Spanien zwischen WM und Wirtschaftskrise

Am Sonntag kann Spanien Weltmeister werden. Auf der internationalen Bühne war das Land selten so präsent wie in diesem Sommer, und selten so widersprüchlich. Zwischen Triumph auf dem Rasen, Rekorden in der Wirtschaft und Bränden an den Küsten liegt nur ein schmaler Grat.

von Alexander Gresbek (Text und Ilustrationen)

Spanien steht im Endspiel der Weltmeisterschaft. Im Halbfinale in Arlington (Texas) setzte sich die Elf von Luis de la Fuente am 14. Juli mit 2:0 gegen Frankreich durch, die Tore erzielten Mikel Oyarzabal per Elfmeter und Pedro Porro. Der Europameister von 2024 spielt am Sonntag in East Rutherford gegen Argentinien um den Titel.

Die Pointe liefert die Politik. Den Pokal überreicht nach Angaben von FIFA-Chef Gianni Infantino ausgerechnet Donald Trump. Wenige Tage zuvor hatte derselbe Trump Spanien öffentlich abgekanzelt. Enger können Sport und Weltpolitik kaum beieinanderliegen.

Die Halbwertszeit eines Tweets

Beim NATO-Gipfel in Ankara nannte Trump Spanien Anfang Juli einen furchtbaren Partner und forderte, den Handel mit dem Land zu beenden. Der Grund: Spanien lehnt als einziges Bündnismitglied das Ausgabenziel von fünf Prozent der Wirtschaftsleistung ab und bleibt bei rund zwei Prozent. 

Nach Beginn der US-Angriffe auf den Iran Ende Februar hatte Madrid seinen Luftraum für amerikanische Militärflugzeuge gesperrt und die Nutzung von Stützpunkten in Südspanien verweigert.

Sánchez reagierte betont gelassen, er nehme die Worte „mit Ruhe und Geduld“ hin. Kurz darauf, so berichtete er, plauderte er vor dem Gruppenfoto freundlich mit Trump über Fußball. 

Ein Handelsstopp wäre ohnehin schwer umzusetzen, weil die Handelspolitik der EU bei der Kommission in Brüssel liegt, nicht bei den Mitgliedstaaten. So funktioniert die Beziehung derzeit: laute Drohung, rasche Entspannung. 

Internationale Beziehungen haben in diesem Sommer die Halbwertszeit eines Tweets. Zugleich nutzt Sánchez die Rolle des Trump-Gegners. Er sammelt progressive Regierungschefs um sich und drängt die EU, das Assoziierungsabkommen mit Israel zu beenden, wofür ihn Netanyahu einen „diplomatischen Krieg“ vorwirft. Im Ausland verschafft ihm das Beifall.

Die Wirtschaft trägt, noch

Unter dem Lärm steht ein solides Fundament. Die EU-Kommission hob ihre Prognose im Mai auf 2,4 Prozent Wachstum für 2026 an, gut doppelt so viel wie der EU-Schnitt von rund 1,1 Prozent. Damit führt Spanien unter den großen Volkswirtschaften das Wachstum in Europa an, getragen von Zuwanderung und einem starken Dienstleistungssektor.

Der Befund hat einen Haken. Der Internationale Währungsfonds warnt, dass das Wachstum zunehmend auf einer größeren Bevölkerung beruht und weniger auf steigender Produktivität; die Zuwächse pro Kopf fallen bescheiden aus. 

Die Zahl beeindruckt, die Substanz dahinter ist dünner.

Tourismus auf Rekordkurs, Rauch am Horizont

Kaum eine Branche zeigt den Doppelcharakter dieses Sommers deutlicher. 2025 zählte Spanien 96,8 Millionen internationale Gäste, einen Höchststand, die Einnahmen erreichten 134,7 Milliarden Euro. Für 2026 hält Tourismusminister Jordi Hereu erstmals 100 Millionen Besucher für möglich.

Doch der Sommer brennt. In der Provinz Almería kamen bei einem Waldbrand mindestens zwölf Menschen ums Leben, unter ihnen mutmaßlich britische Urlauber, die in ihren Autos vor den Flammen fliehen wollten. 

Nach Daten des europäischen Systems EFFIS verbrannten in Spanien 2026 bereits rund 55.000 Hektar, mehr als das Doppelte des Vorjahreswerts und etwa 40 Prozent der gesamten in der EU zerstörten Fläche. 

Die zweite Hitzewelle trieb die Temperaturen über 44 Grad. Wer an die Costa reist, sollte die regionalen Feuer- und Rauchverbote strikt beachten; Pauschalreisende können bei konkreter Bedrohung kostenlos stornieren. Rekord und Katastrophe liegen im selben Land, oft nur wenige Kilometer auseinander.

Ein Faktor namens Hormus

Über Spanien hinaus wirkt ein Nadelöhr am Persischen Golf. Nach Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar brachte Teheran den Verkehr in der Straße von Hormus fast zum Erliegen, der Ölpreis stieg zeitweise über 120 Dollar. 

Ein Ende Juni geschlossenes Abkommen öffnete die Passage wieder, doch der Verkehr blieb verhalten, und eine Klausel erlaubt dem Iran, die Regeln nach 60 Tagen neu zu definieren. Mal zu, mal offen: Die Route bleibt ein Risiko für die Energiepreise, das über den global integrierten Markt auch Deutschland und Spanien trifft.

Der Riss unter der Oberfläche

Das größte Risiko für Spaniens Ansehen liegt aber im Inneren. Der frühere Verkehrsminister und Sánchez-Vertraute José Luis Ábalos wurde im „Maskenfall“ zu 24 Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. 

Gegen die Ehefrau des Regierungschefs, Begoña Gómez, läuft seit Juni ein Hauptverfahren, ihr wurde der Reisepass entzogen. Koalitionspartner gehen auf Distanz, PP und Vox verlangen Rücktritt und Neuwahlen. International gefeiert, zu Hause bedrängt: Sánchez bleibt vor allem deshalb im Amt, weil keine Kraft stark genug ist, ihn zu stürzen.

Sonne und Schatten

Es läuft für Spanien. Aber im Fußball ist das nächste Spiel immer das schwerste, und die Lage kann kippen. Trump poltert und verträgt sich, der Tourismus boomt und die Brände vertreiben Gäste, Hormus öffnet und schließt sich. Noch nie lagen Sonne und Schatten, Triumph und Tränen so nah beieinander wie in diesem Jahr.

Quellen: Sportschau, FIFA, Handelsblatt, t-online, ZDF, NZZ, taz, Euronews, GTAI und EU-Kommission, IWF, INE und spanisches Tourismusministerium, WTTC, EFFIS und Copernicus, AEMET, ADAC sowie Marktberichte zu Ölpreis und Straße von Hormus.

Der Autor

Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur, Politik, Umwelt und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.

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