Altea: Blaue Kuppeln über der Costa Blanca

Zwischen kobaltblauen Kirchenkuppeln und Fischerbooten versteckt sich Altea an der Costa Blanca. Die weiße Stadt zieht seit den 1950er-Jahren Künstler an und hat sich ihren Charakter bewahrt – trotz Benidorm in Sichtweite.

Von Alexander Gresbek (Text und Fotos)

Wer von Benidorm aus die Küstenstraße Richtung Norden fährt, erlebt nach wenigen Kilometern einen Szenenwechsel. Die Hochhäuser weichen, das Gelände steigt an, und auf einem Hügel über der Bucht erscheint ein Gewirr weißer Häuser, gekrönt von zwei kobaltblauen Kuppeln. Das ist Altea, rund 23.000 Einwohner, und für viele Kenner der schönste Ort an der gesamten Costa Blanca.

Die Griechen siedelten hier als Erste und nannten den Ort Althaia – „Ich heile“. Phönizier, Römer und Mauren folgten, bis die christliche Reconquista 1244 die Bucht eroberte. Danach lebte Altea Jahrhunderte lang vom Fischfang. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts kamen die ersten Touristen, und mit ihnen die Künstler.

Ein Dorf, das Maler anzog

1956 kaufte der deutsche Maler Eberhard Schlotter ein Bauernhaus in der damals noch verschlafenen Altstadt. Schlotter, einer der bedeutendsten deutschen Grafiker der Nachkriegszeit, brachte das Licht der Costa Blanca auf seine Leinwände und lockte andere Kunstschaffende nach. Die Fundación Eberhard Schlotter in der Costera dels Matxos 2 zeigt mehr als 1.000 seiner Werke – Radierungen, Ölbilder, Aquarelle. Seit 2015 trägt ein Park in Altea seinen Namen: die Jardines Eberhard Schlotter.

Schlotter war der Anfang. Die Universität Miguel Hernández aus Elche betreibt in Altea ihre Fakultät für Schöne Künste, an der Malerei, Bildhauerei und Fotografie gelehrt werden. Studierende und Absolventen blieben, eröffneten Galerien und Ateliers in den Altstadtgassen. 

An Hausfassaden in den Straßen Calle Salamanca und Calle Sant Miquel sind noch Wandmalereien jener Künstler zu sehen, die sich in den 1960er- und 1970er-Jahren hier niederließen. Altea nennt sich deshalb „die Bohème des Mittelmeers“ – und das ist ausnahmsweise keine leere Tourismusfloskel.

Aufstieg durch Kopfsteinpflaster

Die Altstadt erklimmt man zu Fuß. Autos passen nicht durch die steilen Gassen mit ihrem Kopfsteinpflaster aus runden Kieseln. Die Häuser sind weiß getüncht, manche tragen schmiedeeiserne Balkone, andere Blumenkästen mit Geranien und Bougainvillea. 

An jeder Biegung öffnet sich ein neuer Blick: auf das Meer, auf die Silhouette des Peñón de Ifach bei Calpe, auf die Sierra Helada im Süden.

Ganz oben wartet die Plaza de la Iglesia, der Kirchplatz, mit der Pfarrkirche Nuestra Señora del Consuelo. Ihre beiden blau-weiß glasierten Kuppeln sind das Wahrzeichen der Stadt. Die Kirche lässt sich kostenlos besichtigen. 

Vom benachbarten Mirador de los Cronistas reicht der Blick an klaren Tagen bis nach Benidorm. Auf dem Platz selbst stehen kleine Lokale, in denen man bei einem Cortado das Treiben beobachten kann. Am Dienstag findet hier ein Kunsthandwerkermarkt statt.

Fisch vom Kutter auf den Teller

Altea ist kein Museumsdorf. Der Fischerhafen arbeitet noch. 24 Trawler fahren täglich aufs Meer hinaus, der jährliche Fangertrag liegt bei rund 2.370 Tonnen. Dazu kommen zwei Marikulturen vor der Küste, in denen Goldbrassen, Wolfsbarsche und Adlerfische gezüchtet werden. 

An der Strandpromenade und in den Restaurants rund um den Hafen landet dieser Fisch direkt auf dem Teller: Arroz a banda (Reis in Fischsud), Fideuà (die Nudelvariante der Paella) und gegrillte Gambas gehören zu den Spezialitäten.

In der Marina Greenwich, dem Yachthafen am Nullmeridian, reihen sich Restaurants und Bars aneinander. Wer es ruhiger mag, findet an der Strandpromenade Richtung Norden kleinere Chiringuitos mit Plastikstühlen und Meerblick. Dort riecht es nach gegrilltem Fisch und Meersalz, und der einzige Lärm kommt von den Möwen.

Kiesel statt Sand

Alteas Strände sind keine Sandstrände. Die Playa de la Roda, direkt vor der Altstadt, besteht aus hellen, von der Brandung rund geschliffenen Kieseln. Das Wasser ist dafür klar, der Einstieg fällt schnell ab. Wer Badeschuhe mitbringt, gewöhnt sich schnell daran. 

Im Norden liegt Cap Negret mit seinen auffälligen schwarzen Felsen und ruhigerem Wasser. Die Buchten an der Punta del Mascarat, etwa sechs Kilometer außerhalb, locken Schnorchler mit türkisfarbenem Wasser und Felsformationen unter der Oberfläche.

An der gesamten Küste Alteas misst sich der Strand auf rund sechs Kilometern. Im Sommer erreicht das Mittelmeer hier etwa 24 Grad. Der Hundestrand im Norden, rund 500 Meter lang, ist einer der wenigen offiziellen Hundestrände der Region.

Die russische Kirche im Hinterland

Wer durch Altea fährt, stößt auf eine Überraschung: die Iglesia Ortodoxa Rusa San Miguel Arcángel, Spaniens erste russisch-orthodoxe Kirche. 2002 von sibirischen Arbeitern errichtet, wirkt sie mit ihren Goldverzierungen und Ikonen wie ein Stück Moskau an der Mittelmeerküste. Die Kirche ist morgens und an Wochenenden abends für Besucher geöffnet.

Kultur hinter Festsaalwänden

Altea investiert in Kultur. Das Palau Altea, ein Konzert- und Kulturzentrum, zeigt regelmäßig Opern, Konzerte und Theateraufführungen. Die Villa Gadea, von der UNESCO als internationale Musikschulstätte anerkannt, ergänzt das Angebot. In der Casa de Cultura finden wechselnde Kunstausstellungen statt.

Feuerwerk, das aus dem Meer steigt

Den Höhepunkt des Jahres erlebt Altea am Samstag um den 10. August, dem Fest des San Lorenzo. Dann verwandelt sich die Bucht zur Bühne für den Castell de l’Olla, eines der spektakulärsten Feuerwerke am gesamten Mittelmeer. Das Besondere: Die Raketen werden von Plattformen im Meer gezündet, acht Stück, je 15 Tonnen schwer. 

Mehr als 2.000 Kilogramm Schwarzpulver explodieren in rund 20 Minuten über der Wasseroberfläche, die Farben spiegeln sich im Meer. Über 50.000 Zuschauer drängen sich an der Playa de la Olla und auf Hunderten von Booten in der Bucht. 

Das Spektakel geht auf eine Hommage an den lokalen Pyrotechniker Blas Aznar zurück, hat mittlerweile mehr als 30 Jahre Tradition und ist seit 2007 als Fiesta de Interés Turístico Autonómico anerkannt. Wer dabei sein will, sollte früh kommen oder den TRAM mit verlängertem Nachtfahrplan nutzen – Parkplätze sind an diesem Abend Mangelware.

Ausflüge ins Hinterland

Altea liegt geografisch günstig für Tagesausflüge. Die Fonts de l’Algar, Wasserfälle und Naturpools am Oberlauf des Río Algar, sind mit dem Auto in 15 Minuten erreichbar. Das Bergdorf Guadalest, eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der Region, thront auf einem Felsvorsprung über einem türkisgrünen Stausee. 

Wer früh morgens kommt, hat den Ort noch fast für sich. Im Rücken Alteas erhebt sich die Sierra de Bernia auf 1.100 Meter: Eine Rundwanderung über den Kamm dauert etwa vier Stunden und bietet Ausblicke auf beide Seiten der Küste.

Der Autor

Alexander Gresbek lebt seit vielen Jahren an der spanischen Mittelmeerküste. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.

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