Spanien ist Weltmeister: Torres trifft in der Verlängerung

Spanien gewinnt das WM-Finale 2026 gegen Argentinien mit 1:0 nach Verlängerung. Ferran Torres erzielt das entscheidende Tor in der 106. Minute. Ein hochverdienter Titel, auch wenn das Spiel symptomatisch für dieses Turnier war: viel Ballbesitz, zu wenig Effizienz. 68 Prozent Ballbesitz, ein Tor.

Von Alexander Gresbek

Im MetLife Stadium nahe New York sahen 80.663 Zuschauer ein einseitiges Finale, das trotz klarer spanischer Überlegenheit lange ohne Tor blieb. Spanien kontrollierte den Ball, dirigierte das Spiel, kombinierte sich immer wieder in den argentinischen Strafraum.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 68 Prozent Ballbesitz, 20 Torschüsse, davon elf auf das Tor. Argentinien kam auf drei Abschlüsse, keinen einzigen davon auf das Tor von Unai Simón. Nie zuvor blieb ein WM-Finalteilnehmer seit Beginn der detaillierten Datenerfassung 1966 im Endspiel komplett ohne Torschuss.

Doch Spanien tat sich schwer, die Überlegenheit in Tore umzumünzen. Lamine Yamal hatte gute Szenen in der ersten Hälfte, fand aber gegen die dicht gestaffelte argentinische Abwehr keinen Durchbruch. 

Mikel Oyarzabal, mit fünf Treffern bester spanischer Torschütze im Turnier, rieb sich in Zweikämpfen und gegen zahlreiche Nickeligkeiten auf und blieb unter seinen Möglichkeiten. Dani Olmo spielte einen engagierten, aber glücklosen Auftritt. Es fehlte die letzte Konsequenz im Abschluss.

Argentinien mauert, bis die Karten kommen

Argentinien unter Lionel Scaloni verfolgte eine klare Strategie: Zerstören, Zeit gewinnen, auf einen Moment von Messi hoffen. Der 39-Jährige ging in sein vermutlich letztes Länderspiel, wirkte aber seltsam abgekapselt vom Geschehen. Er fand nur schwerfällig ins Spiel und konnte seine Mitspieler kaum in Szene setzen.

Die destruktive Linie hatte ihren Preis. Argentinien sammelte fünf Gelbe Karten, dazu eine Gelb-Rote für Enzo Fernández, der in der dritten Minute der Nachspielzeit nach einem Foul gegen Cubarsí vom Platz flog. Ab diesem Moment spielte Spanien in Überzahl und erhöhte den Druck.

Torres bricht den Bann

Ein zuvor annulliertes Tor von Nico Williams in der 95. Minute wegen Foulspiels hatte die Spanier kurzzeitig frustriert. Dann kam die 106. Minute: Williams legte eine lange Flanke per Kopf zurück, der eingewechselte Ferran Torres drosch den Ball ins Netz. Sein 25. Länderspieltor, mit Sicherheit sein wichtigstes.

Spanien drängte weiter, ein zweiter Torres-Treffer in der 113. Minute wurde wegen Abseits zurückgenommen. In der Schlussminute der Verlängerung kam Argentinien durch Giuliano Simeone doch noch zu seiner ersten und einzigen Chance. Simeone verzog aus zehn Metern mit zu viel Rücklage. 

Yamal zwang kurz vor Schluss Emiliano Martínez per Freistoß zu einer Glanzparade. Dann war Schluss.

Verdient, aber symptomatisch

Spanien ist verdienter Weltmeister. Kein Turnierteilnehmer spielte so dominant, so kontrolliert, so ballsicher wie La Roja. Von der Gruppenphase bis ins Finale war die Mannschaft von Luis de la Fuente die stärkste Kraft des Turniers. Unai Simón kassierte im gesamten Wettbewerb nur ein Gegentor und erhielt den Goldenen Handschuh. Rodri wurde zum besten Spieler des Turniers gewählt.

Und doch war der Verlauf des Finales symptomatisch für ein Problem, das Spanien das gesamte Turnier begleitete: Die Mannschaft dominiert den Ballbesitz, kreiert Chancen, lässt aber zu viele davon liegen. 20 Schüsse gegen eine Mannschaft, die offensiv nichts anzubieten hatte, aber nur ein Treffer. 

Es brauchte die Verlängerung und einen Joker von der Bank. So wurde auch dieser Titel erst auf dem Umweg erkämpft, den Spanien eigentlich nicht hätte nehmen müssen.

Hässlicher Abgang Argentiniens

Was nach dem Abpfiff geschah, war eines WM-Finales unwürdig. Leandro Paredes schlug Spaniens Eric García an den Hals. Gavi, der nicht im Einsatz gewesen war, eilte herbei und wurde vom Argentinier Thiago Almada weggezogen. Es flogen Fäuste, Spieler gingen zu Boden. 

Argentiniens Ersatztorwart Gerónimo Rulli schubste Eric García ebenfalls heftig. Paredes sah die Rote Karte nach Spielende.

Ein beschämendes Bild. Argentiniens Trainer Scaloni bewies anschließend Größe, räumte Spaniens verdienten Sieg ein. Aber die Szenen auf dem Rasen erzählen eine andere Geschichte: die eines Teams, das mit seiner Niederlage nicht umgehen konnte.

Man kann diese Tumulte als isolierten Vorfall eines frustrierten Verlierers abtun. Man kann sie aber auch als Symptom einer Zeit lesen, in der das Verlieren selbst zur Unerträglichkeit geworden ist. 

In den USA, dem Gastgeberland dieses Turniers, steht die Gesellschaft in vielen Fragen unversöhnlich gegeneinander. In Südamerika, in Europa, weltweit: Die Bereitschaft, ein Ergebnis zu akzeptieren, das nicht dem eigenen Wunsch entspricht, scheint zu schwinden. Dass ein WM-Finale in einer Schlägerei endet, passt zu einer Welt, die das Einlenken verlernt.

Trump, Infantino und die Ironie der Siegerehrung

Und dann war da die Siegerehrung. Als Donald Trump und FIFA-Präsident Gianni Infantino auf dem Rasen erschienen, reagierte das Stadion mit einem Pfeifkonzert. Trump hängte den Spielern die Medaillen um, zusammen mit Infantino überreichte er den Pokal an Kapitän Rodri. Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum und Kanadas Premier Mark Carney, die Staatsoberhäupter der beiden anderen Gastgeberländer, standen daneben, durften Hände schütteln, mehr nicht.

Die Nähe zwischen Trump und Infantino war während des gesamten Turniers sichtbar. Die FIFA hatte ein Büro im Trump Tower in New York eröffnet. Trump erhielt von Infantino einen eigens geschaffenen FIFA-Friedenspreis. 

Ein Friedenspreis für einen Präsidenten, der erst elf Tage vor dem Finale beim NATO-Gipfel in Ankara den Abbruch aller Handelsbeziehungen mit Spanien angekündigt und das Land als „furchtbaren Partner" bezeichnet hatte. 

Spaniens Regierungschef Sánchez hatte den USA die Nutzung von Stützpunkten in Andalusien für den Iran-Krieg verweigert und den Luftraum für US-Kampfjets gesperrt.

So ergab sich ein Bild von beißender Ironie: Der Mann, der Spanien wirtschaftlich isolieren will, überreichte den Spaniern den wertvollsten Pokal des Weltfußballs. Manche dürften diesen Moment mit Genugtuung verfolgt haben. 

Trumps gezwungenes Lächeln, während La Roja den Pokal in den Nachthimmel von New Jersey streckte. Infantino, der sich danebenstellte, etwas unbeholfen neben den feiernden Spielern. Zwei Männer, die das Turnier zur Bühne ihrer Macht gemacht hatten, plötzlich als Randfiguren im Moment des sportlichen Triumphs.

Spanien hat sich diesen Titel auf dem Platz verdient. Dass er ausgerechnet in den USA errungen wurde, ausgerechnet aus den Händen von Trump, gibt diesem zweiten Stern auf dem spanischen Trikot eine Note, die über den Sport hinausgeht.

Der Autor

Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur, Politik, Umwelt und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.

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