Santiagos Weihrauchkessel Botafumeiro
Immer eine Reise wert? Der Weihrauchkessel Botafumeiro in der nordwestspanischen Pilgermetropole Santiago de Compostela gehört auf jeden Fall zu den berühmtesten liturgischen Geräten der Welt. Wenn die acht Männer mit kastanienbraunen Kutten das silbrige Geschoss mit bis zu 68 km/h durch das Querschiff der Kathedrale schwingen, ist das wie beim Elfmeter. Dann bleibt kein Handy ungezückt.
Von Tobias Büscher
Was weniger bekannt ist: Der verschraubte Kessel aus Holz und Metall ist nicht ganz ungefährlich und musste schon mehrfach repariert werden. So einige Male in der über 400jährigen Geschichte flog der Botafumeiro aus der Fassung. Heute wird er gehalten von dicken Seemannstauen aus der Schifffahrt.
Auch im Jahr 2025 musste er gründlich restauriert werden, nachdem sich eine Schraube gelöst hatte. Die Stiftung der Kathedrale hat zur Reparatur einen hervorragenden Film auf Youtube veröffentlicht, zwar nur auf Spanisch, aber das Innenleben des Geräts ist detailliert dargestellt.
Kult um Kessel und Camino
Geschwenkt wird der Weihrauchkessel heute zu besonderen Anlässen oder gegen eine beachtliche Spende an die Kathedrale. Vor allem kommt der Botafumeiro an den Heiligen Jahren wie 2027 zum Einsatz, wenn der 25. Juli als Tag des Apostels Jakob auf einen Sonntag fällt.
Im Mittelalter dagegen diente Weihrauch dazu, die Luft in dem überfüllten Gotteshaus zu reinigen, zumal die Pilger dort auch auf der Empore übernachteten.
Die Kathedrale von Santiago de Compostela ist seit Jahrhunderten Ziel der Pilger, die den Jakobsweg vollendet haben. Falls sie ihn erreichten und nicht ausgeraubt wurden oder auf dem Weg verstarben. Heute ist die Lage bequemer, derzeit registriert das Pilgerbüro über 500 000 Peregrinos pro Jahr, die in die Kathedrale kommen, bevor sie den Flieger zurück nach Hause nehmen.
Der Apostel und die Strategen
Zum Hintergrund: Den heutigen Boom veranlasste im Heiligen Jahr 1993 der galicische Politiker Victor Vázquez, als er Xacobeo als Apostel-Marke erfand und mit medialer Hilfe einen Boom auslöste, der sogar Hape Kerkeling den Weg ablaufen ließ.
Der ursprüngliche Hype aber entstand schon im Jahr 813, als der galicische Einsiedler Don Pelayo mit Hilfe von Sternzeichen das Grab des Apostels Jakob fand und damit den Jakobsweg initiierte. Der auch dazu diente, die Mauren in Al Andalus zu besiegen.
Die Folge: Santiago de Compostela wurde neben Rom und Jerusalem zum wichtigsten Pilgerziel der Katholischen Kirche. Und der Heilige Apostel mutierte in den Schlachten gegen die Muslime zum Santo Matamoros, wörtlich zum Heiligen Maurentöter.
Der Camino, wie er auf Spanisch heißt, war schon 800 Jahre im Bewusstsein der christlich-europäischen Öffentlichkeit, bevor der große Weihrauchkessel in seiner heutigen Form überhaupt zum Einsatz kam.
Rauchschwenker seit 1602
Der Name Botafumeiro stammt aus dem Galicischen und bedeutet Rauchschwenker. In der Neuzeit, genau im Jahr 1602, erfand der spanische Tüftler Juan Bautista Celma den Kessel in der Technik, wie sie bis heute erhalten geblieben ist.
Die heutige Version aus versilbertem Messing mit aufwändigen Gravuren konstruierte der Metallbauer José Losada im Jahr 1851 als 1,60 Meter hohes, 53 Kilo schweres Geschoss, das mit bis zu 68 km/h so schnell durch das Querschiff der Kathedrale saust wie nie zuvor.

Mit 68 Sachen durchs Querschiff
Der Botafumeiro ist kein religiöses Alltagsobjekt. Die Schwenkzeremonie versetzt die Gläubigen in der Kathedrale in einen Ausnahmezustand des gemeinsamen Erlebens. Früher sicher mehr als heute. Wer die Szenerie einmal erlebt, wird sich über das Blitzgewitter am Boden wundern.
Jeder zweite in der Kirche knipst, filmt mit und lädt das Erlebte genauso blitzschnell auf Tik Tok hoch. Kritiker meinen, so etwas mache jedes Konzert von Shakira kaputt. Jede Kulthandlung in Santiago sowieso.
Reden wir also besser über die Technik, genauer gesagt das Seil- und Aufhängungssystem: Das etwa 65 Meter lange Hanfseil, das sonst für Fischerboote genutzt wird, ist über eine stabile Rolle unter der Kathedralkuppel geführt und nimmt das Gewicht des Kessels sicher auf. An der Aufhängung haben die Mechaniker immer wieder getüftelt, zu oft flog den Gläubigen das Gerät um die Ohren.
Die fliegt nicht, die schunkelt nur
Leer wiegt der Botafumeiro 60 Kilo, gefüllt mit Weihrauch sind es 100 Kilo. Dass der Kessel damit der schwerste der Welt ist, wird oft behauptet, stimmt aber nicht. Die Aluminiumkugel in Waghäuser-Wiesental nahe Karlsruhe wiegt sogar 138 Kilo und steht damit im Guiness-Buch der Rekorde. Aber keine Sorge, die fliegt nicht. Die schunkelt nur.
Mechanik und Schwingvorgang sind beim Botafuneiro elementar: Acht sogenannte Tiraboleiros (Kesselschwenker) koordinieren daher das rhythmische Ziehen des Seils, sodass der Botafumeiro in großen Bögen durch das Querschiff schwingt. Schwenkweite: 65 Meter.
Die Bewegung wird durch Hebelmechanismen und Führungsseile unterstützt, was höchste Präzision und Sicherheit erfordert. Die beiden Holztrommeln mit jeweils 29 Zentimetern Durchmesser sind aus hartem Wallnuss- und Kastanienholz.
Vor jedem Einsatz kontrollieren diese Tiraboleiros die Seile und Aufhängung genau, damit nichts mehr schief geht.
Armando Raposo: der Herr des Rauches
Über Jahrzehnte hatte die Gruppe der Weihrauchkesselschwenker einen Chef von kleinem Wuchs und unglaublich galicischer Ausstrahlung: Armando Raposo. Seit 1950 war der Mann aus Santiago dabei, seit 1964 der Chef der Truppe. Und zwar ein halbes Jahrhundert lang bis zu seinem Tod am 8. April 2014.
Der Träger der bronzenen Ehrenmedaille Galiciens sprach nicht viel, obwohl ihn buchstäblich jeder zweite Reporter interviewen wollte. Auch nachdem im Jahr 2012 das berühmte Pilgerbuch Codex Calixtinus aus der Kathedrale gestohlen wurde, blieb Armando schmallippig.
Als Journalisten wie ich ihn damals fragten, was eigentlich passiert wäre, wenn statt dem Buch die Gebeine des Apostels geklaut worden wären, war seine Antwort ein Schulterzucken.
40 Kilo Mix aus Weihrauch und Holzkohle
Für eine Zeremonie werden etwa 40 Kilogramm Holzkohle und Weihrauch verwendet, also zehnmal so viel wie in kleineren Kirchen üblich. Die spezielle Mischung sorgt für dichten, wohltuend duftenden Rauch. Vor allem aber erzeugt der Mix anders als früher keine brandgefährlichen Funken mehr.
Das ist hier doch kein Disney-Land
Auch heute ist der Botafumeiro ein zentrales Element der großen liturgischen Feiern in Santiago de Compostela. Er kommt an hohen kirchlichen Festtagen wie Ostern, Weihnachten, zum Apostelfest am 25. Juli und bei besonderen Pilgermessen zum Einsatz. Seine Verbindung aus religiösem Ritual, Ingenieurskunst und Spiritualität mache ihn zu einem Symbol des Jakobswegs, heißt es in jeder zweiten Veröffentlichung.
Dabei macht das Bistum von Santiago gar keinen Heel daraus: Weniger Rummel rund um den Jakobsweg und ihr Gotteshaus wäre ihnen lieber. Oder wie es ein Geistlicher hinter vorgehaltener Hand einmal sagte: "Schon eine halbe Million Pilger? Das ist hier doch kein Disney-Land".






