Costa Blanca 1957: Als Benidorm ein Fischerdorf war

Ein Fotoalbum aus dem Jahr 1957 zeigt die Costa Blanca, bevor der Massentourismus kam. Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Altea, Benidorm und Peñíscola erzählen die Geschichte einer Küste, die es so nie wieder geben wird.

Text: Alexander Gresbek, Fotos: Jürgen Büscher

Benidorm - Vergilbte Seiten, Knickfalten im Karton, blaue Tinte: „Benidorm: Bungalow Palmeras 1957“ steht unter einem Foto, das Palmen, einen Feldweg und ein halbfertiges Gebäude am Strand zeigt. Im Hintergrund ziehen Maultiere einen Karren die Küste entlang. Von Wolkenkratzern keine Spur.

Das Fotoalbum einer deutschen Familie, die in den späten Fünfzigerjahren Spaniens Mittelmeerregion bereiste, lag Jahrzehnte in einer Schublade. Was die Schwarz-Weiß-Aufnahmen der des Ortes Benidorm und der Costa Blanca festhalten, wirkt heute wie ein Blick in eine andere Welt. Dabei trennen uns keine Jahrhunderte davon. Nur 69 Jahre.

Benidorm: Klappstühle statt Wolkenkratzer

Auf einem der Fotos sitzen etwa ein Dutzend Menschen auf Klappstühlen an der Bucht von Benidorm. Hinter ihnen: niedrige weiße Häuser, ein paar Fischerboote im Wasser, Berge am Horizont. Kein Hochhaus, kein Hotelkomplex, kein Neonschild. Benidorm zählte Anfang der Fünfzigerjahre knapp 3.000 Einwohner. Der Ort lebte vom Thunfischfang, bis 1952 auch diese Einnahmequelle versiegte.

Jürgen Büscher aus Düsseldorf hatte andere Pläne. Pedro Zaragoza Orts, ab 1950 Bürgermeister, ließ Straßen asphaltieren, ein Wasserversorgungssystem bauen und legte 1956 den ersten Bebauungsplan vor. Zaragoza war Sohn eines Kapitäns, hatte als Kind Sydney und London gesehen.

Er wusste, was europäische Touristen suchten. Sein Problem: Francos Spanien war erzkatholisch, und ausländische Touristinnen trugen Bikini.

Dünn bekleidete Frauen, dünnhäutiger Erzbischof

Zaragoza hob das Bikiniverbot an seinen Stränden eigenmächtig auf. Die Guardia Civil führte Bikiniträgerinnen ab, der Erzbischof von Valencia drohte mit Exkommunikation. Zaragoza fuhr mit seiner Vespa neun Stunden nach Madrid, um Franco persönlich zu überzeugen. Er kam mit der Erlaubnis des Diktators zurück.

Ein zweites Foto zeigt, was damals gerade begann: Zwischen den Palmen des Bungalow Palmeras ist links eine Baustelle zu erkennen. Es sind die ersten Fundamente einer Verwandlung, die Benidorm innerhalb weniger Jahrzehnte zur Stadt mit der höchsten Hochhausdichte pro Einwohner weltweit machen sollte. 345 Gebäude mit mehr als zwölf Stockwerken stehen dort heute. 2024 übernachteten über 2,8 Millionen Touristen in der Stadt. 

Das markanteste Gebäude, der 202 Meter hohe Intempo-Turm mit 47 Stockwerken, wurde 2021 fertiggestellt. Baubeginn war 2007, dazwischen lagen Finanzkrise, Insolvenz und die hartnäckige Legende, man habe den Aufzug vergessen.

Altea: Die weiße Stadt wehrte sich

Nur wenige Kilometer nördlich von Benidorm fotografierte die Familie Altea. Das Bild zeigt niedrige Häuser entlang der Bucht, die Sierra de Bèrnia im Hintergrund, Blumentöpfe auf einer Strandmauer. Die handschriftliche Bildunterschrift: schlicht „Altea“.

Was auf dem Foto nach einem weiteren verschlafenen Küstenort aussieht, nahm einen völlig anderen Weg als der Nachbar Benidorm. Ab den Sechzigerjahren zogen Künstler, Maler und Schriftsteller in die Altstadt mit ihren weiß getünchten Häusern und den Gassen, die sich den Hügel hinauf zur Kirche Nuestra Señora del Consuelo winden. Deren blau-weiße Fliesenkuppel im byzantinischen Stil ist bis heute das Erkennungszeichen Alteas.

Die Gemeinde entschied sich bewusst gegen Hochhausbebauung. Stattdessen schützte sie ihr architektonisches Erbe. Der deutsche Maler Eberhard Schlotter, der sich hier niederließ, hat im Ort eine Dauerausstellung. Die Fakultät für Schöne Künste der Universität Miguel Hernández betreibt einen Campus in Altea. Wo Benidorm auf Masse setzte, setzte Altea auf Charakter. Beide Strategien funktionieren bis heute.

Die Straße von Elche nach Alicante

Das dritte Foto zeigt eine leere Landstraße, die sich durch eine flache Ebene zieht. Ein einzelnes dunkles Auto steht am Straßenrand. Kleine weiße Häuser säumen den Weg, dahinter ragen die Hügel von Alicante auf. „Straße von Elche nach Alicante“ notierte Gisela Büscher, die Frau von Jürgen Büscher in Handschrift unter das Bild.

1957 verband diese Strecke zwei Provinzstädte über eine staubige Landstraße. Franco hatte die Einreisepflicht für Touristen noch nicht abgeschafft, das sollte erst 1959 geschehen. Die Peseta trug sein Konterfei mit der Inschrift „Francisco Franco, Caudillo de España por la Gracia de Dios“. Ein Brot kostete wenige Céntimos.

Heute führt die Autobahn AP-7 durch dieses Gebiet. Der Flughafen Alicante-Elche, 1967 als El Altet eröffnet, fertigt jährlich Millionen Passagiere ab. Die Palmenhaine von Elche, die im Hintergrund des Fotos zu erahnen sind, gehören seit dem Jahr 2000 zum UNESCO-Welterbe. 

Was 1957 eine Strecke für wenige Autos war, ist heute eine der meistbefahrenen Verkehrsachsen der Comunitat Valenciana.

Peñíscola: Wo ein Gegenpapst Zuflucht fand

Das letzte Foto der Serie zeigt eine Felsenfestung, die aus dem Dunst über dem Mittelmeer aufragt. Agaven stehen im Vordergrund, trockene Erde, kein Mensch. Die Bildunterschrift in blauer Tinte: „Peñíscola mit der Papstburg“.

Die Burg auf dem Felsen ist eine Templeranlage, erbaut zwischen 1294 und 1307 auf den Resten einer maurischen Festung. Berühmt wurde sie durch Pedro Martínez de Luna, besser bekannt als Gegenpapst Benedikt XIII. oder schlicht „Papa Luna“. 

Nach seiner Flucht aus Avignon richtete er 1411 in der Burg seine päpstliche Residenz ein. Bis zu seinem Tod 1423 beharrte er darauf, der rechtmäßige Papst zu sein. Die Burg zählt nach der Alhambra in Granada zu den meistbesuchten Monumenten Spaniens.

Auf dem Foto von 1957 sieht Peñíscola noch fast genauso aus wie zu Papa Lunas Zeiten. Keine Hotelblocks, keine Strandpromenade, keine Souvenirläden. Das änderte sich später gründlich. 2015 rückte dann ein anderes Imperium an: HBO wählte Peñíscoals Altstadt als Drehort für die sechste Staffel von „Game of Thrones“. 

Die Templerburg und die mittelalterlichen Gassen verwandelten sich in die Sklavenstadt Meereen. Papa Luna hätte das vermutlich als angemessen empfunden.

Was die Fotos erzählen

Zwischen den Aufnahmen von 1957 und der heutigen Costa Blanca liegen nicht nur Jahrzehnte. Es liegen Epochen. Franco starb 1975, Spanien wurde Demokratie, trat 1986 der EG bei. Die Peseta wich dem Euro. Analoge Kameras wichen Smartphones. Aus Feldwegen wurden Autobahnen, aus Fischerdörfern Tourismusstationen.

Klimawandel war 1957 kein Thema. Die Wasserversorgung der Costa Blanca, heute eine der größten Herausforderungen der Region, spielte keine Rolle, als wenige Tausend Menschen an dieser Küste lebten. Benidorm erhält sein Wasser inzwischen aus der Meerwasserentsalzungsanlage Mutxamel.

Was bleibt, ist das Mittelmeer. Die Sierra de Bèrnia hinter Altea. Der Felsen von Peñíscola. Die Schwarz-Weiß-Fotos zeigen eine Küste vor der großen Verwandlung. Sie erinnern daran, dass das, was wir heute sehen, nicht immer so war. Und dass es auch nicht so bleiben muss.

Praktische Informationen

Anreise: Flughafen Alicante-Elche (ALC) mit Verbindungen aus den meisten deutschen Großstädten. Von dort mit dem TRAM-Zug nach Benidorm (ca. 45 Minuten) oder per Mietwagen über die AP-7.

Beste Reisezeit: Frühjahr (März bis Mai) und Herbst (September bis November). Im Sommer Temperaturen um 30°C bei hoher Auslastung. Milde Winter mit selten unter 10°C.

Tipp für die Gegenwart: Peñíscola liegt rund 300 Kilometer nördlich von Benidorm an der Costa del Azahar (Provinz Castellón). Die Burg ist ganzjährig geöffnet, Öffnungszeiten variieren saisonal.
Altea: Dienstags großer Wochenmarkt. Der Aufstieg zur Altstadt lohnt sich frühmorgens, bevor die Reisebusse kommen.

Der Autor

Alexander Gresbek lebt seit vielen Jahren an der spanischen Mittelmeerküste. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.

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