Stolz auf eine Blamage: Merz-Tweet zum WM-Aus

Warum das mehr über den Kanzler verrät als über das Team

Spanien spielt weiter, Deutschland scheidet gegen Paraguay aus. Der Bundeskanzler nennt es begeisternd. Wer regieren will, muss die Wirklichkeit benennen, wie sie ist. Sonst regiert er nicht das Land, sondern seine Erzählung darüber.

Ein Kommentar von Alexander Gresbek 

Deutschland scheidet aus. Im Elfmeterschießen, gegen Paraguay, spät am Montagabend, in der Runde der letzten 32. Drei deutsche Spieler verschießen ihren Elfmeter, und was folgt, ist das dritte klägliche WM-Aus Deutschlands in Folge. Wenige Stunden später meldet sich der Bundeskanzler zu Wort. „Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel, @DFB_Team! Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch."

Der Satz sitzt schief. Nicht weil Trost nach einer Niederlage falsch wäre, sondern weil hier niemand getröstet, sondern gelobt wird. Merz beschreibt keine Enttäuschung, die man aushält. Er beschreibt eine Leistung, auf die man stolz ist. Und genau das war dieses Spiel für fast niemanden sonst.

Zwei Möglichkeiten, keine gute

Wer den Tweet ernst nimmt, landet bei zwei Erklärungen. Entweder hält der Kanzler die Vorstellung tatsächlich für preiswürdig. Dann fehlt ihm ein Maßstab, den selbst die eigene Mannschaft anlegt. Oder er weiß, dass sie es nicht war, und verkauft eine Blamage als Erfolg. Dann ist der Tweet keine Fehleinschätzung, sondern Kalkül.

Für die zweite Lesart spricht einiges. Jürgen Klinsmann nannte die Art des Ausscheidens verheerend, eine Blamage, etwas, mit dem wirklich niemand gerechnet hatte. Mats Hummels forderte Konsequenzen und kritisierte, dass die Heim-EM immer noch schöngeredet werde. Selbst der Bundestrainer feierte nichts, er stritt mit dem Schiedsrichter. Wenn Experten, Presse und Trainerstab von Blamage sprechen und der Kanzler von Stolz, beschreiben nicht beide dasselbe Spiel.

Nicht der erste Fußball-Missgriff

Der Vorgang hat Vorgeschichte. Zwei Wochen zuvor überreichte Merz Donald Trump am Rande des G7-Gipfels ein DFB-Trikot mit dem Namen Trump und der Nummer 47. Trump nahm es entgegen, drehte sich weg, legte es zusammengefaltet neben sich auf den Tisch. Die Szene, live vor allen Kameras, wirkte nicht wie ein Freundschaftsbeweis, sondern wie ein Anbiederungsversuch, der nicht ankam.

Kurz darauf wurde bekannt, dass der Aufdruck mit Namen und Nummer nicht aus dem offiziellen DFB-Fanshop stammte. Er konnte im Adidas-Store nicht rechtzeitig vor der Abreise geliefert werden. Das Geschenk, mit dem der Kanzler dem mächtigsten Mann der westlichen Welt seine Zuneigung ausdrücken wollte, war also nicht einmal ein authentisches Stück deutschen Fußballs.

Zwei Wochen später wird derselbe deutsche Fußball dazu benutzt, eine Niederlage als Erfolg zu framen. In beiden Fällen dient der Sport nicht sich selbst. Er dient einer Botschaft, die die Wirklichkeit verbiegt.

Der zweite Tweet macht die Ausrede unglaubwürdig

Ein Versehen wäre die harmloseste Erklärung, und das Kanzleramt bot sie an: „Falscher Tweet, falscher Zeitpunkt, falscher Knopf", hieß es. Sie hätte auch gepasst, wenn der Post gelöscht worden wäre. Stattdessen legte Merz nach. Wer den Adler auf der Brust trage, habe Rückhalt verdient und keinen Spott, schrieb er.

Aus einer angeblichen Panne wurde damit eine Haltung. Wer seinen Text erst als Fehler erklären lässt und ihn Stunden später bekräftigt, hat keinen Fehler gemacht. Er hat eine Position bezogen und sie verteidigt, als Kritik kam. Politikwissenschaftlerin Andrea Römmele fasste es nüchtern: Die Wahrheit sei dem Menschen zumutbar.

Von einem Tweet zur Regierungspraxis

Man kann das alles als Fußballposse abtun. Wäre es das, es lohnte den Aufwand nicht. Das eigentlich Beunruhigende an diesem Tweet ist nicht, was er über ein Spiel sagt, sondern was er über eine Methode sagt. Wenn schon eine sportliche Niederlage nicht als das benannt werden kann, was sie ist, wie steht es dann in Fragen, bei denen mehr auf dem Spiel steht als eine Fußballstatistik?

Während der Deutsche Wetterdienst die zurückliegende Hitzewelle ohne Umschweife als historisch einstuft, mit 41,7 Grad in Coschen und Allzeitrekorden an 252 Wetterstationen, und die World Weather Attribution feststellt, dass solche Werte ohne den menschengemachten Klimawandel nahezu ausgeschlossen sind, verkauft die Bundesregierung die Rettung des Verbrenners als „Technologieoffenheit". 

Fahrzeuge mit E-Fuels sollen laut Kabinettsbeschluss unverzüglich als Nullemissionsfahrzeuge gelten, obwohl ihre Herstellung fünf Mal so viel Strom verbraucht wie ein batterieelektrisches Auto für dieselbe Strecke, so das Fraunhofer-Institut. Der Begriff Technologieoffenheit klingt nach Wahlfreiheit und Fortschritt. Er bedeutet in dieser Verwendung das Gegenteil: an einer Technologie festhalten, die verloren hat.

Auch beim Etikett „Made in Germany" wird die Wirklichkeit weichgezeichnet. Im ersten Quartal 2026 brach BMWs Absatz um 3,5 Prozent ein, Volkswagen um 4, Mercedes um 6, Porsche um 14,7. Die deutschen Autoexporte in die USA lagen zwischen April und Dezember 2025 um 26,4 Prozent unter dem Vorjahr.

Zugleich ist Volkswagen in Europa der erfolgreichste E-Auto-Produzent, batterieelektrische Fahrzeuge erreichen inzwischen 22 Prozent der Neuzulassungen in Deutschland. Die Rettung des Verbrenners rettet also nicht die Industrie, sie schwächt ihre Zukunftssparte. Statt zu sagen, dass die Krise zu einem erheblichen Teil selbst gemacht ist, durch zu spätes Umsteuern, wird die Schuld nach außen verlagert: China, Trumps Zölle, Brüsseler Vorschriften. Bequemer, aber nicht ehrlicher.

Und der Kanzler, der uns erklärt, der Sozialstaat sei nicht mehr finanzierbar und alle müssten den Gürtel enger schnallen, ist derselbe, der jahrelang mit einer privaten Diamond DA62 durch die Republik flog. Ein Flug Arnsberg nach Schönhagen verbraucht rund 60 Liter Diesel und emittiert etwa 157 Kilo CO2. Seit dem Amtsantritt fliegt Merz mit der Flugbereitschaft der Bundeswehr, die pro Strecke ein Vielfaches emittiert. Wer anderen Verzicht predigt, sollte selbst einer sein, der verzichtet. Sonst klingt die Predigt wie eine Aufforderung an die falsche Adresse.

Was übrig bleibt

Der Tweet zum WM-Aus ist keine Ausrutscher-Geschichte, die man abtut, weil ein Mitarbeiter falsch geklickt hat. Er ist die kleinste, unauffälligste Version eines Musters, das größer ist als er. Uns wird routinemäßig eine weichgezeichnete Version der Wirklichkeit angeboten, in der eine Blamage begeisterte, ein Auslaufmodell die Zukunft ist, eine strukturelle Industriekrise nur ein Problem der anderen sein soll, und Verzicht immer der ist, den jemand anderes leisten muss.

Wer regieren will, muss die Wirklichkeit benennen, wie sie ist, auch wenn sie unangenehm ist. Sonst regiert er nicht das Land, sondern seine Erzählung darüber. Und das Publikum, dem eingeredet wird, es sei alles in Ordnung, hat irgendwann jedes Recht, den Ton zu ändern.

Der Autor

Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur, Politik, Umwelt und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.

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