An der Costa Blanca tobt ein Sprachstreit

Spanien hat vier offizielle Sprachen. Neben der Hauptsprache Spanisch gibt es noch Baskisch, Galicisch und Katalanisch. Valencianisch ist ähnlich wie Bable in Asturien eine Sprachvariante. Doch an der Costa Blanca tobt ein linguistischer Streit. Die Folge: Schulfreunde verlieren sich aus den Augen, so manche Eltern und Lehrer verzweifeln am System.

von Alexander Gresbek (Text und Illustration)

In der WhatsApp-Gruppe herrscht ungewohnte Stille. Normalerweise geht es um Geburtstagsgeschenke für Lehrkräfte oder das Schulfest. Doch an diesem Februartag des Jahres 2025 traut sich niemand zu schreiben. Die Frage schwebt im Raum: Castellano oder Valenciano? In welcher Sprache sollen die Kinder künftig unterrichtet werden?

Dann platzt es aus einer Mutter heraus: "Wir müssen alle Valenciano wählen!" Eine deutsche Mutter kontert: "Castellano ist zukunftsträchtiger." Der Ton wird schärfer. Alte Freundschaften geraten unter Druck.

An der Costa Blanca tobt ein Sprachkrieg, der 570.000 Eltern zur Abstimmung zwang und ein Ergebnis brachte, das niemandem gefällt: 50,53 Prozent für Valenciano, 49,47 Prozent für Castellano. Eine hauchdünne Mehrheit, die offenlegt, wie tief die Gräben sind.

Was die Zahlen verschweigen: Valencia ist dreigeteilt

Valencia – Das Ergebnis der Abstimmung vom Februar 2025 sieht auf den ersten Blick nach knappem Sieg für das Valenciano aus. Doch die Regionalregierung unter Carlos Mazón hatte 570.000 Eltern aufgerufen, über die lengua base – die Hauptunterrichtssprache mit 20 Prozent mehr Gewicht – an den Schulen ihrer Kinder abzustimmen. Was dabei herauskam, offenbart eine Region im Widerstreit mit sich selbst.

In der Provinz Castellón im Norden stimmten fast drei von vier Familien (70,5 Prozent) für Valenciano. In Alicante an der südlichen Costa Blanca entschieden sich zwei Drittel (65,89 Prozent) für Castellano. Die Stadt Alicante erreichte sogar 83,07 Prozent für Castellano. Ein Extremwert, der zeigt, wie sehr die urbanen Zentren die Regionalsprache ablehnen. Selbst die Stadt València, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, wählte mit 63,86 Prozent gegen ihre eigene Regionalsprache.

Doch selbst auf der Costa Blanca ist das Bild komplex. In den touristisch geprägten Küstenorten entschieden viele für Valenciano: Altea mit 70,97 Prozent, Dénia mit 56,9 Prozent, die gesamte Marina Alta mit 71,4 Prozent. Hier leben viele internationale Residenten, aber auch Einheimische mit starkem Regionalbewusstsein. Weiter im Landesinneren und in den größeren Städten dominiert Castellano.

Besonders brisant: 41,39 Prozent der Familien nahmen gar nicht erst an der Abstimmung teil. Zu komplex, zu umstritten, zu politisiert war das Thema. Für diese Kinder entscheiden jetzt die Schulleitungen "nach organisatorischen Möglichkeiten" – ein bürokratischer Euphemismus dafür, dass die Klassen irgendwie gefüllt werden müssen.

Eine Sprache, zwei Namen, drei Wahrheiten

Wer an der Costa Blanca lebt, begegnet ihr überall: der Sprache, die manche Valenciano nennen, andere Katalanisch, und wieder andere gar nicht erst erwähnen, weil sie lieber gleich Castellano sprechen. Ortsschilder wechseln von Orihuela zu Oriola, aus Jávea wird Xàbia, und die lokale Zeitung schreibt über Alacant statt Alicante.

Für Besucher ein Rätsel, für Einheimische ein Politikum

Die linguistische Wahrheit ist dabei eigentlich klar: Valenciano ist eine Variante des Katalanischen, genauer gesagt des Westkatalanischen. Sprachwissenschaftler sprechen von einem Dialektkontinuum – einer fließenden sprachlichen Landschaft ohne scharfe Grenzen.

Von Perpignan in Südfrankreich über Barcelona und Lleida bis nach Valencia und Alicante erstreckt sich ein Sprachraum, in dem sich die Dialekte allmählich verändern, aber gegenseitig verständlich bleiben.

Die Unterschiede sind subtil, aber für Sprecher bedeutsam. Wo ein Katalane „la meva casa" sagt, spricht der Valencianer von „la meua casa" – das Possessivpronomen mit ‚u' statt ‚v'. Die erste Person Singular endet auf ‚-e' statt ‚-o': „jo cante" statt „jo canto".

Manche Wörter sind ganz verschieden : patata wird zu creïlla, noia zu xiqueta. Die Melodie der Sprache, die Prosodie, klingt anders als das Ostkatalanische aus Barcelona. Doch all das sind Variationen innerhalb einer Sprachfamilie, vergleichbar mit den Unterschieden zwischen Schweizerdeutsch und Hochdeutsch oder zwischen britischem und amerikanischem Englisch.

International teilen sich Katalanisch und Valenciano die gleichen Sprachcodes – ‚ca' und ‚cat'. Für die UNESCO, für Linguisten weltweit, für die Internationale Organisation für Normung ist die Sache klar: Es handelt sich um dieselbe Sprache mit regionalen Varianten.

Doch in València selbst ist nichts klar. Hier prallen zwei Wahrheiten aufeinander. Die politische Wahrheit lautet: Valenciano ist eine eigenständige Sprache, und wer etwas anderes behauptet, verkennt die Identität eines ganzen Volkes.

Die emotionale Wahrheit ist noch komplexer: Für viele Valencianer ist die Sprache der Schlüssel zu ihrer Heimat, zur Kultur der Dörfer, zu den Festen und Traditionen. Sie ist das, was sie von den Katalanen unterscheidet, die sie nicht besonders mögen.

Laut einer Studie der Regionalregierung betrachten 52,4 Prozent der Valencianer ihre Sprache als eigenständig. Doch unter Universitätsabsolventen dreht sich das Bild: 58,4 Prozent erkennen an, dass es linguistisch dieselbe Sprache wie Katalanisch ist. Bildung und wissenschaftlicher Konsens stehen hier gegen regionale Identität und politisches Kalkül.

Die Geschichte eines Namens: Von "catalanesch" zu "valencià"

Die Wurzeln dieser Verwirrung reichen weit zurück in die spanische Geschichte. Als König Jaume I. im 13. Jahrhundert das Königreich València den Mauren entriss, siedelte er Aragonesen und Katalanen an. Die ältesten Texte aus dem 14. Jahrhundert bezeichnen die Sprache der Region als catalanesch.

Doch bereits im 15. Jahrhundert, als das Königreich València seine kulturelle und wirtschaftliche Blütezeit erlebte, etablierte sich der Name valencià. Das war keine linguistische, sondern eine politische Entscheidung. Valencia war ein eigenständiges Königreich in der Krone von Aragón, mit eigenen Rechten und Privilegien.

Die sprachliche Eigenbezeichnung unterstrich diese Eigenständigkeit, ohne dass jemand infrage stellte: Valencianer und Katalanen verstanden einander problemlos. Jahrhundertelang koexistierten beide Bezeichnungen friedlich.

Die Bewohner Valencias wussten, dass sie dieselbe Sprache sprachen wie die Menschen in Barcelona, nannten sie aber anders, um ihre regionale Identität zu betonen.

Valenciano undercover

Die Probleme begannen im 20. Jahrhundert. Unter der Franco-Diktatur (1936–1975) wurden alle Regionalsprachen brutal unterdrückt. Valenciano, Bable, Katalanisch, Baskisch, Galicisch – alles verboten. Nur Castellano galt als legitim.

Doch während in den Städten Castellano durchgesetzt wurde, sprachen die Menschen auf den Dörfern weiter heimlich Valenciano. Die Sprache wurde zum stillen Protest, zur Bewahrung von etwas, das der Zentralstaat auslöschen wollte. Das Valencianische galt fortan in den Städten als Bauernsprache – rückständig, ländlich, nicht modern.

Nach Francos Tod 1975 und der Demokratisierung Spaniens erhielten die Regionen ihre Autonomie zurück. 1982 erkannte das Autonomiestatut von Valencia das Valencianische als gleichberechtigte Amtssprache neben dem Castellano an.

Doch in dieser Zeit entstand auch der moderne Sprachstreit. Die katalanischen Nationalisten forderten die Anerkennung einer gemeinsamen katalanischen Sprache und Kultur, die von Frankreich bis Valencia reiche. Für viele Valencianer fühlte sich das wie eine Vereinnahmung an.

Die konservative Partido Popular, die von 1995 bis 2015 und dann wieder ab 2023 in Valencia regierte, machte die sprachliche Eigenständigkeit zu ihrem Projekt. Nicht aus linguistischer Überzeugung, sondern aus politischem Kalkül: Es ging darum, den katalanischen Nationalismus zu schwächen und Valencia fest an Madrid zu binden. So wurde aus einer jahrhundertealten regionalen Sprachbezeichnung ein politisches Schlachtfeld.

Vom Mehrsprachigkeitsgesetz zur Eltern-Abstimmung

Bis 2018 war die Sache an valencianischen Schulen relativ klar geregelt: Eltern entschieden bei der Einschulung, ob ihr Kind in die Castellano-Linie oder die Valenciano-Linie kam. 80 Prozent des Unterrichts fand in der gewählten Sprache statt, zehn Prozent in der anderen, der Rest auf Englisch.

Die Klassen waren nach Sprache getrennt – oft mit sozialen Konsequenzen. In der Castellano-Klasse saßen die Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund, Zugezogene aus anderen Teilen Spaniens oder aus dem Ausland. In der Valenciano-Klasse die Einheimischen.

2018 versuchte die damalige sozialdemokratisch-linksnationalistische Koalition aus PSOE und Compromís, dieses System aufzubrechen. Das sogenannte Mehrsprachigkeitsgesetz Ley Plurilingüisme schrieb vor, dass jede Schule mindestens 25 Prozent Valenciano und mindestens 25 Prozent Castellano unterrichten muss.

Darüber hinaus sollte jede Schule ihren eigenen plan lingüístico entwickeln – einen individuellen Sprachenplan. Die Idee war, dass alle Kinder beide Sprachen gleichermaßen lernen, ohne strikte Trennung in Linien.

Sprachabstimmung führt zum Chaos

Doch 2023 kamen PP und die rechtspopulistische Vox zurück an die Macht. Ministerpräsident Carlos Mazón versprach, den Eltern „die Freiheit zurückzugeben". Im Februar 2025 sollten 570.000 Mütter und Väter online abstimmen: Soll an der Schule ihres Kindes Valenciano oder Castellano die lengua base sein, die Hauptunterrichtssprache mit 20 Prozent mehr Gewicht?

Die Abstimmung wurde zum Chaos. Lehrer schlugen die Hände über dem Kopf zusammen. Wie sollen sie ein Schulsystem organisieren, bei dem jede einzelne Schule eine andere Sprachgewichtung hat? Eltern fühlten sich überfordert.

In den Eltern-WhatsApp-Gruppen wurden Kampagnen gefahren. „Wählt alle Valenciano, um unsere Identität zu bewahren!" versus „Wählt Castellano, damit unsere Kinder international konkurrenzfähig sind!"

Das Ergebnis ist ein sprachlicher Flickenteppich. An einer Schule in Altea lernen Kinder Mathematik auf Valenciano, an der Nachbarschule wenige Kilometer entfernt auf Castellano. In Valencia-Stadt unterrichtet eine Grundschule hauptsächlich auf Castellano, während die Schule in der Parallelstraße Valenciano bevorzugt.

Freunde können plötzlich in verschiedene Sprachklassen getrennt werden, wenn ihre Eltern unterschiedlich abgestimmt haben.

Sprachstreit: Einheimische, Zugezogene und Migranten in Sorge

Hinter den nackten Zahlen stehen menschliche Geschichten. Lluna Pons aus Pego, einem kleinen Ort mit starken valencianischen Wurzeln aber auch vielen Zugezogenen, bringt es auf den Punkt: „Die Folge sind getrennte Klassen von Auswärtigen und Einheimischen. Das ist schlecht für alle. Wir leben in einer globalisierten, multikulturellen Gesellschaft. Ich will, dass meine Kinder Freunde aus allen Teilen der Welt haben."

Ihre Sorge ist berechtigt. Das alte System vor 2018 führte genau zu dieser Segregation. In der Castellano-Linie saßen die Kinder marokkanischer, ecuadorianischer, rumänischer Einwanderer. In der Valenciano-Linie die Kinder alteingesessener Familien.

Eine Mutter berichtet: „Vom Leistungsniveau her war die Valenciano-Linie immer weiter." Nicht weil die Sprache besser wäre, sondern weil die sozialen Hintergründe sich unterschieden.

Die deutsche Mutter Katharina Dübner aus Moraira formuliert das Dilemma vieler Zugezogener: „Ich respektiere Valenciano, aber die Sprache sollte nicht aufgezwungen werden. Ich habe kein Problem damit, dass Valenciano an Schulen unterrichtet wird, aber die Sprache sollte nicht über das Castellano gestellt werden."

Dann fügt sie hinzu: „Mich irritiert am meisten, dass die Landesregierung keine einheitliche Linie für alle Schulen vorgeben will. Warum sollen wir das als Eltern entscheiden?"

2026 weltweit: 600 Millionen sprechen Spanisch, 2 Millionen Valencianisch

Diese Frage trifft den Kern des Problems. Die Mazón-Regierung verpackt ihre Sprachpolitik als elterliche Autonomie und Wahlfreiheit. Kritiker sehen darin einen gezielten Angriff auf die Förderung des Valenciano, die die vorherige Regierung betrieben hatte. Indem man die Entscheidung den Eltern überlässt, weiß man, dass in vielen Regionen – besonders an der Costa Blanca – Castellano gewinnen wird.

Doch welche Eltern können wirklich eine fundierte Entscheidung über Sprachpolitik treffen? Wer versteht die langfristigen Konsequenzen für das Bildungssystem, für die Entwicklung der Regionalsprache, für das soziale Zusammenleben?

Die meisten Eltern entscheiden pragmatisch: „In welcher Sprache wird mein Kind später bessere Jobchancen haben?" Die Antwort scheint klar: in Castellano, der Sprache von 600 Millionen Menschen weltweit. Valenciano sprechen vielleicht zwei Millionen.

Doch diese Rechnung ist zu simpel. Wer in der Region Valencia leben und arbeiten will, profitiert von Valenciano-Kenntnissen. Viele öffentliche Stellen setzen sie voraus. In manchen Branchen ist die Regionalsprache ein Türöffner. Und vor allem: Sprache ist mehr als Jobqualifikation. Sie ist kulturelles Gedächtnis, Zugang zu Literatur und Traditionen, Verbindung zur Region.

Stadt, Land, Fluss: Die Geografie der Identität

Die Abstimmungsergebnisse zeigen ein Muster, das sich durch ganz València zieht: Die Städte wählen Castellano, das Land wählt Valenciano. Valencia-Stadt stimmte mit 63,86 Prozent gegen ihre eigene Regionalsprache. Alicante-Stadt mit über 83 Prozent. Nur Castellón-Stadt tanzte aus der Reihe und wählte mit 61,9 Prozent für Valenciano.

Dieses Stadt-Land-Gefälle hat historische Wurzeln. In den Städten setzte sich schon unter Franco das Castellano durch. Hier lebten die Beamten, die Geschäftsleute, die Aufsteiger, die mit Madrid und dem Rest Spaniens Geschäfte machten.

Valenciano galt als provinziell, als Sprache der Bauern und Fischer. Nach Francos Tod blieb diese Haltung bestehen, auch wenn sie heute political inkorrect ist. Viele städtische Valencianer sprechen kaum noch Valenciano, selbst wenn ihre Großeltern es fließend beherrschten.

Auf dem Land ist die Situation anders. Hier wurde Valenciano auch unter Franco weitergesprochen, wenn auch heimlich und nur zuhause. Die Sprache war Ausdruck von Widerstand gegen den Zentralismus Madrids, gegen die Unterdrückung regionaler Identität.

Bis heute fällt es vielen älteren Dorfbewohnern schwer, sich auf Castellano auszudrücken. Ihre Muttersprache ist Valenciano, auch wenn sie verstehen, dass die Welt drum herum hauptsächlich Castellano spricht.

An der Costa Blanca überlagert sich dieses Stadt-Land-Gefälle mit einem anderen Phänomen: der Internationalisierung. In Orten wie Jávea, Moraira, Altea, Calpe leben Tausende von Deutschen, Briten, Skandinaviern, Niederländern.

Für sie ist schon Castellano eine Herausforderung – Valenciano erscheint ihnen als völlig unnötige Komplikation. Gleichzeitig gibt es in diesen Orten auch eine starke Gruppe von Einheimischen, die ihre Identität besonders betonen, gerade weil sie von Ausländern umgeben sind.

So kommt es zu dem paradoxen Ergebnis, dass ausgerechnet in den internationalsten Orten der Costa Blanca Valenciano besonders stark abschneidet. Altea mit fast 71 Prozent für Valenciano ist auch der Ort mit einer großen deutschen Community. Die Marina Alta mit 71,4 Prozent für Valenciano beheimatet gleichzeitig Zehntausende Nordeuropäer. Es ist, als wollten die verbliebenen Valencianer umso deutlicher markieren, wer hier eigentlich zuhause ist.

Die vergessene Mitte: Wer beide Sprachen will

Bei all der Polarisierung zwischen Valenciano-Befürwortern und Castellano-Anhängern geht eine Gruppe unter: diejenigen, die beide Sprachen gleichberechtigt leben wollen. Die glauben, dass Zweisprachigkeit keine Belastung ist, sondern eine Bereicherung. Die ihren Kindern beides mitgeben wollen – die Weltsprache Castellano und die Heimatsprache Valenciano.

Das Mehrsprachigkeitsgesetz von 2018 versuchte genau das: Alle Kinder sollten beide Sprachen gleichermaßen beherrschen, ohne Trennung in Linien, ohne Stigmatisierung der einen oder anderen Sprache. Doch dieses Modell hatte kaum Zeit, sich zu bewähren. Schon nach sieben Jahren kippte die neue Regierung es wieder.

Sprachwissenschaftler und Pädagogen warnen vor den Folgen. Ein sprachlicher Flickenteppich erschwert Umzüge, macht Schulwechsel kompliziert, verhindert einheitliche Standards. Kinder in Valenciano-Schulen lernen andere Inhalte als Kinder in Castellano-Schulen, weil die Lehrbücher unterschiedlich sind. Bei Prüfungen, bei Schulabschlüssen, beim Übergang zur Universität entstehen Ungleichheiten.

Gleichzeitig wird Valenciano weiter zurückgedrängt. Statistiken zeigen, dass nur noch 35,2 Prozent der Menschen in der Region Valencia Valenciano als Muttersprache haben. Zuhause sprechen 56,2 Prozent ausschließlich Castellano.

Selbst in den valencianisch-sprechenden Gebieten können nur 54,3 Prozent der Bevölkerung fehlerfrei Valenciano sprechen. Die Sprache ist auf dem Rückzug – vor allem unter jungen Menschen in den Städten.

Ist Sprache Identität?

An einem Märztag 2025, kurz nach Bekanntgabe der Abstimmungsergebnisse, sitzen im Café an der Plaza de la Reina in Valencia junge Leute beim Mittagessen. Sie sprechen Castellano mit dem charakteristischen valencianischen Akzent – rollende Rs, offene Vokale.

Keiner von ihnen spricht Valenciano im Alltag, obwohl alle es in der Schule gelernt haben. „Es ist halt nicht praktisch", sagt eine Studentin. „Außerhalb Valencias versteht es niemand."

Ihr Freund widerspricht: „Aber es ist Teil unserer Identität. Wenn wir es nicht mehr sprechen, verlieren wir etwas." Die Studentin zuckt mit den Schultern: „Meine Identität ist nicht an eine Sprache gebunden. Ich kann Valencianer sein und trotzdem Castellano sprechen."

Diese Szene spielt sich tausendfach ab in Valencia, an der Costa Blanca, in ganz Spanien. Die alte Generation kämpft um den Erhalt der Regionalsprache. Die junge Generation wächst mehrsprachig auf, bewegt sich mühelos zwischen Castellano, Valenciano, Englisch – und findet regionale Identitätspolitik zunehmend anstrengend.

Der Sprachstreit wird weitergehen. Zu tief sind die ideologischen Gräben, zu groß die Unterschiede zwischen Stadt und Land, zwischen Küste und Inland, zwischen Einheimischen und Zugezogenen.

Jede neue Wahl, jede neue Regierung wird das Sprachenmodell an den Schulen wieder umkrempeln. Die Kinder zahlen den Preis – mit Schulwechseln, mit unterschiedlichen Anforderungen, mit dem ständigen Gefühl, dass ihre Sprache ein Politikum ist.

Katharina Dübner aus Moraira bringt es auf den Punkt: „Warum sollen wir das als Eltern entscheiden?" Gute Frage.

Vielleicht, weil keine Regierung den Mut hat, eine klare Sprachpolitik zu formulieren. Vielleicht, weil der Kompromiss zwischen Regionalsprache und Weltsprache, zwischen Identität und Pragmatismus, zwischen Geschichte und Zukunft so schwer zu finden ist.

Die Kinder, um die es eigentlich gehen sollte, spielen derweil am Strand von Altea. Sie mischen Castellano und Valenciano, werfen englische Wörter ein, lachen auf Deutsch. Sie wissen nicht, dass ihre Sprache ein Politikum ist.

Vielleicht ist das die einzige Hoffnung: dass eine Generation heranwächst, die Mehrsprachigkeit nicht als Bedrohung empfindet, sondern als das, was sie ist – eine Selbstverständlichkeit am Mittelmeer, wo seit jeher Kulturen aufeinandertreffen.

Die Frage bleibt: Castellano oder Valenciano? Die Antwort sollte lauten: beides. Nicht entweder oder, sondern sowohl als auch. Doch Kompromisse sind schwer in einem Land, das jahrhundertelang zwischen Zentralismus und regionaler Eigenständigkeit zerrissen war.

Die Sprache ist nur das sichtbarste Schlachtfeld. Dahinter stehen tiefere Fragen: Wer darf bestimmen, wie Heimat aussieht? Kann Identität nur bewahrt werden, indem man andere ausschließt? Oder verliert eine Kultur gerade dann ihre Seele, wenn sie aufhört, sich weiterzuentwickeln?

An der Costa Blanca wird man weiter streiten. Auf Castellano und auf Valenciano. Oder auf Englisch oder Deutsch. Die Sprachenvielfalt der Region ist ihre Stärke und ihr Fluch zugleich. Sie macht das Leben bunt und kompliziert. Sie schafft Nähe und Distanz. Sie verbindet und trennt. Und in den WhatsApp-Gruppen der Eltern herrscht weiterhin Stille, wenn das Thema aufkommt.

Praktische Infos für Eltern und Zugezogene

Das aktuelle Sprachsystem an valencianischen Schulen (Stand 2025)

Mindestanforderungen:
•    Jede Schule muss mindestens 25% Valenciano unterrichten
•    Jede Schule muss mindestens 25% Castellano unterrichten
•    Englisch wird zusätzlich unterrichtet (meist 15-25%)

Die "lengua base" (Hauptsprache):
•    Wird durch Elternabstimmung oder Schulleitungsentscheidung festgelegt
•    Erhält 20% mehr Unterrichtszeit als die andere Sprache
•    Beispiel: Wenn Valenciano "lengua base" ist, könnte die Verteilung sein: 45% Valenciano, 25% Castellano, 30% andere Fächer/Englisch

Fächer in welcher Sprache:
•    Valenciano/Castellano: Immer in der jeweiligen Sprache unterrichtet
•    Mathematik, Naturwissenschaften: Je nach Schulentscheidung
•    Sport, Kunst, Musik: Flexibel
•    Englisch: In Englisch

Welche Schule für mein Kind? Entscheidungshilfe. Für Familien, die langfristig in Valencia bleiben:
•    Valenciano-Kenntnisse sind wichtig für Integration
•    Viele öffentliche Stellen erfordern Valenciano
•    Kinder lernen Regionalsprache am besten in der Schule
•    Empfehlung: Schule mit ausgewogenem Modell (40-50% Valenciano)

Für internationale Familien mit befristetem Aufenthalt:
•    Castellano ist wichtiger für spätere Mobilität in Spanien
•    Valenciano kann zusätzliche Belastung sein
•    Empfehlung: Castellano als "lengua base", internationale Schule alternativ

Für Familien in stark valencianisch-geprägten Orten:
•    Soziale Integration erfordert Valenciano
•    Kinder von Freunden sprechen oft Valenciano
•    Empfehlung: Valenciano-Modell, um Ausgrenzung zu vermeiden

Für Familien in Alicante/großen Städten:
•    Castellano dominiert im Alltag
•    Valenciano wichtig für Bildungslaufbahn
•    Empfehlung: Ausgewogenes Modell

Internationale und private Schulen als Alternative
An der Costa Blanca gibt es zahlreiche internationale Schulen, die dem Sprachstreit ausweichen:
Deutsche Schulen:
•    Deutsche Schule Valencia (Puchol)
•    Colegio Alemán de Alicante
•    Unterricht hauptsächlich auf Deutsch, Spanisch als Fremdsprache

Britische Schulen:
•    The Lady Elizabeth School (Benitachell/Jávea)
•    Laude Newton College (Elche)
•    King's College (Alicante, Benidorm, Elche)
•    Englisches Curriculum, Spanisch/Valenciano reduziert

Französische Schulen:
•    Lycée Français de Valence Pierre Deschamps

Internationale Schulen:
•    International School of Valencia
•    Caxton College (Puzol)
•    IB-Programme, mehrsprachig

Kosten:
•    Private internationale Schulen: 5.000-15.000 € pro Jahr
•    Deutsche Schule: Ca. 3.000-6.000 € pro Jahr (für deutsche Staatsbürger teilweise bezuschusst)

Sprachkurse für Eltern
Valenciano lernen:
•    JQCV (Junta Qualificadora de Coneixements de Valencià): Offizielle Zertifikate (A1-C2)
•    EOI (Escuela Oficial de Idiomas): Staatliche Sprachschulen, sehr günstig (ca. 60 €/Jahr)
•    Universität Valencia/Alicante: Sommerkurse für Erwachsene
•    Online: Plataforma Espai Aprén Valencià (kostenlos)

Castellano/Spanisch lernen:
•    Instituto Cervantes: Offizielle Zertifikate (DELE)
•    EOI: Ebenfalls Spanisch-Kurse
•    Private Sprachschulen: In allen größeren Orten

Rechtliche Situation
Amtssprachen:
•    Sowohl Valenciano als auch Castellano sind offizielle Amtssprachen
•    Alle Behördendokumente müssen in beiden Sprachen verfügbar sein
•    Bürger können wählen, in welcher Sprache sie mit Behörden kommunizieren

Sprachrechte von Schülern:
•    Recht auf Unterricht in beiden Sprachen
•    Prüfungen können in gewählter Sprache abgelegt werden
•    Bei Schulwechsel: Keine Benachteiligung wegen Sprachmodell

Für Eltern:
•    Keine Verpflichtung, Valenciano zu lernen
•    Schulkommunikation kann auf Castellano erfolgen
•    Bei Elternversammlungen: Übersetzung möglich

Häufige Fragen der Eltern

Muss mein Kind Valenciano lernen?
Ja, an öffentlichen Schulen ist Valenciano Pflichtfach. Das Niveau variiert je nach Schulmodell.


Kann mein Kind das Gymnasium besuchen, wenn es wenig Valenciano kann?
Ja, aber Valenciano ist Prüfungsfach. Es gibt Unterstützungskurse.

Was ist mit der Universität?
An valencianischen Universitäten werden Vorlesungen in beiden Sprachen angeboten. Studenten können wählen.


Verliert mein Kind Spanisch, wenn es hauptsächlich auf Valenciano unterrichtet wird?
Nein. Alle Kinder lernen auch Castellano und sind zweisprachig.

Ich verstehe kein Valenciano – wie kann ich meinem Kind bei Hausaufgaben helfen?
Schulen bieten Unterstützung. Lehrbücher gibt es oft zweisprachig. Lerngruppen mit anderen Eltern helfen.

Kann ich mein Kind auf eine reine Castellano-Schule schicken?
Nein, alle öffentlichen Schulen müssen mindestens 25% Valenciano unterrichten. Nur private/internationale Schulen sind Ausnahme.

Der Autor

Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.

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