Von Franco zur Freiheit: Timeline der zehn wichtigsten Ereignisse

50 Jahre nach Francos Tod feierte Spanien 2025 unter dem Motto España en Libertad seine Demokratie. Der Weg dorthin verlief schneller als in jedem anderen europäischen Land, aber er war weder geradlinig noch schmerzfrei. Zehn Meilensteine, die das heutige Spanien geformt haben.

von Alexander Gresbek (Text und Illustrationen)

Wer heute durch Madrid, Barcelona oder Sevilla spaziert, erlebt ein Land, das sich selbstverständlich als Teil Europas versteht. Gleichgeschlechtliche Paare heiraten, die Regionen Katalonien, Galicien und Baskenland haben eigene Sprachen und Parlamente, die Pressefreiheit gehört zum Alltag. Nichts davon war vor 50 Jahren denkbar. 

Denn 1975 war Spanien das, was es fast vier Jahrzehnte lang gewesen war: eine Diktatur. Die Geschichte, wie aus diesem Spanien das heutige wurde, ist eine der bemerkenswertesten politischen Transformationen des 20. Jahrhunderts. Sie ging unter dem spanischen Namen Transición (Übergang) in die Geschichte ein.

1975: Ein Diktator stirbt, ein Land erwacht

Am 20. November 1975 stirbt Francisco Franco nach wochenlangem Todeskampf in Madrid. 36 Jahre Diktatur enden an einem Krankenbett. Zwei Tage später wird Juan Carlos I. als König vereidigt. Die Franquisten erwarten Kontinuität. Sie irren sich.

Der junge König hält eine Thronrede, die als Signal in alle Richtungen funktioniert: Er spricht von einer „freien und modernen Gesellschaft" und sieht sich als „König aller Spanier". Das Regime kontrolliert noch den Staatsapparat, den Nationalrat, die Cortes. 

Aber Juan Carlos setzt auf den richtigen Mann: Adolfo Suárez, Generalsekretär des Movimiento Nacional und damit ein Insider des Systems. Gerade weil ihm die alten Eliten vertrauen, kann Suárez Reformen einleiten, die sonst an eben diesen Eliten gescheitert wären. Es ist die vielleicht größte Ironie der Transición: Die Diktatur wird von innen heraus abgeschafft.

1977: Erste freie Wahlen und der Preis des Friedens

Am 15. Juni 1977 wählen die Spanier zum ersten Mal seit 1936 frei. Suárez' Zentrumspartei UCD gewinnt, gefolgt von den Sozialisten, den Kommunisten und der konservativen Volksallianz. Im selben Jahr beschließt das Parlament ein Amnestiegesetz: Politische Gefangene kommen frei. 

Doch das Gesetz hat eine Kehrseite. Es schützt auch die Täter des Regimes vor Strafverfolgung.

Dieser Pacto del Olvido, der Pakt des Vergessens, ist der Preis, den Spanien für einen friedlichen Übergang zahlt. Versöhnung durch Schweigen. Die Formel funktioniert, aber sie hinterlässt offene Wunden, die erst Jahrzehnte später aufbrechen. Ob dieser Preis zu hoch war, darüber streiten Spanier bis zum heutigen Tag.

1978: Eine Verfassung als Balanceakt

Bevor das neue Spanien sich kulturell und wirtschaftlich neu erfinden konnte, brauchte es ein rechtliches Fundament. Am 6. Dezember 1978 stimmen die Spanier per Referendum über ihre neue Verfassung ab. 88 Prozent sagen Ja.

Das Dokument macht Spanien zur parlamentarischen Monarchie, garantiert Grundrechte, Religionsfreiheit und regionale Autonomie für 17 Gemeinschaften. Es ist ein Kompromiss zwischen Links und Rechts, Monarchisten und Republikanern, Zentralisten und Föderalisten.

Nur im Baskenland bleibt die Zustimmung verhalten. Baskische Abgeordnete stimmen dagegen, weil ihnen die Autonomieregelungen nicht weit genug gehen. Dieser Riss wird Spanien noch jahrzehntelang beschäftigen.

1981: 18 Stunden zwischen Diktatur und Demokratie

Drei Jahre lang funktioniert die junge Demokratie. Dann kommt der 23. Februar 1981. Oberstleutnant Antonio Tejero von der Guardia Civil stürmt mit Bewaffneten das Parlament und nimmt die Abgeordneten als Geiseln. In Valencia lässt General Milans del Bosch Panzer auffahren. Spaniens Demokratie steht auf der Kippe.

Der Putsch scheitert innerhalb von 18 Stunden. Entscheidend: Juan Carlos tritt in Uniform vor die Kameras und stellt sich in einer landesweit ausgestrahlten Fernsehansprache gegen die Putschisten. Das Militär folgt dem König, nicht den Verschwörern. 

Die Demokratie besteht ihre erste Belastungsprobe, und die Franquisten begreifen endgültig, dass es kein Zurück gibt. Rückblickend war der 23-F der Moment, in dem die Transición unumkehrbar wurde.

Frühe 1980er: La Movida sprengt die Grenzen

Während die Politik das neue Spanien baute, erfand die Kultur es neu. In den Clubs und Bars von Malasaña, dem Madrider Stadtteil rund um den Plaza Dos de Mayo, entsteht die Movida Madrileña. 

Pedro Almodóvar dreht seine ersten Filme, Alaska singt mit den Pegamoides, Ceesepe zeichnet Comics, die in keinem Franco-Spanien hätten erscheinen dürfen. Homosexualität, Drogenkonsum, Punk, Pop, New Wave: Alles, was unter Franco tabu war, wird öffentlich gelebt.

Die Movida hat kein politisches Programm. Sie ist reiner Aufbruch, gelebte Freiheit als Gegenentwurf zur Repression. Madrids Bürgermeister Enrique Tierno Galván fördert die Bewegung bewusst, um das Bild eines modernen Spanien nach außen zu tragen. 

Die Schattenseite: Heroin und HIV treffen die Szene Mitte der Achtziger hart. Aber die Movida verändert das Selbstbild einer ganzen Generation. Wer verstehen will, warum Spanien sich heute so selbstverständlich als liberal versteht, muss in diese Jahre zurückblicken.

1982: Die Linke regiert

Der kulturelle Aufbruch findet bald sein politisches Gegenstück. Bei den Parlamentswahlen im Oktober 1982 gewinnt die PSOE unter Felipe González mit einem Erdrutschsieg. Es ist die erste linke Regierung seit der Zweiten Republik in den 1930er Jahren.

González modernisiert das Bildungs- und Gesundheitssystem grundlegend, entkriminalisiert die Abtreibung und treibt die Säkularisierung des öffentlichen Lebens voran. 

Die Transición gilt mit diesem demokratischen Machtwechsel als abgeschlossen: Spanien hatte bewiesen, dass es Regierungswechsel friedlich vollziehen konnte.

1986: Spanien wird europäisch

Am 1. Januar 1986 tritt Spanien der Europäischen Gemeinschaft bei. Es ist ein politischer und ökonomischer Bruch mit der Isolation der Franco-Zeit. EU-Strukturfonds fließen ins Land, Autobahnen, Brücken und Eisenbahnstrecken entstehen. Die spanische Wirtschaft öffnet sich dem Binnenmarkt.

Der Beitritt hat eine Dimension, die über Wirtschaftspolitik hinausgeht: Spanien definiert sich selbst als europäisches Land. Nach Jahrzehnten am Rand des Kontinents sitzt es nun mit am Tisch. Was 1975 als innenpolitischer Umbruch begonnen hatte, wurde 1986 zur geopolitischen Neuverortung.

1992: Die Visitenkarte

Die Olympischen Spiele in Barcelona, Madrid als Kulturhauptstadt und die Expo in Sevilla markieren Spaniens Debüt auf der Weltbühne als modernes Land. Barcelona wird grundlegend umgebaut: Der Architekt Oriol Bohigas öffnet die Stadt zum Meer, ganze Stadtviertel werden saniert, der olympische Hafen entsteht. Die Eröffnungsfeier im Estadio Olímpico de Montjuïc wird zum Symbol für ein Land, das sich neu erfunden hat.

1992 ist kein bloßes Sportjahr. Es markiert den Abschluss der Transformation vom europäischen Außenseiter zum gleichberechtigten Partner in der EU. Und es zeigt, dass aus der politischen Wende von 1975 eine gesellschaftliche geworden war.

2005/2007: Gleiche Rechte und das Ende des Schweigens

Mit dem politischen und wirtschaftlichen Aufstieg gesichert, beginnt Spanien, seine Gesellschaft weiter zu öffnen. Am 30. Juni 2005 beschließen die Cortes unter Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero ein Gesetz, das die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare öffnet. 

Spanien ist damit nach den Niederlanden und Belgien das dritte Land weltweit, das diesen Schritt geht. Inklusive vollem Adoptionsrecht. Für ein Land, das bis 1975 unter einer katholisch-konservativen Diktatur gelebt hatte, eine beachtliche Geschwindigkeit.

Zwei Jahre später folgt ein zweiter Einschnitt: Die Ley de Memoria Histórica bricht mit dem Pakt des Vergessens von 1977. Exhumierungen der Massengräber aus dem Bürgerkrieg beginnen, franquistische Symbole werden aus dem öffentlichen Raum entfernt.

Was einst als Preis für den Frieden geschluckt wurde, wird 30 Jahre später politisch aufgearbeitet. Die Konservativen kritisieren das Gesetz als Spaltung, die Befürworter halten es für längst überfällig.

2011/2018: Das Ende der ETA

Am 20. Oktober 2011 verkündet die baskische Untergrundorganisation ETA per Videobotschaft das Ende ihres bewaffneten Kampfes. Im April 2017 übergibt sie dreieinhalb Tonnen Waffen an die französische Polizei. Am 3. Mai 2018 gibt sie in Genf ihre vollständige Auflösung bekannt. Nach fast sechs Jahrzehnten, über 3.000 Anschlägen und 829 Todesopfern endet die Gewalt.

Die Aufarbeitung bleibt schwierig. Rund 300 Morde sind bis heute nicht aufgeklärt. In manchen baskischen Gemeinden werden entlassene ETA-Häftlinge noch immer als Helden empfangen. Die gesellschaftliche Versöhnung ist ein Prozess, kein Endpunkt.

Und Spanien heute?

2025 hat die Regierung von Pedro Sánchez unter dem Motto España en Libertad ein ganzes Gedenkjahr ausgerufen, 50 Jahre nach Francos Tod. Über 100 Veranstaltungen, verteilt auf das ganze Land. Sánchez sagte bei der Eröffnung im Madrider Museo Reina Sofía, man müsse weder links noch rechts sein, um die Dunkelheit der Diktatur zu erkennen. Es reiche, Demokrat zu sein.

Die Opposition sieht das anders. Die konservative PP spricht von politischer Inszenierung, die rechtsextreme Vox nennt das Gedenkjahr „absurde Nekrophilie". Auch von links kommt Kritik: Vereine der Opferverbände werfen der Regierung vor, die Transición zu feiern, statt ihre Versäumnisse aufzuarbeiten. 

Noch immer liegen Zehntausende Opfer des Bürgerkriegs in unmarkierten Massengräbern. Noch immer tragen über 6.000 Straßen im Land die Namen franquistischer Funktionäre.

Spaniens Demokratie ist 50 Jahre alt, stabil und in vielen Bereichen progressiver als die seiner europäischen Nachbarn. Aber sie ist, wie jede Demokratie, nicht fertig. Der Streit darüber, wie das Land mit seiner Vergangenheit umgeht, ist kein Zeichen von Schwäche. Er ist Demokratie in Aktion.

Quellen: Konrad-Adenauer-Stiftung: Ein Jahr ETA-Auflösung (2019); NZZ: Chronologie der ETA (2018), 10 Jahre Waffenstillstand (2021); Movida Madrileña, Homosexualität in Spanien; Geschichte-Wissen: Eine Diktatur dankt ab (2017); 54books: Movida Madrileña (2024); Spanien-Reisemagazin: Die Transición Spaniens, Spanien 1975 bis 2025; jungle.world: 50 Jahre ohne Franco (2025); La Moncloa: Rede Sánchez 10.12.2024; elDiario.es: España en Libertad (2024).

Der Autor

Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur, Politik, Umwelt und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.

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