Google KI-Suche: Das Ende kleiner Reiseportale?
Google verändert die Suche so grundlegend wie seit 25 Jahren nicht mehr. Wer eine Frage stellt, bekommt zunehmend eine fertige KI-Antwort statt einer Liste mit Quellen. Für unabhängige Redaktionen steht damit mehr auf dem Spiel, als die meisten Leser ahnen.
von Alexander Gresbek (Text und Illustrationen)
Was passiert, wenn die Suchmaschine selbst antwortet? Seit dem Frühjahr 2025 baut Google die klassische Trefferliste schrittweise zurück. An ihre Stelle treten AI Overviews, kurze KI-Zusammenfassungen über den Suchergebnissen, und der sogenannte AI Mode, eine Such-Variante, die eher wie ChatGPT funktioniert als wie die Google-Suche, die wir seit 1998 kennen.
Das Prinzip dahinter ist einfach beschrieben: Sie tippen eine Frage ein, und Google liefert Ihnen einen formulierten Text. Eine Antwort, nicht zehn Links. Das mag bequem klingen. Es verändert aber das gesamte Verhältnis zwischen Nutzern, Suchmaschine und Inhalten.
Früher waren Sie als Leser der entscheidende Schritt im Prozess. Sie sahen mehrere Quellen, prüften, verglichen, entschieden selbst. Heute übernimmt die KI diesen Schritt. Sie wählt aus, fasst zusammen, gewichtet. Und sie tut das in einem Stil, der sehr kompetent klingt, auch dann, wenn die Antwort schlicht falsch ist.
Messbare Folgen für Webseiten
Die Auswirkungen lassen sich messen. Untersuchungen zur Klickrate bei eingeblendeten AI Overviews zeigen einen Rückgang von rund 34 Prozent. Einzelne Webseiten verzeichnen zwischen 20 und 60 Prozent weniger Besucher, seit ihre Inhalte in KI-Antworten auftauchen.
Im Mai 2026 hat Google fünf Änderungen angekündigt, die Quellen sichtbarer machen sollen. Ob das den Trend bremst, ist offen.
Studien zur Genauigkeit der KI-Antworten sehen meist eine Trefferquote von etwa 90 Prozent. Klingt gut. Bei mehreren Milliarden Suchanfragen pro Tag bedeuten die verbleibenden zehn Prozent allerdings eine gewaltige Menge falscher oder verzerrter Aussagen.
Besonders heikel: Die Quellen, die Google unter einer KI-Antwort anzeigt, stützen die Aussage oft gar nicht oder widersprechen ihr sogar. Ein wissenschaftliches Arbeitsblatt mit derselben Schlampigkeit fiele in jedem Seminar durch.
Deutschsprachige Medien in Spanien unter Druck
Spanien zeigt das Spannungsfeld besonders deutlich. Im Juni 2024 erschien die letzte Ausgabe der Costa del Sol Nachrichten (CSN), herausgegeben vom Verlag Rotativos del Mediterráneo, der zur deutschen Ippen-Gruppe gehörte.
Die Redaktion verwies in einem Abschiedseditorial offen auf weniger Redakteure, weniger Leser und explodierte Kosten. Zeitgleich wurden die englischsprachigen Schwestertitel Costa Blanca News und Weekly Post eingestellt. Übrig blieben am spanischen Festland die Costa Blanca Nachrichten (CBN) und das kostenlose Schwesterblatt Costa Blanca Zeitung (CBZ). Die Ippen-Gruppe hat sich vom spanischen Printmarkt weitgehend zurückgezogen; das Online-Portal costanachrichten.com läuft weiter unter Ippen Digital.
Auch CBN und CBZ kämpfen mit rückläufigen Leserzahlen. Aktuelle Auflagen veröffentlicht der Verlag nicht mehr. Klar ist nur: Hochwertige Recherche kostet unabhängig vom Trägerformat. Honorare, Reisekosten, juristische Prüfung, Druck und Vertrieb summieren sich. Eine wegfallende Anzeigenkundin reicht aus, um Stellen zu streichen. Eine wegfallende Stelle reicht aus, um Themen liegen zu lassen.
Ein Stück entspannter sieht die Lage auf Mallorca aus. Das Mallorca Magazin erscheint seit 1971 wöchentlich, gehört zur mallorquinischen Grup Serra, die auch die spanische Tageszeitung Ultima Hora verlegt, und arbeitet nach Verlagsangaben mit rund zehn deutschen Redakteurinnen und Redakteuren.
Die Auflage liegt je nach Saison zwischen 23.000 und 32.000 Exemplaren, etwa ein Drittel davon geht in die DACH-Länder, der Rest wird auf der Insel verkauft. Daneben besteht die Mallorca Zeitung als zweiter großer deutschsprachiger Titel. Beide halten sich, verlassen sich aber zunehmend auf digitale Erlöse, weil das klassische Anzeigengeschäft seit Jahren schrumpft.
Auf den Kanaren zeigt sich, wie schmal der Grat zwischen Bestand und Aus geworden ist. Das Wochenblatt, gegründet 1981, wurde im Oktober 2022 eingestellt. Im Sommer 2023 übernahmen die Verleger Thomas Bahr und Dirk Schumacher und führten die Zeitung unter dem Dach der Prensalisio SL weiter, mittlerweile vierzehntäglich.
Daneben halten sich auf den Inseln der Kanaren-Express und einige kostenlose Inselmagazine. Mehrere kleinere Titel sind in den vergangenen Jahren still verschwunden, ohne dass die Schließung großen Widerhall gefunden hätte.
Soziale Medien füllen die Lücke
Wenn klassische Redaktionen schrumpfen, übernehmen andere die Lücke. Soziale Medien sind heute der erste Ort, an dem viele Menschen Nachrichten konsumieren. YouTube, Instagram, TikTok und Reels liefern Bilder, Stimmungen und Meinungen, häufig schneller als jede Wochenzeitung.
Vieles davon ist wertvoll. Auf YouTube finden Sie Auswanderer, die ihren Behördengang vor der Kamera dokumentieren, Hobbyhistoriker, die Sie durch römische Ausgrabungen führen, oder Köche, die regionale Rezepte aus Andalusien erklären. Diese Inhalte verdienen Respekt; viele Kanäle arbeiten sorgfältiger als so mancher Großverlag.
Das Problem ist nicht der seriöse Blogger oder Videomacher. Das Problem ist die Masse an Inhalten, die ausschließlich für Reichweite produziert werden, in hoher Frequenz und ohne redaktionelle Prüfung, häufig mit KI-Texten aufgefüllt, ohne sauber recherchierte Quellen und ohne Vor-Ort-Termin.
Wenn Google diese Inhalte als gleichwertige Quelle in seine KI-Antworten einspeist, verschiebt sich das Gewicht weg von der Recherche, hin zur reinen Veröffentlichungsgeschwindigkeit. Wer am lautesten und schnellsten ruft, gewinnt.
Unsere Arbeit, ohne Paywall und Werbung
Das Spanien Reisemagazin berichtet täglich aus dem ganzen Land, von Galicien bis Andalusien, von den Pyrenäen bis zu den Kanaren. Wir führen Interviews mit Auswanderern, Fachleuten, Veranstaltern, wir besuchen Orte selbst, statt sie aus Pressetexten zu beschreiben. Wir prüfen Daten nach, auch wenn das mehrere Stunden Arbeit bedeutet.
Das alles geschieht ohne Paywall und ohne Werbeanzeigen. Sie zahlen nichts, Sie sehen keine blinkenden Banner, Sie werden nicht mit Cookies verfolgt, die Sie quer durchs Netz an Werbenetzwerke verraten. Das funktioniert nur, solange Menschen die Artikel tatsächlich aufrufen. Liefert Google die Inhalte als KI-Zusammenfassung aus, ohne dass jemand die Seite besucht, bricht die Grundlage zusammen.
Nicht gegen KI, aber gegen Monopolisierung
Niemand hier ist gegen Künstliche Intelligenz. KI hilft bei Übersetzungen, beim Recherchieren, beim Strukturieren von Texten. Auch in dieser Redaktion kommen entsprechende Werkzeuge zum Einsatz. Die Frage ist, wer am Ende die Kontrolle behält. Wenn ein einzelner Konzern entscheidet, welche Antwort Milliarden Menschen sehen, wird aus dem offenen Internet ein geschlossenes System mit einem einzigen Tor.
Die ehrliche Sorge lautet daher: Wenn die wirtschaftliche Grundlage für unabhängige Recherche wegfällt, frisst sich die KI ihre eigene Datengrundlage weg. Sie braucht hochwertige Inhalte, um glaubwürdige Antworten zu liefern. Diese Inhalte entstehen aber nur, wenn jemand sie schreibt. Und jemand schreibt sie nur, wenn ihn jemand liest.
Direkt zur Quelle statt zur KI-Antwort
Konkrete Schritte dagegen gibt es, und sie kosten weder Geld noch nennenswerten Aufwand. Rufen Sie Seiten direkt auf, statt sich auf die Google-Zusammenfassung zu verlassen. Wer wissen will, was auf der iberischen Halbinsel passiert, klickt die Quelle an. Setzen Sie Lesezeichen für Portale, denen Sie vertrauen, und kehren Sie regelmäßig dorthin zurück, ohne den Umweg über die Suchmaschine.
Auch brauchbare Alternativen zur klassischen Google-Suche gibt es inzwischen mehrere. DuckDuckGo bietet unter noai.duckduckgo.com eine Variante komplett ohne KI-Zusammenfassungen, und in den Einstellungen lässt sich der KI-Assistent dauerhaft abschalten.
Nach Googles Entwicklerkonferenz I/O verzeichnete DuckDuckGo deutlich mehr Zulauf; die App-Installationen sollen in den USA binnen einer Woche um rund 30 Prozent gestiegen sein.
Auch bei Google selbst kommen Sie weiterhin an die klassische Trefferliste: Der Reiter „Web" unterhalb der Suchleiste blendet die KI-Übersicht aus. Wer europäisch suchen möchte, kann Qwant und Ecosia ausprobieren, auch wenn beide inzwischen einzelne KI-Funktionen integriert haben.
Eine Direktverbindung zwischen Leser und Quelle bleibt die verlässlichste Form, mit dem Strukturwandel im Netz umzugehen. Wir berichten weiter, solange Sie da sind.
Der Autor
Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur, Politik, Umwelt und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.
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