Marina Alta: Vorsicht bissiger Vermieter

Früher wurden Tiere ausgesetzt, heute kommen sie ins Tierheim. Nicht weil sie nicht mehr gewollt sind, sondern weil viele Vermieter keine Hunde und Katzen mehr dulden. Gerade an der spanischen Marina Alta können sie sich das leisten. Denn auf eine Wohnung kommen gut 25 Anfragen.

von Paula Dólera, Fotos Tobias Büscher

Ein Mensch betritt ein Tierheim mit einer qualvollen Entscheidung. Er ist nicht hier, weil er seinen Hund oder seine Katze nicht mehr liebt und es los werden will. Er ist hier, weil er keinen Vermieter fand, der das Zusammenleben von Mensch und Tier in der Wohnung duldet. Was folgt, ist eine erzwungene Trennung.

In den Tierheimen sehen wir diese Entwicklung mit Sorge. Jahrelang stand das Aussetzen vor allem für Verantwortungslosigkeit, für ungewollte Würfe, für fehlende Kennzeichnung oder für leichtfertige Entscheidungen. Heute erleben wir eine andere Wirklichkeit: Familien sagen ihren Tieren adiós, weil sie sonst kein Dach über dem Kopf haben.

Es wirft eine unbequeme Frage auf: Was für eine Gesellschaft nimmt hin, dass ein Dach über dem Kopf bedeuten kann, ein Mitglied der Familie zu verlieren?

Das Land verändert sich, der Markt bleibt stehen

Spanien hat nie mit so vielen Haustieren gelebt wie heute. Laut der Estadística Nacional sobre Protección Animal waren 2025 insgesamt 15 Millionen Tiere registriert: 7.5 Million Hunde, 5.7 Millionen Katzen und knapp 2 Millionen Tiere anderer Art. In nur 4 Jahren ist diese Zahl um 14 Prozent gestiegen. Schätzungen zufolge lebt fast jeder zweite spanische Haushalt mit mindestens einem Tier zusammen.

Diese Zahlen zeigen einen tiefen sozialen Wandel. Hunde, Katzen und andere Haustiere stehen nicht länger am Rand des Haushalts, sie sind zu Lebensgefährten geworden. Sie begleiten alleinstehende ältere Menschen, sie helfen über Krankheiten und Trauer hinweg, sie gehören zur Kindheit  und teilen den Alltag von Familien jeden Alters.

Auch das Recht hat diesen Wandel anerkannt. Seit dem Gesetz 17/2021 gelten Tiere nicht mehr als bewegliche Sachen, sondern als fühlende Wesen. Das Gesetz 7/2023 zum Schutz der Rechte und des Wohls der Tiere hat diesen Grundsatz später bekräftigt.

Die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt, die Gesetzgebung ebenfalls. Ein großer Teil des Mietmarkts aber verhält sich weiter so, als hätte sich nichts geändert.

Die Scheinlösung der Wohnungen, die Tiere erlauben

Auf den ersten Blick bieten die Immobilienportale viele Wohnungen an, in denen Tiere erlaubt sind. Ein Filter genügt, und schon erscheinen Dutzende Anzeigen. Die Wirklichkeit sieht anders aus.

Eine Studie von Fundación Affinity und Fotocasa kam zu dem Ergebnis, dass nur 4 Prozent der inserierten Mietwohnungen Tiere ausdrücklich zulassen. Einige Eigentümer akzeptieren sie erst nach direkter Verhandlung mit den künftigen Mietern. Die Zahl zeigt, wie klein das Angebot tatsächlich bleibt. Und: Ein großer Teil davon sind Ferienwohnungen oder Saisonmieten. Der Grund ist einfach.

Es geht beim Zulassen von Tieren weniger um Feingefühl als um Rentabilität. Je mehr mögliche Gäste, desto höher die Auslastung und desto höher die Einnahmen. Ein Hund oder eine Katze gilt nicht mehr als Störung, wenn sie mehr Reisende anziehen.

Bei der Wohnraummiete kehrt sich diese Logik um. Hier muss der Eigentümer keine Mieter anlocken, er kann unter Dutzenden Bewerbern wählen. In einem so angespannten Markt wie dem der Marina Alta, wo eine einzige Wohnung 20, 30 oder sogar 50 Anfragen bekommt, haben Hund und Katze kaum noch eine Chance.

Der Widerspruch ist offensichtlich: Derselbe Hund, der eine Ferienwohnung attraktiver macht, kann der Grund sein, warum eine Familie eine Mietwohnung nicht bekommt. Das Tier hat sich nicht verändert. Verändert hat sich die wirtschaftliche Logik.

Die Marina Alta: das Gesicht eines Widerspruchs

Was in ganz Spanien beunruhigt, ist in der Marina Alta dramatisch. Die Comarca steht seit Jahren unter starkem Druck auf dem Wohnungsmarkt. Die Preise steigen kontinuierlich, und der touristische Vermietungsmarkt wächst außergewöhnlich stark.

Nach den jüngsten Zahlen von Idealista erreichte Dénia im Juni 2026 einen durchschnittlichen Mietpreis von 12,4 Euro pro Quadratmeter, 6,2 Prozent mehr als ein Jahr zuvor und der höchste bisher gemessene Wert. In Xàbia stieg die Miete auf 14,5 Euro pro Quadratmeter, ein Plus von 7,3 Prozent im selben Zeitraum.

Dazu kommt die touristische Vermietung. Allein Dénia zählt rund 5.000 registrierte Ferienwohnungen. Diese Zahl hat die Stadt selbst dazu gebracht, Maßnahmen gegen ihr Wachstum zu ergreifen und Wohnraum für den festen Wohnsitz zurückzugewinnen. In Calp machen Ferienwohnungen bereits mehr als 11 Prozent des Wohnungsbestands aus, einer der höchsten Anteile in der Comunitat Valenciana.

Hinter diesen Zahlen steht eine Folge, über die kaum jemand spricht. Erhält eine Wohnung Dutzende Anfragen, kann der Eigentümer das Profil auswählen, das ihm am günstigsten erscheint. Und dabei genügt das Zusammenleben mit einem Hund oder einer Katze zu oft, um aussortiert zu werden. Nicht, weil es Belege gäbe, dass diese Familien schlechtere Mieter wären. Sondern weil die Knappheit die Auswahl erlaubt.

Was hinter der Tür eines Tierheims geschieht

Keine Zahl erfasst, was auf der anderen Seite der Tür eines Tierheims passiert. Die Berichte sprechen von Preisen, Angebot, Nachfrage und Rentabilität. Wir sehen Menschen, die kaum die Leine eines Hundes oder die Transportbox einer Katze halten können, weil sie wissen, dass sie sich in wenigen Minuten von dem Tier trennen müssen.

Bruno war zwei Jahre alt, als er zu uns kam. Während er den Hof beschnupperte, versuchte seine Familie zu erklären, dass sie seit Monaten eine Wohnung suchte. Sie hatte teurere Mieten in Kauf genommen, kleinere Wohnungen, Bedingungen, die sie sich nie vorgestellt hätte. Sie bat nur um eines: weiter mit ihm leben zu dürfen. Es reichte nie. Immer gab es einen anderen Bewerber. Immer jemanden ohne Hund. Als sie begriff, dass keine Türen mehr blieben, an die sie klopfen konnte, kam sie durch unsere. An jenem Morgen hat sie Bruno nicht ausgesetzt. Getrennt hat sie der Mietmarkt.

Auch Mino verstand nicht, warum er die Stimmen seiner Familie nicht mehr hörte. Nachdem sie ihre Wohnung verloren hatte, blieb er allein zurück, bis ihn jemand retten konnte. Wie so viele Tiere wusste er nicht, dass die Entscheidungen, die ein Leben verändern, selten von dem getroffen werden, der am meisten darunter leidet. Er wartete tagelang auf Herrchen und Frauchen. Sie kamen nicht.

Wer in einem Tierheim arbeitet, kennt den Unterschied zwischen Aussetzen und Verlieren. Das erste entsteht aus Verantwortungslosigkeit, die zweite aus dem Fehlen von Alternativen. Doch kaum einer spricht darüber.

Mehr als ein Immobilienproblem

Vielleicht geht es hier deshalb um mehr als um Tiere. Es geht vor allem um die Art von Gesellschaft, die wir gerade bauen. Eine Gesellschaft, die per Gesetz anerkennt, dass Tiere fühlende Wesen sind, aber weiter mit zu großer Selbstverständlichkeit hinnimmt, dass eine Familie eine ihrer tiefsten Bindungen zerreißen muss, um eine Wohnung zu bekommen. Eine Gesellschaft, die den Preis jedes Quadratmeters genau berechnet, den menschlichen Preis dieser Verzichte aber nicht zu messen scheint.

Denn die wahre Dimension einer Krise steckt nie allein in den Zahlen. Sie zeigt sich in dem, was sie zu opfern zwingt. Wenn ein Markt Liebe zum Hindernis macht, wenn eine Familie zwischen einem Zuhause und einem Mitglied ihrer Familie wählen muss, ist das ein ethisches Drama.

Die Tierheime werden diese Tiere weiter aufnehmen, versorgen und ihnen eine neue Chance suchen. Wir tun das, weil es unsere Pflicht und unser Versprechen ist. Aber kein Tierheim sollte zum Wartesaal werden, in dem die Folgen eines Marktes enden, der keinen Platz mehr für tierliebe Familien lässt.

Quellen: 

Ministerio de Derechos Sociales, Consumo y Agenda 2030. Estadística Nacional sobre Protección Animal (offizieller Vorabbericht, Juni 2026).
Gesetz 17/2021 vom 15. Dezember, mit dem Tiere nicht mehr als bewegliche Sachen gelten und rechtlich als fühlende Wesen anerkannt werden.

Gesetz 7/2023 vom 28. März zum Schutz der Rechte und des Wohls der Tiere.

Die Autorin

Paula Dólera schreibt für das Spanien-Reisemagazin über Tierschutz und Tierrechte. Mehr über die Tierschutzarbeit an der Costa Blanca: Els Poets, Tierschutzverein an der Costa Blanca.

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