Horrorfilm als Plakat: Sleep Tight
Sleep Thight

Spaniens Horrorfilme im Überblick

Nach El Orfanato und La piel que habito des spanischen Regisseurs Pedro Almodóvar: Mientras duermes des ebenfalls spanischen Filmemachers Jaume Balagueró beweist einmal mehr, wie gut Spaniens Horrorfilme sind.

 

von Susanne Lück


Es ist noch keine ganze Generation her, da war außer Carlos Sauras Carmen und Pedro Almodóvar mit seinem jungen Trumpf Banderas dem Rest der Welt rein gar nichts von der spanischen Filmkunst bekannt. Mittlerweile haben Spaniens Filmemacher einen kulturellen Spurt hingelegt, der besonders ein Genre aus dem Schatten seines bisherigen Daseins erhebt: Wo Hollywood schwerer denn je um Anerkennung ringt, begeistert der iberische Horrorthriller längst einhellig die Zuschauermassen und Filmkritiker.

Gruselstoff jenseits der Pyrenäen

Mittlerweile soll es Horrorfans geben, die sich unbesehen auf jede Neuerscheinung aus spanischen Landen stürzen, sobald Amazon nur die Vorbestellung freischaltet. Verständlich – wer die Entwicklung der letzten Dekade im Auge hat, kann nur staunen, wie viele Filmemacher südlich der Pyrenäen das Nervenkostüm ihres Publikums ebenso zielsicher wie kassenwirksam zerfetzen. Und das beileibe nicht nur am Mittelmeer.

Öffne die Augen & Das Waisenhaus

Nachdem Alejandro Amenábar mit dem verschachtelten Über-Thriller Abre los ojos (Öffne die Augen) einen Anfang gemacht hatte, begann zur Jahrtausendwende mit der hochkarätig besetzten, alle Sehgewohnheiten raffiniert verkehrenden Nervenprobe The Others der internationale Siegeszug einer Thrillergeneration abseits des Mainstreams. El Orfanato (Das Waisenhaus) von Juan Antonio Bayona  nahm den Ball 2007 eigenwillig gelungen auf. 2010 setzte Guillem Morales sie mit Los ojos de Julia (Julia’s Eyes), dessen Heldin bei ihren Ermittlungen zum vermeintlichen Mord an ihrer Zwillingsschwester gegen die Zeit und ihr schwindendes Augenlicht kämpft, in reinster Hochspannung fort. Als hätte das Motiv der körperlichen Behinderung einem landeseigenen Untergenre die Tür geöffnet, spielte La piel que habito (Die Haut, in der ich wohne) 2011 wieder mit der Angst der eingeschränkten Sinne – mit im Wortsinn unter die Haut gehendem Erfolg.


Haus zum Horrorfilm Das Waisenhaus im spanischen Asturien
Das Waisenhaus, El Orfanato von Regisseur Bayona. Heute steht das Gruselhaus im nordspanischen Asturien leer, tb

Star der Horrorfilmfestivals

Nun hat es ein Film endlich auch in unsere Kinos geschafft, der schon seit vergangenem Jahr auf allen Horrorfilmfestivals Preise einheimst: Mientras duermes von Jaume Balagueró. Der hatte zuvor im Regie-Duett mit Paco Plaza die Rec-Filme in einen höchst einträglichen Merchandise verwandelt. Zunächst noch mit altbekannten Mitteln (Finsternis, nervenaufreibende Musik, plötzliche Schreckmomente) hatte der erste Teil dieser „Found-Footage“-Thriller, in denen vorgeblich an einem Tatort aufgefundenes Videomaterial als Filmstoff herhält, bald mit Infrarotkameras, fehlenden Filmsets und uneingeweihten Darstellern so pfiffige Kunstgriffe und so originelle Wendungen ins Spiel gebracht, dass ganz Europa und halb Asien davon nicht genug bekommen konnten. Die US-Version Quarantine (2008) war nur blasser Abklatsch, ebenso zum Scheitern verurteilt wie es einst dem Tom-Cruise-Vehikel Vanilla Sky gründlich misslang, Abre los ojos in den Schatten zu stellen.

Rasende Filmschnipsel

Im letzten Jahr trieb Fernando Barreda Lunas verstörend guter Gruselschocker Atrocious um eine in Sitges beim Naturpark Garraf dahingemeuchelte Familie mit Hang zu langen Urlaubsvideos das Found-Footage-Genre auf die Spitze. Die rasenden Filmschnipsel voller echter Panik vor einer energiegeladenen urbanen Legende hinterlassen noch lange ihre Wirkung im eigenen System.

Regisseur Jaume Balagueró mit weiteren Regisseuren beim Filmfestival in San Sebastián
Regisseur Jaume Balagueró

Kassenschlager Sleep Tight

Balaguerós neuestes Werk, das im anderssprachigen Ausland auch unter dem Titel Sleep Tight wohlwollende Kritikermeinungen sammelt, krönt nun diese Tradition mit einem weiteren Highlight. Hier spielt der Regisseur wieder souverän mit Perspektive und Zuschauererwartung und setzt gekonnt die üblichen Genreregeln außer Kraft. Mit der Figur des gestörten Hausmeisters César, der es nicht ertragen kann, seine Nachbarin Tag für Tag so glücklich zu sehen, und daher immer perfidere Mittel und Wege erfindet, um ihr zuzusetzen, ist Balagueró statt des üblichen Bösewichts ein fast schon tragischer Antiheld gelungen. Der Faszination seines Anschleichens und Auflauerns können die Zuschauer sich so schwer entziehen, dass sie einfach mit ihm mitfiebern müssen. Dass ihm gelegentlich etwas schiefgeht, macht den psychotischen César beinahe menschlich – wäre Freddy Krueger wohl jemals versehentlich unter dem Bett seines Opfers eingeschlafen?

Brillante Thriller im Land der Rezession

Es ließe sich spekulieren, ob das fortschreitende wirtschaftliche Elend im Land eine umso gekonnter inszenierte Gegenwelt auf der Leinwand zur Folge hat … Ähnlich wie in der frisch entstandenen Bundesrepublik besonders harmlose (wenn auch entschieden schlechtere) Heimatfilme die Entbehrungen der Nachkriegszeit so erfolgreich vergessen ließen, hat vielleicht der wohlige Gruselschauer, den die Spanier im Kinosessel voll Stolz auf ihre landeseigene Filmelite erleben dürfen, erholsam wenig mit der bitteren Existenzangst der Krisenwirklichkeit zu tun. Fest steht: Die spanischen Horrorfilmer gehen so leidenschaftlich in ihrer Kunst auf, wie es sich die Hoffnungsträger des hiesigen Komödienbooms niemals träumen lassen könnten.

 

 

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