Ciudad de las Artes y las Ciencias in Valencia

Die Ciudad de las Artes y las Ciencias in Valencia verschlang über eine Milliarde Euro, sprengte jeden Kostenrahmen – und verwandelte eine verschlafene Provinzstadt in eines der wichtigsten Städtereiseziele Spaniens. Die Geschichte eines architektonischen Komplexes zwischen Größenwahn, Skandalen und Triumph.

von Alexander Gresbek (Text und Fotos)

Valencia - Am Ufer eines Flusses, der gar nicht mehr existiert, erhebt sich ein architektonisches Ensemble, das aussieht wie die Kulisse eines Science-Fiction-Films. Die Ciudad de las Artes y las Ciencias in Valencia verschlang über eine Milliarde Euro, sprengte jeden Kostenrahmen und wurde zum Symbol spanischen Größenwahns. 

Gleichzeitig transformierte sie eine zuvor als verschlafene Provinzstadt wahrgenommene Stadt zu einem der wichtigsten Städtereiseziele Spaniens. Die Geschichte dieses Komplexes ist eine Geschichte von Visionen und Skandalen, von einem valencianischen Architekten, der die Welt eroberte, und von einer Stadt, die sich neu erfand.

Santiago Calatrava: Der Mann hinter den Formen

Santiago Calatrava kam am 28. Juli 1951 in Benimàmet zur Welt, einem Vorort von Valencia, der heute längst von der Stadt verschluckt wurde. Sein Vater handelte mit Agrarprodukten, die er nach Nordeuropa exportierte, doch statt den Jungen in die Geschäftswelt einzuführen, nahm er ihn regelmäßig mit ins Prado nach Madrid. Mit acht Jahren begann Santiago zu zeichnen und zu malen, zunächst an der Kunstgewerbeschule in Valencia, später träumte er von Paris.

1968 reiste der junge Mann tatsächlich in die französische Hauptstadt, um an der École des Beaux Arts zu studieren. Er kam zur denkbar ungünstigsten Zeit: Die Studentenunruhen lähmten das Land, der Unterricht fiel aus. Calatrava kehrte nach Valencia zurück und studierte stattdessen Architektur an der Polytechnischen Universität. 

Nach dem Abschluss zog er 1975 in die Schweiz, um an der renommierten ETH Zürich Bauingenieurwesen zu studieren. 1981 promovierte er dort mit einer Arbeit über die Faltbarkeit von Raumtragwerken, ein Thema, das seine gesamte spätere Karriere prägen sollte.

Diese doppelte Ausbildung als Architekt und Ingenieur unterscheidet Calatrava von den meisten seiner Zeitgenossen. Er entwirft nicht einfach schöne Formen, die andere dann irgendwie tragfähig machen müssen – er denkt von Anfang an in Strukturen und Kräften. Sein großes Vorbild war der Schweizer Ingenieur Robert Maillart, von dem er lernte, dass man „mit der richtigen Kombination von Kraft und Masse Emotionen erzeugen kann“.

Harfenartige Seilkonstruktionen

Die Formen, die Calatrava erschafft, sehen aus, als kämen sie direkt aus der Natur: Vogelflügel, Skelette, aufbrechende Knospen, menschliche Augenlider. Er selbst spricht von Biomimikry – der Kunst, die Konstruktionsprinzipien der Natur in Architektur zu übersetzen.

Seine Gebäude sind fast ausnahmslos weiß, eine Hommage an die geweißelten Häuser des Mittelmeerraums seiner Kindheit. Stahl, Beton und Glas formt er zu schwingenden Kurven, seine Brücken erkennt man sofort an den charakteristischen geneigten Pylonen und den harfenartigen Seilkonstruktionen.

Nach seinem Durchbruch mit der Bac-de-Roda-Brücke in Barcelona 1987 und der ikonischen Alamillo-Brücke zur Expo 92 in Sevilla wurde Calatrava zum weltweit gefragtesten Architekten für spektakuläre Infrastrukturprojekte.

Das Kunstmuseum in Milwaukee mit seinen beweglichen Flügeln, der Turning Torso in Malmö als erster sich drehender Wolkenkratzer der Welt, das Dach des Athener Olympiastadions, der monumentale Oculus am Ground Zero in New York – die Liste liest sich wie ein Best-of der Architektur des frühen 21. Jahrhunderts.

Wie eine Jahrhundertflut Valencia veränderte

Um die Ciudad de las Artes y las Ciencias zu verstehen, muss man in die Vergangenheit reisen – genauer gesagt in den 14. Oktober 1957. An diesem Tag brachen nach tagelangen Regenfällen die Dämme des Río Turia, der mitten durch Valencia floss. 300 Millionen Kubikmeter Wasser ergossen sich in die Stadt, das Wasser stand in manchen Vierteln fünf Meter hoch. Mindestens 81 Menschen starben, vermutlich weit mehr; 5.800 Häuser wurden zerstört, 75 Prozent der Stadt standen unter Wasser.

Diktator Francisco Franco besuchte Valencia zehn Tage später und versprach Wiederaufbauhilfe. Das Ergebnis war der Plan Sur, ein gewaltiges Umbauprojekt: Der Fluss sollte komplett aus der Stadt heraus in ein neues, 12 Kilometer langes Kanalbett südlich von Valencia umgeleitet werden. 1964 begannen die Bauarbeiten, 1973 war die Umleitung fertig. Zurück blieb ein sieben Kilometer langes, leeres Flussbett mitten durch die Stadt.

Die ursprüngliche Idee der Stadtplaner war pragmatisch: Man wollte eine mehrspurige Autobahn durch das trockene Bett bauen, um den Verkehr zu entlasten. Doch 1970 gingen die Valencianer auf die Straßen. „El llit del Túria és nostre i el volem verd!“ riefen sie – das Bett des Turia gehört uns, und wir wollen es grün! Der Protest hatte Erfolg. 1976 verfügte König Juan Carlos I. die Übertragung des Geländes an die Stadt, und ab 1986 entstand statt einer Autobahn einer der längsten Stadtparks Europas: die Jardines del Turia. Das östliche Ende dieses Parks, dort wo der Fluss einst ins Meer mündete, blieb zunächst unbebaut. Hier sollte etwas Besonderes entstehen.

1989 besuchte Joan Lerma, der sozialistische Präsident der valencianischen Regionalregierung, die Cité des sciences et de l’industrie in Paris und kam mit einer Vision zurück: Valencia sollte eine eigene Stadt der Wissenschaften bekommen.

Vom Kommunikationsturm zum Opernhaus

Der Wissenschaftler Antonio Ten Ros erhielt den Auftrag, ein Konzept zu entwickeln. Im Dezember 1991 präsentierte er dem Präsidenten ein Mammutprojekt: 32 Bände umfasste der Entwurf für eine Ciudad de las Ciencias, deren Herzstück ein 382 Meter hoher Kommunikationsturm werden sollte – damals wäre es der dritthöchste der Welt gewesen. Dazu kamen ein IMAX-Kino mit Planetarium und ein Wissenschaftsmuseum. Die geschätzten Kosten: 150 Millionen Euro.

Santiago Calatrava, der Sohn der Stadt, erhielt den Auftrag für die architektonische Umsetzung. 1994 begannen die Bauarbeiten, die Fundamente des Turms wuchsen bereits aus dem Boden. Dann kam das Jahr 1995, und mit ihm eine politische Wende: Die konservative Partido Popular gewann die Regionalwahlen, Eduardo Zaplana wurde neuer Präsident. Die neue Regierung stoppte sofort alle Arbeiten und kündigte ein Projekt mit „anderer Philosophie“ an.

Nach vier Monaten Stillstand entschied man sich, weiterzubauen – aber anders. Der Kommunikationsturm wurde ersatzlos gestrichen. An seine Stelle sollte zunächst ein Springbrunnen treten, dann wurde der Plan komplett überarbeitet. 

Im Juni 1996 präsentierte Calatrava einen neuen Entwurf: Statt des Turms würde ein spektakuläres Opernhaus entstehen, ein Aquarium sollte das Ensemble ergänzen. Aus der Ciudad de las Ciencias wurde die Ciudad de las Artes y las Ciencias, aus einem wissenschaftlichen Bildungsprojekt ein kulturelles Prestige-Ensemble. Die Kosten wurden nun mit 308 Millionen Euro veranschlagt.

Für das Aquarium holte man einen besonderen Architekten: Félix Candela, geboren 1910 in Madrid, nach dem Bürgerkrieg ins mexikanische Exil geflohen und dort zum Meister der Betonschalenbauweise geworden. Seine geschwungenen Dächer aus hauchdünnem Stahlbeton hatten ihn weltberühmt gemacht. 1996 war Candela bereits 86 Jahre alt, als er den Auftrag für das Oceanogràfic annahm. Er starb im Dezember 1997, noch bevor sein letztes Meisterwerk fertiggestellt wurde – das Aquarium wurde sein posthumes Monument.

Sieben Gebäude wie von einem anderen Stern

Am 16. April 1998 eröffnete das erste Gebäude des Komplexes: L’Hemisfèric. Die Struktur sieht aus wie ein gigantisches menschliches Auge, das sich in einem 24.000 Quadratmeter großen Wasserbecken spiegelt und so den Eindruck eines vollständigen Augapfels erzeugt.

110 Meter lang und 26 Meter hoch, beherbergt das Gebäude ein IMAX-Kino, ein Planetarium und einen Laserium. Die beweglichen Lamellen des Daches funktionieren wie ein Augenlid, das sich öffnen und schließen lässt. Die konkave Leinwand misst 900 Quadratmeter – die größte Spaniens – und kann 9.100 Sterne darstellen.

Zwei Jahre später folgte das Museo de las Ciencias Príncipe Felipe, benannt nach dem damaligen Kronprinzen und heutigen König Felipe VI. Mit 40.000 Quadratmetern Fläche, davon 26.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, ist es das größte Wissenschaftsmuseum Spaniens.

Der 220 Meter lange und 55 Meter hohe Bau erinnert an das Skelett eines Wals – die gewaltigen weißen Rippen strukturieren das Innere und lassen natürliches Licht durch 20.000 Quadratmeter Glasfläche eindringen. Das Motto des Museums: „Verboten, nicht zu berühren, nicht zu fühlen und nicht zu denken.“

L’Umbracle, ein 320 Meter langer überdachter Skulpturengarten, entstand 2001. 55 feste und 54 schwebende Bögen aus weißem Stahl überspannen die Promenade, die zugleich als Parkdeck dient. 99 Palmen, 62 Bitterorangenbäume und über 5.500 mediterrane Pflanzen verwandeln den Weg in eine botanische Galerie, gesäumt von Skulpturen von Künstlern wie Yoko Ono und Igor Mitoraj.

Dächer wie Seerosen

Das L’Oceanogràfic öffnete am 14. Februar 2003 seine Tore. Mit 110.000 Quadratmetern Fläche und 42 Millionen Litern Wasser ist es das größte Aquarium Europas. Über 45.000 Tiere aus mehr als 500 Arten leben hier, von Haien über Belugas bis zu Pinguinen.

Die charakteristischen Dächer, die an Seerosen erinnern, sind Félix Candelas Vermächtnis: hyperbolische Paraboloide aus nur sechs Zentimeter dünnem Stahlbeton, die über 35 Meter spannen, ohne eine einzige Stütze zu benötigen. Das Delfinarium fasst 26 Millionen Liter Wasser und 2.210 Zuschauer – das größte in Europa.

Das Palau de les Arts Reina Sofía, am 8. Oktober 2005 von der spanischen Königin eröffnet, krönt den Komplex. Mit 75 Metern Höhe ist es das höchste Opernhaus der Welt. Zwei gewaltige Stahlschalen von je 163 Metern Länge und 3.000 Tonnen Gewicht überspannen das Gebäude. Vier Säle bieten Platz für insgesamt über 4.000 Zuschauer, der Orchestergraben ist der drittgrößte der Welt. Das erste aufgeführte Werk war am 25. Oktober 2006 Beethovens „Fidelio“.

Zwei weitere Bauten vollendeten das Ensemble: Der Puente de l’Assut de l’Or, eine 280 Meter lange Schrägseilbrücke, wurde 2008 fertiggestellt. Sein 125 Meter hoher Pylon ist der höchste Punkt der gesamten Stadt Valencia.

Die Einheimischen nennen die Brücke „El Jamonero“ – der Schinkenhalter –, weil der Pylon an die traditionellen Gestelle erinnert, auf denen spanischer Serrano-Schinken geschnitten wird. 2009 kam als letztes Gebäude L’Àgora hinzu, eine 70 Meter hohe Veranstaltungshalle, die heute als CaixaForum Valencia kulturelle Ausstellungen beherbergt.

Der Preis der Schönheit

Die ursprünglich veranschlagten 308 Millionen Euro erwiesen sich als groteske Unterschätzung. Am Ende kostete der Komplex über 1,2 Milliarden Euro – eine Kostenüberschreitung von rund 300 Prozent. Das Palau de les Arts allein verschlang 478 Millionen Euro, fast das Sechsfache der ursprünglich geplanten 84 Millionen. Das Oceanogràfic verteuerte sich von 38 auf 201 Millionen Euro, das Wissenschaftsmuseum von 62 auf 168 Millionen.

Die Kritik ließ nicht auf sich warten. Calatravas Honorare – angeblich rund 100 Millionen Euro – wurden zum Politikum. Eine kritische Website nannte sich „Calatrava te la clava“ – wörtlich „Calatrava nagelt es dir rein“, im Sinne von „Calatrava zieht dich ab“. Der Architekt klagte erfolgreich wegen Verleumdung, doch der Richter stellte ausdrücklich fest, dass die dokumentierten Fakten zu den Kostenüberschreitungen „objektive Wahrheiten“ seien.

Auch bauliche Probleme machten Schlagzeilen. 2012, nur sieben Jahre nach der Eröffnung, begannen die weißen Trencadís-Mosaikfliesen vom Opernhaus zu bröckeln und bei starkem Wind herabzufallen. 8.000 Quadratmeter Fliesen mussten entfernt werden, das Gebäude wurde zeitweise gesperrt, Vorstellungen wurden abgesagt. Eine Untersuchung ergab, dass ein Subunternehmer den falschen Klebstoff verwendet hatte – Calatrava wurde entlastet, doch das Image war beschädigt.

Die Kostenexplosion wurde zum Symbol einer Ära. Valencia hatte sich im Rausch der Jahrtausendwende mit Großprojekten übernommen: die America’s-Cup-Regatta, ein Formel-1-Rennen, ein Flughafen ohne Passagiere. Als 2008 die Finanzkrise ausbrach, stand die Region mit einer Pro-Kopf-Verschuldung von 10.000 Euro da – 42 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Ciudad de las Artes y las Ciencias wurde zum Sinnbild spanischen Größenwahns.

Vom weißen Elefanten zum Wahrzeichen

Doch die Geschichte endet nicht mit der Kritik. Was Kritiker als „weißen Elefanten“ verspotteten, entwickelte sich zum Publikumsmagneten. 2025 besuchten über 3,5 Millionen Menschen den Komplex – ein neuer Rekord. Das Oceanogràfic allein zählte fast zwei Millionen Besucher. Der Komplex erzielte einen Gewinn von über acht Millionen Euro, doppelt so viel wie im Vorjahr.

Valencia selbst hat sich gewandelt. Die Stadt gehört heute zu den meistbesuchten Städten Spaniens und liegt bei Städtereisen im vorderen Feld, hinter Metropolen wie Madrid und Barcelona. 2024 kamen fast 12 Millionen internationale Touristen in die Region, die mehr als 14 Milliarden Euro ausgaben. Valencia wurde 2022 zur europäischen Hauptstadt des Smart Tourism und zur Welthauptstadt des Designs ernannt, 2024 zur Grünen Hauptstadt Europas.

Die futuristischen Bauten der Ciudad de las Artes y las Ciencias wurden zur begehrten Filmkulisse. In „Tomorrowland“ mit George Clooney spielte der Komplex 2015 eine tragende Rolle – rund 30 Minuten des Films entstanden hier. Auch „Doctor Who“ und diverse Bollywood-Produktionen nutzten die außerirdisch anmutende Architektur.

Santiago Calatrava, heute 74 Jahre alt, arbeitet weiter von seinen Büros in Zürich, New York und Doha aus. Er hat 22 Ehrendoktortitel gesammelt, den Prince of Asturias Award und die Goldmedaille des American Institute of Architects erhalten. Seine Bauten bleiben umstritten – der Oculus in New York kostete vier Milliarden Dollar statt der geplanten zwei, das Dach des Athener Olympiastadions musste 2023 wegen Sicherheitsmängeln gesperrt werden.

Doch in Valencia steht sein Vermächtnis: eine Stadt in der Stadt, gebaut auf dem Bett eines verschwundenen Flusses, geboren aus einer Katastrophe und politischem Kalkül, gewachsen durch Skandale und Kostenexplosionen. Die Ciudad de las Artes y las Ciencias ist nicht trotz ihrer Geschichte zum Wahrzeichen geworden, sondern vielleicht gerade wegen ihr.

Sie erzählt von einer Stadt, die größer träumte, als sie es sich leisten konnte – und die am Ende genau dadurch größer wurde.

Quellen: cac.es (offizielle Website), visitvalencia.com, Wikipedia (es/de), desdesoria.es (Besucherzahlen 2025), enforex.com, tickets-valencia.com, structurae.net, taquilla.com

Der Autor

Alexander Gresbek lebt seit vielen Jahren an der spanischen Mittelmeerküste. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.

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