Filmkritik: Romería von Carla Simón

Der Film "Romería - Das Tagebuch meiner Mutter" kommt Anfang April 2026 in die deutschen Kinos. Er handelt von einer jungen Waisen, die in der spanischen Hafenstadt Vigo die Spuren ihrer verstorbenen Eltern verfolgt. Der Film von Regisseurin Carla Simón hat in Cannes die Goldene Palme und in Katalonien den Gaudí-Preis bekommen. Gleich aus mehreren Gründen.

von Tobias Büscher

So einen Film muss man sich erst mal trauen. Natürlich ist er ein Highlight für alle, die Nordwestspanien mögen, schon wegen der wunderbaren Bilder von Meeresprozessionen, Festen und vorgelagerten Atlantikinseln. Doch er ist auch mutig. Denn es geht um Aids und Heroin in den wilden Jahren nach Francos Tod. Und damit um ein weitgehendes Tabu.

Der Hintergrund: In Spanien war die Zeit der Movida-Kulturbewegung rund um Pedro Almodóvar, Heroes del Silencio und Agatha Ruiz de la Prada auch eine Zeit voller Freiheitsdrang nach der langen Franco-Diktatur. Bis hin zu Exzessen. 

Die Region Galicien am Atlantik spielte dabei eine Schlüsselrolle. Dort rund um die Hafenstadt Vigo war der Hauptumschlagplatz für illegal eingeführte Drogen. Gängiger Trick: Luftdicht verpackte Säcke an den Tauen der Miesmuschelflöße anbringen, die dann Taucher an Land befördern. Codename: Farina, wörtlich Mehl.

Der Atlantik ist keine Badewanne

In dem Film spielt die 20-jährige Llucía García die junge Marina, die nach dem frühen Aids-Tod ihrer Eltern bei den Großeltern in Katalonien aufgewachsen ist und nun nach Vigo an die spanische Atlantikküste reist. Der Grund: Sie braucht Dokumente für ein Uni-Stipendium.

Doch schnell geht es um ein ganz anderes Dokument: Das Tagebuch ihrer Mutter. Marina lernt die Familie des verstorbenen Vaters dabei genau so kennen wie eine Welt, die sich von Katalonien deutlich unterscheidet. Oder wie es einer der Verwandten zu Marina sagt: "Der Atlantik ist keine Badewanne".

Stimmt. Und Romería keine Seifenoper. Schon deshalb nicht, weil die Regisseurin einiges in ihrem Film einst selbst erlebt hat.

Es sind schon viele gute Werke in Galicien gedreht worden, beispielsweise Das Meer in mir mit Javier Bardem oder auch Es wird brennen mit Benedicta Sánchez. Romería sticht auch deshalb heraus, weil er die Zeit-Sprünge von den 1980er Jahren bis zu den Nullerjahren so gut darstellt wie grausige Schicksalsschläge. Und dabei auf Bikinis, Popsongs und Filmkameras der damaligen Zeit genau so achtet wie auf linguistische Nuancen. 

Es gibt selten Filme, in denen die Protagonisten wie selbstverständlich Spanisch, Galicisch und Katalanisch sprechen.

Plötzlich Schauspielerin

A propos Schicksal. Hauptdarstellerin Llucía García ist durch den Film Romería schlagartig berühmt geworden. 2006 in Barcelona geboren, geriet sie im Stadtviertel Gràcia durch Zufall in ein Casting. Die Studentin hatte nie mit Schauspiel zu tun und erfuhr kurz darauf, dass sie für die Hauptrolle in Romería nominiert worden war. Und das im Alter von 20 Jahren. Filmreif, oder?

Auch eine andere Schauspielerin kam übrigens durch Zufall zu ihrer Rolle in der Region Galicien: Benedicta Sánchez. Auch sie glänzte in einem Film (Es wird brennen). Auch sie hatte zuvor nie vor der Kamera gestanden und galt plötzlich als beste Nachwuchsschauspielerin Spaniens.

Allerdings war sie da nicht 20, sie war 84.

Fazit: Romería ist ein ungewöhnlich mutiger Film, der sich wohltuend von seichten Serien abhebt. Natürlich hätte die Regisseurin auch ein Drama über Drogenbosse herausbringen können. Wollte sie aber nicht. Es ging ihr um etwas ganz anderes. Sehr sehenswert.

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Kommentare :

  • user
    Petra 21/03/2026 um 14:55
    Bitte immer mehr von solchen tollen Filmrezensionen