Putschversuch 23 F: Was den Spaniern 45 Jahre vorenthalten wurde
Die Regierung Sánchez stellt 153 Dokumente zum gescheiterten Staatsstreich vom 23. Februar 1981 online. Darunter ein brisantes Planungspapier, das König Juan Carlos als „auszuschaltendes Ziel“ bezeichnet. Doch die wichtigsten Akten bleiben unter Verschluss.
von Alexander Gresbek
Kaum ein Datum der jüngeren spanischen Geschichte ist so intensiv analysiert und diskutiert worden wie der 23. Februar 1981. An diesem Tag versuchten franquistisch geprägte Offiziere der Guardia Civil, unterstützt von ranghohen Militärs, im Parlament in Madrid gewaltsam die Kontrolle zu übernehmen.
Nach 18 Stunden brach der Umsturzversuch zusammen. Und mit ihm eine ernste Bedrohung für die noch junge spanische Demokratie.
Einen Tag nach dem 45. Jahrestag gab das spanische Kabinett am 24. Februar 2026 bekannt, alle bisher bekannten Unterlagen freizugeben, die in den staatlichen Archiven immer noch unter Verschluss waren.
„Erinnerungen dürfen nicht weggesperrt werden. Demokratien müssen ihre Vergangenheit kennen, um eine freiere Zukunft zu gestalten“, begründete Ministerpräsident Pedro Sánchez den Schritt, mit dem man eine „historische Schuld“ begleiche.
Seit dem 25. Februar sind mehr als 150 Dokumenteneinheiten auf einer Website der Regierung für alle Spanier zugänglich. Was in diesen Akten steht, wirft ein neues Licht auf die dunkelsten 18 Stunden der spanischen Demokratie — und auf die Rolle des Mannes, der bislang als ihr Retter galt.
Schüsse im Parlament: Was am 23. Februar 1981 wirklich geschah
Am Nachmittag des 23. Februar 1981 stürmte Oberstleutnant Antonio Tejero Molina mit rund 200 bewaffneten Beamten der Guardia Civil den Kongress der Abgeordneten in Madrid.
Im Plenarsaal lief gerade die namentliche Abstimmung zur Investitur des neuen Ministerpräsidenten Leopoldo Calvo-Sotelo. Um 18:23 Uhr betrat Tejero die Rednerbühne, feuerte Schüsse in die Decke und brüllte den Satz, der in die Geschichte eingehen sollte: „¡Quieto todo el mundo!“ — Niemand rührt sich!
Die meisten Abgeordneten warfen sich zu Boden. Drei Männer blieben aufrecht: Der amtierende Verteidigungsminister General Manuel Gutiérrez Mellado, 68 Jahre alt, stellte sich den Putschisten physisch entgegen. Der scheidende Ministerpräsident Adolfo Suárez blieb ruhig auf seinem Platz sitzen.
Und Santiago Carrillo, Chef der Kommunistischen Partei, zündete sich demonstrativ eine Zigarette an. Diese Szenen, von den Fernsehkameras aufgezeichnet und später ausgestrahlt, wurden zu den ikonischsten Bildern der spanischen Zeitgeschichte.
Parallel zu Tejeros Aktion in Madrid traten in Valencia unter dem Befehl von Generalleutnant Jaime Milans del Bosch Panzer und 2.000 Soldaten in Erscheinung. Milans del Bosch verhängte den Ausnahmezustand und versuchte, andere Militärbezirkskommandeure zum Anschluss zu bewegen. In Madrid selbst scheiterte der Versuch aufständischer Offiziere, die Elite-Panzerdivision „Brunete“ unter ihre Kontrolle zu bringen.
Der intellektuelle Architekt des Putsches war General Alfonso Armada, einst engster militärischer Berater König Juan Carlos’ I. und ehemaliger Generalsekretär des Königshauses. Armadas Plan — die sogenannte „Solución Armada“ — sah die Bildung einer Regierung der nationalen Rettung unter seiner Führung vor.
Doch als Armada kurz vor Mitternacht den besetzten Kongress betrat, um Tejero seinen Plan vorzulegen, wies dieser ihn zurück: Er habe den Kongress nicht dafür gestürmt. Diese Spaltung zwischen den beiden Hauptverschwörern war ein entscheidender Faktor für das Scheitern des Putsches.
Millionen Spanier verfolgten die Nacht an ihren Transistorradios — der Radiosender Cadena SER übertrug die Ereignisse live über offene Mikrofone. Die „Noche de los transistores“, wie sie seither heißt, endete erst am nächsten Morgen. Die 350 Geiseln im Parlament waren nach rund 18 Stunden frei. Niemand wurde getötet.
Warum Spanien 1981 so verwundbar war
Der Putschversuch war das Produkt einer Gesellschaft im Umbruch. Nach General Francos Tod am 20. November 1975 hatte König Juan Carlos entgegen den Erwartungen vieler Franquisten den Weg zur Demokratie eingeleitet. Mit der Ernennung von Adolfo Suárez zum Ministerpräsidenten 1976 begann die „Transición“ — ein beispielloser, friedlicher Übergang von der Diktatur zur parlamentarischen Monarchie. Die ersten freien Wahlen fanden im Juni 1977 statt, die neue Verfassung wurde im Dezember 1978 per Referendum angenommen.
Doch die junge Demokratie war extrem verwundbar. Zwischen 1975 und 1980 kamen über 450 Menschen durch politische Gewalt ums Leben. Die baskische Terrororganisation ETA ermordete Jahr für Jahr Dutzende Militärs und Polizisten, die Arbeitslosigkeit lag bei 20 Prozent, die Inflation bei 16 Prozent. Die Legalisierung der Kommunistischen Partei im April 1977 hatte das Militär zutiefst entfremdet. Ein Geheimdienstbericht des CESID sprach später von einem „Faschisierungsprozess innerhalb der Armee“.
Schon 1978 hatte Tejero bei der Operación Galaxia einen ersten Putschversuch unternommen — und war mit lediglich sieben Monaten Haft davongekommen.
Adolfo Suárez trat sechs Tage nach dem Putschversuch am 29. Januar 1981 zurück. Sein Satz klang prophetisch: Er wolle nicht, dass das demokratische System des Zusammenlebens erneut nur eine Klammer in der Geschichte Spaniens sei.
Was wusste König Juan Carlos?
König Juan Carlos I. verbrachte die entscheidenden Stunden am Telefon. Er kontaktierte die Befehlshaber aller Militärbezirke, um ihre Loyalität zur Verfassung sicherzustellen. An Milans del Bosch in Valencia sandte er ein unmissverständliches Telex: Kein Putsch, gleich welcher Art, könne sich hinter dem König verstecken — er richte sich gegen den König.
Um 1:14 Uhr am 24. Februar erschien Juan Carlos in der Uniform des Generalkapitäns im Fernsehen und ordnete die Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Ordnung an. Diese Ansprache gilt bis heute als der entscheidende Wendepunkt.
Die Rolle des Königs ist jedoch seit Jahrzehnten Gegenstand heftiger Debatten. Bereits 2012 veröffentlichte Deutschland das Protokoll eines Gesprächs zwischen seinem Botschafter und Juan Carlos vom März 1981, in dem der König gegenüber den Putschisten weder Abscheu noch Empörung zeigte, sondern eher Verständnis, wenn nicht Sympathie.
Seine Worte wirkten beinahe entschuldigend. Diese Enthüllung aus deutschen Archiven — peinlicherweise vor Spaniens eigenen Deklassifizierungen — war ein Schlüsselmoment in der Debatte um Juan Carlos.
Unter den jetzt freigegebenen Dokumenten sorgt ein handschriftliches Planungspapier aus dem Jahr 1980 für besonderes Aufsehen: Es beschreibt die Putschvorbereitungen, listet potenzielle Unterstützer und Hindernisse auf — und bezeichnet den König als „objetivo a batir y anular“, wörtlich ein „auszuschaltendes und zu neutralisierendes Ziel“.
Dies widerspricht der gängigen Darstellung, der Putsch sei im Namen des Königs oder zumindest mit seiner stillschweigenden Duldung geplant worden. Offenbar betrachteten zumindest Teile der Verschwörer den Monarchen als Hindernis.
Ex-Ministerpräsident Felipe González verteidigte Juan Carlos’ Rolle bei einem Senatsfestakt am 25. Februar 2026 in Anwesenheit von König Felipe VI. vehement: Der König habe nie eine Versuchung anderer Art gehabt und sei absolut klar in seiner Ablehnung des Putsches gewesen. Historiker Pere Ysàs hingegen deutete an, die Dokumente könnten zeigen, dass Juan Carlos mehr über die Aktivitäten der Putschisten wusste, als es den Anschein hatte.
153 Dokumenteneinheiten: Was jetzt öffentlich ist und was nicht
Die am 25. Februar 2026 auf der Website von La Moncloa veröffentlichten 153 Dokumenteneinheiten stammen aus drei Ministerien: Verteidigung, Inneres und Äußeres. Die Deklassifizierung, formal beschlossen als Orden PJC/125/2026 und am selben Tag im Boletín Oficial del Estado veröffentlicht, umfasst sämtliche Angelegenheiten, Akten, Dokumente und Infos im Zusammenhang mit dem versuchten Staatsstreich.
Die Rechtsgrundlage bildet ausgerechnet das franquistische Gesetz über Staatsgeheimnisse von 1968, das bis heute — weltweit einzigartig unter westlichen Demokratien — keine automatische Deklassifizierungsfrist vorsieht.
Zu den wichtigsten freigegebenen Dokumenten gehören Geheimdienstberichte des CESID, darunter das lange erwartete sogenannte „Informe Jáudenes“ über die Verwicklung der Spezialeinheit AOME des Geheimdienstes in die Putschvorbereitungen.
Außerdem: Transkriptionen abgehörter Telefonate aus der Putschnacht zwischen dem Kongress, dem Königspalast Zarzuela, La Moncloa und den Militärkommandos, militärische Lageberichte der diverser Militärbezirkskommandos; sowie ein CESID-Bericht vom Juni 1981 über den „Prozess der Faschisierung innerhalb der Armee“, der die Legalisierung der Kommunistischen Partei und Fälle militärischer Insubordination als Treiber benennt.
Keine Einsicht in das Gerichtsverfahren
Entscheidend ist jedoch, was nicht freigegeben wurde. Die 89 Bände des Gerichtsverfahrens, die beim Obersten Gerichtshof lagern, unterliegen nicht der Regierungsdeklassifizierung, sondern der Justiz — und bleiben verschlossen. Audioaufnahmen der Telefonate aus der Putschnacht sind nicht enthalten; die Regierung erklärte, es sei unwahrscheinlich, dass Originalaufnahmen in den klassifizierten Beständen existierten.
Investigativjournalistin Rebeca Quintáns identifizierte acht Schlüsseldokumente, die möglicherweise fehlen, darunter ein 20-seitiger handschriftlicher Bericht Armadas mit dem geplanten Kabinett und ein Brief Armadas an den König. Ehemalige Geheimdienstoffiziere äußerten Skepsis, ob viele Schlüsseldokumente überhaupt noch existieren.
Der Prozess: Milde Strafen für den Angriff auf die Demokratie
Der anschließende Prozess gegen 33 Angeklagte vor dem Obersten Militärgerichtshof führte zu Höchststrafen von 30 Jahren für Tejero, Milans del Bosch und — nach Revision durch den Obersten Gerichtshof — auch für Armada.
In der Praxis saßen die meisten Verurteilten jedoch weniger als ein Jahrzehnt ein. Armada wurde 1988 von der Regierung Felipe González begnadigt. Tejero, der Letzte, kam 1996 frei. Er ist heute der einzige noch lebende Anführer des 23-F.
Der politische Streit um die Freigabe
Die Reaktionen auf die Deklassifizierung fielen entlang der politischen Lagerlinien scharf unterschiedlich aus. Regierungssprecherin Elma Saiz betonte: Unter dem Franquismus sei alles geheim gewesen, per Voreinstellung und für immer — das ändere man jetzt. Justizminister Félix Bolaños nannte den 25. Februar einen wichtigen Tag, an dem man eine Schuld gegenüber Demokratie, Erinnerung und Transparenz begleiche.
Die konservative Opposition reagierte mit beißender Kritik. PP-Generalsekretär Miguel Tellado nannte die Freigabe eine beispiellose Schande. PP-Chef Alberto Núñez Feijóo konterte mit der Forderung, Sánchez solle lieber seine Regierungsflüge, die Adamuz-Zugkatastrophe und den Stromausfall vom 28. April deklassifizieren. Vox-Chef Santiago Abascal bezeichnete die Aktion als Beleidigung.
Die linken Koalitionspartner der Regierung begrüßten die Freigabe, forderten aber deutlich mehr. Sumar-Koordinatorin Lara Hernández nannte die 153 Dokumente nicht ausreichend und drängte auf die Verabschiedung des seit Juli 2025 im Parlament feststeckenden neuen Geheimschutzgesetzes.
Baskische und katalanische Parteien verlangten die Deklassifizierung weiterer Fälle — von den Erschießungen in Vitoria 1976 über den GAL-Staatsterrorismus der 1980er Jahre bis zu den sogenannten „Kloaken des Staates“.
Historiker zeigten sich vorsichtig optimistisch, aber gedämpft in ihren Erwartungen. Julián Casanova, Professor für Zeitgeschichte, begrüßte die Freigabe als sehr willkommen und notwendig, schloss aber große Überraschungen aus: Wenn Menschen eine definitive Unterhaltung auf Papier erwarteten, werde die nicht auftauchen.
Schriftsteller Javier Cercas, Autor des Standardwerks Anatomie eines Augenblicks, nannte die Deklassifizierung korrekt: Die Wahrheit kenne man im Wesentlichen bereits — doch die Geheimhaltung habe Verschwörungstheorien genährt.
Ein Fenster mit Vorhängen
Die Freigabe fällt auf den 45. Jahrestag des Putschversuchs, was ihr eine starke symbolische Dimension verleiht. Politisch fügt sie sich in die Agenda der Regierung Sánchez ein: das Gesetz zur Demokratischen Erinnerung von 2022, der Entwurf eines neuen Geheimschutzgesetzes und das breitere Projekt einer antifranquistischen Geschichtspolitik. Sánchez drängte die Parteien, das neue Gesetz bis Juni 2026 zu verabschieden — es sieht automatische Deklassifizierungsfristen von maximal 60 Jahren vor.
Kritiker aus allen Lagern vermuten allerdings auch taktische Motive. Die Regierung steht unter Druck durch Korruptionsvorwürfe, die Folgen der Überschwemmungskatastrophe in Valencia und schlechte Umfragewerte. Selbst der ehemalige sozialistische Ministerpräsident Felipe González kritisierte den Ansatz als willkürlich und forderte stattdessen ein umfassendes Gesetz nach europäischem Vorbild.
Was bleibt, ist die unbequeme Wahrheit, dass die Deklassifizierung — so bedeutsam sie symbolisch ist — die zentralen offenen Fragen des 23-F nur teilweise beantworten kann. Ohne die 89 Bände des Gerichtsverfahrens, ohne die Tonaufnahmen der Putschnacht und ohne Gewissheit, welche Dokumente in 45 Jahren verschwunden sind, bleibt der vollständige Blick auf die dunkelste Stunde der spanischen Demokratie versperrt.
Historiker Roberto Muñoz Bolaños brachte es auf den Punkt: Solange das Sumario nicht deklassifiziert sei, würden die Menschen kein klares Bild davon haben, wie der 23-F wirklich war.
Spanien hat an diesem Februar 2026 ein Fenster in seine Vergangenheit geöffnet. Aber es ist ein Fenster mit Vorhängen.
Der Autor
Alexander Gresbek lebt seit vielen Jahren an der spanischen Mittelmeerküste. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.
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