Laue Rhetorik und langer Atem: Rajoy im Porträt

Mariano Rajoy (geb. 1955) hat schon einige politische Niederlagen erlebt. Seit Dezember 2011 war er Spaniens Regierungschef. Dann seit 2016 Chef einer Minderheitsregierung. Inzwischen ist er nach einem Misstrauensvotum im Parlament zurückgetreten. Dieses Porträt entstand zu seiner Amtszeit.

von Sebastian Arackal

Ok, mit dem Haushalt ist es nicht immer leicht. Doch Geld ist nicht alles. Zumindest nicht für den Politiker Mariano Rajoy aus Santiago de Compostela. Der spanische Ministerpräsident verfügt nach eigenen Angaben über ein Vermögen von rund 600.000 Euro in Bargeld und Aktien sowie Immobilien in Madrid, auf den Kanarischen Inseln und in seiner galicischen Heimat. Rajoys Reichtum ist in Spanien kein großes Geheimnis. Politiker sind dort seit kurzem zur Offenlegung ihrer Besitztümer verpflichtet. Warum schwimmt Rajoy weiter im Haifischbecken der Politik, anstatt sich entspannt die kanarische Sonne auf den grauen Bart scheinen zu lassen? "Aus Pflichtbewusstsein", antwortet er trocken.

Kein Kommunikationsgenie

Im Laufe seiner Karriere musste er viel Spott über sich ergehen lassen. Der Spiegel nennt ihn einen „Populisten ohne Charisma“ und „kein geborenes Kommunikationsgenie“: Zu lau sind seine Attacken in politischen Rededuellen, zu oft fährt sich Rajoy beim Sprechen mit der Zunge über die Lippen, zu weit reißt er seine Augen auf (mehr dazu). Die Google-Bildersuche gibt hier bitter-böse Einblicke. Sein Privatleben gilt als wenig spektakulär, Rajoy ist verheiratet und hat einen Sohn.

Rajoy, Reiche & Regenschirm

Trotzdem: Für seine Partei, die konservative Partido Popular (PP), ist Rajoy schon seit 1981 eine zuverlässige Bank. In den 80ern war er Abgeordneter im galicischen Parlament und im Stadtrat in Pontevedra. 1989 zog er ins spanische Parlament ein. 1996 wurde er Bildungsminister, 2001 Innenminister. Seit der verlorenen Parlamentswahl 2004 musste sich Rajoy und seine Partei mit der Oppositionsrolle abfinden. Bei der folgenden Wahl, vier Jahre später, schenkte die Mehrheit der Wähler der PP wieder kein Vertrauen. Selbst mit populistischer Stimmungsmache gegen Einwanderer konnte Rajoy nicht genügend Stimmen einsammeln. Dem vollbärtigen Galicier haftet seit dieser Schicksalswahl das Image des Verlierers an.

 

Zapatero als "Wahlhelfer"

 

Doch das ist Geschichte. Zu frustriert waren die Spanier von ihrer sozialistischen Regierung unter Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero. Lange regierte er daraufhin mit absoluter Mehrheit, bis ihn die neuen Parteien Ciudadanos und Podemos zu zu der aktuellen Minderheitsregierung zwangen. „Galicier kommen schon mit einem Regenschirm auf die Welt“, lautet eine Volksweisheit. Rajoys Gelassenheit in schwierigen Situationen und sein biederer Ruf sind nun keine nachteiligen Eigenschaften mehr.

Eine Bevölkerungsgruppe kann auf jeden Fall auf den passionierten Zigarrenraucher zählen: Rajoy kämpft mit seiner PP vehement gegen die Wiedereinführung einer besonderen Vermögenssteuer für Reiche.

Über den Autor

 

Sebastian Arackal ist Journalist mit Schwerpunkt Wirtschaft und Technologie. Er hat u.a. für Fotozeitschriften, die WZ und das Handelsblatt geschrieben.