
Die Verlassenen der Demokratie
Warum Gleichgültigkeit gefährlicher ist als Populismus
Wer sich ernsthaft mit dem Zustand unserer Welt beschäftigt, bekommt Angst. Keine abstrakte Angst, sondern eine ganz konkrete, hilflose Angst vor Problemen, die zu groß scheinen für die eigene Reichweite. Das gilt in Deutschland, das gilt in Spanien, das gilt in ganz Europa und auch global. Und diese Angst ist der Rohstoff, aus dem Populisten ihr Geschäftsmodell bauen.
Ein Kommentar über Angst, Lügen und die Droge Populismus von Alexander Gresbek
Jede Regierung in Europa steht heute mehr denn je vor derselben Entscheidung. Option eins: die Wahrheit sagen, ehrliche Politik machen, den Preis dafür zahlen. Option zwei: lügen, die Krisen leugnen, Sündenböcke benennen. Option drei: einen willkürlichen Mix versuchen, das eine sagen, das andere tun, und hoffen, dass es keiner merkt.
Keine einzige europäische Regierung hat sich für Option eins entschieden. Und genau das treibt Millionen Menschen weg von der Demokratie.
Deutschland: das eine sagen, das andere tun

Friedrich Merz sagt, er nehme die Klimakrise ernst. Dann lässt seine Wirtschaftsministerin Katherina Reiche Verträge für Flüssiggaslieferungen bis 2050 absegnen. 2045 soll Deutschland klimaneutral sein. Reiches geändertes Heizungsgesetz erlaubt 14 Prozent fossile Brennstoffe nach dem Stichtag. Sie hat kein Enddatum für Öl- und Gasheizungen vorgelegt. Sie kann nicht erklären, wie so die Klimaziele erreichbar sein sollen. Im Bundestag werfen ihr Grüne und Linke vor, die Interessen der Öl- und Gasindustrie an den Kabinettstisch zu tragen. Die Branche selbst wartet seit Monaten auf Gesetzesentwürfe und bekommt nur Eckpunkte.
Lars Klingbeil sagt, Politik müsse sozial sein. Dann kürzt die Koalition zwei Milliarden Euro beim Wohngeld. Ein Drittel der bisher 1,2 Millionen Wohngeldhaushalte sollen rausfliegen. In 52 Prozent dieser Haushalte leben Rentner. Davor kamen Einschnitte bei Pflege und Gesundheit, jetzt steht die Rente an. Jede Reform schickt die gleiche Botschaft: Gespart wird bei den Schwächsten.
Die Menschen spüren, wie gestört das Verhältnis dieser Regierung zur Wahrheit ist. Wer Reiche reden hört und dann die Flüssiggasverträge liest, merkt den Widerspruch. Wer Merz vom Klima reden hört oder die Kürzungen beim Wohngeld sieht, merkt ihn auch. Und so verwaltet diese Regierung die Krisen, statt sie zu lösen, schnürt ein Sparpaket nach dem anderen und hofft, dass es als Politik durchgeht.
Spanien: der klare Außenpolitiker im innenpolitischen Sumpf
Pedro Sánchez macht nach außen vieles richtig, insbesondere da, wo Merz sich nicht traut. Beim NATO-Gipfel in Den Haag weigerte er sich als einziger europäischer Regierungschef, 5 Prozent Verteidigungsausgaben zuzusagen. Er nannte das Ziel kontraproduktiv und unvereinbar mit dem spanischen Sozialstaat. Trump tobte, drohte mit Strafzöllen, mit NATO-Ausschluss, nannte Spanien einen „Nachzügler“. Im Iran-Krieg verweigerte Spanien den USA Überflugrechte. Sánchez hat nicht eingelenkt.
Das ist mutig. Aber es ist leider auch begrenzt. Spanien sitzt nicht am G7-Tisch. Als viertgrößte Volkswirtschaft der EU hat es diplomatisches Gewicht, aber keine militärische Hebelwirkung. Sánchez’ „Nein“ zu Trump zeigt, dass Widerstand möglich ist. Eine Lösung ist es nicht.
Und im Inneren zerstört derselbe Sánchez seine eigene Glaubwürdigkeit. Der Mann, der 2018 mit einem Misstrauensvotum gegen die korrupte PP an die Macht kam, sieht zu, wie seine engsten Verbündeten verurteilt werden. Sein Ex-Verkehrsminister Ábalos: verurteilt wegen Korruption bei der Maskenbeschaffung.
Sein Ex-Organisationssekretär Cerdán: unter Ermittlung. Seine Frau Begoña Gómez: auf der Anklagebank, Reisepass eingezogen. Sein Bruder David Sánchez: unter Ermittlung. Sogar Ex-Ministerpräsident Zapatero: unter Ermittlung wegen einer möglichen Geldwäscheaffäre. Im Mai rückte die Polizei in der PSOE-Zentrale in Madrid an.
Sánchez selbst wird bisher nicht beschuldigt. PP-Chef Feijóo spricht trotzdem von „systemischer Korruption“. Was Sánchez im Amt hält, ist nicht Vertrauen. Es ist die Angst vor einer Regierung mit Vox-Beteiligung, die baskische und katalanische Abgeordnete daran hindert, ein Misstrauensvotum zu unterstützen.
Der Widerspruch ist offensichtlich. Nach außen die klarste europäische Stimme gegen Trump. Nach innen eine Partei, deren innerer Kreis vor Gericht steht. Die Spanier sehen das genauso klar wie die Deutschen sehen, was mit dem Wohngeld oder Renten passiert.
Die Angst, die beide Länder teilen
In beiden Ländern spüren die Menschen dieselbe hilflose Angst. Die Klimakrise beschleunigt sich. In der letzten Juniwoche 2026 meldeten Spanien und Portugal bis zu 45 Grad, Frankreich setzte die Hälfte des Landes auf Alarmstufe Rot, in Südwestdeutschland wurden 40 Grad nicht mehr ausgeschlossen.
Das Joint Research Centre der EU-Kommission stuft ein sehr starkes El-Niño-Ereignis für 2026 als praktisch sicher ein. Wer im August an die Costa Blanca fliegt, fliegt in eine Region, in der 2025 bereits über 500 Menschen durch Waldbrände ihre Wohnung verloren, in der Bewässerungsverbote gelten und in der spanische Schulkinder üben, wie sie sich bei Bränden und Überflutungen verhalten.
Gleichzeitig spüren beide Länder wirtschaftliche Unsicherheit, die sich nicht wegsprechen lässt. Deutschland hängt an einer schwächelnden Autoindustrie, die den Wandel zur Elektromobilität zu spät angefangen hat. Spanien hängt am Tourismus. 97 Millionen Besucher im Jahr 2025, 135 Milliarden Euro Einnahmen, rund 13 Prozent des BIP. Für 2026 stehen 100 Millionen in Aussicht.
Das klingt nach Erfolg. Es ist eine Wette auf ein Klima, das es bald nicht mehr gibt, auf Flugpreise, die stabil bleiben, auf Touristen, die trotz 45 Grad noch kommen. In Barcelona, Mallorca und Ibiza protestieren Einheimische seit Monaten gegen steigende Mieten und Wohnraum, der in Ferienwohnungen verschwindet.
Dazu kommt Trump als dauerhaftes außenpolitisches Risiko. Im Juli 2025 einigte sich die EU auf einen Handelsdeal mit den USA: 15 Prozent Zoll auf EU-Waren statt der angedrohten 30 Prozent, dafür Abbau aller europäischen Industriezölle auf US-Produkte und Kaufversprechen über 750 Milliarden Dollar in US-Energie. Orbán höhnte, Trump habe von der Leyen „zum Frühstück verspeist“.
Im Mai 2026 drohte Trump trotzdem, die Autozölle von 15 auf 25 Prozent zu erhöhen. Beim G7-Gipfel in Évian hofierte Macron Trump mit einem Dinner in Versailles. Meloni musste ihn öffentlich als Lügner bloßstellen, nachdem er behauptet hatte, sie habe ihn um ein gemeinsames Foto angebettelt. Italiens Außenminister Tajani sagte seinen USA-Besuch ab.
Drei Strategien, drei Länder. Macron tauscht. Meloni wehrt sich. Sánchez verweigert. Aber niemand kontrolliert den Mann im Weißen Haus. Und alle wissen es.
Wut statt Wahrheit, Angst statt Antworten
All diese Probleme, die Klimakrise, die wirtschaftliche Fragilität, die Korruption, die außenpolitische Erpressbarkeit: Das kann einem wirklich Angst machen. Und hier liegt der Kern.
Angst ist schwer auszuhalten, besonders, wenn sie hilflos macht. Wenn sie sich gegen Übermächtige richtet, gegen Fossilkonzerne, gegen Trump, gegen ein System, das offensichtlich nicht funktioniert.
Genau an dieser Stelle machen Populisten ihr Angebot. Ob AfD, Vox, Le Pen oder Trump selbst. Variante eins: Die Krise existiert nicht. Sie ist erfundene Propaganda. So machen es AfD und Vox mit der Klimakrise.
Trump ist aus dem Pariser Abkommen ausgestiegen, behauptet, Windräder verursachten Krebs, und hat am 3. Januar 2026 Venezuela überfallen, um an dessen Ölreserven zu kommen. Er sagte wörtlich, man werde "gewaltigen Wohlstand aus diesem Boden herausholen". Drill, baby, drill, während Kalifornien brennt. Variante zwei: Die Krise gibt es, aber schuld sind die Schwächsten.
In den USA erfindet Trump haitianische Migranten, die angeblich Hunde und Katzen essen. In Deutschland macht die AfD Geflüchtete für den Wohnungsmangel verantwortlich, obwohl in den zehn Jahren vor der Flüchtlingskrise 2015 kaum Sozialwohnungen gebaut wurden. Immer sind es Migranten, Umweltschützer, linke Politiker, die Medien.
Nie sind es die Konzerne, die Steuern vermeiden, die Lobbyisten, die Gesetze schreiben, die Vermieter, die Wohnraum dem Markt entziehen. Wer dieses Angebot annimmt, tauscht hilflose Angst gegen zupackende Wut. Das fühlt sich gut an. Es funktioniert wie eine Droge.
Die Wut richtet sich nach unten, gegen einen Obdachlosen, einen armen Migranten, einen Umweltschützer. Plötzlich fühlt man sich nicht mehr wehrlos, sondern stark. Aus der Angst vor den Mächtigen wird Wut auf die Ohnmächtigen. Das Problem verschwindet nicht, aber das Gefühl bessert sich. Für einen Moment.
Das Problem dabei, dieser Tausch lässt sich kaum rückgängig machen. Wer einmal akzeptiert hat, dass die Klimakrise erfunden ist, liest keine Studie mehr. Wer einmal den Migranten die Schuld gegeben hat, fragt nicht mehr nach Lobbyisten. Und die Grenze verschiebt sich immer weiter. Trump ist der Beweis: Erst der Slogan, dann die Mauer, dann der Überfall auf Venezuela und Iran. Die Radikalisierung braucht keinen Plan. Sie braucht nur niemanden, der Stopp sagt.
In Deutschland hat Robert Habeck versucht, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Er hat es schlecht kommuniziert und ist abgestürzt. Die SPD liegt bei 12 Prozent und traut sich nicht, ehrliche Antworten zu geben. In Spanien führt Sánchez eine klare außenpolitische Sprache, aber seine Partei versinkt in genau dem Sumpf, den er trockenlegen wollte. In Frankreich versucht Macron, Trump zu managen statt ihm zu widersprechen. In Italien musste Meloni Trump öffentlich widersprechen, obwohl sie selbst als rechte Populistin gestartet ist.
Nirgendwo in Europa gibt es gerade eine Regierung, die ehrlich kommuniziert, danach handelt und damit Erfolg hat. Was stattdessen passiert, ist eine stille Erosion. Nicht alle, die der Politik nicht mehr vertrauen, laufen zur AfD oder zu Vox. Viele finden beide genauso abstoßend. Sie wollen keine Lügen, sie wollen ungeschminkte Wahrheit. Und weil sie die nirgends finden, ziehen sie sich zurück. Nicht zur AfD, nicht zu Vox, sondern aus der Demokratie raus. Die AfD bei 20 Prozent erzeugt Panik. 30 Prozent Nichtwähler erzeugen Achselzucken. Genau das macht sie so gefährlich. Populismus lässt sich bekämpfen. Gleichgültigkeit nicht.
Europa in der Hitze
Während wir das diskutieren, zeigt das Thermometer in Andalusien 45 Grad. In Paris bleiben die Parks rund um die Uhr geöffnet, damit Menschen Abkühlung finden. In Baden-Württemberg wird die 40-Grad-Marke erwartet. In Frankreich sind 800 Schulen geschlossen.
Die Physik verhandelt nicht. 45 Grad in Sevilla verschwinden nicht, weil Macron Trump in Versailles hofiert. Flüssiggasverträge bis 2050 ändern keine Atmosphäre. Es gibt keinen diplomatischen Ausweg aus der Thermodynamik. Was Reiche in Berlin verzögert, heizt die Temperaturen auf, die an der Costa Blanca und in Südfrankreich gemessen werden.
Was Merz beim Wohngeld kürzt, merkt eine Rentnerin in Gelsenkirchen auf ihrem Konto. Und wenn Trump einen Krieg anfängt, der die Straße von Hormus sperrt, merkt es jeder an der Zapfsäule, ob in Alicante oder in Augsburg.
Die Krisen kennen keine Grenzen. Und die Lösungen brauchen Politiker, die das auch so sagen. Im Moment gibt es diese Politiker in keiner europäischen Hauptstadt. Wenn sich das nicht ändert, werden die Nüchternen weiter abwandern: aus den Parteien, aus den Wahlkabinen, aus dem Glauben daran, dass Demokratie ihre Probleme lösen kann. Das wäre das Ende nicht der Demokratie als Institution, aber der Demokratie als Versprechen. Und was danach kommen kann, wissen wir aus der Geschichte. Und aus der Geschichte wissen wir auch, dass es sich nicht gut anfühlt.
Der Autor
Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur, Politik, Umwelt und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.
Weiterführende Links
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