Zaragoza: Spaniens fünftgrößte Stadt im Fokus

680.000 Einwohner, über 2.000 Jahre Geschichte, eine der besten Tapas-Szenen des Landes. Und trotzdem kennt kaum ein deutscher Tourist Zaragoza. Zeit, das zu ändern.

von Alexander Gresbek (Text und Fotos)

Zaragoza liegt auf halber Strecke zwischen Madrid und Barcelona, direkt am Ebro. Wer mit dem AVE-Schnellzug anreist, braucht von Madrid 75 Minuten, von Barcelona 90. In dieser Zeit überquert man die karge aragonesische Meseta, und wenn der Zug im Bahnhof Delicias hält, erwartet einen eine Stadt, die auf den meisten Spanien-Reiserouten schlicht nicht vorkommt.

Das hat Vorteile. In Zaragoza drängeln sich keine Kreuzfahrt-Gruppen durch die Altstadt, es gibt keine Schlangen vor den Museen, und die Kellner in den Tapas-Bars freuen sich tatsächlich, wenn jemand reinkommt. Die Stadt ist sich selbst genug. 

Wer Barcelona, Madrid und Sevilla kennt und danach fragt, was als Nächstes kommt, bekommt hier eine ehrliche Antwort.

Die Basilika del Pilar und was dahintersteckt

Die Basílica de Nuestra Señora del Pilar ist das Erste, was auffällt. Elf Kuppeln, vier Türme, direkt am Flussufer. Von außen wirkt sie massiv, fast wuchtig. Im Inneren wird es dann überraschend: Zwei der Kuppelfresken stammen von Francisco de Goya, der aus einem Dorf 44 Kilometer südlich von hier kam und in Zaragoza seine Karriere begann.

Im Zentrum der Basilika steht die namensgebende Säule, der Pilar. Laut Überlieferung erschien hier die Jungfrau Maria dem Apostel Jakobus. Für Gläubige aus Spanien und Lateinamerika ist das einer der wichtigsten Wallfahrtsorte überhaupt. 

Für alle anderen: Wer den Nordwestturm besteigt (3 EUR), steht auf einer Aussichtsplattform mit 360-Grad-Blick über die Dächer, den Ebro und die Ebene dahinter. Am späten Nachmittag, wenn das Licht warm wird, lohnt sich der Aufstieg besonders.

La Seo: die Kathedrale, die niemand auf dem Schirm hat

Nur 200 Meter östlich der Basilika steht La Seo, die zweite Kathedrale der Stadt. Die meisten Besucher registrieren sie kaum, weil die Basilika alles überstrahlt. Das ist schade, denn kunsthistorisch ist La Seo mindestens ebenso interessant. Ihre Fassade zeigt Mudéjar-Architektur, eine Mischung aus gotischen, maurischen und romanischen Elementen, wie sie typisch für Aragón ist. Diese Bauweise gehört seit 2001 zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Im Inneren befindet sich das Museo de Tapices. Es beherbergt eine der bedeutendsten Sammlungen flämischer Wandteppiche weltweit, entstanden zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert. Die Arbeiten zeigen biblische und mythologische Szenen in einer Detailtiefe, die auch ohne kunsthistorisches Vorwissen beeindruckt. Allein für dieses Museum lohnt sich der Besuch.

Der Aljafería-Palast: Maurische Architektur außerhalb Andalusiens

Wer die Alhambra in Granada kennt, findet in Zaragoza ihr nördliches Gegenstück. Der Aljafería-Palast entstand im 11. Jahrhundert unter der Banu-Hud-Dynastie, als Zaragoza ein Zentrum islamischer Gelehrsamkeit war. Nach der Reconquista nutzten Ferdinand und Isabella den Palast als Residenz, später diente er als Sitz der Inquisition. Heute tagt hier das aragonesische Parlament.

Große Teile des Gebäudes sind zugänglich. Besonders der Patio de Santa Isabel fällt auf, ein Innenhof mit fein gearbeiteten Bögen und Stuck-Ornamenten, in dem sich maurische und gotische Formensprache überlagern. Der Eintritt kostet 5 EUR, sonntags ist er frei.

Caesaraugusta: Die Stadt unter der Stadt

Zaragoza hieß einmal Caesaraugusta, benannt nach Kaiser Augustus, der die Siedlung um 14 v. Chr. gründete. Vier Museen entlang der Ruta de Caesaraugusta machen diese Schicht der Stadtgeschichte sichtbar: das Forum, die öffentlichen Thermen, der Flusshafen und das Teatro Romano. Letzteres ist eines der besterhaltenen römischen Theater der Iberischen Halbinsel mit Platz für rund 6.000 Zuschauer.

Ein Kombiticket für alle vier Stätten kostet 9 EUR. Die Museen sind klein, gut erklärt und in einer Stunde zu schaffen. Wer sich nur eines ansehen will: das Theater. Man steht in den Rängen und hat sofort ein Gefühl dafür, wie groß und wie bedeutend diese Stadt schon vor 2.000 Jahren war.

El Tubo: Tapas ohne Inszenierung

Östlich der Plaza del Pilar liegt El Tubo, ein Netz schmaler Gassen mit Dutzenden Tapas-Bars. Hier funktioniert Essen nach einem anderen Prinzip als im Restaurant: Man geht von Bar zu Bar, bestellt überall ein Häppchen und ein Glas Wein und zieht weiter. Das ist keine touristische Erfindung, sondern tatsächlich so, wie die Einheimischen es seit Jahrzehnten machen.

Drei Gerichte sollte man kennen. Ternasco ist zart gebratenes Lammfleisch, das aragonesische Nationalgericht. Borrajas con almejas kombiniert Borretsch mit Venusmuscheln, ein Gemüsegericht, das es so nur in Aragón gibt. Und Migas, geröstete Brotbrösel mit Chorizo und Spiegelei, waren ursprünglich Hirtenessen. Dazu passt Rotwein aus der D.O. Campo de Borja, deren Weinberge nur 60 Kilometer westlich liegen.

El Tubo füllt sich abends ab halb neun. Wer es ruhiger mag, kommt gegen 13 Uhr zum Mittagstapeo. Die Preise sind fair: Ein Abend mit mehreren Tapas und Wein kostet zwischen 15 und 25 EUR pro Person.

Goya, Gargallo und Graffiti

Zaragoza reklamiert Goya für sich, auch wenn er streng genommen aus dem Dorf Fuendetodos stammt. Das Museo Goya in der Innenstadt zeigt Gemälde, Radierungen und Druckgrafiken. Wer danach noch Lust auf Kunst hat, geht ins Museo Pablo Gargallo, untergebracht in einem Renaissancepalast. 

Gargallo (1881–1934) war ein Pionier der modernen Metallskulptur und Zeitgenosse Picassos. Sein Werk ist weniger bekannt, aber gerade deshalb eine Entdeckung.

Wer Straßenkunst mag, sollte durch die Viertel Las Armas und Delicias laufen. Großflächige Murals bedecken ganze Hausfassaden. Die Stadt fördert das aktiv, unter anderem durch das jährliche Festival Asalto, bei dem Künstler aus verschiedenen Ländern neue Wandbilder schaffen.

Grünes Zaragoza

Der Parque Grande José Antonio Labordeta, Anfang Juni Austragungsort der Buchmesse Feria del Libro, erstreckt sich südlich des Zentrums über rund 40 Hektar. Er eignet sich zum Joggen, Radfahren oder einfach zum Sitzen mit Blick auf den Ebro. Vom Monumento a Alfonso I. am höchsten Punkt des Parks überblickt man die Stadt. Im Frühling, wenn die Alleen blühen, ist der Park besonders fotogen.

Im Sommer allerdings, wenn das Thermometer über 40 Grad klettert, wird er zur einzigen Zuflucht vor der Hitze. Und genau so nutzen ihn die Einwohner auch.
Fiestas del Pilar und Weihnachtszeit

Zaragozas größtes Fest findet jedes Jahr rund um den 12. Oktober statt: die Fiestas del Pilar. Eine Woche lang füllen Umzüge, Konzerte und die traditionelle Blumenopferung, die Ofrenda de Flores, die Innenstadt. Über eine Million Besucher kommen dafür in die Stadt. Wer in dieser Zeit ein Hotelzimmer braucht, sollte Monate im Voraus buchen.

Zur Weihnachtszeit verwandelt sich die Plaza del Pilar in einen Markt mit Eislaufbahn, Rodelbahn und einer lebensgroßen Krippe mit über 100 Figuren. Am 5. Januar zieht die Cabalgata de Reyes durch die Straßen, der farbenfrohe Umzug der Heiligen Drei Könige. Für spanische Kinder ist das der eigentliche Höhepunkt der Feiertage, wichtiger als Weihnachten selbst.

Zaragoza wird vermutlich nie auf der Liste der meistbesuchten Städte Europas auftauchen. Aber genau das macht den Reiz aus. Die Stadt hat alles, was man von einer spanischen Großstadt erwartet: Geschichte, Architektur, gutes Essen, eine lebendige Kulturszene. Und dazu etwas, das den bekannteren Orten zunehmend fehlt: faire Preise, Platz zum Atmen und das Gefühl, als Besucher tatsächlich willkommen zu sein.

Der Autor

Alexander Gresbek lebt seit vielen Jahren an der spanischen Mittelmeerküste. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.

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