Papst Leo in Spanien: Halbgötter, Turm und Zweifel

Am 10. Juni 2026 hat Papst Leo XIV. in Barcelona einen 172,5 Meter hohen Betonzeigefinger gen Himmel gesegnet. 120.000 Menschen waren da, dazu Drohnenshow und Feuerwerk. Bleibt die Frage, an die in den Festreden niemand rührt: Glaubt eigentlich noch jemand, was da gerade gesegnet wurde?

Von Alexander Gresbek (Text und Illustrationen)

Sagrada Família, 144 Jahre Baustelle, höchste Kirche der Welt, jetzt mit Christusturm und großem leuchtendem Keramikkreuz obendrauf. König Felipe VI. und Königin Letizia waren da, Pedro Sánchez auch, ein Kinderchor sang, ein Feuerwerk knallte. Die Drohnenchoreografie ersetzte den Heiligen Geist, der nicht persönlich erscheinen konnte.

Wer dieses Spektakel mit den Augen eines durchschnittlich frommen Mitteleuropäers betrachtet, hat zwei Möglichkeiten: zu Tränen gerührt sein oder sich fragen, wie viel Beton man braucht, um einem unsichtbaren Gott einen Brief zu schreiben.

Die zweite Möglichkeit ist statistisch die wahrscheinlichere. Laut spanischem Meinungsforschungsinstitut CIS bezeichnen sich aktuell 52,8 Prozent der Spanierinnen und Spanier als katholisch. Praktizierend sind 17,3 Prozent, regelmäßig in der Messe stehen 11,9 Prozent. 1971 lag die Taufquote in Spanien bei 99 Prozent, heute liegt sie unter 50. 2023 wurden im ganzen Land 79 Priester geweiht. 

Die Sagrada Família ist also der teuerste Tempel eines Glaubens, der draußen vor der Tür gerade unter die Hälfte rutscht. Weltsehenswürdigkeit für Pauschaltouristen, ja. Spirituelles Zentrum eines Volkes, nicht mehr ganz.

Soll man Leo XIV. das vorhalten? Wahrscheinlich nicht. Robert Francis Prevost, im Hauptberuf Papst, war früher Bischof im peruanischen Chiclayo und ist dort früh und entschieden gegen Missbrauch in der katholischen Gemeinschaft Sodalicio vorgegangen. Er ist Amerikaner. Und das macht die Sache jetzt interessant.

Jesusähnliche Heilfigur

Es gibt nämlich jenseits des Atlantiks einen Mann, der sich gern göttlich inszeniert. Donald Trump postete im April 2026 ein KI-Bild von sich als jesusähnliche Heilfigur, die Hand segnend auf einem Liegenden. Auf Nachfrage erklärte er, er habe geglaubt, das Bild zeige ihn als Arzt. Wenige Tage später folgte das nächste Werk: Trump in inniger Umarmung mit Jesus vor einer US-Flagge. Wer sich gefühlt 39 Mal als Friedensstifter mit dem Iran inszeniert und 39 Mal nichts erreicht hat, der muss bei den göttlichen Insignien wohl etwas nachhelfen.

Im Februar 2026 hatten die USA gemeinsam mit Israel einen Krieg gegen den Iran begonnen. Trump drohte öffentlich, eine ganze Zivilisation in einer Nacht auszulöschen, und ließ sich gleichzeitig von den Regierungschefs Israels, Pakistans und Kambodschas für den Friedensnobelpreis 2026 nominieren. 

Trump selbst hat scherzhaft erklärt, ihm stünden eigentlich mehrere Preise zu. Wer nicht weiß, ob er als Arzt oder als Heiland gemalt werden soll, will sich offenbar auch in Stockholm nicht festlegen.

Papst Leo nannte Trumps Drohung, die iranische Zivilisation zu vernichten, „wirklich inakzeptabel“ und rief zu einem Ende aller Kriege auf. Trump revanchierte sich, indem er das Kirchenoberhaupt öffentlich als „sehr schwach“, „schrecklich“ und „sehr liberal“ beschimpfte und nahelegte, ohne ihn säße Leo gar nicht im Vatikan. 

Außenminister Marco Rubio, selbst Katholik, reiste anschließend nach Rom, um die Wogen zu glätten. Der Papst lehnte das öffentliche Duell ab und sagte: „Ich habe keine Angst vor der Trump-Regierung.“

Man darf diesem Papst zugute halten, dass er sich vom amerikanischen Halbgott im Anzug nicht einschüchtern lässt. Das ist mehr, als die meisten europäischen Regierungschefs derzeit aufbringen. Selbst Giorgia Meloni, sonst eng an Trump dran, nannte dessen Angriffe „inakzeptabel“.

Ob die Katholische Kirche damit reformfähig wird, steht auf einem anderen Blatt. Als moralische Gegenrede im Konzert der Hochstapler hat sie momentan ihre Berechtigung. Frieden predigen, während die Mächtigsten mit Atomwaffen drohen, ist immerhin eine Position.

Babel auf Iberisch, Noah im Wasser

Apropos höchste Kirche der Welt. Gott selbst hat derartige Höhenflüge bekanntlich mit gewissem Argwohn betrachtet. Als die Menschen in Babel beschlossen, einen Turm bis in den Himmel zu bauen, fand er das wenig kollegial und verwirrte ihre Sprachen, damit das Projekt scheiterte.

Wer einmal in einer Tapasbar in Bilbao zwischen Baskisch, Kastilisch und gebrochenem Englisch verhandelt hat, ahnt, dass Spanien diese Strafe besonders gründlich abbekommen hat: Kastilisch, Katalanisch, Valencianisch, Galicisch, Baskisch, dazu Asturianisch und Aranesisch, alles auf einem Stück Land, das kleiner ist als Texas.

Dass ausgerechnet hier nun der höchste Sakralbau der Welt steht, wirkt aus alttestamentarischer Sicht reichlich provokativ. Vielleicht hat der Hausherr inzwischen Milde walten lassen, vielleicht hat er es auch nur noch nicht bemerkt. Immerhin scheint er auch Benidorm verziehen zu haben, trotz Betonhochhäusern bis zum Horizont und Bikinis bis zur Strandpromenade.

Apropos Altes Testament: Derselbe Gott überflutete einmal aus pädagogischem Eifer die ganze Erde und verschonte nur den 600-jährigen Noah samt Sippe und Tierladung. Wer das Konzept „Reue durch Massenertränken“ heute in einer beliebigen Personalabteilung vorschlüge, würde umgehend zum Coaching eingeladen. In der Kirche zählt es bis heute zu den Gründungsgeschichten, die man Kindern erzählt, samt freundlicher Bilderbuchausgabe mit Giraffen am Bug.

Die Liste ließe sich verlängern. Sodom und Gomorrah wurden mit Feuer und Schwefel eingeebnet, weil dort eine Lebensführung gepflegt wurde, die dem Hausherrn nicht passte. Ägypten musste sich zehn Plagen gefallen lassen, von Heuschrecken bis zur Tötung aller Erstgeborenen, weil sein Pharao starrsinnig war. 

Wer heute mit solchen Methoden Konflikte löste, säße in Den Haag, nicht im Himmel. Das Alte Testament liest sich an manchen Stellen wie das Drehbuch eines Diktators, dem niemand widersprechen darf, weil er ohnehin die letzte Instanz ist. Im Neuen Testament wird das alles erheblich freundlicher, was theologisch als „Erfüllung“, lebenspraktisch eher als „Imagewechsel“ durchgeht.

Dreifaltigkeit für Anfänger und Verzweifelte

Das Problem beginnt da, wo es um den Inhalt geht. Man stelle sich vor, jemand erfände dieses Konzept heute neu: Es gibt einen Gott. Der hat einen Sohn. Außerdem gibt es einen Heiligen Geist. Alle drei sind ein und dieselbe Person, aber gleichzeitig drei. Der Sohn wurde von einer Jungfrau geboren, ist gestorben, danach wieder aufgestanden und sitzt jetzt zur Rechten des Vaters. Auf Nachfragen verweist man auf das Mysterium.

Bei der nächsten Apple Keynote würde man bei dieser Erklärung lachend hinausgehen. In der katholischen Liturgie wird sie seit dem Konzil von Nicäa, also seit 1.701 Jahren, wiederholt. Das macht sie nicht plausibler, aber traditioneller. Es macht auch verständlich, warum 89 Prozent der spanischen 18- bis 34-Jährigen laut einer Erhebung der iberoamerikanischen Stiftung SM angeben, sie könnten auch ohne den Glauben an einen Gott glücklich sein. 87 Prozent haben kein Vertrauen in religiöse Institutionen. Das ist kein Atheismus, das ist Bilanz.

Bemerkenswert ist die Gegenbewegung bei den Jüngsten: Bezeichneten sich 2020 noch 31,6 Prozent der spanischen Jugendlichen als katholisch, sind es 2025 wieder 45 Prozent. Experten sprechen von einem „verwässerten Katholizismus“, bei dem sich die Menschen das herausziehen, was ihnen passt. Spiritualität à la carte, ohne Sonntagspflicht und ohne Trinitätsdogma. 

Wer das eine Wiederkehr des Glaubens nennt, hat einen gnädigen Begriff von Glauben. Wer es ehrlich nennt, sagt: Menschen mögen Rituale, sie mögen Gemeinschaft, sie mögen Kerzen. Den Rest schenken sie sich.

Gottes Söhne und das Me-Too-Schweigen

Die Bilanz wird unangenehmer, wenn es um den Umgang der Institution mit den eigenen Söhnen geht. In Spanien beziffert der Ombudsmann des Parlaments die Zahl der Missbrauchsbetroffenen durch katholische Geistliche auf über 400.000 Personen, hochgerechnet aus einer landesweiten Befragung von 2023. 

Die eigene Untersuchungskommission der Spanischen Bischofskonferenz kam auf eine deutlich niedrigere Zahl, was Kritiker als systematische Untererfassung bewerten. Die Aufarbeitung läuft schleppend, Entschädigungen sind ein Streitthema.

Papst Leo trifft sich während seiner Spanienreise mit Missbrauchsopfern, allerdings nur mit einer kleinen, von der Kirche ausgewählten Gruppe. Spanische Opferverbände sind enttäuscht und sprechen von einem Foto-Termin.

 „Wir wollen kein Foto mit dem Papst. Wir wollen Rechte und Wiedergutmachung für alle“, sagte der Präsident des nationalen Verbandes ANIR, Juan Cuatrecasas. König Felipe VI. mahnte beim Empfang im Königspalast eine Aufarbeitung „mit Klarheit und Festigkeit“ an. Es ist bemerkenswert, dass dieser Satz vom König kommen muss und nicht von der Kirche selbst.

Wenn eine Bewegung wie Me Too Konsequenzen in Hollywood, in Banken und in Parlamenten erzwungen hat, dann wirkt es eigenartig, dass ausgerechnet die Institution mit dem behaupteten direkten Draht zum Allwissenden hier so beharrlich am eigenen Tempo festhält. Im Privatsektor hätte man die Geschäftsführung längst ausgetauscht, im Vatikan tauscht man die Schubladen. Das hat Methode.

Leo XIV. hat im September 2025 zumindest deutliche Worte gefunden: Missbrauchsvorwürfe dürften „nicht in die Schublade gesteckt“ werden. Im gleichen Atemzug forderte er Schutz für zu Unrecht beschuldigte Priester. Beides ist plausibel, beides muss nebeneinander funktionieren. Aber zwischen plausiblen Reden und greifbaren Strukturen liegen, wie so oft im Vatikan, ein paar Jahrhunderte. Die Opfer haben sie nicht.

Was 172 Meter Beton nicht ersetzen können

Bleibt die Frage, ob Papst und Glaube noch zeitgemäß sind. Die katholische Kirche selbst beantwortet sie pragmatisch: Sie weiht den höchsten Kirchturm der Welt, schickt Drohnen statt Engelschöre und nutzt einen amerikanischen Papst, um einen amerikanischen Präsidenten in die Schranken zu weisen. Das ist zeitgemäßer, als es klingt.

Der Verdacht bleibt, dass hier mit 172,5 Metern Beton kompensiert wird, was im Inneren längst bröckelt. Gaudí nannte die Sagrada Família zu Lebzeiten eine „Bibel in Stein“. Er selbst war so fromm, dass er gegen Ende seines Lebens in der Krypta seiner Baustelle schlief und vorhatte, sich aushungern zu lassen, was nur ein Freund verhinderte. 

1926 wurde er auf der Gran Via von einer Straßenbahn erfasst. Weil seine Kleidung so abgenutzt war, hielten ihn die ersten Helfer für einen Bettler. So endet ein Heiliger im 20. Jahrhundert, was wiederum nicht das schlechteste Bild für den heutigen Zustand der Kirche abgibt: erkannt wird sie noch, ernst genommen seltener.

Heute funktioniert sein Bauwerk eher als Bibel für Touristen aus Korea und Kalifornien, von denen die Mehrheit nicht weiß, was eine Eucharistie ist, dafür aber, dass das Ticket online günstiger ist. Die Stiftung Junta Constructora rechnet mit einer Besucherzahl jenseits der fünf Millionen pro Jahr. Das ist gut für Barcelona, gut für die Kirche, gut für die Statistik. Es ist nur kein Beweis für Glauben.

Wer der Kirche wohlgesonnen ist, sagt: Architektur, Kunst, Gemeinschaft, Ritual, das hat seinen Wert auch ohne Trinitätsdogma. Wer nüchtern hinschaut, sagt: Eine Religion, die keine überzeugenden Antworten mehr auf die eigenen verletzten Söhne und Töchter findet, kann ihre Türme so hoch bauen, wie sie will. Sie wird sie irgendwann allein bewundern müssen.

Vielleicht ist das die ehrlichste Antwort, die diese Spanienreise gegeben hat. Ein Papst, der gegen einen Halbgott aus Washington Position bezieht, ist kein schlechter Papst. Ein Glaube aber, der drei Personen in einer, eine Jungfrau, einen sintflutfreudigen Vater und 400.000 verletzte Menschen ungeklärt nebeneinander stehen lässt, hat in der Frage der Zeitgemäßheit kein gutes Standing. Egal, wie schön das Feuerwerk war.

Der Autor

Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur, Politik, Umwelt und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.

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