Made in Spain? Namensirrtümer der Geschichte

Spanien und seine Namensirrtümer: Was haben die Spanische Grippe, die Spanische Treppe und Spanisches Moos gemeinsam? Keines davon stammt aus Spanien. Ein Streifzug durch sieben berühmte Namensirrtümer und die Frage, warum Spanien als Etikett so beliebt war.

von Alexander Gresbel (Text und Illustrationen)

Spanien als Markenname: Spanien hat vielen Dingen seinen Namen geliehen. Der Haken: Die meisten davon haben mit dem Land selbst wenig zu tun. Ob Krankheit, Treppe oder Pflanze – das Etikett spanisch verdankt sich mal der Geografie, mal der Propaganda, mal dem Zufall.

Wer die Geschichten hinter den Namen kennt, versteht etwas über die europäische Geschichte und die Mechanismen, wie Begriffe entstehen und kleben bleiben.

Die Grippe, die nicht aus Spanien kam

Im Frühjahr 1918 meldete sich der Küchenunteroffizier Albert Gitchell im US-Militärlager Camp Funston in Kansas krank. Halsschmerzen, Fieber, Kopfschmerzen. Innerhalb weniger Tage lagen Hunderte Soldaten im Lazarett. Von Kansas aus trugen Truppentransporte das Virus nach Europa und in die Welt. Zwischen 20 und 50 Millionen Menschen starben an der Pandemie, manche Schätzungen gehen von bis zu 100 Millionen aus.

Warum also Spanische Grippe? Die kriegführenden Staaten USA, Frankreich und Großbritannien zensierten Nachrichten über die Seuche, um die Moral nicht zu gefährden. Spanien war im Ersten Weltkrieg neutral und seine Presse berichtete offen. 

Als im Mai 1918 in Madrid jeder dritte Einwohner erkrankte und König Alfonso XIII. selbst im Bett lag, gingen die Meldungen um die Welt. Spaniens Ehrlichkeit wurde bestraft: Der Name blieb an dem Land hängen, das als einziges die Wahrheit sagte.

Woher das Virus tatsächlich stammte, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Neben Kansas diskutieren Forscher auch ein Truppenlager im französischen Étaples und eine chinesische Herkunft als mögliche Ursprungsorte.

135 Stufen, null spanische Beteiligung

Die Spanische Treppe in Rom gehört zu den berühmtesten Freitreppen der Welt. 135 Stufen verbinden die Piazza di Spagna mit der Kirche Trinità dei Monti auf dem Pincio-Hügel. An Spanien erinnert der Name, sonst wenig.

Gebaut wurde die Treppe zwischen 1723 und 1725 nach Entwürfen des italienischen Architekten Francesco De Sanctis. Das Geld kam aus Frankreich: Der Diplomat Étienne Gueffier hatte bei seinem Tod 1661 einen beträchtlichen Betrag für den Bau hinterlassen. Dahinter stand ein Machtkampf zwischen dem französischen König und dem Papst.

Die Kirche oben auf dem Hügel war von Frankreich finanziert, der Platz unten gehörte zum spanischen Hoheitsgebiet rund um die Botschaft beim Heiligen Stuhl. Die Piazza di Spagna trug ihren Namen, weil dort seit dem 17. Jahrhundert die spanische Botschaft residierte. 

Und so heißt die Treppe bis heute: spanisch, obwohl sie italienisch entworfen und französisch bezahlt wurde.

Weder Moos noch spanisch

An den Bäumen der US-Südstaaten hängen lange, silbergraue Pflanzenstränge von den Ästen. Spanisches Moos, so der geläufige Name, ist weder Moos noch spanisch. Botanisch gehört Tillandsia usneoides zu den Bromeliengewächsen und ist damit ein Verwandter der Ananas. Heimat: Mittel- und Südamerika sowie der Südosten der USA.

Die Namensgeschichte geht auf die koloniale Rivalität zwischen Franzosen und Spaniern zurück. Ureinwohner nannten die Pflanze Itla-okla, Baumhaar. Französische Siedler in Louisiana sahen in den herabhängenden Strängen eine Ähnlichkeit mit den langen Bärten spanischer Konquistadoren und nannten sie spöttisch Barbe espagnole – spanischer Bart. 

Die Spanier konterten angeblich mit Cabello francés, französisches Haar. Durchgesetzt hat sich die französische Variante, allerdings in abgemilderter Form: Aus dem Bart wurde Moos.

Der Stiefel, den ganz Europa trug

Der Spanische Stiefel klingt nach einem Souvenir, ist aber ein Folterinstrument. Zwei Eisenplatten wurden um den Unterschenkel gelegt und mit Gewindestäben zusammengepresst. Das Gerät diente der sogenannten peinlichen Befragung, also dem Erpressen von Geständnissen.

Obwohl der Name Spanien suggeriert, war der Schraubstiefel in ganz Europa verbreitet. Englische, französische und deutsche Gerichte setzten ihn genauso ein. Die Zuschreibung nach Spanien fügt sich in das Muster der Schwarzen Legende (Leyenda Negra): Seit dem 16. Jahrhundert zeichneten protestantische Mächte, vor allem England und die Niederlande, ein Bild von Spanien als fanatisch und grausam.

Diese Propaganda diente politischen Zwecken, denn die aufständischen Niederlande brauchten moralische Argumente gegen die spanische Krone. Der Historiker Julián Juderías prägte 1914 den Begriff, um dieses verzerrte Geschichtsbild zu benennen. 

Die Folge: Folterinstrumente, die überall in Europa eingesetzt wurden, tragen bis heute einen spanischen Namen.

Ein Reiter ohne klaren Pass

Der Spanische Reiter ist ein militärisches Annäherungshindernis: Ein langer Balken, durch den kreuzweise angespitzte Pfähle gesteckt werden. Die Konstruktion sollte feindliche Kavallerie aufhalten und Lager schützen. Im Französischen heißt dasselbe Gerät cheval de frise – friesischer Reiter. Je nach Sprache wandert die Herkunft zwischen Spanien und Friesland hin und her.

Die Konstruktion selbst ist uralt. Steinerne Annäherungshindernisse nach dem gleichen Prinzip finden sich auf den britischen Inseln und der Iberischen Halbinsel bereits aus vorgeschichtlicher Zeit. 

Im Dreißigjährigen Krieg, als spanische und niederländische Truppen aufeinandertrafen, verbreitete sich der mobile Holz-Reiter über die Schlachtfelder Europas. In den Türkenkriegen des 17. Jahrhunderts führte jedes österreichische und russische Bataillon tragbare Spanische Reiter mit sich. 

Einen gesicherten Ursprung in Spanien gibt es nicht.

Pfeffer ohne Pfeffer, spanisch ohne Spanien

Der Spanische Pfeffer (Capsicum annuum) ist weder Pfeffer noch spanisch. Die Pflanze gehört zu den Nachtschattengewächsen und stammt aus Mexiko und dem tropischen Amerika. Kolumbus brachte die scharfen Früchte nach Europa und nannte sie Pimienta – Pfeffer –, weil er den echten Pfeffer suchte und etwas Scharfes gefunden hatte. Da die Schiffe über Spanien liefen, wurde Capsicum zum „spanischen“ Pfeffer.

Ähnlich verhält es sich mit den Spanischen Nüssen, einem alten Namen für Erdnüsse. Deren Heimat liegt in Südamerika, vermutlich im Gebiet des heutigen Bolivien und Peru. Über den spanischen Kolonialhandel gelangten sie nach Europa. Der Transportweg wurde zum Herkunftslabel. 

Mit Spanien als Anbaugebiet hatten weder Pfeffer noch Nüsse je etwas zu tun.

Das Muster hinter den Namen

Wer die sieben Beispiele nebeneinanderlegt, erkennt ein klares Muster. Spanien war selten der Ursprung, aber fast immer das Tor. Waren kamen über spanische Häfen, Nachrichten über spanische Zeitungen, Folterinstrumente über spanische Stereotypen. Bei der Grippe wurde Transparenz bestraft, bei den Foltergeräten diente Spanien als Projektionsfläche für Propaganda, bei Lebensmitteln und Pflanzen war das Land schlicht die Durchgangsstation.

Dass die Namen bis heute bestehen, zeigt, wie hartnäckig sprachliche Zuschreibungen sind. Die WHO empfiehlt seit 2015, Krankheiten nicht mehr nach Ländern zu benennen. Ob sich das auch bei Treppen, Pflanzen und Gewürzen durchsetzt, ist eine andere Frage.

Quellen:
Wikipedia (de/en): Spanische Grippe, Spanische Treppe, Tillandsia usneoides, Spanischer Stiefel, Spanischer Reiter, Spanischer Pfeffer, Leyenda negra
Missouri Botanical Garden, Plant Finder: Tillandsia usneoides
Mental Floss: 10 Fascinating Facts About Spanish Moss
Friedrich-Ebert-Stiftung (FES): Spanische Grippe
Bayerisches Armeemuseum: Objekt Spanischer Reiter
IEG-EGO, Institut für Europäische Geschichte Mainz: Leyenda negra

Der Autor

Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.

Weiterführende Themen zur Sprache

Die Pfeifsprache El Silbo

Haben oder sein: ser o estar

Sprachkurs in Salamanca

Spaniens Königliche Sprachakademie

Eure Meinung

Kommentare und Antworten

×

Name ist erforderlich!

Geben Sie einen gültigen Namen ein

Gültige E-Mail ist erforderlich!

Geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein

Kommentar ist erforderlich!

* Diese Felder sind erforderlich.

Seien Sie der Erste, der kommentiert