu drehen, sondern die Produktivität der Unternehmen zu stärken. Die strukturelle und die aktuelle Sorge treffen sich also im selben Rezept.

Zölle belasten die Exporte

Ein zweiter Unsicherheitsfaktor kommt aus Washington. Nach der Zustimmung des Europäischen Parlaments am 16. Juni 2026 gilt das Handelsabkommen mit den USA: Auf die meisten EU-Ausfuhren in die Vereinigten Staaten fallen 15 Prozent Zoll, im Gegenzug strich die EU ihre Zölle auf US-Industriegüter zum 1. Juli. 

63,9 Prozent der vom CGE befragten Ökonomen zeigen sich über diese Exporthürde „höchst" oder „sehr" besorgt. Bei den Hemmnissen für Unternehmensinvestitionen nennen 37 Prozent die politische und regulatorische Unsicherheit als Hauptproblem, 29 Prozent die Arbeitskosten, 16 Prozent die Zinsen.

Tourismus verdeckt die Schwäche

Dass die Bilanz trotzdem positiv bleibt, verdankt Spanien seinem stärksten Sektor. Mit rund 13 Prozent Anteil am Bruttoinlandsprodukt ist der Tourismus der wichtigste Wirtschaftszweig des Landes. Er sorgt dafür, dass die Leistungsbilanz Jahr für Jahr im Plus liegt, während der Warenhandel ein Defizit ausweist. 

Der Tourismus, auch der Ökotourismus, ist wettbewerbsfähig und einer der wenigen Bereiche, die nicht nur über den Preis konkurrieren. Er stützt die Zahlen, überdeckt aber zugleich, wie schmal die produktive Basis darunter ausfällt.

Spanien ist keine stagnierende Wirtschaft, das Wachstum liegt klar über dem europäischen Schnitt. Nur misst dieses Wachstum vor allem, wie viele Menschen arbeiten, und kaum, wie viel jede Stunde Arbeit einbringt. Solange der zweite Motor fehlt, bleibt der Boom eine Zahl, die sich im Alltag der meisten Haushalte nur langsam bemerkbar macht.

Der Autor

Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur, Politik, Umwelt und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.

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