Tierschutz an der Costa Blanca
4 Pfoten, 1000 Schicksale. Unsere Autorin lebt in Deutschland und engagiert sich ehrenamtlich im Tierschutz an der Costa Blanca, wo ihre Eltern seit 2018 leben. Wie sie zum Tierschutz kam und was er in Spanien bedeutet, erzählt sie hier.
Von Michelle Gresbek
Ein winziges Wesen verändert alles. Es war kaum größer als meine Handfläche. Ein paar Tage alt, die Augen noch fest geschlossen, das Fell verklebt. Die Mutter war gestorben, und dieses winzige Katzenbaby lag hilflos in einem Karton, den mir jemand in die Hände drückte. „Kannst du dich darum kümmern?“ Ich konnte. Ich musste.
Aus dem namenlosen Bündel wurde Luna – eine kleine Katzendame, die ich mit der Flasche aufzog, die mich nachts um drei Uhr mit ihrem piepsigen Maunzen weckte und die heute, Jahre später, neben mir auf dem Sofa in Deutschland schnurrt. Luna war mein Wendepunkt.
Ich lebe in Deutschland, aber so oft ich kann, bin ich an der Costa Blanca, wo meine Eltern seit 2018 ihr Zuhause haben. Gata de Gorgos, ein kleiner Ort im Hinterland zwischen Dénia und Jávea – bekannt für Korbflechterei und Gitarrenbau, eingebettet in Mandel- und Orangenhaine. Es ist ein Ort, der auf den ersten Blick nach Idylle aussieht. Aber wer genauer hinsieht, entdeckt hinter der Fassade eine Realität, die mir das Herz bricht.
Zwischen Fütterstation und Betonverschlag
Bei meinen Spaziergängen durch die Gassen von Gata begegnete ich ihnen zum ersten Mal: den Katzenkolonien. Dutzende Straßenkatzen, die sich um improvisierte Futterplätze drängen, aufgestellt von besorgten Anwohnern – Spanier wie Residenten. Manche Katzen sind einigermaßen wohlgenährt, andere mager, krank, mit entzündeten Augen oder fehlendem Fell. Junge Kätzinnen, die selbst noch fast Kitten sind, tragen schon den nächsten Wurf. Kastrationen? In vielen Fällen Fehlanzeige.
Doch was mich wirklich erschütterte, waren die Hunde. In Hinterhöfen und auf abgelegenen Fincas stoße ich immer wieder auf dasselbe Bild: Hunde, die ihr gesamtes Leben in einem Betonverschlag verbringen. Kein Auslauf, kein menschlicher Kontakt, kein Grashalm unter den Pfoten. Manche sind an kurze Ketten gebunden, die in die Haut eingewachsen sind. Sie bellen nicht mehr, sie jaulen nicht mehr – sie haben aufgegeben. Es sind die vergessenen Tiere, die niemand sieht, weil sie hinter Mauern verschwinden.
Die Zahlen bestätigen, was ich mit eigenen Augen sehe: Laut der Fundación Affinity wurden in Spanien allein im Jahr 2024 rund 292.000 Hunde und Katzen in Auffangstationen aufgenommen – die höchste Zahl seit fünf Jahren. Das sind mehr als 800 Tiere pro Tag. 75 Prozent der aufgefundenen Hunde trugen keinen Mikrochip, bei Katzen waren es sogar 95 Prozent. Hinter jeder dieser Zahlen steht ein Tier, das irgendwann jemandem egal wurde.
Galgos und Podencos: Wegwerfhunde der Jagdsaison
Das vielleicht dunkelste Kapitel des spanischen Tierschutzes betrifft die Jagdhunde. Galgos – die eleganten spanischen Windhunde – und Podencos werden von Jägern für die Jagdsaison genutzt und danach wie defekte Werkzeuge entsorgt. Schätzungen zufolge werden jedes Jahr zwischen 60.000 und 100.000 Jagdhunde ausgesetzt, in Perreras abgegeben oder schlimmstenfalls getötet. Manche werden an Bäumen aufgehängt, in Brunnen geworfen oder einfach an der Autobahn ausgesetzt.
2023 trat in Spanien ein neues Tierschutzgesetz in Kraft – das Ley 7/2023. Es hat vieles verbessert: Tiere gelten seither als fühlende Wesen, das Töten aus Platzmangel in Auffangstationen ist verboten, Aussetzung kann mit bis zu 200.000 Euro bestraft werden. Doch ausgerechnet die Jagdhunde wurden vom vollen Schutz ausgenommen.
Die Jagdlobby – einer der mächtigsten Verbände des Landes – setzte durch, dass für ihre Hunde Sonderregeln gelten. Es ist ein Gesetz mit einem tiefen Riss, und durch diesen Riss fallen jedes Jahr Zehntausende Tiere.
Vom Zuschauen zum Anpacken
Nach Luna konnte ich nicht mehr wegsehen. Ich begann, mich ehrenamtlich für den Tierschutz vor Ort zu engagieren – unter anderem bei Furry Angels, einem gemeinnützigen Verein in Gata de Gorgos, der sich um das Wohl von Hunden und Katzen kümmert und bei der Vermittlung in ein neues Zuhause hilft.
Die Arbeit ist so vielfältig wie die Not: Wir organisieren Flohmärkte und Spendenaktionen, um Tierarztkosten zu finanzieren. Wir gehen mit Hunden spazieren, die zu lange kein Gras unter den Pfoten spürten. Wir schreiben Beiträge in lokalen Zeitungen und Magazinen, um auf die Situation aufmerksam zu machen. Und wir suchen Pflegestellen – Menschen, die ein Tier vorübergehend bei sich aufnehmen, bis ein dauerhaftes Zuhause gefunden ist.
Der Weg eines Tieres von der Straße in ein neues Leben folgt einem bewährten Ablauf: Zuerst kommt die tierärztliche Versorgung – jedes Tier wird untersucht, geimpft, mit einem Mikrochip versehen und, sobald es alt genug ist, kastriert.
Hunde werden zusätzlich auf sogenannte Mittelmeerkrankheiten getestet, darunter durch Sandmücken übertragene Leishmaniose, durch Zecken übertragene Ehrlichiose und Herzwurmerkrankung – Krankheiten, die bei der Adoption nach Nordeuropa eine wichtige Rolle spielen. Dann wird das Tier in einer Pflegestelle untergebracht, wo es lernt, Menschen zu vertrauen, im Haus zu leben, an der Leine zu gehen. Und schließlich kommt der schönste Moment: Ein neues Zuhause ist gefunden.
Pablo: Vom Betonverschlag auf die Couch
Eine Geschichte, die mir besonders nahegeht, ist die von Pablo – einem kleinen Mischlingsrüden, den wir aus einem dieser Betonverhältnisse befreien konnten. Als wir ihn fanden, war er völlig verfilzt, seine Krallen eingewachsen, weil er nie auf einem anderen Untergrund als Beton gelaufen war.
Er kannte weder Gras noch die Berührung einer menschlichen Hand ohne Angst. Die ersten Wochen in der Pflegestelle waren schwer – Pablo zitterte bei jedem Geräusch, versteckte sich unter dem Bett, fraß nur, wenn niemand hinsah.
Heute lebt Pablo bei einer Familie in den Niederlanden. Er schläft auf dem Sofa, geht dreimal täglich spazieren, und wenn seine Besitzerin mir Fotos schickt, sehe ich einen Hund, der gelernt hat, was es bedeutet, geliebt zu werden. Solche Geschichten sind es, die mich antreiben – auch an den Tagen, an denen die Bilder des Leids überwiegen.
Ein Netzwerk aus Herzblut
Was mich immer wieder beeindruckt, ist das Netzwerk ehrenamtlicher Organisationen, das die Costa Blanca überzieht. Mehr als 30 Initiativen engagieren sich hier für Hunde und Katzen – fast ausschließlich getragen von Ehrenamtlichen, finanziert durch Spenden, Charity Shops und Benefizveranstaltungen.
Organisationen wie SCAN in El Verger, APASA in Jávea, Akira in Benissa oder Catland Jávea leisten Tag für Tag stille, aufopferungsvolle Arbeit. Viele wurden von Expats gegründet – Briten, Deutschen, Niederländern –, die nach Spanien kamen und die Not der Tiere nicht hinnehmen wollten.
Was diese Organisationen verbindet: Es gibt in Spanien keine nationale Einrichtung, die sich flächendeckend um herrenlose Tiere kümmert. Die Verantwortung liegt bei den Gemeinden, die oft weder die Mittel noch den Willen haben, dem Problem zu begegnen. Und so sind es Privatpersonen, die in die Lücke springen – mit ihrem eigenen Geld, ihrer eigenen Zeit und oft genug auf Kosten ihrer eigenen Belastbarkeit.
Wie Sie helfen können
Adoptieren statt kaufen. Wer einem Tier aus dem spanischen Tierschutz ein Zuhause gibt, rettet ein Leben. Die Adoption über seriöse Organisationen ist gut betreut: Die Tiere sind geimpft, gechipt, kastriert und auf Krankheiten getestet. Ein Schutzvertrag regelt die Verantwortlichkeiten. Für den Transport nach Deutschland braucht das Tier einen EU-Heimtierausweis, einen Mikrochip und eine gültige Tollwutimpfung – die Organisation hilft bei allem. Adoptionsgebühren liegen in der Regel zwischen 150 und 350 Euro, in denen die gesamte medizinische Versorgung enthalten ist.
Pflegestelle werden. Wer an der Costa Blanca lebt – ob dauerhaft oder als Langzeit-Resident – kann Tiere vorübergehend aufnehmen. Eine Pflegestelle ist die Brücke zwischen Straße und Zuhause. Futter und Tierarztkosten übernimmt in der Regel der Verein.
Spenden und Sachspenden. Jeder Euro hilft – für Kastrationen, Impfungen, Operationen. Aber auch Decken, Transportboxen, Futter und Medikamente werden ständig gebraucht. Viele Organisationen betreiben Charity Shops, in denen gespendete Gegenstände verkauft werden.
Ehrenamtlich mitarbeiten. Ob Gassigehen, Flohmarktstand betreuen, Social-Media-Posts verfassen, Übersetzungen anfertigen oder bei Spendenaktionen helfen – jede Hand zählt. Auch aus der Ferne: Wer gut texten, fotografieren oder organisieren kann, ist Gold wert.
Aufmerksamkeit schaffen. Teilen Sie Vermittlungsanzeigen in Ihren sozialen Netzwerken. Erzählen Sie von den Schicksalen. Schreiben Sie darüber. Je mehr Menschen wissen, was an der Costa Blanca – und in ganz Spanien – passiert, desto mehr kann sich verändern.
Checkliste: Eine Katze aus Spanien adoptieren
Wer sich für die Adoption einer Katze aus Spanien entscheidet, sollte folgende Punkte beachten: Das Tier muss einen ISO-konformen Mikrochip tragen und über einen EU-Heimtierausweis verfügen, der von einem autorisierten Tierarzt ausgestellt wurde. Eine gültige Tollwutimpfung ist Pflicht – sie muss mindestens 21 Tage vor der Einreise nach Deutschland erfolgt sein. Kitten können frühestens mit 15 Wochen reisen. Nach Ankunft in Deutschland empfiehlt sich zeitnah ein Tierarztbesuch.
Wichtig zu wissen: Auch wenn der Mittelmeercheck bei Hunden Standard ist, können Katzen ebenfalls an Leishmaniose und anderen Mittelmeerkrankheiten leiden – eine Nachuntersuchung nach einigen Monaten in Deutschland ist sinnvoll. Und: Geben Sie Ihrer neuen Katze Zeit. Ein Tier, das auf der Straße gelebt hat oder in einem überfüllten Shelter war, braucht Wochen, manchmal Monate, um sich sicher zu fühlen.
Luna schnurrt
Während ich diese Zeilen schreibe, liegt Luna neben mir und schnurrt leise im Schlaf. Sie weiß nichts von Statistiken, von der Ley 7/2023, von Galgos an Autobahnbrücken. Sie weiß nur, dass es warm ist, dass ihr Bauch voll ist, und dass jemand da ist.
Für sie hatte die Geschichte ein gutes Ende. Für Zehntausende andere Tiere in Spanien wartet dieses Ende noch. Aber mit jedem Menschen, der hinsieht statt wegzuschauen, mit jeder Adoption, jeder Spende, jedem geteilten Beitrag rückt es ein Stück näher.
Hinsehen. Handeln. Helfen.
Die Autorin
Michelle Gresbek ist Journalistin, Gesundheitswissenschaftlerin und Sachbuchautorin. In ihren Artikeln beschäftigt sie sich mit moderner Medizin und der Frage, wie digitale Innovationen – etwa KI – das Gesundheitswesen verändern.
Sie schreibt unter anderem für Fachmedien sowie deutschsprachige Publikationen in Spanien und legt großen Wert darauf, komplexe medizinische Themen verständlich und praxisnah zu erklären.
Neben ihrer journalistischen Arbeit veröffentlicht sie Bücher zu Medizin, Prävention und KI in der Gesundheitsversorgung. Derzeit promoviert sie nach ihrem Masterabschluss an der Charité – Universitätsmedizin Berlin.







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