Spanien schlägt Portugal 1:0: Ronaldos WM-Traum endet

WM 2026 · Achtelfinale in Dallas

Mikel Merino trifft in der ersten Minute der Nachspielzeit, und Spanien steht erstmals seit dem WM-Titel 2010 wieder im Viertelfinale. Das 1:0 gegen Portugal beendet zugleich die WM-Karriere von Cristiano Ronaldo. Während die Spanier ohne Gegentor bleiben, sorgt ausgerechnet eine rote Karte für den größten Eklat des Turniers.

von Alexander Gresbek (Text und Illustrationen

Lange sah es in Arlington nach Verlängerung aus. Im AT&T Stadium, der Heimstätte der Dallas Cowboys, lieferten sich Spanien und Portugal ein taktisch geprägtes Achtelfinale, in dem beide Teams das Risiko scheuten. Dann kam Mikel Merino. In der 85. Minute eingewechselt, drückte er den Ball nach einem Steckpass von Ferran Torres in der 90.+1 flach links unten an Diogo Costa vorbei ins Netz. Sechs Minuten auf dem Platz, ein Tor, das Viertelfinale.

Chancenlos war Portugal nicht. Im ersten Durchgang scheiterte Mikel Oyarzabal frei vor Costa, ein abgefälschter Schuss von Nuno Mendes klatschte an die Latte. Nach der Pause verflachte die Partie, bis Merino sie entschied. Rodri wurde zum „Man of the Match" gewählt, Spaniens Trainer Luis de la Fuente warnte hörbar vor Übermut: Es sei noch viel Arbeit, sagte Rodri, man dürfe sich auf nichts ausruhen.

Der Siegtorschütze ist deutschen Fans ein Begriff. Merino, früher kurz bei Borussia Dortmund unter Vertrag, warf die deutsche Elf bei der EM 2024 im Viertelfinale mit einem Tor in der Verlängerung aus dem Turnier. In Dallas wiederholte er das Muster: spät, kaltschnäuzig, entscheidend.

Ronaldos WM-Reise endet in Dallas

Für Cristiano Ronaldo war es sein sechstes und mutmaßlich letztes WM-Turnier. Der 41-Jährige bestritt sein 27. WM-Spiel, das nach menschlichem Ermessen sein letztes bleibt. Eine Rückkehr 2030 als dann 45-Jähriger gilt als ausgeschlossen.

Sportlich blieb er blass. Zehn Ballkontakte in der ersten Halbzeit, weniger hatte kein Spieler auf dem Feld, insgesamt 16. Zweimal prüfte er Unai Simón, einmal in der zwölften Minute nach einem Übersteiger, später mit dem Rücken zum Tor, als der spanische Keeper spektakulär abwehrte. 

Danach tauchte Ronaldo ab. Beim letzten WM-Duell mit Spanien 2018 hatte er noch drei Tore erzielt. Diesmal ging er sichtlich bewegt vom Platz, ohne Treffer, ohne den Titel, der seiner Karriere gefehlt hat. Die Bühne gehört nun dem 18-jährigen Lamine Yamal.

Ronaldo hinterlässt eine Lücke, die Portugal so schnell nicht schließt. Bei aller Kritik an seinen zuletzt raren Ballkontakten bleibt eine Karriere, die den Fußball zwei Jahrzehnte lang geprägt hat. Dass sie ausgerechnet im Nachbarschaftsduell endet, gehört zur Dramaturgie dieses Turniers.

Sechs Spiele ohne Gegentor

Spanien marschiert durch Nordamerika, ohne einen einzigen Gegentreffer zu kassieren. Sechs Pflichtspiele, sechs weiße Westen, ein neuer Rekord für die Auswahl. Der Weg: 0:0 gegen Kap Verde, 4:0 gegen Saudi-Arabien, 1:0 gegen Uruguay, 3:0 gegen Österreich, nun 1:0 gegen Portugal. Neun eigene Tore, keines gegen sich. 

Oyarzabal, bei diesem Turnier bereits zweifacher Doppeltorschütze, ließ gegen Portugal zwar eine Großchance liegen, doch die Struktur der Mannschaft trägt auch ohne einzelne Ausreißer nach oben.

Der Einzug ins Viertelfinale wiegt für Spanien schwer. 2018 und 2022 war jeweils schon im Achtelfinale Schluss. Zum ersten Mal seit dem WM-Triumph von 2010 steht die Auswahl wieder unter den letzten acht. Simón im Tor, die Kette um Laporte und Cubarsí, davor Rodri und Pedri: Diese Balance macht Spanien zum Mitfavoriten.

Im Viertelfinale wartet Belgien

Am Freitag, den 10. Juli, trifft Spanien um 21 Uhr MESZ in Los Angeles auf Belgien. Die Belgier setzten sich im Achtelfinale klar mit 4:1 gegen Mitgastgeber USA durch. Auf dem Papier ist Spanien Favorit, doch de la Fuente kennt die Fallhöhe eines K.-o.-Spiels. Im möglichen Halbfinale würde Spanien auf Frankreich oder Marokko treffen.

Der Fall Balogun überschattet das US-Aus

Für die USA endete das Heimturnier mit einer 1:4-Niederlage in Seattle. Bitter aus sportlicher Sicht, brisant aus politischer. Denn US-Stürmer Folarin Balogun stand überhaupt nur auf dem Platz, weil die FIFA kurz zuvor eine Sperre kassiert hatte.

Balogun hatte im Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina glatt Rot gesehen, nachdem er einem Gegenspieler auf das Sprunggelenk gestiegen war. Die automatische Sperre von einem Spiel setzte die FIFA überraschend zur Bewährung aus, ein in dieser Konstellation höchst unüblicher Vorgang. 

Einen Tag später räumte US-Präsident Donald Trump ein, persönlich bei FIFA-Präsident Gianni Infantino angerufen und um eine „Prüfung" gebeten zu haben. Den brasilianischen Schiedsrichter Raphael Claus bezeichnete er als „schrecklich", auf Truth Social bedankte er sich bei der FIFA, sie habe „eine große Ungerechtigkeit rückgängig gemacht". Infantino bestätigte den Anruf, wies eine Einflussnahme aber zurück.

Belgien legte Einspruch ein, die FIFA wies ihn als unzulässig ab: Der belgische Verband sei keine Verfahrenspartei. Balogun spielte, blieb blass, und die USA verloren trotzdem. Die Reaktionen fielen scharf aus. Die UEFA sah „eine rote Linie überschritten", DFB-Präsident Bernd Neuendorf forderte Konsequenzen, der mögliche künftige Bundestrainer Jürgen Klopp reagierte empört. Auch die früheren FIFA-Präsidenten Joseph Blatter („Quo vadis, FIFA?") und der langjährige DFB-Sportrichter Hans E. Lorenz kritisierten den Vorgang: Rote Karten würden nicht durch politische Telefonanrufe aufgehoben.

Mit den USA schieden auch die beiden anderen Gastgeber aus. Kanada verlor 0:3 gegen Marokko, Mexiko 2:3 gegen England. Zum ersten Mal steht keine Gastgebernation im Viertelfinale.

Eine der umstrittensten Weltmeisterschaften

Der Fall Balogun ist kein Einzelfall, sondern passt in ein Muster. Über dem Turnier liegt die Nähe zwischen Infantino und Trump. Bei der WM-Auslosung verlieh die FIFA dem US-Präsidenten einen „Friedenspreis", nachdem dieser den Friedensnobelpreis verpasst hatte. 

Mehreren Beteiligten wurde die Einreise in die USA verweigert, darunter dem somalischen Schiedsrichter Omar Artan und dem irakischen Nationalspieler Aymen Hussein. Fans mancher Länder bangten wegen der Razzien der Einwanderungsbehörde ICE. Im Hintergrund stand zeitweise der militärische Konflikt der USA mit dem WM-Teilnehmer Iran.

Die Menschenrechtsorganisation FairSquare hat wegen Infantinos Verhältnis zu Trump Beschwerde bei der Ethikkommission des Weltverbands eingelegt. Sportlich liefert das Turnier bislang packende Spiele. Doch die politische Kulisse ist so präsent wie selten, und der Eingriff in eine Schiedsrichterentscheidung dürfte diese WM als eine der umstrittensten in Erinnerung halten.

So geht es weiter

Das Viertelfinale Spanien gegen Belgien läuft am Freitag, 10. Juli, ab 21 Uhr MESZ aus Los Angeles. In Deutschland teilen sich ARD, ZDF und MagentaTV die Übertragungen; das Achtelfinale gegen Portugal zeigte das ZDF. Aktuelle Anstoßzeiten und Sender sollten Sie kurzfristig prüfen, da die Free-TV-Spiele zwischen ARD und ZDF wechseln.

Quellen: FIFA Match Centre; Sportschau/ARD; ZDF (Liveticker); kicker; Tagesspiegel; Handelsblatt; t-online/SID; SportRadar-Livedaten.

Der Autor

Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur, Politik, Umwelt und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.

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