Warum Spaniens Tierschutzgesetz im Hinterland versagt
Tierschutz/Costa Blanca: Vier Hunde hinter Schloss und Riegel
Seit zwei Jahren kämpfen Freiwillige bereits darum, vier eingesperrte Hunde aus illegalen Verschlägen nahe Gata de Gorgos zu befreien. Die Behörden wissen Bescheid. Trotzdem leiden die Tiere weiter. Dieser Fall zeigt, wie weit der Weg zwischen Gesetz und Wirklichkeit sein kann.
von Michelle Gresbek, Illustrationen Alexander Gresbek
Costa Blanca, ein Sommertag Anfang Juni. An den Stränden von Dénia klettert das Thermometer über 30 Grad. Urlauber springen ins Meer, suchen Abkühlung unter Sonnenschirmen oder bestellen den nächsten Cocktail am Pool.
15 Minuten landeinwärts zeigt das Thermometer dieselbe Temperatur. Doch hier gibt es kein Meer, keinen Schatten und keine Abkühlung. Hinter einem verschlossenen Gitter sitzt ein Schäferhund in einem Verschlag aus Brettern und rostigem Metall. Neben ihm drei weitere Hunde. Seit Jahren.
Ihr Fall zeigt, wie groß die Lücke zwischen Spaniens modernem Tierschutzgesetz und der Realität im ländlichen Hinterland sein kann.
Der Schäferhund steht am Gitter. Sein Kopf hängt tief, die Muskeln angespannt, der Blick starr. Er bewegt sich kaum. Hinter ihm ein Verschlag aus alten Brettern, rostigem Metall und zerschlissenen Planen, kaum größer als eine Telefonzelle. Ein Vorhängeschloss hält die Gittertür zu. Auf dem Boden Kot, der sich über Tagen angesammelt hat. Ein blauer Plastikeimer: das einzige Wasser. Futter ist keines zu sehen.
Neben ihm zwei weitere Verschläge. In einem teilen sich zwei junge Hunde einen Zwinger, der kaum Platz zum Umdrehen lässt. Im dritten sitzt ein vierter Hund allein. Kein Schatten. Keine Belüftung.
Das Grundstück liegt im ländlichen Hinterland zwischen Gata de Gorgos und Jesús Pobre, auf halbem Weg zwischen Dénia und Jávea. Ein verwildertes Stück Land, auf dem niemand lebt. Die vier Hunde sind trotzdem da. Seit Jahren offenbar. Und obwohl Polizei, SEPRONA und Tierschutzvereine den Fall kennen, hat sich lange nichts bewegt.
292.000 Tiere pro Jahr
Was auf diesem Grundstück geschieht, ist kein Einzelfall. Die Fundación Affinity, die seit 1987 den Umgang mit Haustieren in Spanien untersucht, veröffentlichte im Juni 2025 ihren aktuellen Bericht. Die Zahlen: Im Jahr 2024 nahmen spanische Tierheime und Auffangstationen mehr als 292.000 Hunde und Katzen auf. Das sind 33 Tiere pro Stunde, rund um die Uhr, jeden Tag. Es ist die höchste Zahl seit fünf Jahren. Spanien liegt damit europaweit an der Spitze bei Tieraussetzungen.
Nur 25 Prozent der aufgefundenen Hunde trugen einen Mikrochip. Bei Katzen waren es fünf Prozent. Hinter jeder dieser Zahlen steht ein Tier, das irgendwann jemandem gleichgültig wurde.
Doch die Hunde nahe Gata de Gorgos wurden nicht ausgesetzt. Sie wurden eingesperrt. Das ist schlimmer. Denn es bedeutet: Jemand weiß, dass sie dort sind. Jemand hat die Verschläge gebaut, die Schlösser angebracht, die Tiere hineingesteckt. Und lässt sie dort.
Ein Gesetz, das auf dem Papier alles regelt
Seit März 2023 gilt in Spanien die Ley 7/2023, das nationale Tierschutzgesetz. Es ist auf dem Papier eines der fortschrittlichsten in Europa. Das Gesetz erkennt Tiere als empfindungsfähige Wesen an. Es verpflichtet Halter, ihnen angemessene Lebensbedingungen zu bieten: ausreichend Platz, Zugang zu Wasser und Futter, Schutz vor extremen Temperaturen, tierärztliche Versorgung. Hunde dürfen nicht länger als drei Tage ohne Aufsicht gelassen werden. Jeder Hund braucht einen Mikrochip, eine Haftpflichtversicherung und einen Halter, der einen Sachkundekurs absolviert hat.
Die Strafen sind empfindlich: 500 bis 10.000 Euro für leichte Verstöße, 10.001 bis 50.000 Euro für schwere, 50.001 bis 200.000 Euro bei besonders schweren Fällen. Zusätzlich kann die Behörde Tiere beschlagnahmen und ein Halteverbot von bis zu zehn Jahren aussprechen.
Daneben existiert in der Comunitat Valenciana ein eigenes regionales Tierschutzgesetz, die Ley 2/2023, das die nationalen Vorschriften ergänzt.
Der Fall nahe Gata de Gorgos dürfte gegen mehrere Artikel beider Gesetze verstoßen: keine artgerechte Haltung, kein Schutz vor Hitze, keine erkennbare Versorgung. Theoretisch müsste die Behörde handeln. Praktisch scheitert es an einer Kette von Zuständigkeiten, fehlendem Wissen und mangelndem Willen.
Zwei Wege, die beide ins Leere führen
In Spanien gibt es zwei parallele Wege, um gegen Tiermisshandlung vorzugehen. Der erste führt über die Gemeindeverwaltung: Die Lokalpolizei inspiziert, erstellt ein Protokoll und leitet es an das Rathaus weiter. Das Rathaus kann dann ein Verwaltungsverfahren eröffnen, Bußgelder verhängen und die Tiere dem Besitzer entziehen. Dieser Weg ist schnell, wenn die Gemeinde will.
Der zweite Weg führt über die SEPRONA, die Umwelt- und Tierschutzeinheit der Guardia Civil. Sie ist Teil der staatlichen Polizei, arbeitet unabhängig von der Gemeindeverwaltung und kann strafrechtliche Ermittlungen einleiten, die über die Gerichte laufen. Dieser Weg ist unabhängiger, aber langsam.
Zähe Gerichtsverfahren
Gerichtsverfahren in Spanien ziehen sich über Monate, manchmal Jahre. Paula Dólera, Koordinatorin des Tierschutzvereins Els Poets aus dem Nachbarort Pedreguer, kennt beide Wege. Sie hat beide versucht.'
„Wir haben mehrfach bei der Polizei von Gata de Gorgos angerufen", berichtet sie. „Ich habe Fotos und Dokumente geschickt. Ich habe geschrieben: Diese Hunde befinden sich in Bedingungen, die schwer gegen die Tierschutzbestimmungen verstoßen. Gesetze werden gemacht, um eingehalten und durchgesetzt zu werden."
Der Verein, der den Fall zusammen mit der Tierschutzorganisation APAD seit rund zwei Jahren verfolgt, hat zusätzlich die SEPRONA eingeschaltet.
Warum nichts passiert
Paula Dólera kann erklären, warum solche Fälle im Hinterland stecken bleiben. „Die Polizei hat oft Schwierigkeiten, das Tierwohl zu beurteilen", sagt sie. „Wenn ein Hund einen Chip, Impfungen und einen Pass hat, sehen viele Beamte kein Problem. Den Zustand des Wohlbefindens zu beurteilen, fällt ihnen schwer. Für viele ist das subjektiv."
Der Kern des Problems liegt tiefer. Für eine Gemeinde mit 6.000 Einwohnern wie Gata de Gorgos ist Tierschutz teuer und unpopulär. „Es fehlt an Ausbildung bei der Polizei, an Geld im Haushalt, an qualifizierten Fachleuten", sagt Paula. „Jedes Mal, wenn eine Gemeinde Geld für Tiere bereitstellen will, gibt es Leute, die das nicht verstehen."
Gata de Gorgos hat kein eigenes Tierheim. Die Gemeinde hatte zudem über Monate eine Art Machtvakuum: Im Dezember 2025 wechselte der Bürgermeister im Rahmen eines Koalitionsabkommens zwischen PSPV und Compromís.
Dazu kommt ein kulturelles Problem. In ländlichen Gebieten Spaniens halten viele Menschen Hunde als Wach- oder Jagdtiere, nicht als Haustiere. „Ich habe einmal gesehen, wie jemand seinen Hund geschlagen hat", erinnert sich Paula. „Als ich ihn ansprach, sagte er: Er gehört mir, ich mache, was ich will."
Anfang Juni: Bewegung
Anfang Juni 2026 ändert sich etwas. Paula erhöht den Druck. Sie ruft erneut bei der Lokalpolizei an, schickt nochmals alle Unterlagen. Diesmal fährt die Polizei tatsächlich raus. Die Beamten erstellen ein Atestado, ein amtliches Protokoll, das die vorgefundenen Zustände festhält. Dieses Dokument geht an den Bürgermeister, der daraufhin ein Verwaltungsverfahren einleiten kann.
Parallel bereitet Paula einen eigenen Bericht vor, in dem sie auflistet, gegen welche Gesetzesartikel verstoßen wird.
Und sie geht noch einen Schritt weiter. Am 2. Juni bittet sie Toni Signes Costa, den neuen Bürgermeister von Gata de Gorgos, um ein persönliches Gespräch. Signes ist seit dem 20. Dezember 2025 im Amt, gewählt im Rahmen eines Koalitionsabkommens zwischen PSPV und Compromís.
Der Bürgermeister empfängt sie. Er zeigte großes Interesse am Fall, so Paula, und sagte zu, die Ermittlungen einzuleiten und die entsprechenden rechtlichen Maßnahmen zu ergreifen. „Er hat zugehört", sagt Paula. „Er hat versprochen, uns auf dem Laufenden zu halten."
Ob diesen Worten Taten folgen, wird sich zeigen.
Nächster Schritt: Warten, dann handeln
Els Poets und APAD haben vereinbart, den Fall weiter zu begleiten und dem Rathaus eine angemessene Frist zu geben. Wenn sich innerhalb dieser Frist nichts bewegt, will der Verein einen spezialisierten Tierschutzanwalt einschalten. „Wenn wir es im Guten versuchen und es klappt, ist es der schnellere Weg", sagt Paula. „Wenn nicht, ziehen wir alle Register."
Der juristische Weg wäre lang. Und er löst das unmittelbare Problem nicht: Während ein Gericht entscheidet, bleiben die vier Hunde in ihren Verschlägen. In der Hitze. Hinter Schloss und Riegel.
Es liegt jetzt am Rathaus von Gata de Gorgos, das zu ändern. Die rechtlichen Mittel hat es. Die Zuständigkeit ebenfalls, auch wenn die genaue Gemeindegrenze in diesem Gebiet zwischen Gata und Jesús Pobre noch zu klären ist. Was bisher fehlte, war jemand, der hinsieht und handelt.
In Spanien werden jede Stunde 33 Tiere aufgegeben. Manche landen in Auffangstationen, wo engagierte Menschen sich um sie kümmern. Andere landen in Verschlägen auf verwilderten Grundstücken, wo niemand nach ihnen fragt. Ob ein Tier Glück oder Pech hat, hängt noch immer weniger vom Gesetz ab als davon, wer es sieht und ob derjenige den Hörer in die Hand nimmt.
Paula Dólera nimmt ihn in die Hand. Seit zwei Jahren. Jeden Tag.
Die Autorin
Michelle Gresbek ist Journalistin, Gesundheitswissenschaftlerin und Sachbuchautorin. In ihren Artikeln beschäftigt sie sich mit moderner Medizin und der Frage, wie digitale Innovationen – etwa KI – das Gesundheitswesen verändern.
Sie schreibt unter anderem für Fachmedien sowie deutschsprachige Publikationen in Spanien und legt großen Wert darauf, komplexe medizinische Themen verständlich und praxisnah zu erklären.
Neben ihrer journalistischen Arbeit veröffentlicht sie Bücher zu Medizin, Prävention und KI in der Gesundheitsversorgung. Derzeit promoviert sie nach ihrem Masterabschluss an der Charité – Universitätsmedizin Berlin.





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