Sorolla in Valencia: Die Reise ins Licht
Joaquín Sorolla malte das Mittelmeer so intensiv, dass Betrachter vor seinen Bildern die Augen zusammenkneifen. In seiner Geburtsstadt Valencia lässt sich jetzt erleben, wo alles begann. Die permanente Sala Sorolla im Museo de Bellas Artes zeigt 46 Werke bei freiem Eintritt. Und noch 2026 sollen über 200 weitere Gemälde aus New York in die Stadt kommen.
von Alexander Gresbek (Text und Illustrationen)
Im August 1865 fegte eine Cholera-Epidemie durch Valencia. Innerhalb von drei Tagen tötete sie beide Eltern des zweijährigen Joaquín Sorolla. Der Junge und seine Säuglingsschwester Concha kamen zur Tante, deren Mann ein armer Schlosser war. Das Waisenkind hatte allen Grund, die Welt dunkel zu sehen.
Stattdessen malte er das Licht. Nicht irgendein Licht. Das grelle, blendende, mediterrane Licht Valencias, das vom Meer reflektiert wird, weiß getünchte Häuser zum Leuchten bringt und auf nasser Haut glitzert. Seine Zeitgenossen fanden es zu brutal, zu intensiv. Sorolla machte es zur Obsession.
Vom Fischerviertel an die Staffelei
Joaquín Sorolla y Bastida wurde am 27. Februar 1863 in Valencia geboren, im Fischerviertel am Mittelmeer, wo Männer mit Ochsen ihre Boote an Land zogen. Sein Onkel José, der Schlosser, versuchte ihm das Handwerk beizubringen. Der Junge hasste es. Stattdessen zeichnete er, obsessiv, ständig.
Mit 15 Jahren wurde er an der Academia de San Carlos aufgenommen, der heutigen Fakultät der Schönen Künste in Valencia. Gleichzeitig begann er als Lehrling in der Fotowerkstatt von Antonio García. Dort lernte er den Umgang mit Licht und Komposition. Und dort traf er Clotilde García del Castillo, die Tochter seines Meisters. Sie wurde später seine Frau, seine Muse, seine erste Kritikerin. Er malte sie über 70 Mal.
Mit 18 stand er zum ersten Mal im Prado vor den Schwarzen Gemälden Goyas. Saturn, der seine Kinder verschlingt. Die Erschießungen vom 3. Mai. Sorolla sah Goyas Dunkelheit und entschied sich dagegen.
Schmerz als Wendepunkt
In den 1890er Jahren malte Sorolla auch das Elend seiner Heimat: die Armut der Fischer, gebeugte Rücken, erschöpfte Gesichter. Dann, 1899, entstand ¡Triste herencia! (Trauriges Erbe). Das 210 × 285 Zentimeter große Gemälde zeigt Kinder mit Polio, die ein Mönch ins Meer führt. Sorolla hatte die Szene am Strand von Valencia selbst beobachtet: Kinder aus dem Hospital San Juan de Dios, die zum therapeutischen Baden gebracht wurden.
1900 gewann das Bild den Grand Prix auf der Weltausstellung in Paris. Mit 37 Jahren war Sorolla einer der gefeiertsten Maler Europas. Und dann schwor er, nie wieder ein solches Motiv zu malen. Ab 1900 verschwanden Armut, Krankheit und Tod aus seinen Bildern. Nur noch Licht. Nur noch Leben.
Meterlange Pinselstriche im Sand
Sorollas Technik war eigenwillig. Er benutzte meterlange Pinsel und malte mit einem einzigen fließenden Strich über riesige Leinwände. Er arbeitete ausschließlich draußen, in der prallen Sonne, sechs bis neun Stunden am Tag, gekleidet in Anzug und Hut. Sandkörner vom Strand blieben in der Farbe kleben. Man kann sie heute noch in seinen Gemälden finden.
Er übertrieb bewusst die Farbtemperaturen: Lichter ins Gelbe, Schatten ins Violette. Seine Bilder scheinen zu vibrieren, als würden sie echtes Licht ausstrahlen. Claude Monet sah Sorollas Werke 1906 in Paris und nannte ihn den wahren Meister des Lichts. Von Monet. Dem Mann, der die Kathedrale von Rouen dutzende Male zu verschiedenen Tageszeiten gemalt hatte.
160.000 Besucher in New York
1909 lud die Hispanic Society of America Sorolla nach New York ein. 160.000 Besucher strömten zur Ausstellung. Der Gründer Archer Milton Huntington beauftragte ihn daraufhin mit 14 monumentalen Wandgemälden, die Spaniens Regionen darstellen sollten: insgesamt 70 Meter Leinwand. Acht Jahre reiste Sorolla dafür durch das ganze Land und malte vor Ort: Fischer in Katalonien, Tänzer in Sevilla, Bauern in Kastilien, Prozessionen in Aragón.
Die Anstrengung forderte ihren Tribut. Im Juni 1920 erlitt der 57-Jährige einen Schlaganfall, als er in seinem Madrider Garten vor der Staffelei stand. Er versuchte noch weiterzumalen. Vier Striche schaffte er. Dann brach er in Tränen aus. Drei Jahre später starb Sorolla am 10. August 1923 in Cercedilla bei Madrid. Die Vision of Spain-Gemälde, sein Lebenswerk, wurden erst 1926 in der Hispanic Society installiert. Er hat nie gesehen, wie sie hängen.
Sorolla erleben in Valencia 2026
In Sorollas Geburtsstadt konzentriert sich gerade so viel Sorolla wie nie zuvor. Anlaufpunkt Nummer eins ist das Museo de Bellas Artes de València (MuBAV), Spaniens zweitgrößte Pinakothek nach dem Prado. In einer eigenen permanenten Sala Sorolla hängen 46 Werke, die seine gesamte Karriere abdecken: vom Jugendwerk bis zu den reifen Porträts. Das Highlight ist „Yo soy el pan de la vida“, ein religiöses Monumentalgemälde von über vier Metern Höhe. Der Eintritt ist frei.
Parallel dazu bereitet Valencia einen weiteren Coup vor: Über 200 Werke der Hispanic Society of America sollen noch vor dem Sommer 2026 in die Stadt kommen. Geplant war der Palacio de las Comunicaciones an der Plaza del Ayuntamiento als dauerhafter Standort. Da sich die Bauarbeiten verzögern, werden die Gemälde zunächst im Museo de la Ciudad an der Plaza del Arzobispo gezeigt. Die Sammlung umfasst Ölgemälde, Zeichnungen, Skulpturen, Fotografien und persönliche Korrespondenz. Wer sich für den genauen Eröffnungstermin interessiert, sollte die offizielle Seite von Visit Valencia im Auge behalten.
Das Museo Sorolla in Madrid, die weltweit größte Sammlung mit rund 1.400 Gemälden, ist seit Oktober 2024 wegen Umbau geschlossen. Die Wiedereröffnung war für Anfang 2026 angekündigt; aktuelle Termine am besten auf der Museumswebsite prüfen.
Der Autor
Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur, Politik, Umwelt und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.
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