Von den Banlieues auf die Bühnen der Welt

Manu Chao im Porträt

Manu Chao arbeitet hart daran, die Welt zu verbessern. Und liefert uns auch gleich den Soundtrack dazu.

von Lasse Rutz

Vor allem in Südamerika, in großen Teilen Afrikas und in Europa gilt der Musiker und Politaktivist Manu Chao als Ikone. Den Blick lenkt er konsequent auf das Ungleichgewicht in der Welt. Wie hätte es auch anders kommen sollen?

Baskisch, galicisch, international

1961 als Sohn des galicischen Journalisten und Musikers Ramón Chao und der baskischen Künstlerin Felisa Chao geboren, lagen ihm Kreativität und Ungehorsam schon in der Wiege. Seine Eltern flohen vor Franco ins französische Exil. Manu Chao wuchs in den Straßen der Pariser Banlieues auf. Dort, in den Gassen Sevres, lernte er schnell seine späteren Bandkollegen kennen, allesamt auch Kinder von Exilanten und Flüchtlingen.

Mit der Straßengang auf Tour

Gemeinsam mit der Gang und Bruder Antoine Chao gründete er nach ersten Versuchen mit den „Hot Pants“ und „Los Crayos“ Ende der 80er Jahre die Band „Mano Negra“. Mit befreundeten Musikern und Künstlern aller Sparten tourte Manu Anfang der 90er unter dem Titel „Caravane“ spontan durch die Vororte französischer Großstädte und mit Mano Negra auch durch Südamerika. Mit Hilfe unter anderem der französischen Regierung kauften Manu und seine Freunde ein Frachtschiff, bauten im Laderaum eine typische Pariser Straße nach und fuhren 1992 nach Südamerika, um den Bewohnern durch Ausstellungen und Konzerten die französische Kultur näher zu bringen.  

Guitarren und Guerilleros

Sie gaben pro Jahr schongut 100 Konzerte in 40 Städten 15 verschiedener Länder. 1993 tourte die Band in einem umgebauten Zug durch abgelegene Teile Kolumbiens, von Santa Morta bis Bogotá. Immer wieder kamen ihnen Guerilleros und Militärs in die Quere und Manu Chao erlebte Korruption und Gewalt, gesteuert von den Drogenkartellen Kolumbiens.

Höllentrip durch Eis und Feuer

Diesen wahnsinnigen Trip durch das Land hat Ramón Chao zu einem wirklich lesenswerten Buch verarbeitet: „Ein Zug aus Eis und Feuer – Mit Mano Negra durch Kolumbien“. Das Erlebte politisierte Manu Chao. Er prangerte die schreiende Ungerechtigkeit an, während er und seine Bandkollegen den Sound des lateinamerikanischen Kontinents in sich aufsogen und in ihren Songs verarbeiteten. Die Strapazen auf der Tour führten auch zu Stress in der Gruppe. Das hatte den Bruch und kurze Zeit später die Auflösung der Band zur Folge. Manu nahm die aufgenommenen Songs und Ideen mit ins Studio und stellte das angefangene Album „Casa Babylon“ quasi im Alleingang fertig.

Erstes echte Soloalbum 1998

Manu verbrachte einige Jahre in Brasilien, Argentinien und Mexiko. Dann spielte er mit diversen spanisch-baskischen Bands, um 1998 sein erstes wirkliches Soloalbum „Clandestino“ zu veröffentlichen. Zuerst in Südamerika und Mexiko ein Hit, fraß sich das Album auf der ganzen Welt in die Ohren der jungen Menschen. Sogar in Deutschland landete er mit der Auskopplung „Bongo Bong“ im Sommer 1999 einen kleinen Hit. Bis ins Jahr 2000 verkaufte sich das Album zwei Millionen mal. Es folgten das weniger politische Album „Próxima Estación: Esperanza“ (2001), das Live Album „Radio Bemba Soundsystem“ (2002), ein Album als Beilage zu einem Kinderbuch von Jacek Wozniak namens „Sibérie m’était contéee“, 2007 das letzte Studioalbum „La Radiolina“ und 2009, der vorerst letzte Tonträger, wiederum ein Livealbum, mit dem Titel „Baionarena“.

Dimanche à Bamako

Nebenbei produzierte Manu Chao u.a. das großartige Studioalbum „Dimanche à Bamako“ des blinden Malischen Duos Amadou & Mariam. Er war 1998 einer der Initiatoren von „Attac“, die er bis heute unterstützt. Manche werfen ihm die Abhängigkeit von der Musikindustrie vor, doch Manu Chao trennte sich schon 2004 von dem Majorlabel Virgin Records und veröffentlicht nun auf seinem eigenen Label „Radio Bemba“. 2006 erhielt er den spanischen Filmpreis Goya für seinen musikalischen Beitrag zum Film "Princess" (Princesas) über Prostituierte in Madrid von Regisseur Fernando León Aranoa. Der Preisverleihung blieb er fern. Lieber ist er bei seinem Sohn in Brasilien, bei seiner Freundin im Senegal oder sonst wo auf der Welt.  Manu Chao hat eine Botschaft, die er über den Globus trägt.

"Amerika ist ein rückständiges Land"

Er singt auf Französisch, Spanisch, Arabisch, Italienisch, Portugiesisch, Galicisch, Englisch, Portunol und Wolof. Oft nutzt er mehrere Sprachen in einem Lied. Außerdem schreibt der Allrounder Geschichten, anklagende Lieder in Gedichtform, politische Texte, Kindergeschichten und -märchen oder lässt seinen Gedanken einfach freien Lauf. Man weiß  nie so genau, wo Manu Chao heute gerade ist, in den USA aber eher nicht. „Amerika ist ein rückständiges Land!“, meint der 52jährige. Seine Fans wissen schon, wie er das meint ...

 

 

 

 

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Der Autor

Lasse Rutz ist angehender Online-Redakteur und ein großer Musikfan. Nach Lehramtsstudium und einer Ausbildung zum Mediengestalter hat er einige Jahre in der Kölner Musik- und Nachtszene als Barkeeper und DJ gearbeitet.